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Schlägerei

Alles Spacken – außer Mutti!

„Von der Fetten da lass ich mich behandeln!“, grölt er und lässt sich auf den Stuhl plumpsen. Die Hand ausgestreckt, als wolle er gleich dem Pflegepersonal gepflegt einen Scheitel mit der Axt ziehen.

Was für ein Spack!

Anschließend steht er wieder auf, um mit der Faust gegen einen Schrank zu schlagen. RUMS!

Morgens, halb drei in Deutschland.

Gemeinsam mit seinem ebenfalls verletzten Bruder, zwei Besatzungen Rettungsdienst sowie drei Wagen mit je zwei Polizisten war er „angekarrt“ worden. Direkt vor der Disco eingesammelt, nachdem eine Art Massenschlägerei dort aufgelöst worden war. Nun galt es noch herauszukriegen, wer wen und wann geschubst, geschlagen, getreten hatte. Es riecht nicht nur nach Zigarettenrauch, Drogen und Schnaps, sondern auch nach Ärger.

Z.n. (Zustand nach) Schlägerei als Einweisungsdiagnose. Oder z.n. PAM (paar aufs Maul).

Junge Kerle, besoffen und aggressiv – erst recht um die Uhrzeit sind der feuchte Traum aller derer, die in einer Notaufnahme arbeiten.

Immerhin wohnen sie hübsch – der Adresse nach zu urteilen. Villengegend. Schwimmbad im grünen, eingewachsenen Garten – wie Google uns zeigt.

Jetzt sind die Brüder aber leider zerrüttet, die Polizisten auch und der Rettungsdienst schaut, dass er Land gewinnt. Wie ich sie beneide.

Weil wir schlau sind und die ja leider beileibe nicht die Ersten sind, die voller Aggressionen abgeladen werden, bringen wir sie in verschiedenen Räumen unter. Das hat sich aus vielen Gründen bewährt. Einzeln sind solche Kerle meistens friedlicher als im Rudel.

Das findet der eine Bruder richtig scheiße. Was er auch deutlich sagt. Vor allem mir, der vermeintlich Fetten. Besoffen und Kinder sollen ja immer die Wahrheit sprechen. Sagen wir mal so: An den Augen hat er schon mal nichts gravierendes.

„Ich bin hier Kunde!“, krakelt er. „Ich habe ein Recht, bei meinem Bruder zu sein! Überhaupt: Ich kenne meine Rechte! Hier behandelt mich keiner, bevor ich nicht bei meinem Bruder bin! Habt ihr gehört? Ich kenne meine Rechte!“

Sicherlich. Wie mich das immer langweilt.

Geschwisterliebe ist natürlich zu fördern. Nur würden wir vorher ihm mal über das Gesicht schubbern, um festzustellen, ob auf die blutende Platzwunde ein Pflaster muss, oder ob man Nadel und Faden richten sollte.

Leider lässt er sich nicht behandeln, weil er ja aktuell auf Krawall gebürstet ist und innerlich seine Beschwerdebriefe verfasst. Sein Bruder schnarcht derweil im Nebenraum, ist aber dennoch wichtig und wird dringend gebraucht, sonst lässt er sich nicht behandeln, schreit er! „Hört ihr? Ich lass mich sonst nicht von euch behandeln! Sonst geh ich!“

Man möchte ihm die Tür weit aufhalten. Wenn einer nicht will, muss er ja nicht.

Nur: Er geht nicht. Nicht ohne seinen Bruder und schon mal gar nicht, weil er ja schließlich seine Rechte kennen würde.

Die Ärztin in dieser Nacht ist jung und unerfahren. Sie hat den unbändigen Willen, die Welt zu einem sehr viel besseren Ort zu machen. Alles richtig, gut und besser zu machen. Helfen, wo am nötigste. Edel und hilfreich. Und daher möchte sie ihn mit sanften Worten zu allem möglichen überreden: Sich behandeln zu lassen, das Schreien etwas zu drosseln, Ruhe zu bewahren, anschließend den Bruder in die Arme schließen und möglicherweise sogar nach Hause gefahren zu werden…

Ihr Heiligenschein glimmt leicht. Es ist auch irgendwie sehr rührend, zuzuhören. Kurzfristig erinnert man sich zurück an das eigene, jüngere Ich. Wir alle haben so angefangen. Wir alle wollten die Welt retten. Oder halt den nächsten, der gerade dafür in Frage kam.

Bis einen die Zeit, die miesen Erfahrungen, angedrohte oder tatsächliche Schläge und vieles mehr zu einer anderen Handlungsweise bewogen haben.

Mit solchen Patienten zu diskutieren ist nämlich ungefähr so (ersetze Rassisten durch Alkohol und/ oder Drogen):

Die Kollegin und ich sitzen gemeinsam mit zwei Polizisten, die uns bei diesem Aggressionspotential zu Seite stehend geblieben sind, im Flur und lauschen gefühlt stundenlang, wie sich die Gespräche im Kreis drehen:

„Aber mein Bruder…“

„Nun lassen Sie und doch mal schauen…“

„Ich kenne meine Rechte…“

„Nur mal untersuchen…“

„Einmal anfassen und ich haus euch aufs Maul!“

„Hm,“ grunzt der Polizist. „Keine Ehrfurcht mehr. Kein Respekt. Scheiß Elternhaus!“

Vielleicht hat er recht. Aber was wissen wir schon.

Nach einer weiteren Stunden voller „ ich- hau- euch- und- meine- Rechte- mein- Bruder- und-ich- fass- mich- nicht- an- du- blöde- fette- Kuh“ und dergleichen mehr, sind wir alle immer noch keinen Schritt weiter. Geschweige denn, dass wir irgendwie mit einer Art von Behandlung begonnen hätten. Dafür sind einige von uns maximal angefressen. Selbst die Geduld der Ärztin zeigt langsame, kleinere Fissuren und Risse. Eine Haftfähigkeit, damit der Typ seinen Alkohol- oder Drogenrausch in der Ausnüchterungszelle pflegen kann, will die Ärztin nicht ausstellen. Das Dilemma: Man weiß nicht, warum der Typ so drauf: Ist er mit dem Pony auf den Kantstein geknallt und deshalb so merkwürdig? Oder ist er einfach nur banal doof? Oder ist er ein Konsumopfer reichlich bedenklicher Substanzen?

Eine CT- Untersuchung seinen Kopfes schlägt er aus. Er kennt seine Rechte – ihr ahnt es schon. Erbarmen!

Etliche Beleidigungen später hat einer der Polizisten zwei Ideen:

  1. Wir rufen Mutti an. Meistens „wirkt“ Mutti und bringt die Brut wieder zur Räson.
  2. Ich soll mir mal überlegen, ob ich ihn nicht anzeigen möchte wegen Beleidigung. Man müsse ja auch solchen Spacken mal klarmachen, dass nicht alles erlaubt ist. Er, der Polizist, sähe definitiv den Tatbestand einer Beleiding mehr als erfüllt.

Nun ist er nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte gewesen sein, der mich beleidigt. Aber irgendwann kann man ja auch mal anfangen. Und weil das Gespäch zwischen der barmherzigen Arztin und dem Otto sich hinzieht und der Beamte zufällig sein Blöckchen für die Anzeigen dabei hat, vertreiben wir uns so die Zeit.

Der Kollege hat derweil die Mutter zu frühen Stunde erreicht. Sie würde kommen und sich kümmern.

Wir atmeten auf. Endlich würde das hier zu einem Ende kommen.

Nach 20 Minuten weiteren Rumkrakelens klopfte es an die Tür: Mutti. Ta-ta! Endlich!

Da steht sie: Der Rücken gerade, das Haar adrett frisiert, eine Chanel-Jäckchen in Rosa mit Franzen, das passende Handtäschen unter den Arm geklemmt. Wie man aus dem Bett kommend Zoll um Zoll so aussehen kann, wird ihr Geheimnis bleiben.

Sie richtete sich noch etwas gerader auf, schaute in die Runde, hörte ihre Brut – einerseits schnarchend, andererseits lautstark pöbelnd: „Wer ist hier der Verantwortliche? Ich möchte alle Namen!“

Im Geiste sah ich sie aus ihrem Rollkoffer eine Reiseschreibmaschine holen. Für den nun folgenden Beschwerdebrief.

Sagen wir mal so: Der Plan: „alles wird besser, wenn Mutti kommt“ scheiterte auf voller Linie. War der Sohn schon anstrengend, anmaßend und beleidigend – wussten wir nun, von wem er es hatte. Mutti ließ sich alle Namen geben für den „egal welchen Fall“!

Den Schilderungen der Polizei, warum ihre Kinder hier wäre und eine kurze Übersicht „was bisher geschah“ hörte sie nur kurz zu und brach barsch mit einer Handbewegung ab! Sie hätte sich schon einen Überblick verschafft. Die Namen jetzt! Rasch!

Ihr Herzensbub! In einer solchen Bedrängnis! In seinem Zustand! Er habe offensichtlich Kummer und Schmerzen! Keiner hier scheine ihm offensichtlich helfen zu wollen. Das würde ein Nachspiel haben! Unterlassen Hilfeleistungen! Morgen würde sie mit ihrem Anwalt Kontakt aufnehmen.

Derweil schmiegte sich der Spack in die Arme seiner liebenden Mutter. Voller leiser, fieser Genugtuung sah ich, wie er Blut und Rotz ins Rosa rieb.

Es war sehr spannend zu beobachten. Ein Lehrstück in Gesellschaftskunde. In die Hege und Pflege der Brut der oberen 10.000. Der Reichen und Schönen. Der Verpimpelung. Des nicht sehen wollen, was ist. Ein komplett fehlendes Unrechtsgefühls. Die Frage, warum Polizei hier dabei war, stellte sich der Mutter in keinster Weise. Wahrscheinlich dachte sie das ist üblich und angemessen zum Schutz ihrer Brut.

Sie würde jetzt ihre Kinder, die alle natürlich über 18 Jahren waren, mitnehmen und in ein vernünftiges Krankenhaus bringen. Hier wäre ihr Vertrauen zerrüttet.

Da war sie gerade mal 10 Minuten da. Aber was weiß schon ich von solchen Mutterzauberwahnsinnscheckerkräften. Ein liebend Mutterherz- was brauchts der Worte mehr.

Sie küsste den Schnarchenden wach und zog den Pöbelnden mit: „Wenn du dich nicht von der Fetten behandeln lassen möchtest, brauchst du das auch nicht mein Schatz!“

Dann gingen sie. Türen schlagend.

Und wir alle standen stumm im Raum, schauten und ratlos an und verstanden die Welt ein kleines bisschen weniger gut.

Immerhin waren sie endlich weg.


Nachspiel

Ich hatte ihn tatsächlich angezeigt. Der Polizist hatte mir glaubhaft versichert, dass ich keinesfalls zu einer möglichen Gerichtsverhandlung mitkommen müsse.

Nachdem ich lange Zeit nichts mehr hörte, fiel die Geschichte im Hinterstübchen weit nach hinten. Bei der Fülle an Menschen, die man tagtäglich behandelt, ist das ein Segen. Viele sind reizend. Andere sind es nicht. So ist das eben.

Und dann trudelte doch noch eine Einladung ins Gericht ein. Zur Aussage im Fall.

Zur Hülfe. Ich würde ihn und Mutti, den Bruder und überhaupt alle wiedersehen. Ich fühlte mich so, wie wenn sich heute die Kontrahenten des Dschungelcamps in der Sendung danach wieder treffen. Die Fürstin meets Kasalla!

An einem kalten Tag im Winter saß ich in einem zugigen Gang des Gerichtes auf einem Stühlchen und wartete auf meinen Auftritt.

Kurz vorher – also Monate nach unserer Begegnung im Krankenhaus – hatte mir der Bengel tatsächlich einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Schade nur, dass es erst kurz vor der Gerichtsverhandlung ankam. So erweckte es nun eher den Anschein, dass dieses Schreiben mehr so dem Wunsch des Anwalts entsprochen haben könnte, als seiner Reue.

Das Jüngelchen schaute nicht auf. Dafür durchbohrte mich seine Mutter mit Blicken! Ich hätte sofort zu Boden sinken müssen. Tot! Erdolcht mit eiskalten Mutteraugen.

Der Richter ermahnte den Spack. Man beleidigt nicht die Hand, die einen pflegt. Auch fände er den Brief zwar grundsätzlich gut, aber den Zeitpunkt wäre eher schwierig und daher auch nicht als ernst gemeint einzustufen.

Wegen der Beleidigung bekam er 20 Sozialstunden, die er ableisten müsse und ich 37,50 Euro für die Erstattung sämtlicher Kosten und Auslagen.

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Ich habe nie wieder jemanden angezeigt, obwohl ich es gefühlt manchmal an jedem zweiten Tag hätte tun können. Der Aufwand für eine Alltagserscheinung ist es nicht wert. Und da sagt mehr über manche Formen unserer Gesellschaft aus, als mir eigentlich lieb wäre.

Über die Jahre hinweg scheint es mittlerweile üblich geworden zu sein, dass man die, die helfen wollen, beleidigt, einparkt, an ihrer Arbeit hindert und gewalttätig gegenüber den Helfern, Rettern und Bewahrern wird.

Ich möchte an Karma glauben.

Und euch, die ihr Rettungskräfte, Feuerwehren, Polizisten, Pflegepersonal und das ärztliche Personal disst, wünsche ich, dass ihr es mal sein werdet, die Hilfe brauchen. Aber es kommt gerade keiner, weil der Rettungsdienst erst mal in die Werkstatt muss, weil alle Reifen aufgeschnitten wurden. Mal abgesehen davon, dass irgendwann keiner mehr Bock haben wird, Dullies und Dumpfbacken den Arsch retten zu wollen.

Ich wünsche euch, dass ihr dann genügend Zeit haben werdet und einen Geistesblitz bekommt über eure eigenen, schäbigen Taten: „Hahaha- wie lustige das war und wie die dann sauer wurden und wir schnell wegrannten“.

Seid freundlich. Das Leben ist ein Spiegel.

„Es wird immer schlimmer“

Nachts um eins klingelt es: „Yo. Vielleicht brauchen wir einen Arzt. Ich weiß es nicht so genau. Wir wären jedenfalls mal da.“

Wie schön!

An der Anmeldung stand ein Pärchen. Eine Blondine kramte in ihrer Handtasche nach Dingen, von denen nur sie wusste, was sie suchte. Ihre Begleitung, ein Hipster mit langem, rostrotem Bart wie er im Buche steht, lümmelte auf dem Taschenabstellsims. Sein Hemd war mit vielen roten Sprekeln verziert.

„Fasching oder echtes Blut?“

„Ach- was weiß ich. Wahrscheinlich echt.“ Ein Alkoholfähnchen schwappte herüber.

„Eigentlich bin ich hier wegen ihr.“ Er deutete auf die emsig Kramende.

„Ich wollte sie beschützen, die Chantalle. Dann ist es etwas entartet. Und jetzt weiß ich auch nicht.“

„Was tut denn weh?“

„Chantalle? Was tut weh?“

Chantalle schaute auf und dachte nach. „Vielleicht die Hand?“, überlegte sie.

„Kärtchen?“

„Privat!“

„Dabei?“

„Vergessen!“

„Name?“

„Chantalle.“

„Geburtstag?“

„Moment.“

Sie grübelte. 25.? Oder wars doch der 27.? Das strähnige Haar fiel ihr ins Gesicht.

„Weißt du es?“

„Ich? Keine Ahnung. Du hast irgendwann im März.“

„Hm.“

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Tief durchatmen – aber nicht zu tief. Man hat das Gefühl, als würde man nur von der Atemluft besoffen werden.  Man reiche mir eine Nagelfeile.

So zäh wie sich das hier liest, so ermüdent war es.

Später wurde der Hipster ein bisschen munterer. Als er dem Doktor erzählte, wie schlimm die Welt geworden sei. Denn möglicherweise droht ihm eine Anzeige von der Polizei. Dabei wollte er nur die Chantalle beschützen. Vor wem, weiß er nicht mehr. Möglicherweise vor dem Sicherheitsdienst der Faschingsveranstaltung. Aber warum ihn die Polizei jetzt anzeigen will, ist ihm ein Rätsel.

„Nur beschützen. So weit ist es in unserem Land schon gekommen! Es wird immer schlimmer! Was muss denn noch alles passieren, damit hier mal einer aufwacht? Echt! Immer schlimmer!“ (Ich konnt im Geiste 57 Til Schweiger Gedächtsnisausrufezeichen mithören.)

An dieser Stelle hätte ich am liebsten  BINGO gerufen. So viele Phrasen auf einmal hört man selten auf einen Schlag.

„Welche Welt meint ihr jetzt genau?“, hätte ich am liebsten dazwischen gefragt – nur mal so aus Interesse.

Medizinische, superschnelle Versorgung für Menschen, die aktuell ihr Geburtsdatum  nicht mehr wissen, wohl aber, dass man nach/ vor / während / bei Gefahr direkt und schnell in die Notaufnahme muss? Das man eine aufs Maul bekommt – mit und ohne Grund? Gewaltbereite Menschen generell, wohin mal blickt? Kriege und Seuchen? Die Zunahme rechtsextremer Gewalttaten? Flüchtlinge? Schießbefehle? Kränkungen des Egos? Aber ich schweife ab.

Immerhin wissen wir in der Notaufnahme aus Erfahrung: Nur die Guten kommen in die Notaufnahme. Immer die Opfer. Nie die Täter. Haben wir ein Glück!

Chantalle hatte sich ein wenig den Arm verstaucht. Sie bekam einen Verband, der seltsam sauber wirkte gegenüber ihrer abgekauten Fingenägeln, auf denen man Restspuren des Nagellacks ausmachen konnte. Dafür war das Kleid umso kürzer. Das lenkt ab. Oder wie meine Omma immer sagte: Unten hui – oben pfui. (Ich bin aber auch wieder gemein heute!)

Sie zogen ab –  „Wo ist der Ausgang?“ – und ohne Dank. Muss ja nicht. Gern geschehen.

Es wir also immer schlimmer. Alles. Irgendwie. Es ist empörend. Also die Welt.

Die Patientin aus dem Nebenzimmer kam heraus um mir mitzuteilen, dass die Infusion gar nichts wirkt. Wo ihr doch so der Leib zwickt. Von den Pilzen oder von der Kräuterbutter am Abend oder aber dem 250 gr. Steak. So genau wisse sie das jetzt auch nicht. Aber irgendwo tuts da doll weh. Vielleicht die Galle. Oder die Leber. Obwohl sie sich nicht so sicher ist, wo das alles im Körper sich genau befindet. Schließlich ist sie ja kein Arzt.

Eine wunderbare Übung im empatischen Zuhören.

Heimlich denkst du: Krass! Jetzt bist du knapp 50 Jahre alt und dir war also noch nie schlecht oder du hast dir noch nie den Magen verdorben. RÖSPEKT! Da scheint vieles gut im Leben gelaufen zu sein. Respekt auch dafür, dass du dir anscheinend noch nie überlegt hast, was sich wo im Körper ungefähr befinden könnte. Oder du hast zuwenig Quizduell gespielt? Woher kommt diese Ahnungs- und Hilflosigkeit, wenns um den eigenen Körper geht? Sitzen die Leute zuwenig beim Friseur und lesen Frauenklatschzeitungen, in denen seitenweise medizinische Fragen beantwortet werden, wie:

Magen vedorben? Omas Hausmittel helfen auch heute.

Was tun bei verstauchen Gelenken? Schnelle Hilfe aus der Natur.

Erste Hilfe bei Sodbrennen.

Was hilft bei Erbrechen?

Schnupfen? So werden Sie ihn schnell los!

 

Der Rettungsdienst kam. Er war schon jenseits der Empörung. Auf der Liege hatten sie eine etwas käsig wirkende Frau dabei, die einmal (!) erbrochen hatte und jetzt also „dann da wäre“, wie der Sani leise seufzte. Hinterdran lief die Freundin. Sie wollte die Patientin lieber sicherheitshalber nicht mit dem Auto bringen – denn man weiß ja nie, ob es nicht doch was Schlimmes ist und dann die Frage: Wie bekomme ich die Kotze wieder aus dem Wagen? Da rief sie lieber mal den Rettungsdienst. Sicher ist sicher!

Die Empörungs- und Besorgniskultur über alles  und noch viel mehr geht mir sowas von auf den Keks. Nie abwarten. Sofort los! Immer sofort empören und besorgen, anschließend  am Besten sofort alles in den sozialen Netzwerken posten, krakelen.

Es zieht sich durch alle Bereiche, alle Schichten und alle Altersklassen.

Der Privatpatient, der heftig von seiner Katze gebissen wurde und die Ärztin anschnautze warum sie ihm jetzt sagt, dass er im Krankenhaus bleiben muss. Er wollte doch nur mal – nachts um halb drei  – nachschauen lassen. Ob sie überhaupt Medizin studiert hätte? Was er denn jetzt mit seinem Auto machen soll, dass auf dem Parkplatz steht? Hä? Hä? Was nun – Frau „angebliche“ Doktorin?!

 

Gefühlt atmen die wenigsten einmal tief durch und überlegen: Was ist passiert? Was mache ich hier? Was will ich im Moment erreichen? ( Oder es atmen mehr durch als gedacht, bloß bekomme ich die nicht zu Gesicht. Möglich wäre auch das.)

Ich bin immer erstaunt, wie überrascht Menschen sein können. Wie schnell sie sich angegriffen fühlen von Menschen, Tiere, Clambopflizien (=Viren und Bakterien alle Art) oder Sensationen und dann sofort gegensteuern müssen.
Huch. Ein Schmerz. Ein Widerwort. Eine andere Meinung. Eine andere Hautfarbe oder Religion: Schnell zum Arzt / ins Netz/ auf die Straße. Man weiß ja nie!

Immerhin: In einer der Nächte hatten wir auch noch ein echtes Wunder. Eine Faschingspolizistin mit keckem Hütchen kam. „Diese Bauchschmerzen. Gegessen? Nichts. Getrunken? Nur Wasser!“ Bei ihren 2 % war sie vielleicht wie Jesus hier einkaufen:

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Fundstück Facebook.

 

 

Sapere aude – sagt der Lateiner. Immanuel Kants machte später daraus: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Aber wo genau sitzt jetzt der Verstand? Oder – wie man bei Twitter immer fragt: „Weiß man da schon genaueres?“

 

 

 

 

 

 

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