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Polizei

„Es wird immer schlimmer“

Nachts um eins klingelt es: „Yo. Vielleicht brauchen wir einen Arzt. Ich weiß es nicht so genau. Wir wären jedenfalls mal da.“

Wie schön!

An der Anmeldung stand ein Pärchen. Eine Blondine kramte in ihrer Handtasche nach Dingen, von denen nur sie wusste, was sie suchte. Ihre Begleitung, ein Hipster mit langem, rostrotem Bart wie er im Buche steht, lümmelte auf dem Taschenabstellsims. Sein Hemd war mit vielen roten Sprekeln verziert.

„Fasching oder echtes Blut?“

„Ach- was weiß ich. Wahrscheinlich echt.“ Ein Alkoholfähnchen schwappte herüber.

„Eigentlich bin ich hier wegen ihr.“ Er deutete auf die emsig Kramende.

„Ich wollte sie beschützen, die Chantalle. Dann ist es etwas entartet. Und jetzt weiß ich auch nicht.“

„Was tut denn weh?“

„Chantalle? Was tut weh?“

Chantalle schaute auf und dachte nach. „Vielleicht die Hand?“, überlegte sie.

„Kärtchen?“

„Privat!“

„Dabei?“

„Vergessen!“

„Name?“

„Chantalle.“

„Geburtstag?“

„Moment.“

Sie grübelte. 25.? Oder wars doch der 27.? Das strähnige Haar fiel ihr ins Gesicht.

„Weißt du es?“

„Ich? Keine Ahnung. Du hast irgendwann im März.“

„Hm.“

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Tief durchatmen – aber nicht zu tief. Man hat das Gefühl, als würde man nur von der Atemluft besoffen werden.  Man reiche mir eine Nagelfeile.

So zäh wie sich das hier liest, so ermüdent war es.

Später wurde der Hipster ein bisschen munterer. Als er dem Doktor erzählte, wie schlimm die Welt geworden sei. Denn möglicherweise droht ihm eine Anzeige von der Polizei. Dabei wollte er nur die Chantalle beschützen. Vor wem, weiß er nicht mehr. Möglicherweise vor dem Sicherheitsdienst der Faschingsveranstaltung. Aber warum ihn die Polizei jetzt anzeigen will, ist ihm ein Rätsel.

„Nur beschützen. So weit ist es in unserem Land schon gekommen! Es wird immer schlimmer! Was muss denn noch alles passieren, damit hier mal einer aufwacht? Echt! Immer schlimmer!“ (Ich konnt im Geiste 57 Til Schweiger Gedächtsnisausrufezeichen mithören.)

An dieser Stelle hätte ich am liebsten  BINGO gerufen. So viele Phrasen auf einmal hört man selten auf einen Schlag.

„Welche Welt meint ihr jetzt genau?“, hätte ich am liebsten dazwischen gefragt – nur mal so aus Interesse.

Medizinische, superschnelle Versorgung für Menschen, die aktuell ihr Geburtsdatum  nicht mehr wissen, wohl aber, dass man nach/ vor / während / bei Gefahr direkt und schnell in die Notaufnahme muss? Das man eine aufs Maul bekommt – mit und ohne Grund? Gewaltbereite Menschen generell, wohin mal blickt? Kriege und Seuchen? Die Zunahme rechtsextremer Gewalttaten? Flüchtlinge? Schießbefehle? Kränkungen des Egos? Aber ich schweife ab.

Immerhin wissen wir in der Notaufnahme aus Erfahrung: Nur die Guten kommen in die Notaufnahme. Immer die Opfer. Nie die Täter. Haben wir ein Glück!

Chantalle hatte sich ein wenig den Arm verstaucht. Sie bekam einen Verband, der seltsam sauber wirkte gegenüber ihrer abgekauten Fingenägeln, auf denen man Restspuren des Nagellacks ausmachen konnte. Dafür war das Kleid umso kürzer. Das lenkt ab. Oder wie meine Omma immer sagte: Unten hui – oben pfui. (Ich bin aber auch wieder gemein heute!)

Sie zogen ab –  „Wo ist der Ausgang?“ – und ohne Dank. Muss ja nicht. Gern geschehen.

Es wir also immer schlimmer. Alles. Irgendwie. Es ist empörend. Also die Welt.

Die Patientin aus dem Nebenzimmer kam heraus um mir mitzuteilen, dass die Infusion gar nichts wirkt. Wo ihr doch so der Leib zwickt. Von den Pilzen oder von der Kräuterbutter am Abend oder aber dem 250 gr. Steak. So genau wisse sie das jetzt auch nicht. Aber irgendwo tuts da doll weh. Vielleicht die Galle. Oder die Leber. Obwohl sie sich nicht so sicher ist, wo das alles im Körper sich genau befindet. Schließlich ist sie ja kein Arzt.

Eine wunderbare Übung im empatischen Zuhören.

Heimlich denkst du: Krass! Jetzt bist du knapp 50 Jahre alt und dir war also noch nie schlecht oder du hast dir noch nie den Magen verdorben. RÖSPEKT! Da scheint vieles gut im Leben gelaufen zu sein. Respekt auch dafür, dass du dir anscheinend noch nie überlegt hast, was sich wo im Körper ungefähr befinden könnte. Oder du hast zuwenig Quizduell gespielt? Woher kommt diese Ahnungs- und Hilflosigkeit, wenns um den eigenen Körper geht? Sitzen die Leute zuwenig beim Friseur und lesen Frauenklatschzeitungen, in denen seitenweise medizinische Fragen beantwortet werden, wie:

Magen vedorben? Omas Hausmittel helfen auch heute.

Was tun bei verstauchen Gelenken? Schnelle Hilfe aus der Natur.

Erste Hilfe bei Sodbrennen.

Was hilft bei Erbrechen?

Schnupfen? So werden Sie ihn schnell los!

 

Der Rettungsdienst kam. Er war schon jenseits der Empörung. Auf der Liege hatten sie eine etwas käsig wirkende Frau dabei, die einmal (!) erbrochen hatte und jetzt also „dann da wäre“, wie der Sani leise seufzte. Hinterdran lief die Freundin. Sie wollte die Patientin lieber sicherheitshalber nicht mit dem Auto bringen – denn man weiß ja nie, ob es nicht doch was Schlimmes ist und dann die Frage: Wie bekomme ich die Kotze wieder aus dem Wagen? Da rief sie lieber mal den Rettungsdienst. Sicher ist sicher!

Die Empörungs- und Besorgniskultur über alles  und noch viel mehr geht mir sowas von auf den Keks. Nie abwarten. Sofort los! Immer sofort empören und besorgen, anschließend  am Besten sofort alles in den sozialen Netzwerken posten, krakelen.

Es zieht sich durch alle Bereiche, alle Schichten und alle Altersklassen.

Der Privatpatient, der heftig von seiner Katze gebissen wurde und die Ärztin anschnautze warum sie ihm jetzt sagt, dass er im Krankenhaus bleiben muss. Er wollte doch nur mal – nachts um halb drei  – nachschauen lassen. Ob sie überhaupt Medizin studiert hätte? Was er denn jetzt mit seinem Auto machen soll, dass auf dem Parkplatz steht? Hä? Hä? Was nun – Frau „angebliche“ Doktorin?!

 

Gefühlt atmen die wenigsten einmal tief durch und überlegen: Was ist passiert? Was mache ich hier? Was will ich im Moment erreichen? ( Oder es atmen mehr durch als gedacht, bloß bekomme ich die nicht zu Gesicht. Möglich wäre auch das.)

Ich bin immer erstaunt, wie überrascht Menschen sein können. Wie schnell sie sich angegriffen fühlen von Menschen, Tiere, Clambopflizien (=Viren und Bakterien alle Art) oder Sensationen und dann sofort gegensteuern müssen.
Huch. Ein Schmerz. Ein Widerwort. Eine andere Meinung. Eine andere Hautfarbe oder Religion: Schnell zum Arzt / ins Netz/ auf die Straße. Man weiß ja nie!

Immerhin: In einer der Nächte hatten wir auch noch ein echtes Wunder. Eine Faschingspolizistin mit keckem Hütchen kam. „Diese Bauchschmerzen. Gegessen? Nichts. Getrunken? Nur Wasser!“ Bei ihren 2 % war sie vielleicht wie Jesus hier einkaufen:

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Fundstück Facebook.

 

 

Sapere aude – sagt der Lateiner. Immanuel Kants machte später daraus: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Aber wo genau sitzt jetzt der Verstand? Oder – wie man bei Twitter immer fragt: „Weiß man da schon genaueres?“

 

 

 

 

 

 

Anfechtung. Saufen, bis der Arzt kommt.

alkoholisiert oder betrunken, hackedicht oder stockbesoffen, knülle, bums- oder rotzevoll, beschickert, beduselt, benebelt, stralle, lattenstramm, angeheitert, angesäuselt, berauscht, beschwipst, sturzbesoffen

(Im Video kann man sehen, wie sie VOR Betreten der Notaufnahme aussehen und BEVOR der Rettungsdienst sie ,eingesammelt` hat. Erstaunlicherweise können sie Yogaübungen, für die ich jahrelang üben müsste. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Um es anders zu sagen: Wenn an einem Tag mal keiner hackedicht kommt, fehlt schon fast was.

Es kommen die kleinen Mädchen, die auf EINEN Tequila eingeladen wurden. („Ich sssschwör! Nur einer!“)

Es kommen die starken Kerle, die einen ,drauf gemacht` haben. („Heyheyhey. Nach dem 14. Bier hab ich aufgehört zu zählen. Harharhar!“)

Es kommen Damen, die zusammen lustig waren und beim Likörchen ordentlich zugelangt haben. („Elvira hatte so einen leckeren, selbst gemachten Eierlikör. Der hat was geschmeckt. Wenn ich wieder daheim bin, brauche ich unbedingt das Rezept!“)

Es kommen die Berufstrinker, die mit 3,5 Promille noch wie eine Eins stehen und reden können und nur leicht schwankend aufs Klo gehen. („Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt und warum ich hier bin. Mein Bier war noch gar nicht alle!“)

Es kommen die Obdachlosen, die zum Frühstück auf ein kleines Herrengedeck eingeladen wurden. („Vom Otto. Feiner Kerl!“)

Und es kommen viele anderen, die mal so einen gehoben haben.

Manche trinken aus Spaß. Manche aus Durst. Einige aus Notwenigkeit. Ebenso aus Traurigkeit oder aus einer Laune heraus. Manchmal auch überhaupt nie, nie,nie. („Was? 2,4 Promille? Ich? Aber ich trinke doch NIE!“)

Jeden Tag. Egal zu welcher Uhrzeit. (Was – um 11 Uhr morgens kann man schon DIESEN Promillewert haben?)

Wenn du dich über sie beugst, muss du aufpassen, dass du nicht vom einatmen sofort besoffen wirst. Oder gleich mitkotzt. Seit es die praktischen  Sicksacks gibt, (eine passgenaue Kotztüte für Gesichter aller Art) kommen die brechenden Menschen relativ sauber. Die Herausforderung: „Bei mir bricht niemand ins Auto“ des Rettungsdienst und die daraus folgende Schlammpackung ist damit vorbei. (T-Shirt in der Hose festklemmen, den kotzenden dann ins T-Shirt …. ach. Es ist unschön)

Ja – wir trinken auch. Gerne. Manchmal auch nicht zu knapp. Wir verstehen das, wenn einer trinkt. Oder auch säuft. Immerhin lag weder eine der Menschen,  die ich kenne noch ich  sturzbesoffen in einer Notaufnahme.  Immerhin!

Da liegen sie und leiden. Die Hose ist eingenässt. Das Erbrochene klebt in den Haaren. Der alkoholgeschwängerte Atem wabert durch alle Räume. Wenn man Glück hat, pennen sie nur und riechen. Hat man Pech, kommt fiese Aggression dazu. („Ich hau dir die die Fresse, du F***“ – ach. Das will man auch nicht hören oder lesen). Oft folgt eine schlimme Sauerei. (Ins Zimmer pinkeln, sich venöse Zugänge mit Schwung aus dem Arm reissen, vor die Füße brechen, mal gepflegt in die Hose …. JETZT IST ABER MAL GUT MIT DER UNAPPETITLICHEN GESCHICHTE!)

Was hilft, ist ein gewisser Hang zu schrägem Humor. Manchmal auch die Polizei.

Manche sind Vollpfosten.

Manchmal allerdings kann es sogar recht heiter sein, mit den ,angeschickerten`zu plaudern. Zudem bekommt man oft DIE WAHRHEIT gesagt. („Schwester, sie sind wunderschön!“  – ihr wisst ja: Betrunkene und Kinder sprechen immer die Wahrheit!) Und Eierlikörrezepte bekommt man auch.

Nett wäre, wenn man sein Limit kennen würde. (Wobei – die Kampagne der BZGA ist schwierig. Bis man sein Limit kennt, muss man erst einmal testen, testen und noch mal testen)

Sehr nett ist auch dieser Artikel aus der TAZ, der mich über alle Maßen erheitert hat.

http://taz.de/Die-Wahrheit/!5038485/ Die Wahrheit: Eine Ethnologin aus Grönland untersucht den größten linguistischen Schatz der Deutschen: ihr überreiches Vokabular zur Trunkenheit.

Ansonsten gilt: Es heißt ja immer, dass der Mensch viel trinken soll. Gerade bei der Hitze. Also: Trinkt – vielleicht mal ein Wasser zwischendurch –  und seid guten Mutes. Habt Spaß.  Aber hört irgendwann auch wieder auf, bevor ihr in eine Notaufnahme gebracht werden müsst.

 

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