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Notaufnahme

Die Counter Terroristen lauern hinter der nächsten Ecke

Ein neuer Podcast. Hurra.

 

Podcastspaßdauer: 42:44 min

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Mit Daniel begebe ich mich nach „Damals“. Das Internet. Unendliche Weiten. Noch gänzlich ohne YouTube, Insta oder Facebook. Es war ein Gebiet, dass zunächst nicht jedermann zugänglich war. Dafür war es verheißungsvoll. Schnell. Hart und sehr, sehr spannend. Ungefähr so, wie heute die Notaufnahme, in der Daniel jetzt arbeitet.

Daniel ist ein Beispiel dafür, wie Internet Skeptiker,  Zocker und -Angstmacherpaniker eines Besseren belehrt werden könnten: Anstatt Terrorist zu werden, ist aus dem Zocker ein Pflegemensch geworden.

Wenn ihr diesen Podcast hört – werte Freunde – seid Ihr ebenfalls einen großen Schritt weiter, sollte uns dereinst eine Zombie-Apokalypse heimsuchen.

Ebenfalls könnt ihr staunen, wie die Bestimmung von Vitalparameter einen zu einem ziemlich guten Pokerspieler machen können.

Und was bitte schön hat das alles mit einer Notaufnahem zu tun? Spielen hilft. Nicht bei jedem – aber bei Daniel bestimmt. Denn den Rat von Yoda hat er befolgt. Jetzt dient es ihm.

 

Yoda
So ein ähnliches Meme könnt Ihr übrigens selbst erstellen mit dem Meme Generator. https://imgflip.com/memegenerator

Der Nerd in mir klatscht jedenfalls begeistert in die Hände.

Wann ist die beste Zeit um in eine Notaufnahme zu gehen?

Das ist eine Frage, die immer wieder bei den Suchbegriffen auftaucht.

In eine Notaufnahme geht man, wenn man in „Not“ ist.

Nachdem Krankheiten oder Unfälle selten vorhersehbar ist, ist die Frage wiederum eigentlich überflüssig. Nicht wahr?

Damit wäre dieser Blogbeitrag auch geschrieben. Ende Gelände.

(Gut – man geht auch, wenn man einen Fetisch hat und gerne von dem netten, weiblichen Personal eine neue Windel haben möchte. Mit 49 Jahren. Weil man gerade in der Gegend war und es seit Wochen hier und da zwickt. Oder weil man noch Licht brennen sah.)

 

 BildquellePixabay

 

Ansonsten gibt es tatsächlich auch günstige Zeiten. Ich habe allerdings in fast 20 Jahren noch nicht rausbekommen, wann das ist. Aber es gibt sie – hin und wieder.

Dienstags um 17 Uhr? Oder Mittwoch morgens um 11 Uhr? Gar am Samstag um 20.15? Oder wenn Fußball kommt? Wenn Prinzen und Prinzessinnen heiraten?

Es ist unvorhersehbar. Manchmal hat man Glück. Da wird man direkt durchgewunken. Manchmal hat man Pech. Dann muss man lange sitzen. Alles ist möglich. Wie im wahren Leben.

Notfälle passieren. Der Herzinfarkt in der Küche. Der Sturz vom Pferd oder Fahrrad. Ein Schlaganfall beim Grillen. Das alles ist nicht zeitlich terminiert.

Wobei wir festgestellt haben: Eine Krankheit kommt selten alleine. Wo ein Herzinfarkt ist, kommt gerne noch ein zweiter, dritte oder mehr dazu. Manchmal ist „Knochenbruchwetter“. Jeder, der kommt, hat sich irgendeinen Knochen gebrochen. Nicht  bloß verstaucht. Kaputt. Und dann ist Kopfschmerz und Mirgänewetter. Aua. Oder Atemwegserkrankungstiefdruckgebiet.

 

Ich hingegen frage mich ja, vom wem wohl solche Fragen kommen. Von besonders vorsichtigen Menschen – in der Art von: Hm. Sollte ich mal einen Herzinfarkt bekommen….. möchte ich ihn gerne um 14 Uhr am Freitag haben. Wenn ich mich heute Abend beim Gläserspülen in den Finger schneide – lohnt es sich noch, etwas zu warten bis ich meinen Finger versorgen lasse, weil es dann möglicherweise nicht so viele Patienten gibt? Bitte einen Schlaganfall nur, wenn Fußball kommt und nur, wenn ein Nichtfußballliebhaber Dienst hat. Die Gallenkolik bitte nach dem Festessen. Wenn ich stürze, dann bitte immer erst nach der Hochzeit. Nicht davor!

Merkt Ihr selber – Nicht wahr?

Nichts desto trotz: Wenn Ihr ein „Notfall“ seid, werdet ihr behandelt – je nach schwere des Notfalls sofort – oder mit Wartezeit. Mit all unserem Wissen und Können. Und das ist doch eigentlich das Wichtigste. Oder?

 

 

Meine Ruh ist hin

Alle, die keine Klassik mögen – ihr müsst heute was anderes lesen. Ich habe keine Geschichte für euch.

Alle anderen können/ sollen/ müssen  meine  bekloppten erhebenden Gedanken dazu  weiterlesen.

Heute hätte Franz Schubert seinen 219. Geburtstag. Ich mag ihn sehr. Spätestens seit ich mich das erste Mal verliebt hatte und das „Gretchen am Spinnrad“ hörte. Kaum einer bringt diese „Herzen in Aufruhr -Geschichte“ so gut hin.

Ich stieß also – mehr so innerlich- mit einem Gläschen Sekt auf Franz Schubert und das Gretchen an. Und dachte: Manches passt 1 : 1 auf die Arbeit. In ein Krankenhaus. In eine Notaufnahme.

Willkommen bei Franz und Gretchen in der Notaufnahme

 

    Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Nachtschicht. Ich hör dir trapsen. Nächste Woche ist es wieder soweit. Da ist meine Ruh auch hin. Und mein Herz wird schwer. Und finden? Finden werde ich sie in den folgenen Nächten nimmer und nimmermehr. 

      Wo ich ihn nicht hab,
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.

So kann es einem gehen, wenn der Arzt nicht kommt. Der Patient nörgelt, weil der Arzt fehlt und der Angehörige wundert sich , warum es so lange dauert. Das kann einem die Welt/ Schicht durchaus vergällen.

      Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Meiner armer Sinn
Ist mir zerstückt.

Wie fühlt sich eine Migräne an? Genauso fühlt es sich an! Genauso. Ein armer, verrückter Kopf.  Ein armer, zerstückter Sinn.

      Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Die Ruhe ist ebenfalls hin, wenn man Patienten hat, die sehr instabil sind. Da schleicht man  um die Liege herum, den Beatmungsbeutel im Visier, und den Kram zur Intubation griffbereit.

      Nach ihm nur schau ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh ich
Aus dem Haus.

Zum Fenster hinauschauen ist die etwas altmodische Variante, dem säumenden Arzt hinterher zu telefonieren.

      Sein hoher Gang,
Sein edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,

Und dann kommt er! Mit viel Glück kommt jemand mit hohem Gang und edler Gestalt. Wenn nicht – auch schon wurscht. Hauptsache, es geht irgendwie weiter. Manchmal sind ja auch echte Sahneschnittchen dabei.

      Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach! sein Kuß!

Sahneschnittchen Ärzte können durchaus unfassbar lustig und komisch sein. Auch rasend gutaussehend. Manche verstehen dazu ihr Handwerk. Das ist großartig. Da macht es Freude, zu arbeiten. Aber küssen. Pfff.  Sowas machen wir nicht. Das ist erfunden! Das weiß man doch! 

      Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Liebe im Krankenhaus kommt ausschließlich in Arztromanen vor. Stop. Halt. Ich hab meinen Mann…. IN ARZTROMANEN! NUR DA!

      Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin,
Ach dürft ich fassen
Und halten ihn,

So ähnlich kam ich mir neulich vor, als ich mit einem unglaublich dicken, älteren Herrn auf der Toilette war. „Schwester – ich muss mal!“ So hoch und zerbrechlich seine Stimme auch klang – auf dem Klo war es dann dezent anderes. Er drängte sich an meinen Busen. Und wollte ihn fassen. Gerne auch halten. Ich nicht.

      Und küssen ihn,
So wie ich wollt,
An seinen Küssen
Vergehen sollt!

Ach. Das waren noch Zeiten. Damals mit dem Gatten und den Geschichten, die ausschließlich in Arztromen vorkommen . NUR IN ARZTROMANEN! *hüstel*

Gretchen im Spinnrad. Tolles Stück. So gegenwärtig. Ich liebe es.

29 Gründe für einen Launenabfall

  1. Ich erwache durch Würgegeräusche der Katze. Sie hat an meiner Topfpflanze genagt und erbricht kleine Blüten.
  2. Ich bemerke einen mödermäßigen Pickel. Ich bin zu alt für Pickel.
  3. Die Sonne scheint herrlich – genau in dem Augenblick, als ich auf der Arbeit ankomme. Vorher: Regen
  4. Die Notaufnahme ist so voll, dass ich sofort anfange, die Melodie von Tetris zu singen: Belegte Liegen kreuz und quer im Gang, Rollstühle, eine Triageliste, die schier aus den Nähten platzte.
  5. Die Angehörigen, die ich aufgerufen habe und nicht kamen, beschweren sich, weil ihnen keiner Bescheid gegeben hätte. Dann fiel ihnen ein, dass sie tatsächlich mal eine rauchen waren.
  6. Die Patientin, die zum CT muss, um dann auf Station zu gehen, braucht noch ein Antibiotikum.
  7. Die Patientin, die beim CT war, ihr Antibiotikum bekam, muss doch noch zum Röntgen.
  8. Die Patientin, die beim CT war, ihr Antibiotikum bekam und beim Röntgen sitzt, wird jetzt abgeholt.
  9. Die Rettungsleitstelle ruft so oft an, dass ich mich mit der Mitarbeiterin fast auf einen Kaffee verabreden möchte – so viel sprechen wir heute miteinander.
  10. Die Patientin, die vom Rettungsdienst gebracht wird, hat einen MRSA, wie ich zufällig in den Akten – im Kleingedruckten – las.
  11. Das Zimmer für die Patientin mit dem MRSA ist belegt: Von der Patientin, die beim CT war, ihr Antibiotikum bekam und jetzt auch ihr Röntgenbild hat. Aber die Station kommt nicht. „Ich komm doch nicht ständig, um Leute abzuholen, die nicht fertig sind!“
  12. Die Kaffeepads sind alle.
  13. Eine spastisch gelähmte Frau braucht einen zirkulären Gips, den wir nur zu dritt  anlegen können. Wir schwitzen alle sehr.
  14. Die Patientin, die sich vor Weihnachten den einen Arm und jetzt den andere gebrochen hat, beschwert sich lautstark und ausgiebig über ihr Handy , „das Scheißding“, dass nur noch 39 Prozent Akku hat. Jetzt – wo sie doch ihre Eltern anrufen will. Beim Gipsen redet sie ununterbrochen von ihrem Handy und kann nicht still sitzen. Wir gipsen zu zweit.
  15. Eine ehemalige Kollegin schreibt mir eine Nachricht: Sie arbeitet seit kurzem bei Helios und soll sich eine „Helios Bibel“ für 50 Euro zulegen. Ich habe Fragezeichen in den Augen. Sachen gibt`s.
  16. Das Labor ruf an, um mitzuteilen, dass die Patientin mit dem MRSA keinen mehr hat. Aber da ist es auch schon wurscht, denn das Zimmer ist ausgeräumt, sämtliche Schutzmaßnahmen ergriffen und nach der Behandlung kann ich mir  immer noch den schweißnassen den Kittel wechseln gehen.
  17. Ich esse Salat zum Abendbrot, sehe dabei Nachrichten, wie Pottwale gestrandet sind. Man betont, wie wichtig die fachgerechte Entsorgung der Kadaver ist, weil Pottwale sonst durch Fäulnisgase „explodieren“. Das Ganze wird gezeigt. Ich hätte besser einen  Activia – Joghurt essen sollen und fühle mich nicht mehr so gut.
  18.  Die Kollegin verschiebt Patienten und legt sie in anderer Zimmer. Nach der Pause bin ich verwirrt, weil sich alle Patientinnen ab 85 an diesem Tag sehr ähnlich sehen: Klein, dünn, graue, kurze Löckchen
  19. Der Patientin, die sich nicht traut, aufzustehen, schiebe ich die Schüssel unter. Sie musste wirklich. Die Schüssel ist so voll, das sie beim Hervorziehen überschwappt und alles überschwemmt. Nun will sie doch aufstehen, damit ich die Liege frisch machen kann.
  20. Der Drucker funktioniert nicht. Ausgerechnet jetzt, als der Arzt gefühlte 200 Seiten ausdrucken wollte. Der Techniker ist informiert, wartet aber auf ein wichtiges Teil, dass erst am Montag gebracht wird. Jetzt drucken wir auf einem Drucker am anderen Ende der Notaufnahme. Jeder Schritt macht fit!
  21. Ein besoffener Mann wird mit Polizeischutz gebracht. Er wollte nicht so recht. Nun krakel er herum, aber die Polizei kann nicht bleiben.  Kurz danach  schnarcht er so laut, dass man es durch die ganze Notaufnahme hören kann. Der Raum füllt sich dadurch mit stark alkoholisierter  Ausatemluft.ICh fühle mich fast schon angeschickert.
  22. Die Röntgenassistentin keift mich am Telefon an, wo ihre Patientin bleibt. Schließlich hätte sie auch noch anderes zu tun, Himmelherrgottnocheinmal. Das Telefon klebt mir zwischen Ohr und Hals, denn ich mache die Patientin gerade sauber. Stuhlgang nach fünf Tagen wollen entsorgt werden.
  23. Der besoffene Mann warnt mich, dass ich ihn bloß nicht anfassen soll. Ich lass die Finger von ihm.
  24. Der besoffene Mann wacht auf und brüllt, dass er dringend mal muss. Wir halten ihn zu zweit aufrecht, weil er nur im Stehen pinkeln mag, sonst „hau ich euch aufs Maul!“ Danach schläft er wieder ein.
  25. Der besoffene Mann wacht auf und brüllt, dass er dringend mal muss. Wir halten ihn zu zweit aufrecht, weil er nur im Stehen pinkeln mag, sonst „hau ich euch aufs Maul!“ Danach schläft er wieder ein.
  26. Der besoffene Mann beschimpft uns als blöde, verfickte Arschlöcher.
  27. Ein junger Mann hat irgendwie ein „komisches Gefühl“. Schließlich bezahlt er ja in die Krankenkasse, damit man das ja dann auch einmal abklären kann. Jetzt!
  28. Er liegt mit dem besoffenen Mann zusammen,  weil es keinen anderen Platz mehr gibt. Da macht ihn demütig und dankbar. „Was es nicht alles gibt!“ Vielleicht liegt sein komisches Gefühl auch daran – fällt ihm ein – dass er die letzten Tage recht wenig geschlafen hat. Er hatte wichtigen  Besuch.
  29. Ein Patient gibt uns seine aktuelle „Beschwerdenliste“. Wir lesen -liebevoll notiert – von Pressversuchen bei Problemen mit dem Stuhlgang seit zwei Tagen und „teilweise Darmentleerung unter erheblichen Schmerzen“. Für ein Klistier fehlte ihm der Mut. Daher hat er den Versuch abgebrochen und ersucht nun unsere Hilfe bei der vollständigen Darmentleerung.opposites-484354_960_720

Wir gehen nach Hause. Sonst war es ganz nett.

Bildquelle: Pixabay.

Ich rege mich auf. Flüchtlinge in der Notaufnahme

Eine junge syrische Frau kommt aus einer Flüchtlingsunterkunft mit einem Krampfanfall in die Notaufnahme.

Ein Routinefall. Aber nur fast, denn seit jenem Tag gibt es neue Hygienebestimmungen anlässlich der aktuellen Flüchtlingssituation. Klar. Muss sein. Hygiene ist wichtig.

Jeder Flüchtling soll isoliert werden, bekommt Haar- und Mundschutz (Läuse und  Tbc,), wird (bei einem möglichen stationären Aufenthalt) komplett entkleidet, Klamotten in eine Tüte  (und den Angehörigen mitgegeben mit der Bitte, sie bei 60° zu waschen: Flöhe, Krätzmilben). Ein Schwangerschaftstest bei Frauen ist wegen möglicher Röntgenuntersuchungen Standard. 

Das Pflegepersonal hat für sich selbst Schutzmaßnahmen zu ergreifen – Mund – und Haarschutz, Handschuhe sowie einen Schutzkittel. 

Die Räume sollen später – ähnlich wie ein einem anderen infektiösen Patienten – gereinigt werden. 

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Bildquelle: Pixabay

So weit – so gut. In der Realität ist das dann ungefähr so:

Da stand ich dann also bei der jungen Frau, die leicht schnarchend auf der Liege lag, nachdem der Notarzt erfolgreich den Krampfanfall mit allerlei Mittelchen durchbrochen hatte.

Das Behandlungszimmer war ausgeräumt, wie bei einem MRSA Fall. Ich war vermummt bis zur Halskrause.

In der einen Hand hielt ich den Haarschutz und überlegte, wie ich die wallenden Haare bis zum Po wohl unterbringen könnte. In der anderen den Mundschutz, Sauerstoffschnüdel irgendwie darunter fummeln. Komplett entkleiden. Laut der neuen Hygienevorschrift war ich also erstmal gut 20 Minuten damit beschäftigt, alle Standards und Anforderungen zu erfüllen.

Da stehst du also an der Liege einer jungen Frau im Dämmerschlaf nach ihrem Anfall und hörst am besten auf zu denken. Selten Noch nie habe ich mich so bescheuert bei einem Katheterurin gefühlt. Denn der Schwangerschaftstest sollte ja auch noch sein- für die anschließende CT Untersuchung. 

Du denkst nicht an mögliche sexuelle Übergriffe, die diese junge Frau möglicherweise erlebt haben könnte. Du denkst nicht an die Scham, die man dabei empfindet, wenn man urplötzlich im Schritt desinfiziert  wird und ein Röhrchen in die Harnröhre geschoben bekommt.

Denken! Aus! 

Hygiene ist prima. Keine Frage. Aber hier war ich danach erst einmal emotional „durch“.

Am nächsten Tag kam ein Flüchtling mit seinen Kumpels. Einer hatte eine kleine Verletzung, der andere wusste den Weg in die Klinik, der nächste konnte ein bisschen englisch. Mach ich jetzt eine Kohortenisolierung, wenn sich der Arzt die Verletzung anschauen will und die Kumpels – zwecks der Unterstützung in Sprache und emotionaler Stabilität – dabei bleiben wollen?

Mirgranten und Flüchtlinge sind es jetzt also, die unseren Klinikalltag gehörig durcheinander bringen. (Ebola ist glücklicherweise derzeit rum) Wer aus einer Flüchtlingsunterkunft kommt, steht per se unter Generalverdacht.

Läuse, Flöhe, Tbc, Hepatitis, HIV und was es sonst noch da Schönes gibt aus der wunderbaren Welt der Bakterien und Viren, Pilze und Parasiten – das alles wollen wir nicht haben. Zack. Ab in die Isolierung. Bäh.

Kurioserweise gibt es wiederum eine gesetzliche Bestimmung, dass jeder Migrant innerhalb von drei Tagen nach der Registrierung eine Gesundheitsüberpfüfung durch das Gesundheitsamt erhalten haben sollte, die standardmäßig eine Blutuntersuchung auf Hepatitis und HIV sowie ein Tbc-Screening enthält.

Nun. Vielleicht macht das Gesundheitsamt Fehler. Man weiß es ja nicht. Oder ist derart überlastet, dass wir in  der Klinik das ganze Programm noch mal starten.

Es macht mich sauer. Es macht mich hilflos und ich möchte gerne mit dem Fuß aufstampfen. Aber das sieht ja auch immer albern aus.

Ich habe Kinder, die Läuse hatten. Läuse gehen ja ständig um, wenn man Kinder hat, die in Schule oder Kindergarten sind. Ich selbst hatte noch nie welche. Komisch. Oder?

Vielleicht sollten wir in Zukunft auch alle Kinder isolieren? Man weiß ja nie. Eine Lausfreie Gegenwart und Zukunft will schließlich jeder.

Jeder Obdachlose hingegen, der von der Straße oder aus irgendeiner Gemeinschaftsunterkunft oder sonst woher kommt, wird hingegen nicht isoliert. Die sind ja auch schon von „hier“. Da hat man so was alles nicht. Natürlich haben die auch alle einen perfekten Impfstatus. Immer! Das weiß man doch!

Gut. Vielleicht haben sie Maden in den Beine, nachdem man die eingewachsene Socke abgeknibbelt hat. Aber doch nichts, was ansteckend sein könnte.

Bei den Knastbrüdern, die zu uns kommen hingegen weiß man immerhin schon mal, was sie alles haben. Das wird „schwarz auf weiß“ gleich mitgeliefert. Isoliert werden sie auch nicht.

Es ist mit Sicherheit richtig, dass besondere Situationen besondere Maßnahmen erfordern. Aber bei manchen greif ich mir an den Kopf. Oder ich bin einfach zu beschränkt in meinem Denken, als das ich das nachvollziehen könnte, was so offensichtlich ist?

Eine Notaufnahme ist ein besonderer Ort. Hier kommt alles zusammen. Hier kennst du erst einmal keinen. Du weißt (meisten) nicht, was einer an Keimen oder Clamboflyzieen mitbringt. (Vorsicht: Nicht googlen. Eigene Wortschöpfung).

Es ist ein sensibler Bereich. Dementsprechend verhalten wir uns. Zu unserem Schutz und zum Schutz der anderen Patienten. Aber eine Menschengruppe einfach mal so behandeln zu müssen, als hätten sie alle Clambofylzieen dieser Welt – das empört mich zutiefst.

(Achtung, dieser Beitrag kann Spuren von Ironie, Verzweiflung sowie Ahnungslosigkeit und Empörung enthalten)

#Poetisiert euch! Kopfkino in der Notaufnahme

Manchmal ist es stink langweilig. Ein Alltag in einer Notaufnahme hat mitunter viel Routine. Das 97 Sprungelenk, das sich einer verdreht hat, ist nur für den Patienten interessant. Die 5 Blasenentzündung lockt einen nicht mehr zu Bedauernsausrufen. Und gebrochene Knochen werden halt gegipst. Freundlich.

Das ist es gut, wenn man seinen Geist ein wenig beschäftigt.

In solchen „flauen“ Zeiten dichte und fabuliere ich so vor mich hin. Ich kann nicht anders. EIN Reizwort und ich bin drin.  So was nennt man wohl „Sozialisation“.

Ein Auswahl.

Es ist morgens um halb vier. Der Chirurg/Internist kommt zum 7. Mal in dieser Nacht den weiten Weg von seinem Bett zurück (Der Arzt an sich ist ein Träumer – er hat sich noch kein einziges Mal ins Bett gelegt, obwohl er guten Mutes war. Er stand also in Wirklichkeit mehr davor), um Menschen in Not zuhelfen. (Vorgestern umgeknickt, entzündeter Fingernagel/ Bauchweh seit gestern, Schupfen seit vier Tagen) Der Blick wird von Stunde zu Stunde glasiger.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein. ( Rainer Maria Rilke – Der Panther)

Es kommen mir Lieder in den Sinn, die ich seit meiner Kindheit kenne und liebe . Zack – sind sie im Gedächtnis. Selten wurde ein Asthmaanfall passender beschrieben:…. und die Hälse schnüren zu.

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Einer erzählt, wie er auf glattem Boden ausgerutscht ist. (Wahlweise Schnupfen) Kopfkino. Richard Wagner. „Garstig glatter glitschiger Glimmer! Wie gleit‘ ich aus! Mit Händen und Füßen – nicht fasse noch halt‘ ich das schlecke Geschlüpfer!“

Ein Kollege fragt: „Kommst du mit?“…. und ich folge ihm gleichfalls. Mit freudigem Schritte.

Die Patientin sagt: „Meine Freundin wollte noch nachkommen. Seltsam, dass sie noch nicht da ist.“

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein. (Hermann Hesse)

Ein Patient kommt – mit nasser Hose. „Neigschifft“ (=hinein gepinkelt)

„Bist du bald fertig?“ werde ich gefragt? Und ich antworte: “ Gib mir noch zwei südlichere Tage….“

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Erstaunlich. Alles sehr erstaunlich.

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