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Routine

Motivation – aber zackig!

MotivationDieses Bild hat mir freundlicherweise das Kind gemalt.

„Wie“, so fragte ich Freude und Kollegen, „wie bitte schön motiviert ihr euch eigentlich?“

Jeden Morgen/ Mittag/ Abend aufstehen, Routine, all der tägliche Wahnsinn. Dazwischen manchmal Langeweile.

„Naja“, sagten manche, „Pflichtbewußtsein eben. Klappt schon.“

„Ich bekomme Geld dafür und habe einen Arbeitsvertrag zu erfüllen.“

„Oft kommt die Motivation aus der Arbeit heraus.“

„Meine Motivation ist eine treulose Sau. Wir haben eine sehr ungünstige Beziehung.“

„Wenn ich nette Kollegen habe, dann kommt der Spaß meist ganz von selbst.“

„Der monatliche Scheck“.

Hübsche, sehr vorhersehbare Argumente, jeden Tag neu aufzustehen. *gähn*.

 

Manchmal aber hilft selbst die monatliche Gewissheit einer Überweisung nicht darüber hinweg, dass man wieder loslegen muss: Leben retten. Krisen intervenieren. Verbände wickeln und Pflästerchen abzupfen. Angehörige beruhigen, ein EKG nach dem anderen schreiben, Fieber messen nicht vergessen und vor allem viele Blutkulturen befüllen. Popos wischen. Mit Kollegen zusammenarbeiten, die anders sind, als man selbst. Sich bei Hinz und Kunz in präventiver Nettigkeit üben.

(Diese Liste ist bei jedem anderes.)

Es gibt Tage, da möchte man am liebsten beim Klingeln des Weckers    35 Drücken der Snooze Taste schreien: „Welt. Leck mich am Arsch.Lass mich in Ruhe. Heute nicht!“

 

Hilfestellungen mit und ohne Kopfkino

  • Man haut ein letztes Mal auf die Snooze Taste und quält sich aus dem Bett. So einfach ist das.
  • Man haut ein letztes Mal auf die Snooze Taste, quält sich aus dem Bett und versucht, italienisch zu sprechen: Ciao. Buon giorno. Arrivederci. Aiuto. Cinque. Bruschetta. Frutti di Mare. Tortellini. Spaghetti. Eigentlich fast die ganze Speisekarte. Sprecht die Worte so, wie eine dicke, gemütliche und wortgewaltige Mama am Hafen von Palermo. Gerne übertrieben – denn: Vokale können glücklich machen.
  • Man haut ein letztes Mal auf die Snooze Taste, quält sich aus dem Bett und versucht zu lachen. Wer lachen kann, hat mehr vom Leben – aber das wisst ihr ja. Es ist es die Mundstellung, die Abhilfe bei schlechter Laune verhilft. Die drückt quasi das Hirn frei. So kann man es auch bei der wunderbaren  Vera F. Birkelbihl hören. Freudenhormone fressen K(r)ampfhormone auf. Beim Lachen werden Freudenhomone freigesetzt und gleichzeit wird dabei Stress reduziert. Wenn ihr niemanden haben, der euch nach dem Aufstehen zum Lachen bringt (oder mal so unter dem Tag), könnt ihr das Wunder auch alleine in 60 Sekunden  vollbringen: 60 Sekunden dauerfeixen und grinsen, Fratzen schneiden. Das sieht am Anfang doof aus (und man fühlt sich auch so), aber dann wird es. Der „Ich hab heute keinerlei Lust auf nix- Knoten“ platzt . Echt wahr – ich habs ausprobiert. Hirnverarsche – leicht gemacht für jedermann.

 

Mir fallen immer wieder Lieder ein, die mich motivieren: Kurz vor dem fünften Stützverband einfach vor der Zimmertüre sammeln. Kommt euch vor wie ein Popstar: People – come on and scream! Hier kommt eure Schwester für den sagenhaftesten Verband ever, ever, ever.

Kopfkino. Kann man den ganzen Tag machen. Oder eben an Pflichterfüllung denken.  Das geht auch, bringt aber nur den halben Spaß.


 

„Kommst du man eben? Der Patient muss sauber gemacht werden und ich brauche Hilfe!“

Da hast du es auch schon gerochen und nun kommt die Stunde der Wahrheit. (Das Leben ist wie eine volle Windel – du weißt nie, was dich erwartet.)

  • Schreitet über den Gang. Könglichlich –  wie Cersei aus dem Hause Lannister bei Game of Thrones. Schreitet stolz und freudig, denn hinter euch geht keiner mit einer Glocke und ruft „Schande“. Schreitet aufrecht und dankbar, denn euch bewirft niemand mit Häufchen, sondern ihr geht zu einem. Ein viel besserer Weg.  Königin zu sein schadet nicht.

 

Oder Prinzessin. In diesem Falle reicht es , eine unglückliche Prinzessin zu sein. In den Nächten nach Neujahr war ich damit schwer berschäftigt, neue Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu stempeln.

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Netterweise sind es jetzt nicht drei Seiten, sondern gleich vier, die man stempeln darf. Das muss der Fortschritt sein, von dem immer alle reden. (Nein. Wir haben keine Stationshilfe. Keine weiteren Fragen!)

Blöder kam sich seinerzeit Aschenputtel bestimmt auch nicht vor, als sie Erbsen sortieren musste. Und so saß ich da, stempelte mich durch einen riesen Stapel à vier Seiten. Ich tat mir wahnsinnig leid und fühlte mich dennoch ganz heimlich wie die Prinzessin, die nach getaner Arbeit zum Ball des Jahres darf. Yeah. (In Wahrheit wurde ich von meine Kollegin zur Mitarbeiterin der Woche gekürt und durfte einen Kaffee trinken gehen. Also nur fast so schön wie ein Ball. Aber gut. Ich arbeite dran)


 

Manchmal denke ich an den Mond. Vielmehr an die Mondlandung 1969. Wahlweise an eine Bar. Immer dann, wenn ich eine Antibiose zusammenrühren muss. Klatsch: stelle ich beide Flaschen – Antibiose und Verdünnung –  vor mich: Housten – The eagle has landed.

Beim Mischen stelle ich mir vor, ich sei Barkeeperin in einer wahnsinnig aufregenden Szenebar. Ich jongliere mit den Cocktailgläsern, Eis und Früchten. Kann ich super. Das geht auch mit einer Antibiose, die sich ums Verrecken schlecht auflösen lässt. (Daher auch der Mondvergleich: Zum Mond fliegen geht, aber eine Antibiose, die sich locker und leicht auflösen lässt – das geht nicht! Versteh einer die Welt.)


 

So hangel ich mich  mit meiner Phantasie durch den Tag. Nicht immer. Aber oft.

Nicht repräsentative Umfragen haben ergeben: Ich scheine alleine auf weiter Flur zu sein. Alle, die ich befragte, schüttelten den Kopf und schauten mich mit diesem Blick an, mit dem man mitleidig  und ein bisschen liebevoll ein sehr süßes, aber leicht dämliches Tier anschaut. Wer also auch solche Phantasien hat: Bitte melden!


 

Wenn gar nichts mehr geht, weil sie mir alle auf den Nerv fallen, summe ich leise die „Seeräuber Jenny“:

Und ein Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beflaggen den Mast

Wer die Seeräuber Jenny nicht kennt: Die Ich-Figur beschreibt ihr armseliges Dasein als Dienstmagd eines billigen Hotels und beschreibt eine phantastische Zukunft, in der ein Piratenschiff ihretwegen vor der Stadt aufkreuzt und alle, die sie verachtet haben, auf ihr Geheiß hin von den Seeräubern getötet werden. (Quelle: Wipedia)

Dann muss ich lachen. Vor allem über mich. Dann wird alles wieder gut. Hoppla.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

#Poetisiert euch! Kopfkino in der Notaufnahme

Manchmal ist es stink langweilig. Ein Alltag in einer Notaufnahme hat mitunter viel Routine. Das 97 Sprungelenk, das sich einer verdreht hat, ist nur für den Patienten interessant. Die 5 Blasenentzündung lockt einen nicht mehr zu Bedauernsausrufen. Und gebrochene Knochen werden halt gegipst. Freundlich.

Das ist es gut, wenn man seinen Geist ein wenig beschäftigt.

In solchen „flauen“ Zeiten dichte und fabuliere ich so vor mich hin. Ich kann nicht anders. EIN Reizwort und ich bin drin.  So was nennt man wohl „Sozialisation“.

Ein Auswahl.

Es ist morgens um halb vier. Der Chirurg/Internist kommt zum 7. Mal in dieser Nacht den weiten Weg von seinem Bett zurück (Der Arzt an sich ist ein Träumer – er hat sich noch kein einziges Mal ins Bett gelegt, obwohl er guten Mutes war. Er stand also in Wirklichkeit mehr davor), um Menschen in Not zuhelfen. (Vorgestern umgeknickt, entzündeter Fingernagel/ Bauchweh seit gestern, Schupfen seit vier Tagen) Der Blick wird von Stunde zu Stunde glasiger.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein. ( Rainer Maria Rilke – Der Panther)

Es kommen mir Lieder in den Sinn, die ich seit meiner Kindheit kenne und liebe . Zack – sind sie im Gedächtnis. Selten wurde ein Asthmaanfall passender beschrieben:…. und die Hälse schnüren zu.

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Einer erzählt, wie er auf glattem Boden ausgerutscht ist. (Wahlweise Schnupfen) Kopfkino. Richard Wagner. „Garstig glatter glitschiger Glimmer! Wie gleit‘ ich aus! Mit Händen und Füßen – nicht fasse noch halt‘ ich das schlecke Geschlüpfer!“

Ein Kollege fragt: „Kommst du mit?“…. und ich folge ihm gleichfalls. Mit freudigem Schritte.

Die Patientin sagt: „Meine Freundin wollte noch nachkommen. Seltsam, dass sie noch nicht da ist.“

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein. (Hermann Hesse)

Ein Patient kommt – mit nasser Hose. „Neigschifft“ (=hinein gepinkelt)

„Bist du bald fertig?“ werde ich gefragt? Und ich antworte: “ Gib mir noch zwei südlichere Tage….“

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Erstaunlich. Alles sehr erstaunlich.

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