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notaufnahmeschwester

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Senioren

Der Rest ist Gnade

Ich erkenne sofort den Familien- und Liebesstatus sowie ich ein Patientenzimmer betrete: Einen großen Freundeskreis ebenso wie eine junge Familie und/oder liebevolle Angehörige. Eine lärmende Peergroup oder eben…. nichts. Alles das sieht mein geübtes Auge sofort.

Wenig – werte Freundinnen und Freunde – ist trauriger, als in ein solches Patientenzimmer einer Hochbetagten zu kommen und nichts, aber auch rein gar nicht persönliches oder privates vorzufinden. Immerhin war ich gedanklich vorbereitet: Ich wusste, dass sie ist “weiblich, ledig, uralt“ ist.

Keine Zeitschriften. Keine Flasche Nektars irgendwelcher dubioser Früchte, die hochbetagte Menschen eher seltener auf dem Speisplan zu stehen haben. Kein Kuscheltier von Kindern oder Enkelkindern zum Trost. Kein Blümchen und kein Nagellack. Keine Haarbürste, die auf dem Nachttisch vergessen wurde (und die SELBSTVERSTÄNDLICH ausschließlich ins Bad gehört), kein buntes Handtuch zum Trocknen über der Bett-Reiling.

Wie ihr wisst ( für alle, die es vergessen/verdrängt/ noch nicht gehört haben: hier entlang) verläuft mein Leben mittlerweile jenseits der Krankenhausflure.

Es sei denn, ich kehre als Besucherin zurück.

Wie zu ihr, die „unfassbar viel Wasser“ überall hatte und zur „Entwässerung“ in die Klinik musste. Nichts, dass es mich wunderte, wie lange sie es in diesem Zustand ausgehalten hatte. Bei jedem Besuch – so schien es – wurde sie runder und praller und die Schnallen der Schuhe eine Öse weiter geschlossen.

Das Seniorenheimpflegepersonal schien geflissentlich wegzuschauen und der Hausarzt konnte leider nicht kommen.

Gummistrümpfe zur Kompression?

„Ziehse mir hier nicht an. Das ist so schwierig und sie kriegen sie nicht über die dicken Knöchel drübber!“

„Aha!“

Nun also war sie im Krankenhaus. Im geblümten, rosa Nachthemd, der Katheterbeutel prall gefüllt. Ich sah mich schon auf einer Woge Pipi hinfort geflutet, bei der leisesten Berührung und hielt dementsprechend vorsichtshalber Abstand.

Sie wollte aufstehen. Vor Freunde und Respekt vor seltenem Besuch.

Seit einem Monat kann sie kaum noch stehen. Sie ist aber der felsenfesten Überzeugung, mit ein wenig Übung und einer Spritze vom Hausarzt würde das schon wieder werden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt sagt man.

Auf Twitter würde es heißen: Wer sagt es ihr?

Sie ist 94. Jahre alt. Unfreiwillig im Seniorenheim untergebracht. Nach mehreren häuslichen Stürzen wollte die weite entfernt wohnende Nichte die Tante nicht mehr zuhause wohnen wissen. Zack. Rubbeldiekatz. So schnell konnte sie nicht schauen, blieb sie im Heim, in dem sie zur Kurzzeitpflege schon untergebracht war.

Umzug einer 3 Zimmerwohnung in ein 2-Bett-Zimmer. Im Koffer auf dem Schrank bewahrt sie jetzt ihre Winterklamotten auf. Einen winzigen Teil. 4 Meter Gelsenkirchener Barock passen nicht in einen Seniorenheimzweibettspind.

Alles weg. Einen Abschied gab es nicht. Sie war ja schon im Heim. Für alles musste sie sich mit der Nichte absprechen. „Bitte bring mir meinen Kamel-Hocker für meine Füße! Was ist mit meinem Lieblingsschmuck? Wo sind denn meine Pantoffel? Die hats du WEGGESCHMISSEN? Die waren noch wie neu!“

Die 94-jährige betrachtet ihr 7-jähriges „Ich (links) unter dem Lesegerät für stark Sehbehinderte. „Das war eine der wenigen, glücklichen Momente in meiner Kindheit.“

Es ist ein Elend.

Gut. Man könnte früher darüber nachdenken, wie man sein Leben im Alter gestalten will. Welche Art an „Vorsorgen“ man treffen möchte. Wer einem „die Wahrheit“ sagt, wenn es nicht mehr allein machbar ist. Und wann dieser Zeitpunkt- zumindest von der Außensicht – gekommen scheint.

Blind ist sie zudem. Das macht die Sache nicht einfacher.

Die Ernährung im Heim ist ihr suspekt. Richtiges „Essen“ hatte sie nur, wenn sie in die Wirtschaft ging und dort immer das günstigste Gericht sowie einen Löffel bestellte.

Die Angst des finanziellen Ruins der Kinder – und Jugendjahre liegt schwer auf ihrem Gemüt.

Zuhause kochte sie Tiefkühlgemüse und Reis nach Gefühl und ohne viel Geschmack. Kein Wunder, dass beständige Heimkost für sie „zu salzig, zu üppig und immer verstopfend“ wirkte.

Zurück ins Krankenhaus.

Trotz vieler Jahre Praxis (ich) und starkem Willen (sie) gelang es uns beiden nicht, sie vom Bett in den Rollstuhl umzusetzen. Sie war schlaff wie ein Sack. Die Beine gehorchten ihr nicht. Stehen konnte sie nicht. Ich holte Hilfe und schaute mal auf dem Flur. Es war Abendbrotzeit und ich hatte das Personal schon mit dem Essenswagen in der Ferne gesehen. Es war mir aber nicht möglich, genaueres zu sehen. Die Gänge im ehemaligen Krankenhaus sind länger als meine Kurzsichtigkeit mich schauen ließe.

Siehe da. Zwei altbekannte Gesichter. Schwester Micha und Schwester Renata. Und ja – werte, vernunftbegabte Kolleginnen und Kollegen: Weder sind sie Ordensschwestern noch meine Geschwister. Aber die heißen so. Schon immer und in Ewigkeit Amen. Das bringt man nicht mehr aus ihnen heraus. Als wir vor Jahren mal darüber sprachen, nickten sie ganz aufgeschlossen. Wie recht wir alle hätten. Stimmt. Vollkommende Übereinstimmung. Ach, ihr jungen Dinger (sie sind 10, 15 Jahre älter als ich) mit euren großartigen Ideen!

Kurz darauf stellten sie sich bei ihrem nächsten Patienten vor: „Grüß Gott. Ich bin die Schwester Micha!“

Nein. Diese Generation an Pflegerinnen muss scheinbar erst aussterben, bevor ich an der Ansprache etwas ändert.

Wir freuten uns sehr, uns zu sehen.

Schwester Micha war im Haus „verschrienen“. Mit Ehrlichkeit jenseits der Schmerzgrenze macht man sich keine Freunde.

Strafversetzt wurde sie dafür im hohen Alter auf eine Station, die man sich schon alleine der Selbstliebe willen ab einem gewissen Alter nie ausgesucht hätte: „Die Innere“. Immer unterbesetzt, immer am Limit, jede Menge Pflegefälle verteilt auf 100 Meter Krankenhausflur.

Trotzdem hatte sie ihr glucksendes Lachen und derben Humor nicht verloren.

Vor vielen vielen Jahren gewann ich das Herz der gefürchteten Kollegin. Sie kam mit einer Fingerverletzung in die Notaufnahme. Damals war es noch üblich, dass man lange, lange das verletzte Körperteil in Braunol, einem Desinfektionsmittel, badete. Ein Schwups in einen Plastikbecker, Wasser drauf und Finger rein. Sie schaute interessiert zu, wie ich die braune Plörren für sie zubereitete und anschließend ihr reichte.

Sie bedankte sich höflich, nahm den Becher, führte ihn an den Mund und trank einen Schluck. Um ihn nach einer Erstarrungssekunde auszuspucken und mich wehklagend anzuschauen.

„Micha…?“

„Ich dachte, das wäre Kaffee!“

„Micha. Du hast doch gesehen, wie ichs gemacht habe…“

„Jetzt wo dus sagst…!“

Diese Geschichte verband uns und fortan waren wir beste Kumpels, wenn wir uns sahen. Ihrem gefürchteten Charme bin ich nie begegnet.

Schwester Renata, die natürlich anders heißt, hieß mich herzlich willkommen. Kurz vor meinem Pflexit lief ich im Nachtdienst über ihre Station. Sie hatte einen Rollstuhl vor sich und schob ihn von Zimmer zu Zimmer.

„Ich kann sonst nicht laufen. Ich habe Hüfte. Und die Rollatoren sind alle aus!“

So viel Pflichtbewusstsein vereint in einer Person.

Ebenso wie das nächtliche „Lagerungs-Spiel“. Viele Jahre ging das Personal der Notaufnahme nachts zum Rundgang durchs Haus. Wir waren schließlich zu zweit, die „auf Station“ die ganze Nacht alleine. Dort halfen wir den Kollegen und Kolleginnen, die immobilen Patienten zu lagern.

Schwester Renata wollte ich jede Nacht boxen.

Zack: Volle Zimmerbeleuchtung morgens um vier Uhr.

Rums. Das Bettzeug den Menschen weggezogen.

Schlupp: Den (in diesem Fall eingeschränkt mobilen) Menschen einen halben Meter hochgezogen.

Decke drauf. Licht aus. Tür zu.

„Renata“, sagte ich vor der Tür. „Erinnere mich dran – sollte ich jemals von dir so nachts aus dem Schlaf gerissen werden, weil du meinst, ich bin „runtergerutscht“ und soll „hochgezogen werden“ – erinnere mich daran, dass ich dich dann boxe. Lang und ausdauernd!“

Meine Kritik verhallte bis zum nächsten Patienten.

Die beiden standen um den Essenswagen herum. Im Gegensatz zu manch anderen hatten sie nach eineinhalb Jahren auch schon mitbekommen, dass ich nicht mehr hier arbeiten würde.

„Was machst du denn hier?“

„Seniorenbesuch! Würde eine von euch mitkommen und mir helfen, sie in den Rollstuhl zu setzen?“

„Ich heb mir doch keinen Wolf und in zwei Minuten will sie wieder ins Bett! Nein, nein. Das Spielchen mach ich nicht mit! Die bleibt im Bett!“

Eigenschutz vor Patientenwohl. In jedem von uns stecken zwei Wölfe.

Immerhin schickte sie eine Praktikantin. Zusammen wuchteten wir die Uralte in den Rollstuhl und auch der Vorschlag, den Katheterbeutel unter Umständen zu leeren, wurde gehört.

Das Abendbrot kam.

Ich schmierte der Uralten die Brote. Noch nie hatte sie „Reiterle“ bekommen. In ihrem Elternhaus gab es das nicht und bei ihren Kindern hatte sie keine Zeit. Da wollten neben den Kindern, der kranken, angeheirateten Tante, dem Ehrmann sowie den Schwiegereltern alle Abendbrot. Verwöhnen? „Was für ein unpraktischer Quatsch!“, sagte sie und biss vom in Stücke geschnittenen Teewurstbrot ab. Sie kicherte ein bisschen. Vielleicht ist verwöhnen doch ganz hübsch – so dann und wann?

Schwester Micha schaute vorbei und ermahnte die Zimmernachbarin ein wenig langsam mit dem Bohnensalat zu machen – nach der Darmspiegelung drei Stunden zuvor. Daraufhin pupste diese laut und vernehmlich und stellte das Schüsselchen traurig zurück.

Manchmal vermisse ich das alles.

Aber höchstens so lange, bis eben einer gänzlich ungeniert furzt.

Jetzt schmiere ich “Reiterle“ friedlich und ohne Hast. Ich höre mir das Elend und die Hoffnung an. Die Geschichten mit dem Elend nehmen viel mehr Raum ein und wollen alle gehört werden.

Geschichten über Fencheltee, den es ausschließlich in den Kriegsjahren zu trinken gab und an den sie sich deshalb gewöhnen „musste“ und ihn immer noch trinkt.

Ich höre mir Schwester Michas Geschichten über die viele Arbeit, die zwei neuen Hüften der Schwester Renata und ihre eigenen schlimmen Knie an, die „beide gemacht werden müssten, aber das geht jetzt nicht, denn dann bricht hier vollends der Laden zusammen.“ Ich sehe die Erschöpfung in den Augen und den unrunden Gang, wenn sie weitergeht.

All das sehe ich. Und höre ich. Und manches rieche ich auch.

Wie wird es uns einmal gehen? Wer wird uns besuchen und pflegen?

All das gilt es, unbedingt rechtzeitig in die Wege zu leiten. Zumindest das, was „machbar und planbar“ ist.

Ich hoffe sehr, dass mein Krankenzimmer einst nicht so derart traurig nüchtern und kühl aussehen wird. Und dass ich ein stabiles Netz aus Freunden, Wegbegleitern und Kindern, Kindeskindern sowie Kindeskindeskindern gesponnen habe, das mich trägt.

Der Rest ist Gnade.

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Ein Tag im Jahr

Freunde – mit Entzücken habe ich von diesem Projekt erfahren. Insgesamt weiß man ja so wenig.

„Einen Tag im Jahr hat Christa Wolf über Jahrzehnte hinweg in allen Details festgehalten, den 27. September. Ihre gesammelten Protokolle sind längst als Buch erschienen. Wir, Susanne Hösel und Christina Müller, wollen dieses Projekt zusammen mit anderen Autorinnen in die Gegenwart holen und weiterschreiben. Einmal im Jahr, am 27. September, schauen wir uns einen Tag unseres Lebens so genau wie möglich an. Und nächstes Jahr kommen wir zurück und machen weiter.“

Auf Twitter wurde es vorgestellt und schon saß ich da und schnippte mit den Fingern. Hier ist mein Text.

Ich musste mich an diesem Tag ein wenig sputen, denn ein Friseurbesuch stand an. Wer weniger lesen möchte, nimm also den „Originaltext“- wer die epische Breit liebt, kann sich jetzt ein Heißgetränk seiner Wahl holen und auch noch Bilder schauen.

Einige von Euch wissen ja bereits, dass ich mein Schwestergewand vor einem halben Jahr an den Haken hing und nun etwas ganz anderes mache. Davon erzähle ich hier. Was ich mache und warum.

Die epische Breite

Als der Wecker klingelt, beginne ich zu memorieren. So hörte der gestrige Tag auf – so beginnt der heutige:

„Was ist zu tun: Tische und Stühle stellen, Kaffeegedecke (hoffentlich reichen Teller und Tassen, Kuchengabeln und Löffel), Deko auf die Tische werfen, alles aufhübschen – ach: wird schon werden!“

Es ist einer der Tage, von denen man im Vorfeld sagt: Das ist ein wichtiger Tag, ein großer Tag für mich. Heute wird es sich entscheiden, ob alles gut so  ist, wie ich es mache.

Aber vielleicht irrt man auch. Die Erfahrung hat ja schon des Öfteren gezeigt, dass diese Tage möglicherweise wichtig sind, aber keinesfalls lebensentscheidend.

Was heute so „lebensentscheidend“ sein wird, ist eine Geburtstagsfeier für die Senioren meiner Kirchengemeinde. Für alle. Also wer will. Für sie bin ich seit einem halben Jahr „zuständig“: Seniorenkreise vorbereiten, Besuche in Altenheimen, Besuche überhaupt, ein lustiges Programm ausdenken und umsetzten, Geburtstagspost schreiben und vieles mehr. Sehr vieles mehr.

Durch die sozialen Medien geschult, deckte sich meine Erfahrung mit denjenigen, die schon öfters bei solchen Veranstaltungen dabei waren: Es kommen 10% und ein paar mehr als eingeladen.

481 Briefe hatte ich abgeschickt und die Tage zuvor war jeden Tag der Anrufbeantworter voll: „Hallo, vielen Dank ich komme gerne“. Aber auch viele, die absagten: „Ich kann leider nicht kommen, ich bin gerade so erkältet/der Handwerker kommt/ich fahre weg“.

Es ist auch deswegen ein „großer“ Tag für mich, weil ich zwar Leben retten kann und Gipsen beherrsche, jedoch noch nie eine Geburtstagssause für viele Menschen organisiert habe. Und wie sich das für das erste Mal gehört: Es soll großartig werden. Im Gedächtnis haften bleiben. Bezaubern. Wie so viele andere „erste Male“.

Ich laufe also in aller Herrgottsfrühe leise memorierend durch die Wohnung. Hebe nebenbei hier eine Socke der Kinder auf und binde dort den Hipster-Zopf des Ältesten zusammen. Endlich sind sie alle zur Tür hinausgeküsst.

Noch ein Kaffee. Noch ein Plan, wie wann was zu tun ist. Ich liebe Organisation im Vorfeld. Man könnte sagen, ich bin schon fast besessen von der Frage: Wie kann ich meine Zeit und Tätigkeit so zusammenbringen, dass ich mit dem kleinstmöglichsten Aufwand am effektivsten und schnellsten fertig bin.

Diese Denkarbeit sieht keiner, wohl aber, wie ich – sollte mein Plan „aufgehen“ – später dafür Pause machen kann. Füße hoch, Kippchen an. Oder wie meine Omma schon immer sagt: „Vorbereitung ist das halbe Leben.“ Faul sein für Fortgeschrittene. Oder ist es doch Fleißigkeit? Mit diesem Denkprozess bin ich noch lange nicht fertig.

Hedwich ruft an. Zusammen mit ihr wollte ich Tische und Stühle stellen. Aber bei ihr ist der Handwerker ist da. Es wird später. Wo immer alle die Handwerker herkommen, ist mir ein Rätsel.

Himmel!

Hedwich wird 78 Jahre alt und ist auf Zack. Die Löckchen liegen adrett in weißen Wellen um den schmalen Kopf, der Gang ist zielstrebig und führt sie in alle Ecken der Stadt. Gerne auch auf den Friedhof, wo sie alle Lieben begießt und nach dem Rechten und Linken schaut. Sie schließt morgens die Kirche auf und abends wieder zu. Überprüft, ob alle Türen zu sind, keine unnötigen Lichter brennen. Sie führt ein strenges Regiment, weiß alles, ist immer da und die Spülmaschine auf der Arbeit darf keinesfalls ohne sie eingeschaltet werden. Nicht, dass was passiert, falsch eingeräumt wurde oder überhaupt.

„Das kannst du dir nicht vorstellen, was ich da schon alles gesehen habe! Nein, nicht vorstellen kannst du dir das!“

Aufgrund des Alters und weil Hedwich „Rücken“ hat, wollte ich ungern mit ihr zusammen Tische und Stühle aufzustellen. Ich hatte keine Chance mit meinem Protest. Denn

  • 1. kann sie es,
  • 2. geht es ohne sie nicht und
  • 3. „machen wir das zusammen. PUNKT!“

Zwei Stunden später will ich sie ins Auto einsteigen lassen. Aber sie „muss eben noch der Jugend den Weg weisen“ und verschwindet erst einmal mit einer Horde Jugendlicher um die nächste Hausecke, die sich in der Stadt nicht auskennen. Ohne Hedwich geht es eben nie.

Weil wir zwar wissen, wie viele sich angemeldet hatten und der Erfahrung halber noch locker zehn Personen „aufschlugen“, wollen wir den Raum für 60 Menschen „richten“. Die Tische sind zusammengeklappt in Schränken verstaut, die Stühle stehen logischerweise ein Fach darüber, sodass man sie einzeln herunterheben muss. „Aber vorsichtig, sonst knallen sie dir auf den Kopf!“ „Und die Tische bitte nur über die rechte Seite aufstellen, ich habe sonst Probleme mit dem Rücken!“ Zwölf Tische kramen wir raus, 60 Stühle ebenso. Jetzt habe ich Rücken.

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Der „nackige“ Gemeindesaal. Noch ist er langweilig. Aber nicht mehr lange! Und immerhin stehen die Tische schon einigermaßen in „der Flucht“. Da ist Hedwich eigen! Das ist ihr innerer Monk.

Und dann die Ordnung: Diese Tischlogik hatte uns die letzten Tage beschäftigt. Die zwölf Tische sind rechteckig und an einen einzelnen passen sechs Menschen. An zwei zusammengestellte Tische acht. Zeichnungen hatten wir gemacht mit richtigen Kritzelmännchen, damit ich mit meinem Logikknoten im Hirn mitkomme. Wie viele Einer- oder Zweiertische müssen wir stellen, damit alle Platz habe? Tische hintereinander funktionieren nicht, da dann zu wenige Platz finden.

„Schau, ich hab das schon öfters gemacht!“, spricht  Hedwich. „Ich fände es schöner, wenn sie schräg stehen würden!“

Irgendwann ist es mir egal. Hauptsache, der Scheiß die Tische und Stühle stehen. Ich bin verschwitzt, als endlich alles steht. Hedwich nicht.

Das Geschirr klimpert, als wir es in den Gemeindesaal fahren. Tags zuvor waren wir in der Nachbargemeinde, um mehr Geschirr „herbeizuschaffen“. Es macht sich keiner einen Begriff, wie schwer Geschirr in Hülle und Fülle ist.

Ich stelle Teller, Tassen und Untertassen, Hedwich läuft hinterher, legt Löffel auf und richtet die Henkel der Tassen neu aus.

„Es ist viel schöner, wenn man gleich in den Tassenhenkel greifen kann!“

„Natürlich, Hedwich. Ganz wie du meinst!“ Ich bin da großzügig.

Kuchengabeln kommen später. Dafür müssen noch Servietten gefaltet werden. Mach ich. Gar kein Problem. Keinesfalls aber nach der hohen Kunst, die ich mal auf einem Youtube Video sah.

Das wäre dann das nächste Level. Freunde – ich sa s Euch – irgendwann hab ich das auch drauf. Locker aus der Hüfte.

Verschwitzt und in Arbeitsklamotten kann keiner Gäste empfangen. Ich fahre nach Hause, um mich aufzuhübschen. Frau Müller schreibe ich eine WhatsApp-Nachricht, dass die – meinem fortgeschrittenen Alter geschuldete – „Restauration“ des Körpers noch etwas dauert. Wir waren verabredet, weil Frau Müller einen Hang zur Dekoration hat – im Gegensatz zu mir. Außerdem ist ihre Hilfe „doch ganz selbstverständlich“.

Nachdem es morgens nur sechs Grad hat, ist es jetzt spätsommerlich heiß. Meine in Gedanken zusammengestellte Kleidung kann ich den Hasen geben: viel zu warm. Ein Sommergewand muss her. Dafür steh ich unter der Dusche und rasiere mir zusätzlich die Beine. Diese Extras immer. Außerplanmäßiges. Ich hatte mich schon auf „Winterfell“ eingestellt.

Im frischen Gewand geht es zurück. Frau Müller und Hedwich fummeln schon in der Küche herum. Hedwich muss allerdings gleich wieder weg – sie hat noch einen Friseurtermin. „Seid 30 Jahren geh ich zu ‚meinem‘ Türken! Ich bin ihm mittlerweile durch die halbe Stadt gefolgt! Jetzt hat er seinen Laden“… und sie erzählt, in welchen Stadtteil er jetzt ist. Sie muss sich „sputen“.

Frau Müller und ich machen uns an den Tischschmuck. Mit Hedwich war ich am Tag zuvor im „Gebüsch“ und hatte „Gedöns“ geholt. Efeu und bunte Blätter, Tannenzapfen und Kastanien, Blätter des Essigbaums und Undefinierbares, was hübsch aussah. Während Frau Müller vorsichtig eins nach dem anderen aus der Kiste hebt, greife ich mit den Händen hinein und verteile es auf den Tischen. So macht dekorieren Spaß. Grobmotorisch, aber im Ergebnis recht hübsch anzusehen.

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Recht hübsch – nicht wahr? Die Kerzengläser brachte die liebste Ex-Kollegin mit und schmückte sie mit Frau Meier. Richtiger müsste es heißen:  sie schmückte und Frau Meier strickte. Wie sie immer und überall und immerzu strickt. Socken in hübschen Mustern. Für Künstlermärkte und ähnliches. Damit bessert sie ihr klägliche Rente auf.  Hedwich wiederum hasst „diese ewige Strickerei“.

Nebenbei koche ich eine Kanne Kaffee nach der anderen. Hektoliterweise. Aber nicht zu stark – um Himmels willen. Gegen entkoffeinierten Kaffee habe ich protestiert. Das ist ja wie Ringelpietz ohne Anfassen! Entweder – oder. Martha kommt mit den Kuchen. Sie ist meine Freundin, backt für ihr Leben gerne und hatte sich angeboten, den Kuchen für die Sause zu übernehmen. Den kompletten Kuchen!

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Martha macht sich Notizen auf ein kleines Kritzelblöckchen.

Abschweifung zu Matha: Seit über 20 Jahren kennen wir uns. Fast zeitgleich begannen wir in der Notaufnahme. Freitags gingen wir in die Kantine. Da gab es Linsen mit Spätzle. Martha liebte es, ich nicht, aber ich liebte Martha. Daher ging ich mit. Die Kacheln im Damenklo verzierten wir mit Paul und Konrad Comics von Ralf König.  Damit hatten wir viel Spaß und auch Ärger. Vor allem, als wir auch noch Comics von „Das kleine Arschloch“ aufhingen. Eine Kollegin fühlte sich sehr verunglimpft, als sie ihren Namen dort las. Aber was konnten wir dafür, wenn die Mutter des „kleinen Arschlochs“ eben auch so hieß? Ich wiederum fühlte sich sehr bestätigt: Vielleicht erinnert sich der er ein oder andere noch daran, dass sich das „Kleine Arschloch“ in Inge, die alte Nachbarin verliebte? Für sie hing er ein Transparent an eine Brücke auf der stand:“ Inge, deine Titten sind spitze!“

Unsere Freundschaft hat seitdem Bestand. Von ihr habe ich so unglaublich viel gelernt und ich hoffe, ich kann sie jetzt endlich mal überreden, mit mir zu podcasten.

Sieben Kuchen, Torten und „Zwiebelplooz“ werden aufgeschnitten und arrangiert. Bei der Käsesahnetorte läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich werde allerdings kein einziges Stück von diesen Köstlichkeiten essen: als ich möchte, ist die „Platte geputzt“ – wie es meine Omma immer nannte. Der Federweißer duftet durch den Raum, der Kaffee röchelt durch die Maschine – alles ist fertig, alles sieht sehr schön aus, alle Steine plumpsen von meinem besorgten Herz herunter. Geschafft. Wer hätte das gedacht. Unbändige Freude macht sich stattdessen breit.

Und schon kommen die ersten Gäste. Schnaufend, Rollatoren schiebend, beschwingt oder Arm in Arm kommen sie mir entgegen.

„Was macht denn ihre Katze? Ich hab gehört, die ist gestorben? Ach das ist so traurig. Mein Wellensittich ist neulich auch in meiner Hand gestorben. Das sind ja nur Tiere- aber ich hab sie so gerne!“ Hab ich diese Frau schon mal getroffen, überlege ich? Ich glaube nicht. Ist aber auch wurscht. Ich schätze es, wenn man gleich zum Punkt kommt und nicht lang „rumplaudert“ bis man endlich da ist, wohin man im Gespräch wollte. Dann eben verstorbene Tiere und Trauer zum „Aufwärmen“. Wir plaudern ein wenig. Sie konnte immer nicht kommen, entschuldigt sie sich, weil sie so Probleme mit der Hitze hat! Aber jetzt will sie unbedingt kommen. Wo wir doch quasi „Schwestern in gemeinsamer Trauer“ sind. Oha!

Die wenigsten kennen mich bisher – ich bin erst seit einem halben Jahr in dieser Anstellung.

Die wenigsten alten Menschen bezeichnen sich selbst als Senioren. Das sind offensichtlich die noch viel Älteren oder wer auch immer. Sie jedenfalls sind nicht mit diesem Wort gemeint. Wenn sie daher zu einem Seniorenkreis eingeladen werden, kommen sie nicht. Wie ich ebenfalls nicht in einer Krabbelgruppe gehen würde. Das wird Teil meiner Zukunft sein: Begrifflichkeiten neu erfinden, Hemmschwellen lösen, Hammerprogramme erstellen, die „sie dort abholt, wo sie sich gerade“ befinden. Aber am wichtigsten ist natürlich, dass sie erst einmal wissen, zu wem sie denn da gehen würden, wenn sie denn kämen. Keiner kauft gerne die Katze im Sack! Alles läuft immer über die Begegnung, die man miteinander hat.

Die, die mich kennen, drücken mich. Ich drücke zurück: Alte, knochige Körper, feste, runde Männerbäuche, weiche Busen, kühle Haut auf meiner Wange. Die letzten, klitzekleinen Sorgen verpuffen spätestens jetzt. Dieses: „Schaff ich das? Kann ich das?“ Aber hallo! Ich kann. Auch, weil ich so viel wohlwollende Hilfe hatte und habe. Ein Schlückchen Federweißer im Flur und dann ab in den Saal. Wie der Traumschiffkapitän halte ich eine kurze Rede. Feste Stimme, breites Grinsen im Gesicht, Späßchen für die Ohren. Feierliches Anzünden den Geburtstagskerze. Und dann: „Das Buffet ist eröffnet“.

Eine frühere, geliebte Arbeitskollegin mit Liebe für Senioren im Herzen, hilft – gemeinsam mit ihrer Freundin – bei der Bewirtung. Das ist eines meiner Highlights des Tages. Ich frage – sie kommen. Es rührt mich unendlich. Und sie kommen offensichtlich gerne. Sie haben Spaß, die beiden hübsche, jungen Dinger!

Ich mag sie so gerne, wie sie mit leuchtenden Augen und der gezückten Kaffeekanne im Anschlag durch die Stuhlreihen wandern. Hier ein kleines Pläuschchen, dort ein Streicheln über den Rücken, ein heimliches Drücken einer Hand, dazwischen Gelächter in hohen und tiefen Lagen. Die Senioren und Seniorinnen sollen es schön haben.

Sie hauen ordentlich rein. Diabetes? „Nicht an diesem Tag!“

Flüssigkeitsbilanzierung? „Och – ein Federweißer geht noch!“ Dabei hatten sie zu anfangs noch alle gesagt: „Federweißer? Um Himmel Willen. Auf keinen Fall! Da komm ich vom Klo nicht mehr runter! Außerdem bin ich ja dann gleich blau!“

Alles, alles wird zwei Stunden später leergefuttert und ausgetrunken sein. Meine liebste Ex-Kollegin kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus- ebensowenig wie aus dem Nachschenken: „Die leuchten rein! Mein lieber Scholli!“

Es ist eine heitere Stimmung. Auf den Tischen verteilte ich schon frankierte Postkarten. Sie sollen – wenn sie mögen – ihre Adresse aufschreiben. Später, so der Plan, würden sie eine andere Karte mit nach Hause nehmen und ein paar freundliche Worte an diese Adresse schicken. Ein Nachmittag mit Retard-Wirkung sozusagen. Das kennen sie alle von ihren vielen Tabletten.

Der Solist, der an diesem Nachmittag für ein kleines Programm bestellt ist, findet die Idee grandios. „So eine tolle Sache. So ein schöner Nachmittag!  Schon ist meine schlechte Laune weg, die ich heute Morgen hatte!“

Vielleicht ist sie auch weg, weil er von der Welle des Wohlwollens, die durch diesen Raum schwappt, mitgetragen wird.

Zwei Stunden später ist Feierabend. Die Senioren sind offensichtlich darauf getaktet und brechen auf. Was wiederum ein Segen für mich ist, denn bei der Planung des Nachmittags hatte ich vieles bedacht, nicht aber, dass eine Stunde später in diesem Raum eine wichtige Sitzung stattfinden würde. Händeschütteln und „Drückerchen“, Spenden und Postkartenverteilung, während im Hintergrund Hedwich, Frau Müller und die liebste Ex-Kollegin und Freundin „Klarschiff“ machen. Stühle und Tische aufräumen und neu arrangieren, umdekorieren. „Viele Hände machen schnell ein Ende!“, wusste schon meine Omma.

Beseelt fahre ich später nach Hause. Und dort: der nächste Glücksfall: Meine Familie hat mir ein Bad eingelassen – ohne, dass ich sie darum bitten musste (Okay- vielleicht hatten die Knaben auch vergessen, das Wasser abzulassen- egal!).

Der Tag war mein. Und ich seiner. Den Badezusatz „Entspannung“ braucht es nicht. Und während ich im warmen Wasser liege, plane ich heimlich neu. Denn was das Wichtigste ist: Die Menschen zusammen an einen Tisch (oder viele kleinere, der Tischlogik wegen) setzen. Gemeinschaft halten. Ins Gespräch kommen. Gegen die Einsamkeit und für den Frohsinn im Leben, den nicht alle der Senioren haben.

Vielleicht ein gemeinsames Frühlingsfest?

Wie sangen wir zum Abschied? „Wir ruhen all in Gottes Hand. Lebt wohl, Auf Wiedersehn!“

 

Hoffentlich!

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