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Das letzte Hemd hat Taschen voller Liebe

 

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Mit Frau Reimann und ihrem Mann habe ich Sekt getrunken und über das Leben geplaudert. Vor allem aber darüber, was uns erwartet, wenn wir sterben.

Frau Reimann ist überzeugt: „Das letzte Hemd hat Taschen voller Liebe!“

Sie muss es wissen – sie ist 86 Jahre alt und macht sich – zumindest hin und wieder – gedanklich fertig zum Aufbruch.

Es war mir also vergönnt, mit diesen wunderbaren Menschen zu plaudern.

Hochbetagt, in sich ruhend, schick und mit Nagellack, im Hintergrund bullerte ein Öfchen (falls ihr euch über das Nebengeräusche wundern solltet). Wir sprachen über das Geheimnis ihrer langjährigen Ehe und über ihren Glauben. Über das, was Trost gibt (Fast musste ich ein bisschen weinen) und getrennte Schlafzimmer. Warum man unbedingt Schmuck tragen sollte und wie das mit der Eigenliebe klappt.

Ich bin großes Fangirl der Beiden. Wenn ihr lauscht, werdet ihr verstehen, warum. Es ist ein großes Geschenk, mit so jemanden zu plaudern. Von wegen Role Model.

 

„Nie war ich so glücklich und zufrieden wie jetzt!“, sagte mir mal Frau Reimann einmal. Ich glaube ihr sofort. Möglich, dass es auch an ihrer Tasse liegt, aus der sie trinkt. Aber bestimmt nicht nur.

„Liebhaben ist das Wichtigste!“, gab der Vater ihr mit auf den Lebensweg – und es ist so schön zu sehen und zu spüren, wie es über 86 Jahre lang getragen hat und immer noch trägt.

Hördauer 25:40

 

"Heute ist mein Lieblingstag" ist ein gutes Motto für ein gelungenen Start in den Tag.
„Heue ist mein Lieblingstag“ ist ein schönes Motto für den gelungenen Start in einen neuen Tag.

Das Leben ist ein Geschenk und es endet.

Ein Mitdreißiger kommt mit Herzschmerzen in die Notaufnahme. Seit er seine Symptome gegoogelt hat, tuts noch viel mehr weh, als die Tage davor.

Die Wangen sind hektisch gerötet, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Aber mehr so der Angsschweiß.

„Daheim“ hat er gerade eine Menge Streß. Ein Arbeitswechsel steht bevor und ein Umzug ohne die Frau.

Beim Blutabnehmen erzählt er mir, dass ein Bekannter neulich tot umgefallen wäre. Und das, obwohl er sportlich war, nie geraucht hat und sich sehr gesund ernährt hat. Wie kann das sein, fragt er mich? Darf das sein? Zahlt es sich nicht aus, wenn man alles „richtig“ macht? Was läuft falsch in der Welt? Da gehst du friedlich deiner Wege und zack – fällst du um und bist tot. Das geht doch nicht!

Doch. Offensichtlich geht das. Es passiert jeden Tag.

Angesichts der Dicke eines Pschyrembels  – dem „Klinischen Wörterbuch“, das gefühlt fünf Kilo locker wiegt –  frage ich mich eher, warum es nicht noch viel öfters passiert.

Wie kann das sein, dass Menschen sterben. Wie kann es sein, dass ich sterblich bin?

Ich schweife ab.

Die Frage aller Fragen. Derzeit aktueller denn je, denn rums – kann es passieren, dass du am Ende einem Attentäter im Wege stehst, der seine 72 Jungfrauen besichtigen möchte.

Die Gefahr ist so greifbar geworden. Der Tod könnte um die nächste Ecke lauern. Und dann? Dann ist es passiert. Obwohl wir uns gesund ernährt haben und versucht haben, kein Arschoch zu sein, der Oma über die Ampel geholfen haben, die Kinder immer hübsch zeitig zur Schule losgeschickt. Na ihr wisst ja.

Was ihr vielleicht nicht wisst ist, dass ich Pfarrerstochter bin. Das prägt fürs Leben. Im Guten wie im Schlechten.

Und da habe ich natürlich immer ein riesen Repertoir an Sprüchen im Kopf, die automatisch abspulen. Kann ich nix für. Ist so.

Wer von euch kann dadurch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben nur um eine Stunde verlängern? (Lukas 12, 25 – falls es einer mal nachlesen möchte)

Nun wird gerade die Religion für dies und das und noch Schlimmeres schier mißbraucht, darum höre ich auch schon damit auf.

Abe die Frage ist interessant: Können wir –  dadurch, dass wir uns sorgen – unser Leben irgendwie verlängern?

Nein. Können wir natürlich nicht. Ich erlebe es jeden Tag auf der Arbeit, wie fraglil unser Leben ist. Ich arbeite da, wo viele Menschen gerade einen ihrer schlimmsten Tag im Leben erleben. Einmal nicht aufgepasst (oder ein anderer) – schon bist du in einen schlimmen Autounfall verwickelt. Kurz weggeschaut und schon bist du weggerutscht und hast dir was gebrochen. Streß ohne Ende und schon zeigt dir dein Körper deutlich: Freundchen – mach mal langsam. Oder deine Zellen entarten – aus welchem Grund auch immer.

Ich weiß schon. Ich vergleiche hier Äpfel mit Birnen.

Ein Armbruch/Herzweh ist kein Attentat in Paris.

Man könnte aber sagen: Auch wenn wir oft meinen, dass wir so vieles/ alles? unter Kontrolle haben: Wir haben es nicht.

Natürlich erhöht eine gesunde Lebensweise die Funktionalität des Körpers – ohne Frage. Und natülich macht es Sinn, im Straßenverkehr achtzugeben ( Ihr wisst schon. Die Beispiel können länger sein).

Aber darüber hinaus können wir wenig tun. Manches liegt einfach nicht in unserer Hand. (In wessen dann, mag und kann jeder für sich selbst beantworten)

Ich höre und lese derzeit überall und allenthalben wie man sich schützen kann vor der Welt/ Krankheit/ Unglück/ Unheil.

Und wer dafür verantwortlich sein soll.

Und wie und wo es die einzig richtige Antwort auf diese Fragen gibt. Und warum der andere so völlig falsch liegt mit seiner Meinung und deshalb ein Depp ist.

Gibt es so was überhaupt? Die richtige Antwort?

 

Das Einzige was man machen kann – so finde ich – ist, zu leben. Versuchen glücklich zu sein – oder zufrieden. Andere Menschen zu achten und zu lieben. Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und die Schönheit zu sehen. Sich nicht von der Angst unterkriegen zu lassen. Sondern: Brust raus – Bauch rein. Leben.

Wir können unser Leben durch Sorgen nicht verlängern. Oft noch nicht einmal besser machen (Nur noch zuhause sitzen, damit mir nie was passiert? Strenge Diät, damit ich keinefalls zuviel Cholesterin habe und somit keinen Herzinfarkt/Schlaganfall etc. bekomme? Menschen links liegen lassen, weil sie mir weh tun könnten – pysisch wie psychisch?)

Meine Weg ist das nicht.

Ich hab es in der Hand, mein Leben gut zu gestalten. Bis es eben endet (gerne lebenssatt und zufrieden.)

Ich liebe lieber, als zu hassen. Ich schaue lieber auf die Schönheit in der Welt, als auf das Grauen.  Ich bin lieber ein Gutmensch, als ein Arsch. Und ich esse lieber gerne, viel und gut, anstatt mich zu kasteien *öhm. räusper*.

 

Ich möchte einmal mein Leben mit einer Haltung beenden wie Alice Herz-Sommer.

Würde ich meiner Angst und meiner Sorge die Oberhand lassen, könnte ich so viel  Schönes verpassen. Wie blöd wäre das?

P.S. Der Mitdreißiger ging übrigens wieder nach Hause. Zwar gegen ärztlichen Rat – aber gut. Es war ja auch alt genug.

Er fühlte sich „beruhigt“ und wieder fit für alles. Ist doch auch schön!

 

 

 

 

 

 

 

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