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notaufnahmeschwester

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Pflege

#makelovegreatagain

Ich lese in schlaflosen Nächten das Internet leer.*
Ich lese von Hass und Rassismus. Von Faschisten und wie Leute abknallt und erschossen werden. Ich lese von „Auswahl“ und „Umvolken“, von alten weißen Männern, die alles besser wissen und von Feministinnen, die nur mal wieder so richtig durchgevögeln werden müsste. Ich lese von Kinderarmut und Homophobie. Ich lese von Mobbing auf Twitter und von einem kleinen Mädchen, mit dem der syrische Vater ein lustigen Spiel erfunden hat: lachen, wenn die Bomben fallen, damit die Angst keinen Raum bekommt. Ich lese von Anfeindungen, weil die Evangelische Kirche ein Schiff gekauft hat und auf Rettungsmission schickt. Ich lese und lese bis mir der Zorn hochkommt oder die Tränen aufsteigen.

Wut und Tränen bringt einen natürlich nicht weiter. Die Welt wird nicht durch Gedanken und Gebete zu einem besseren Ort werden. Auch nicht, wenn ich ein hübsches, gut designtes Meme davon in allen Netzwerken poste.
Die Welt könnte aber möglicherweise zu einem besseren Ort werden, wenn wir mehr andere Geschichten lesen würden. Von Unterstürzung und Hilfe. Von Liebe und Freundschaft. Vom Aufblühen und Verschwenden. Von Hege und Pflege.
Und weil man ja irgendwo mal anfangen muss, beginne ich, genau so eine Geschichte zu erzählen #makelovegreatagain
Ich war im 2. oder 3. Ausbildungsjahr zur Krankenschwester. (Jaja- ich bin so alt: ich bin noch eine Krankenschwester.) Seit ein paar Wochen war ich auf „der Inneren“ und es war die Hölle. Strenge und klare Hierarchie, Funktionspflege, Schülerdasein mit Waschstraße und Anschiss, weil nie schnell genug. Rüffel, weil die Ecken der Kissen, die man frisch bezogen hatte, nicht anständig herausgezogen waren. Damals war es üblich, an einem Tag in der Woche alle 34 Betten frisch zu beziehen. Möglich, dass bei Bett 27. ein wenig die Luft raus war. Man durfte keinesfalls trödeln. Denn die nächste Runde „Patienten betten“ stand an – was bedeutete, dass man die Schwerkranken und bettlägrigen Patienten neu lagerte. In fast jedem Zimmer lag mindeste einer dieser schwer pflegebedürftigen Menschen. Wir SchülerInnen rannten uns die Hacken ab, die Vollschwestern schrieben derweil Kurven und kochten sich einen Kaffee. Na gut – bestimmt half die ein oder andere auch mal mit. Aber das „Pflegen an sich“ wurde meistens uns Auszubildenden überlassen. Nie Zeit, immer Druck, wenig Anerkennung und Freude. Dieser Ausbildungsabschnitt war in meiner Erinnerung die Vorstufe zur Hölle. Jeden Tag schlich ich nach der Schicht in den 1. Stock des Schwesternwohnheims und fiel meistens sofort ins Bett. Aus. Ende Gelände. Fertig und körperlich extrem erschöpft. Meine Mitauszubildenden nickten milde und wissend, wenn ich nicht mehr sprechen wollte, einen Besuch in der Disco ablehnte oder mich an meine Freundin lehnte und seufzte. Menschen helfen – dafür waren wir. Ich hoffte sehr, dass ich das tat. Und vor allem hoffte ich, das diese Zeit schnell vergehen möge. Oder aber alle Schwerkranken endlich gesund oder verlegt werden würden. Gerne rasch, bevor ich noch mehr körperlich und geistig zerrüttete.
Mein damaliger Freund war mäßig begeistert von den Zuständen, in denen er mich in dieser Zeit vorfand. Das war mal anders geplant. Mehr so Vergnügen und Entertainment. Spaß und Unternehmungen, lange Spaziergänge und leise Gespräche, Liebe, Flausch und Sex. All das, was eine Liebe so ausmacht, bekam er in dieser Zeit nicht, weil ich einfach nur erschöpft und fertig war.
Ich erinnere mich, wie ich das Zimmer betrat und er schon da war.
Wie ich mich freute, ihn zu sehen.
Wie ich in Tränen ausbrach, weil alle Erschöpfung, alle Überforderung, alle körperlichen Schmerzen nach einer Knochenschicht hier Raum finden durften.
Wie ich neben ihm saß und leise weinte und er mich im Arm hielt und nicht sprach. Kein “Das wird schon wieder“ und auch kein “Ach komm schon“ und auch kein „Kopf hoch, das geht vorbei“.
Ich erinnere mich, wie wir lange so da saßen und er schließlich aufstand und meine für Schmutzwäsche umfunktionierte alte Waschschüssel mit den alten Pullis und Schlüppies auskippte.
Ich erinnere mich, wie ich zusah und nicht wusste, was er wollte und es aber egal war.
Ich erinnere mich, wie er Wasser in die Schüssel einließ, wie er zum Waschlappen und zur Seife griff und alles zu mir brachte. Wie er mich sanft auszog und wusch.** Wortlos. Wie er mich abtrocknete und mir frische Sachen überstreifte. Wie er mir eine Zigarette anzündete und wir schweigend rauchten. Wie wir dann im Bett lagen. Ich spürte seine Hand, sanft streichelnd auf meinem Haar.
Ich erinnere mich, wie ich einschlief. Zur Ruhe gekommen. Unendlich geliebt.
Das, werte Freunde ist es, was ich euch erzählen wollte. Einen innigen Moment wahrer Liebe. Ein heilender und heiliger Augenblick.
Dazu muss man natürlich keinen waschen. Man muss noch nicht mal eine rauchen. Es ist egal, was man dem anderen angedeihen lässt.
Es ist die Bereitschaft, von allem, was man vielleicht gerade selber wollte, zurücktreten. Zu sehen, was ist und es dann dem anderen geben zu wollen. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Dieses Erlebnis ist unendlich viele Jahre her und tief in meiner Seele verankert.
Wir alle brauchen solche Seelenverankerungen von Liebe und Trost. Von einfachem Dasein und MitdurcheineSituationgehen. Vom Begleitet- und Gehalten werden. Manchmal reichen kleine Gesten aus, die die Welt zu einem besseren Ort machen können.
Es wird – glaubt man den nächtlichen Artikeln aus dem Netz – mehr Menschen geben, die leider keine solche Erinnerungen haben, als diejenigen, die auf solche Herzensschätze zurückgreifen können.
Wir jedoch, die sie haben, müssen sie unbedingt in die Welt weitertragen. Damit Hass nie siegt.

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Bildquelle: Facebook

*weil „das Internet“ dafür bekannt ist, gerne ungefragt Ratschläge erteilen zu wollen: Ich werde auch weiterhin nachts das Internet leer lesen. Auch wenn 87 Studien bewiesen haben, dass man nachts nicht auf sein Handy schauen soll – ja: es wäre besser, es weit weg zu legen. Am besten wäre es, man würde es im Garten vergraben. Somit – weil ich es nicht tue – wäre es ja dann auch kein Wunder, wenn ich nicht in den Schlaf finde. Richtiger Schlaf kommt, wenn man sich richtig verhält. Handy also in den Garten, Raumtemperatur an der Fröstelgrenze, harte Matratze, die Decke bitte nicht von armen Daunenfedernentenliferanten, denen der Flaum bei lebendigen Leibe ausgerupft wurden. Lavendelsäckchen unter dem Memory Foam Kissen.
Ihr müsst mir das nicht sagen. Spart euch den Ratschlag. Geht stattdessen lieber in Welt und küsst jemanden. Sagt euren Liebsten, wie sehr ihr sie schätzt und mögt. Sät eine Blume. Ihr wisst ja: Wer anderen einen Blume sät, blüht selber auf!

**Es zahlt sich durch aus, wenn eure Liebsten – so ihr denn in eine Ausbildung seid – mit euch den Lehrstoff lernt und abfragt. Küsschen gehen raus an all diejenigen, die das tun.

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Alles Spacken – außer Mutti!

„Von der Fetten da lass ich mich behandeln!“, grölt er und lässt sich auf den Stuhl plumpsen. Die Hand ausgestreckt, als wolle er gleich dem Pflegepersonal gepflegt einen Scheitel mit der Axt ziehen.

Was für ein Spack!

Anschließend steht er wieder auf, um mit der Faust gegen einen Schrank zu schlagen. RUMS!

Morgens, halb drei in Deutschland.

Gemeinsam mit seinem ebenfalls verletzten Bruder, zwei Besatzungen Rettungsdienst sowie drei Wagen mit je zwei Polizisten war er „angekarrt“ worden. Direkt vor der Disco eingesammelt, nachdem eine Art Massenschlägerei dort aufgelöst worden war. Nun galt es noch herauszukriegen, wer wen und wann geschubst, geschlagen, getreten hatte. Es riecht nicht nur nach Zigarettenrauch, Drogen und Schnaps, sondern auch nach Ärger.

Z.n. (Zustand nach) Schlägerei als Einweisungsdiagnose. Oder z.n. PAM (paar aufs Maul).

Junge Kerle, besoffen und aggressiv – erst recht um die Uhrzeit sind der feuchte Traum aller derer, die in einer Notaufnahme arbeiten.

Immerhin wohnen sie hübsch – der Adresse nach zu urteilen. Villengegend. Schwimmbad im grünen, eingewachsenen Garten – wie Google uns zeigt.

Jetzt sind die Brüder aber leider zerrüttet, die Polizisten auch und der Rettungsdienst schaut, dass er Land gewinnt. Wie ich sie beneide.

Weil wir schlau sind und die ja leider beileibe nicht die Ersten sind, die voller Aggressionen abgeladen werden, bringen wir sie in verschiedenen Räumen unter. Das hat sich aus vielen Gründen bewährt. Einzeln sind solche Kerle meistens friedlicher als im Rudel.

Das findet der eine Bruder richtig scheiße. Was er auch deutlich sagt. Vor allem mir, der vermeintlich Fetten. Besoffen und Kinder sollen ja immer die Wahrheit sprechen. Sagen wir mal so: An den Augen hat er schon mal nichts gravierendes.

„Ich bin hier Kunde!“, krakelt er. „Ich habe ein Recht, bei meinem Bruder zu sein! Überhaupt: Ich kenne meine Rechte! Hier behandelt mich keiner, bevor ich nicht bei meinem Bruder bin! Habt ihr gehört? Ich kenne meine Rechte!“

Sicherlich. Wie mich das immer langweilt.

Geschwisterliebe ist natürlich zu fördern. Nur würden wir vorher ihm mal über das Gesicht schubbern, um festzustellen, ob auf die blutende Platzwunde ein Pflaster muss, oder ob man Nadel und Faden richten sollte.

Leider lässt er sich nicht behandeln, weil er ja aktuell auf Krawall gebürstet ist und innerlich seine Beschwerdebriefe verfasst. Sein Bruder schnarcht derweil im Nebenraum, ist aber dennoch wichtig und wird dringend gebraucht, sonst lässt er sich nicht behandeln, schreit er! „Hört ihr? Ich lass mich sonst nicht von euch behandeln! Sonst geh ich!“

Man möchte ihm die Tür weit aufhalten. Wenn einer nicht will, muss er ja nicht.

Nur: Er geht nicht. Nicht ohne seinen Bruder und schon mal gar nicht, weil er ja schließlich seine Rechte kennen würde.

Die Ärztin in dieser Nacht ist jung und unerfahren. Sie hat den unbändigen Willen, die Welt zu einem sehr viel besseren Ort zu machen. Alles richtig, gut und besser zu machen. Helfen, wo am nötigste. Edel und hilfreich. Und daher möchte sie ihn mit sanften Worten zu allem möglichen überreden: Sich behandeln zu lassen, das Schreien etwas zu drosseln, Ruhe zu bewahren, anschließend den Bruder in die Arme schließen und möglicherweise sogar nach Hause gefahren zu werden…

Ihr Heiligenschein glimmt leicht. Es ist auch irgendwie sehr rührend, zuzuhören. Kurzfristig erinnert man sich zurück an das eigene, jüngere Ich. Wir alle haben so angefangen. Wir alle wollten die Welt retten. Oder halt den nächsten, der gerade dafür in Frage kam.

Bis einen die Zeit, die miesen Erfahrungen, angedrohte oder tatsächliche Schläge und vieles mehr zu einer anderen Handlungsweise bewogen haben.

Mit solchen Patienten zu diskutieren ist nämlich ungefähr so (ersetze Rassisten durch Alkohol und/ oder Drogen):

Die Kollegin und ich sitzen gemeinsam mit zwei Polizisten, die uns bei diesem Aggressionspotential zu Seite stehend geblieben sind, im Flur und lauschen gefühlt stundenlang, wie sich die Gespräche im Kreis drehen:

„Aber mein Bruder…“

„Nun lassen Sie und doch mal schauen…“

„Ich kenne meine Rechte…“

„Nur mal untersuchen…“

„Einmal anfassen und ich haus euch aufs Maul!“

„Hm,“ grunzt der Polizist. „Keine Ehrfurcht mehr. Kein Respekt. Scheiß Elternhaus!“

Vielleicht hat er recht. Aber was wissen wir schon.

Nach einer weiteren Stunden voller „ ich- hau- euch- und- meine- Rechte- mein- Bruder- und-ich- fass- mich- nicht- an- du- blöde- fette- Kuh“ und dergleichen mehr, sind wir alle immer noch keinen Schritt weiter. Geschweige denn, dass wir irgendwie mit einer Art von Behandlung begonnen hätten. Dafür sind einige von uns maximal angefressen. Selbst die Geduld der Ärztin zeigt langsame, kleinere Fissuren und Risse. Eine Haftfähigkeit, damit der Typ seinen Alkohol- oder Drogenrausch in der Ausnüchterungszelle pflegen kann, will die Ärztin nicht ausstellen. Das Dilemma: Man weiß nicht, warum der Typ so drauf: Ist er mit dem Pony auf den Kantstein geknallt und deshalb so merkwürdig? Oder ist er einfach nur banal doof? Oder ist er ein Konsumopfer reichlich bedenklicher Substanzen?

Eine CT- Untersuchung seinen Kopfes schlägt er aus. Er kennt seine Rechte – ihr ahnt es schon. Erbarmen!

Etliche Beleidigungen später hat einer der Polizisten zwei Ideen:

  1. Wir rufen Mutti an. Meistens „wirkt“ Mutti und bringt die Brut wieder zur Räson.
  2. Ich soll mir mal überlegen, ob ich ihn nicht anzeigen möchte wegen Beleidigung. Man müsse ja auch solchen Spacken mal klarmachen, dass nicht alles erlaubt ist. Er, der Polizist, sähe definitiv den Tatbestand einer Beleiding mehr als erfüllt.

Nun ist er nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte gewesen sein, der mich beleidigt. Aber irgendwann kann man ja auch mal anfangen. Und weil das Gespäch zwischen der barmherzigen Arztin und dem Otto sich hinzieht und der Beamte zufällig sein Blöckchen für die Anzeigen dabei hat, vertreiben wir uns so die Zeit.

Der Kollege hat derweil die Mutter zu frühen Stunde erreicht. Sie würde kommen und sich kümmern.

Wir atmeten auf. Endlich würde das hier zu einem Ende kommen.

Nach 20 Minuten weiteren Rumkrakelens klopfte es an die Tür: Mutti. Ta-ta! Endlich!

Da steht sie: Der Rücken gerade, das Haar adrett frisiert, eine Chanel-Jäckchen in Rosa mit Franzen, das passende Handtäschen unter den Arm geklemmt. Wie man aus dem Bett kommend Zoll um Zoll so aussehen kann, wird ihr Geheimnis bleiben.

Sie richtete sich noch etwas gerader auf, schaute in die Runde, hörte ihre Brut – einerseits schnarchend, andererseits lautstark pöbelnd: „Wer ist hier der Verantwortliche? Ich möchte alle Namen!“

Im Geiste sah ich sie aus ihrem Rollkoffer eine Reiseschreibmaschine holen. Für den nun folgenden Beschwerdebrief.

Sagen wir mal so: Der Plan: „alles wird besser, wenn Mutti kommt“ scheiterte auf voller Linie. War der Sohn schon anstrengend, anmaßend und beleidigend – wussten wir nun, von wem er es hatte. Mutti ließ sich alle Namen geben für den „egal welchen Fall“!

Den Schilderungen der Polizei, warum ihre Kinder hier wäre und eine kurze Übersicht „was bisher geschah“ hörte sie nur kurz zu und brach barsch mit einer Handbewegung ab! Sie hätte sich schon einen Überblick verschafft. Die Namen jetzt! Rasch!

Ihr Herzensbub! In einer solchen Bedrängnis! In seinem Zustand! Er habe offensichtlich Kummer und Schmerzen! Keiner hier scheine ihm offensichtlich helfen zu wollen. Das würde ein Nachspiel haben! Unterlassen Hilfeleistungen! Morgen würde sie mit ihrem Anwalt Kontakt aufnehmen.

Derweil schmiegte sich der Spack in die Arme seiner liebenden Mutter. Voller leiser, fieser Genugtuung sah ich, wie er Blut und Rotz ins Rosa rieb.

Es war sehr spannend zu beobachten. Ein Lehrstück in Gesellschaftskunde. In die Hege und Pflege der Brut der oberen 10.000. Der Reichen und Schönen. Der Verpimpelung. Des nicht sehen wollen, was ist. Ein komplett fehlendes Unrechtsgefühls. Die Frage, warum Polizei hier dabei war, stellte sich der Mutter in keinster Weise. Wahrscheinlich dachte sie das ist üblich und angemessen zum Schutz ihrer Brut.

Sie würde jetzt ihre Kinder, die alle natürlich über 18 Jahren waren, mitnehmen und in ein vernünftiges Krankenhaus bringen. Hier wäre ihr Vertrauen zerrüttet.

Da war sie gerade mal 10 Minuten da. Aber was weiß schon ich von solchen Mutterzauberwahnsinnscheckerkräften. Ein liebend Mutterherz- was brauchts der Worte mehr.

Sie küsste den Schnarchenden wach und zog den Pöbelnden mit: „Wenn du dich nicht von der Fetten behandeln lassen möchtest, brauchst du das auch nicht mein Schatz!“

Dann gingen sie. Türen schlagend.

Und wir alle standen stumm im Raum, schauten und ratlos an und verstanden die Welt ein kleines bisschen weniger gut.

Immerhin waren sie endlich weg.


Nachspiel

Ich hatte ihn tatsächlich angezeigt. Der Polizist hatte mir glaubhaft versichert, dass ich keinesfalls zu einer möglichen Gerichtsverhandlung mitkommen müsse.

Nachdem ich lange Zeit nichts mehr hörte, fiel die Geschichte im Hinterstübchen weit nach hinten. Bei der Fülle an Menschen, die man tagtäglich behandelt, ist das ein Segen. Viele sind reizend. Andere sind es nicht. So ist das eben.

Und dann trudelte doch noch eine Einladung ins Gericht ein. Zur Aussage im Fall.

Zur Hülfe. Ich würde ihn und Mutti, den Bruder und überhaupt alle wiedersehen. Ich fühlte mich so, wie wenn sich heute die Kontrahenten des Dschungelcamps in der Sendung danach wieder treffen. Die Fürstin meets Kasalla!

An einem kalten Tag im Winter saß ich in einem zugigen Gang des Gerichtes auf einem Stühlchen und wartete auf meinen Auftritt.

Kurz vorher – also Monate nach unserer Begegnung im Krankenhaus – hatte mir der Bengel tatsächlich einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Schade nur, dass es erst kurz vor der Gerichtsverhandlung ankam. So erweckte es nun eher den Anschein, dass dieses Schreiben mehr so dem Wunsch des Anwalts entsprochen haben könnte, als seiner Reue.

Das Jüngelchen schaute nicht auf. Dafür durchbohrte mich seine Mutter mit Blicken! Ich hätte sofort zu Boden sinken müssen. Tot! Erdolcht mit eiskalten Mutteraugen.

Der Richter ermahnte den Spack. Man beleidigt nicht die Hand, die einen pflegt. Auch fände er den Brief zwar grundsätzlich gut, aber den Zeitpunkt wäre eher schwierig und daher auch nicht als ernst gemeint einzustufen.

Wegen der Beleidigung bekam er 20 Sozialstunden, die er ableisten müsse und ich 37,50 Euro für die Erstattung sämtlicher Kosten und Auslagen.

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Ich habe nie wieder jemanden angezeigt, obwohl ich es gefühlt manchmal an jedem zweiten Tag hätte tun können. Der Aufwand für eine Alltagserscheinung ist es nicht wert. Und da sagt mehr über manche Formen unserer Gesellschaft aus, als mir eigentlich lieb wäre.

Über die Jahre hinweg scheint es mittlerweile üblich geworden zu sein, dass man die, die helfen wollen, beleidigt, einparkt, an ihrer Arbeit hindert und gewalttätig gegenüber den Helfern, Rettern und Bewahrern wird.

Ich möchte an Karma glauben.

Und euch, die ihr Rettungskräfte, Feuerwehren, Polizisten, Pflegepersonal und das ärztliche Personal disst, wünsche ich, dass ihr es mal sein werdet, die Hilfe brauchen. Aber es kommt gerade keiner, weil der Rettungsdienst erst mal in die Werkstatt muss, weil alle Reifen aufgeschnitten wurden. Mal abgesehen davon, dass irgendwann keiner mehr Bock haben wird, Dullies und Dumpfbacken den Arsch retten zu wollen.

Ich wünsche euch, dass ihr dann genügend Zeit haben werdet und einen Geistesblitz bekommt über eure eigenen, schäbigen Taten: „Hahaha- wie lustige das war und wie die dann sauer wurden und wir schnell wegrannten“.

Seid freundlich. Das Leben ist ein Spiegel.

Wie Gesäß auf Steckbecken

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Vor längerer Zeit habe ich mit Markus gepodcastet.

Dauer: 25:07 Minuten

Das Leben hingegen und der Umstand, dass mittlerweile jedes Eichhörnchen einen eigenen Podcast hat, haben mich davon abgehaten, ihn zu bearbeiten und zu veröffentlichen.

Bis heute.

Und was hatte ich jetzt für einen Spaß, dieses Interview zu schneiden. Denn obwohl Markus und ich uns zu diesem Zeitpunkt virtuell schon Jahre, aber leibhaftig erst das zweite Mal gesehen haben, passen wir wie Gesäß auf Steckbecken (der Laie würde sagen: Arsch auf Eimer).

Dieses Gespräch ist zwischen Kaffee Hag kochen und einem Vortrag von ihm entstanden und sagen wir mal so: Der Nachmittag war schon super, noch bevor er offiziell anfing.

Hört also, wie wir über Kinder und Kollegen „lästern“ und uns grämen,  lauscht, wenn wir über die Vorzüge es Nachtschlafs plaudern, wie Pflege am Boden liegt und warum sie nicht aufsteht und „was schaffen geht“ und allerlei mehr.

Der Merci-Chor der Pflege

Ein wundervolles, gesundes, gutes, neues Jahr.

Freunde – endlich!

Es ist mir gelungen, mein klitzekleines Technikproblem in den Griff zu kriegen, um eine neue Podcast-Folge zu kreieren.

Also nix mit einem Jahresrückblich – ist es eben eine Vorausschau. Warum auch nicht!

Und während ich knobelnd und nerdig an der Tastaur saß, kochte Monja in Berlin ein Essen zusammen, bei dem einen – ZURECHT – der Sabber aus dem Mundwinkel laufen könnte. Damit ihr euch ein Bild davon machen könnt: Bitte sehr:

Monja kocht Fisch. Oder Füsch, wie der BerlinerIn sagen würde. Mit Schaumgedöns obendrauf. Ich aß übrigens Sauerkraut. *seufz* (Foto: Monja, the godmotheroffishcooking)

Wir haben zusammen in dieser Podcast-Folge uns ganz was feines ausgeheckt. So ganz spontan aus der Hüfte. Und es gibt sogar was zu gewinnen – Überraschung!!!!

*Ist das schon Werbung, was nun folgt?* Pffff *WERBUNG*

Na gut – Ihr müsst hier ein bisschen was euch ausdenken.

Aber dann bekommt ihr das beste Cartoon-Sketch-Kritzel-Retter-Buch der „Nullschicht„ever, ever, ever von Medi-Learn. „Der wahrscheinlich beste Zeitvertreib für alle kreativen Köpfe im Rettungsdienst, in der Hilfsorganisation, in der Feuerwehr oder im Krankenhaus.“

Die Nullschicht ist ein 60 Seiten dickes Heft, voll mit Cartoons, Artikeln und kreativen Spielen – wie RTW Versenken, Malen nach Zahlen, Finde den Fehler sowie Cartoonentwürfte zum Vervollständigen. Dolle Sache. I love it. Alle kostenfreien Exemplare der Nullschichten sind vergriffen!

(Was du auf Seite 22 lesen wirst, wird sich umhauen! So wie mich!)

Und ich werfe sie unters Volk quasi – also halt gegen gute Ideen.


Mit freundlicher Genehmigung von Medi-Learn und einem dicken Danke dafür von mir!

Um was es geht – das müsst ihr euch schon selbst anhören – im neuen Podcast. Wir maulen ein bisschen über Pflegewerbungsgrütze, ergötzen uns an leckerem Essen und unterhalten euch und uns über die Zukunft.

Der Hörspaß beträgt 43:57

8 FAQ der Pflege

Es gibt ja immer mal wieder Fragen (FAQ – Frequently Asked Questions), die ständig, stets und immer wieder gestellt werden.

Du bist Krankenschwester? Pflege? Echt?  Schon sprudelt es. Hier eine kleine persönliche Hitliste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat.

1. Also ich könnte das ja nicht!

Och – geht schon! Wisst ihr, was ich nicht könnte? Stundenlang an Metallteilen herumfeilen. Buchführung mit penibler Zahlenkontrolle. Kellnern auf dem Oktoberfest. Die Liste ließe sich fortsetzten.

Es gibt vieles, was in der Pflege „fies“ ist. Denn auf das zielt diese Frage ab. Körperausscheidungen jeglicher Art. Gerüche. Fremdes Leid. Geschrei und Gezeter. Sagen wir mal so: Auf vieles dieser „Dinge“ könnte man getrost verzichten. Sie sind nicht wirklich schön. Aber es ist ja nun auch so, dass man nicht den ganzen Tag damit beschäftigt ist, volle Buxen zu säubern oder Leuten Schnodder aus der Lunge abzusaugen. Dazwischen geht es durchaus manierlich zu. Und weil das ein Teil der Arbeit ist – aber eben nicht nur-  ist es tatsächlich zu „ertragen“. Man gewöhnt sich fast an alles. Glaubt mir. Der Ekel bleibt  – aber das ist auch Teil professionellen Arbeitens, nicht laut schreiend aus dem Raum zu rennen. (Auch wenn man es manchmal wollte). Jeder Beruf hat solche Seiten, die man eben macht, weil sie dazugehören. Die aber niemals in die Liste der liebsten Dinge aufsteigen würde.

Die Geschichte mit dem Leid ist auch schnell erzählt: Wir machen den Job, um Leid zu verringern. Wir sind aktiv dabei, damit es den Patienten wieder besser geht. Das wiederum macht den Zauber aus, den viele Kollegen – trotz mitunter schlimmer Arbeitsbedingungen – immer noch bei der Stange hält. Zu wissen, das wir den Unterschied herstellen können.

2. Sag mal – du bist doch Krankenschwester. Ich hab da sowas…..

Oh dear. Gerne schaue ich mir deine Wunden an. Höre empathisch deiner langen, schwierigen und von Missgeschicken erfüllten Krankengeschichte zu. Ich lausche deinen Ausführungen vom  „Blödmann, der dich genäht hat und es ist eine Narbe zurück geblieben! Ist das zu fassen?“ Ich gebe Ratschläge um mir dann wieder anzuhören, dass die ja alle Käse sind, weil „Homöopathie beim Nachbaren des Tante viel besser gewirkt hat, als dein Pharmascheiß!“ Das mache ich gerne. Immer wieder. Ich bin ja schließlich Krankenschwester. Da ist man immer im Dienst. Im Gegenzug lass ich mir dann Börsenkurse erklären und weise auf das komische Geräusch meines Autos hin. Ob man da nicht mal auch… so im Gegenzug… mal eben drunter schauen. Keine große Sache. Ich hol auch schon mal den Eisbeutel für das gestauchte Sprunggelenk. Eine Hand wäscht die andere. Nicht wahr?

3. Fürs Medizinstudium hat es wohl nicht gereicht?

Gereicht vielleicht schon. Aber nicht gewollt.

Leute, die solche Sätze sagen, sagen bestimmt auch zur Stewardess im Bumsbomber nach Bangkok: Na – zum Piloten hat es wohl nicht gereicht? Oder zum Bankangestellten: Ein Aufsichtsratsposten kommt nicht so in Betracht? Oder zum Blumenmenschen auf dem Markt: Ne Plantage in Holland ist keine Option?

Ich bin ganz bewußt Krankenschwester geworden. Wie viele meiner KollgenInnen. Aus guten und genauso unterschiedlichen Gründe, wie Menschen und Pflegepersonen eben verschieden sind.  Klar: Manche haben den Plan, nach der Ausbildung vielleicht irgendwann doch noch Medizin zu studieren. Aber nicht alle.

Nein. Ärztin wollte ich nie werden.

4. Schichtdienst? Wochenende? Also für mich wäre das nix!

Stimmt. Für uns auch nicht.

In der Regel frieren wir ja die Patienten freitags ein und tauen sie dann am Montag wieder auf – wie @WonderinLisa auf Twitter mal so schön ulkte.

Aber so ist es halt nun mal. Schichtdienst ist Fluch und Segen zugleich. Die Zeiten, in denen man unter der Woche als Ausgleich frei hat. Die Stunden, die man vor dem Spätdienst bei Friseur verbringen kann. Der Kinobesuch danach. Alles prima. Ebenso das Gefühl, nach dem Nachtdienst in die Feder zu fallen, während draußen der Tag beginnt.  Aber es bedeute auch: Sozialkontakte, die verebben, weil man immer dann arbeitet, wenn die meisten frei haben. Die unzähligen Kurse, die man hätte besuchen wollen, aber der Dienstplan einem den Strich durch die Rechnung macht. Fluch und Segen. Und leider nicht so sexy wie in der Welt literarischer Ergüsse.

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Internetfund. Wenn Nachtdienst so wäre, würde ich nur noch… halt. Ne doch nicht!

Es ist anstrengend.  Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es fühlt sich an, wie ein immerwährendes Jetlag.  Womit wir gleich beim nächsten Highlight sind:

5. Aber das hast du doch gewusst!

Liebchen. Ja.

Das haben wir gewußt. Wenn man allerdings gerade seine Ausbildung beginnt, denkt man weder an die Rente in 45 Jahren, noch an die möglichen Auswirkungen des Schichtdienstes nach 30 Berufsjahren. Da stehen andere Gründe im Vordergrund.

Vieles offenbart sich erst mit der Zeit. Und das weiß man nicht im Anfang. Keiner.

 

6. Trinkst ihr wirklich so viel Kaffee?

Ja.

7. Also – so Nadeln/Katheter/whatever in Leute reinstecken – das macht euch doch in Wahrheit Spaß , nicht wahr? *zwinkerzwinker*

Ernsthaft?

Richtig: In Wahrheit macht uns das tierisch an. Wir stehen auf den Schmerz der anderen! Aus genau diesem Grund haben wir den Beruf gewählt. Schwester Rabiata ist in Wahrheit eine Domina im Umschulmodus. Wir sind aber auch ein wildes Völkchen- wir Krankenschwestern. Der feuchte Traum vieler. Bei Amazon kann man für 18,91 Euro sogar willige Sexpuppen kaufen. In diesem Fall aber ohne Schmerz. So schade. Dafür hat sie drei (!) Lustöffnungen und ist leicht zu entkleiden. Ich warte jetzt nur noch auf den Ken, das Pferd der Krankenpflege.

 

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Screenshot Amazon. Für jeden Geschmack was dabei.

Als Pflegepersonal bist du halt alles: Barmherzigkeit und Lustobjekt. Hure und Heilige. KönnerIn und StümperIn. Je nachdem.

8. Muss das nicht der Arzt machen?

Manches schon. Anderes nicht. Aber entscheidet selbst, wer euch eure Zugänge legt oder die Katheter: Der Arzt, der es schon einmal gesehen hat. Oder die Pflege, die es täglich mehrfach praktiziert. Ansonsten: Natürlich. Immer der Arzt. Das schafft Freizeit. Danke. Wir kommen dann gerne später, legen euch einen Eisbeutel auf und streichen den Angstschweiß von der Stirn. (Und bevor ein Arzt jetzt weint: Ihr seid toll! Und ihr könnt alles vieles! (Also die meisten!))

 

Dieser Blogbeitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihr könnt aber gerne eure Highlights kommentieren.

Zudem enthält er Spuren von Ironie bis zum Sarkasmus. Habt ihr gemerkt, nicht wahr?

Wer bin ich?

Ein Gedicht, dass mich fast schon mein ganzes Leben begleitet und tief berührt ist „Wer bin ich?“  von dem Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb es als Gefangener in einer Zelle Berliner Militärgefängnisses.
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss
 
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschli
cher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich?
Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! (Dietrich Bonhoeffer)
Ich habe diese wunderbar, berührende Gedicht ein wenig umgeschrieben. Natürlich lässt sich die Situation der Pflege nicht mit den Gräueltaten der NS-Zeit vergleichen. Mit geht es hier um die Frage alle Fragen.
Der äußere Schein, der gewahrt werden will und muss und das Innenleben harmonieren nicht immer – um es mal vorsichtig zu formulieren.Und das müssen sie auch nicht. Der Mensch lebt nun mal eben in diesem Spannungsverhältnis. #isso.

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Bildquelle: Pixabay

Wer bin ich als Pflegeperson?
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich liefe über die Flure der Notaufnahme
gelassen und kompetent und mit Humor gesegnet
wie eine Gutsherrin aus seinem Schloss.
 
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit Kollegen, Ärzten, Patienten und Angehörigen
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Stresses
gleichmütig, lächelnd und scherzend,
wie eine, die Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, gestresst, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach den nächsten freien Tagen, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach maßvollem Handeln der Ärzte, nach einem Dankeschön, nach Gummibärchen,
dürstend nach Annerkennung, nach Kollegen, mit denen man gerne und gut arbeiten kann, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Patienten in kritischem Zustand
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von der Pflege Abschied zu nehmen?
Wer bin ich?
 
Bin ich denn heute diese und morgen eine andere?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Wer bin ich? Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! (Notaufnahmeschwester/Dietrich Bonhoeffer)

Eulenkeksseelenschmerzkompensationsbacken

Eine entfernt wohnende Freundin von mir backt derzeit viel. Ich stelle mir dann immer vor: Wenn das Backwerk besonders zauberhaft gelungen ist, bröckelt wieder ein kleines Herzeleid von der Seele ab.

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Eulenkekse

Ja – warum hat sie denn nun so Herzeleid? (Ich hör euch doch schon ungeduldig mit den Hufen scharren. Notaufnahmeschwester: komm zu Potte!)

Sie verzweifelt am System. An der Berufung. Am Spaß an der Arbeit. An den Kollegen. An Pflegedienstleitungen.

Dabei fing alles so vielversprechend an. Nach zig Jahren im Krankenhaus auf ein und derselben Station wollte sie mal etwas Neues machen. Eine neue Herausforderungen wagen. Mal wieder was anderes sehen. Dazulernen. Durchaus legitim, wenn man jung ist. Und weil wir nicht jeden Tag miteinander sprechen, sondern nur manchmal, fragte ich neulich mal nach, wie denn das Leben jetzt so ist.

Folgender Dialog entstand:

„Ich bin nicht mehr in der Klinik, weil es mehr als schlimm war. Keine Einarbeitung, Stress und Druck von allen Seiten, null Verständnis und Kollegen die alle ans kündigen denken. Einarbeitung gab es nicht wirklich. Die Ärzte nehmen auch nicht immer Rücksicht und die Kollegen sind auch alle nur am Schimpfen. Zuviel Druck, zu wenig Zeit und kein richtiges Team. Der beliebteste Satz in der Klinik war: Not schafft Kompetenz! Es gibt bestimmt auch Leute, die das aushalten. Ich fand es mehr als unmenschlich.“

Da war ich erst mal baff. Ich kenne sie als eine Person, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Die nichts so leicht aus dem Konzept bringt. Dazu hat sie eine gesunde Portion Humor und Selbstironie. Etwas, das herrlich und  unerlässlich im Klinikalltag ist.

Ich weiß natürlich, dass solche Arbeitsbedingungen an der Tagesordnung sind. Zeit ist  Mangelware. Druck wird immer nach unten weitergegeben. Ein Neuanfang  ist nie einfach.

Aber so?

„Baff“ wurde aber schnell abgelöst von Trauer, Zorn und Wut.

Da kommt jemand frisch in ein Team und einen neuen und fremden Fachbereich. Was geht da manchen „Kollegen“ wohl so durch den Kopf? „Ihhhh. Neu. Die kann ja nix!. Och – da hab ich aber keinen Bock darauf! Die soll mal schön selber sehen, wie sie klar kommt!“

Ich versteh schon: nicht jede neue Nase passt. Aber hey – es ist eine neue Chance für alle. Ein neuer Rücken, auf den die viele, anfallende Arbeit verteilt werden können. Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann ist jeder eingearbeitet.

Was läuft da schief, dass neue Kollegen so bescheuert behandelt werden?  Dass die so oft alleine gelassen werden und somit natürlich an einem neuen System/ Klinikalltag/ Strukturen scheitern müssen? (Und diese Art der Geschichte ist schließlich nicht die erste, die ich so höre. Ich höre sie oft. Zu oft.)

Ja. Ich bin eine Sozialromantikerin.

Ich bin der Meinung, je netter ich jemanden aufnehme und vernünftig einarbeite, desto schneller kann er sich integrieren.

Oder ich lasse ihn eben links liegen – wie hier in diesem Fall. „Schau doch, wie du mit deinem Scheiß zurecht kommst. Interessiert uns nicht. Ob du da bist, oder nicht. Mir doch egal.“ (An die Geschichte mit Not schafft Kompetenz möchte ich gar nicht denken. Da kannste nur beten, dass du da nie Patient sein wirst…)

Gehts noch?

Selbst möchte man auch nicht so eingearbeitet und behandelt werden. Warum sollte ich es also mit anderen so machen wollen? Wie viel Frust, Überarbeitung und persönliche, fiese Geschichten stecken hinter so einem Verhalten?

Wenn wir aus der Pflege doch wissen, dass Personal immer knapper wird – wieso machen wir es uns und den neuen Kollegen so schwer?

Soviel kann man gar nicht mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen. Ich versteh es nicht. Ich hab es nie verstanden und ich werde es in Ewigkeit Amen nicht verstehen.

Aber die Geschichte ging noch weiter. Der Mut, aus der Struktur der alten Arbeitsstelle zu wechseln, wurde zu einem neuen Mut, zu sagen: „So nicht. Das will ich nicht. So möchte ich nicht arbeiten.“

Sie beschloss, wieder zu ihrem alten Arbeitgeber zurückzukehren, denn sie ging ja nicht weg, weil es dort blöd war, sondern weil die Neues dazulernen wollte.

Die Geschichte könnte jetzt damit enden, dass sich alle glückselig in die Armen sanken und fortan in Freude und Glück lebten. Ein verlorenes Schäfchen! Eingearbeitet! Zurück an die Base? Hurra. Schlachtet ein Schwein und holt den besten Arbeitskittel aus dem Keller. Denn unser Schäfchen ist wieder zurück.

Nix da.

Es gab ein formales Bewerbungsgspräch, als wäre sie nie jahrelang tagein nachtaus in diesem Krankenhaus gewesen.

„… was ich unter Pflege verstehe. Wie ich mit Kritik umgehen kann, ob ich Teamfähig bin. Und egal wie ausgiebig meine Antwort war, mussten sie jedes mal noch dreimal weiter bohren, bis ich auch nicht mehr weiter wusste. Sie haben mich total verunsichert und auseinandergenommen. Das ganze Gespräch war richtig von oben herab. Das hätte ich nie gedacht – zumal sie doch wussten, dass es für mich bestimmt nicht einfach war, wieder anzukommen. Es fragt sich auch keiner, warum die Leute gehen. Wenn dann jemand ne zweite Chance möchte, kriegt man nen Arschtritt.“

Da fällt dir nichts mehr ein. Da fällt mir nichts mehr ein!

War da nicht was von Pflegenotstand und wie schwierig es ist, gutes Personal zu bekommen? Ich hab mich mit dem ein oder anderen Chef unterhalten und höre mir an, was sich da teilweise für Leute bewerben:

„Nachtdienst? Och. Lieber nicht. Da bekomme ich immer so Kopfschmerzen. Das ist ganz schlecht für mich. So hatte ich mir das nicht gedacht.“

Zeugnisse, bei denen man sich fragt: wie kommen die Leute darauf, sich damit zu bewerben.

Zeugnisse, bei denen man sich den Verdachtes nicht erwehren kann, dass der, der dich bewirbt so überhaupt keine Lust au den Job hat.

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Eckart von Hirschhausen / Facebook

Und dann gibt es eben auch PDLs, die sagen: „Och. Nö.“ Ohne Begründung. Ohne persönliches Telefonat. Schließlich kannte man sich ja seit Jahren.

Bestimmt gab es einen guten Grund. Einen, der sich mir nicht erschließt. Aber bestimmt einen tiptop Grund. Muss ja. Denn wie sonst könnte es sich eine Klinik leisten, auf eine gute Kraft zu verzichten.

Lieber kann man möglicherweise stattdessen einen Arbeitskreis gründen, warum das Pflegepersonal nicht dableibt. Oder wie man welche dazugewinnt. Also halt nicht alle. Andere. Immer Mittwochs ab 13 Uhr im Besprechnungsraum.

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Und nein: So etwas macht in Zeiten der weltweiten Netzkommunikation auch nicht die Runde. Nönö. „Du – wo soll ich mich bewerben? Bei dir in deiner Klinik?“ „UMGOTTESWILLEN! NEIN! Die gehen nicht wirklich nett mit ihrem Personal um.“

Es blutet mit das Herz. Wie wollen so Bedingungen geschaffen werden, damit die Pflege wieder in Strümpfe kommt, wenn es schon an so vielem, grundlegendem hapert?

Ach so. Ja. Stimmt. Es gibt vielleicht bald eine neue Form der Ausbildung. Das reißt es dann heraus. Da werden viele sagen: Ach – jetzt mit der generalisierten Pflegeausbildung – da mag ich ja sofort anfangen. Scheiß auf Geld, Wertschätzung und gute Bedingungen, unter denen man gerne arbeiten möchte.

Wie wäre es, wir würden erst einmal mit ein wenig mehr und grundlegender Empathie beginnen? Mit Wertschätzung untereinander? Oben wie unten? Allen voran ein guter und anständiger Umgang miteinander? Damit man wieder Lust bekommt, in solchen Strukturen zu arbeiten? Dass wir wieder gerne Helden sein mögen? Nur so als kleiner Anfang?

Sonst kommt meine Freundin gar nicht mehr aus dem Keks- und Kuchen backen heraus!

Sie fand jetzt übrigens doch ihr Glück.

„Die in der neuen Klinik sind bis jetzt alle das ganz krasse Gegenteil. Das Gespräch war mehr als angenehm und heute hat mich sogar die Fachbereichsleitung angerufen. Sie wollte sich vorstellen und hat mir schon bisschen was erzählt, weil sie leider nicht da ist. Sie wollte sich aber melden und sie freuen sich alle schon, dass ich ins Team komme. Auch, ob es okay ist, dem Leiter meine Telefonnummer zu geben. Der würde sich nämlich auch bei mir melden und meinen Dienstplan durchgehen. Ich dachte nach all dem Scheiß, ich bin im falschen Film.“ 🙂

Guck an. So geht es doch auch!

Es wird dennoch ein Weilchen dauern, bis diese Herzenwunden „verbacken“ sind.

 

 

 

 

 

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