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Nachtdienst

Beulen, blaue Flecken und Blessuren

Manche Nachtdienste werden einem ewig in Erinnerung bleiben. Weil es besonderes lustig war – so insgesamt. Gutes Team wohin das Auge blickt. An manche Nächte erinnert man sich, weil man den Hintern kaum hochbekommen hat und jeder Handgriff vor Müdigkeit fast weh tat. So in der Richtung. Oder weil es der letzte Dienst mit der lieb gewonnenen Kollegin war. Du erinnerst dich an Menschen, die ihren Liebsten verloren haben und du den Klinikseelsorger angerufen hast. All das bleib irgendwo im Hinterstübchen haften. Und sucht sich so hin und wieder seinen Weg ins hier und heute.

Die letzten Nächte waren so, dass ich sie irgendwo in mein Herzenskämmerlein packen werde. Also demnächst. Denn aktuell ist es noch zu frisch.

Es ist ja so, dass ich Menschen sehe, die schwer verletzt sind, die sich Körperteile gebrochen haben, die insgesamt von ihrer ursprünglichen Schönheit deutliche Einbußen hinnehmen mussten. Viele Sachen gruseln einen – immer noch nach all den Jahren.  Aber das ist Alltag.

Wenn einen also nach all dieser Zeit noch etwas beeindrucken will, dann muss es schon etwas „mehr“ sein.

Gleich in der ersten Nacht kam einer unser „Stammkundin“. Ich erkenne sie mittlerweile durch die Sprechanlage. Selbstverletzung – ich hör dir klingeln – von wegen Nachtigall. Zwei Tage zuvor war sie schon dagewesen. Da liegen sie mit meist  hilflosem, dünnen Lächeln und lassen sich ihr Herzeleid wieder zusammen tackern oder nähen. Es tut mir in der Seele weh. All diese kleinen, hübschen Mädchen ritzen sich, was das Zeugs hält. Mal tiefer, mal schwächer. Manchmal so, dass sie Tür zugeht und erst nach einer Stunde wieder geöffnet wird. Je nach Intensität des Schmerzes muss geflickt werden. Leider nicht die Seelchen. Nur die Haut.

„Läuft gerade nicht so bei mir“. Allein diese kleine Stimme rührt mein Herz. „Ja. Morgen hab ich einen Termin bei meiner Betreuerin/ Psychologin/ Psychiaterin“. Und übermorgen siehst du sie wieder. Und kannst schon fast die Fäden vom letzten Mal ziehen. Ich wünschte ich hätte ein Rezept, einen Satz, ein Wort, ein Lied um das Leid zu mildern. Um wirklich helfen zu können. Nicht nur einen weitern popeligen Verband um Arme oder Beine zu wickeln. Ach.

In der nächsten Nacht kam eine Frau, die aus Erwin Strittmatter Buch „Der Laden“ entsprungen sein muss. Dort nannte Strittmatter seine Oma die „anderthalb Meter Großmutter“. Winzig klein mit schlohweißem Haar war sie auf der Liege der Sanis kaum zu sehen. Ein weißer Verband zierte ihren Kopf. Es hätte noch eine Feder gefehlt. Die anderthalb Meter Großmutter versus Pocahontas in uralt.

Ihr Backe war gigantisch angeschwollen. Sowas sieht man auch nicht alle Tage. Blutverdünnungsmedikamente machen es möglich.  Sie knallet drei Stunden zuvor auf die Küchenfliesen. Bis sie sich entschied, drei Stunden später doch den Hausnotrufknopf zu drücken. Solche Dinge wollen gut überlegt sein. Man möchte ja niemanden stören und zur Last fallen. Ja – liebe Freunde. Auch solche gibt es. Man möchte ihnen huldigen. Vor allem, wenn im Nebenzimmer eine junge Frau liegt, die ein bisschen Bauchweh hatte und sich vorsichtshalber mit dem Rettungsdienst in die Klinik fahren ließ. Schließlich weiß man nie! Der Freund fuhr hinterher. Sein Auto parkte er neben dem Rettungsdienst.

Aber zurück zur anderthalb Meter Großmutter von 89 Jahren. Angetrocknetes Blut lässt sich nur schwer abwaschen. Sie ertrug es mit Gelassenheit und ohne mit ihren spärlichen Wimpern zu zucken. „Ach – es geht schon. Machen sie nur. Das muss ja sein!“

Sie zuckte auch nicht bei der Beträubungsspritze um die Wunde nähen zu können.

Ich war voll stiller Bewunderung. Der Sohn kam nach. Er musste mitten in der Nacht mal eben kurzfristig seine Urlaubspläne regeln. Eigentlich wollte er ein paar Stunden später gepflegt nach Ägypten in den Urlaub fliegen.

Und dabei kein Ton des Verdruß. Zusammen mit der riesigen Backe war es sehr beeindruckend. Familienhalt. Umgang mit Krankheit und Schmerz.

Eine Nacht später war ich zufällig auf der Station, wo die anderthalb Meter Großmutter untergebracht war. Die immernoch mächtig gechwollene Backe sah aus  wie ein sorgfälfig kolorierte Landkarte. Sie saß all die Nächte im Bett und betete, sang Kirchenlieder  und erzählte Geschichten von Bethlehem. So ein Rums in dem Alter kann einen aber auch mächtig durcheinander bringen.

Es folgte die Nacht des kühnen, aber betrunkenen Recken. Er war bis zum Hals tätowiert. Und wo die anderthalb Meter Großmutter eine mächte Beule hatte, verunstalteten ihn unzählige. Sowas hatte ich auch noch nie gesehen. Ich wünschte, ich könnte zeichnen.

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Ich versuche Beulen zu malen. Das sind keine Locken. Das sind Beulen. Sieht man – nä?

In echt war es sehr gruselig. Frankenstein  probiert sich aus. Dabei wollte er nur einem Paar helfen, ihren Streit zu schlichten. Zur Strafe bekam er eins auf die Rübe. Und zwar nicht zu knapp. Mein lieber Scholli.

„Ich muss unbedingt an meiner Deckung arbeiten!“, nuschelte er durch all seine Beulen und Blessuren. „Unbedingt an der Deckung!“

Zehn Meter weiter hatten sie ihn geschubst und getreten. Und so wie er aussah, glaubte ich ihm. Immer rauf auf die zwölf. Alles tat unwahrscheinlich weh. Da hilft auch keine Deckung. Das Blut musste ab, damit man sehen kann, wo unter all den Beulen sich noch möglicherweise eine Platzwunde versteckt. „Aua, aua, aua!“, jammerte er. (Bekommen Tätowierwillige eigentlich eine Kurznarkose, wenn sie sich tätowieren lassen?)

„Unbedingt an der Deckung arbeiten!“ Einer der Schläge hatte offensichtlich sein Wiederholungszentrum getroffen. „So gehts ja auch nicht -so  ohne Deckung. Nur fürs Protokoll! AUA!“, nuschelnuschelnuschel.

Und obwohl er aussah wie ein Eimer von innen bei Hagelschauer hatte  er –  nichts!

Gott ist mit den Alten und den Kindern und Betrunkenen – heißt es immer.

Nichts. Außer Kopfweh und „Deckungsnot“. Nichts! Der Körper ist ein erstaunlich Ding`!

Und gemäß dem Gesetz der Steigerung kam es noch schlimmer in der folgenden Nacht.

Häusliche Gewalt. Das ein Meldebild, was bei mir -auch nach all den Jahren  – immer noch Beklemmungen auslöst.

Die Sanis kamen. Eine Junge Frau, die laut Geburtsdatum 30 Jahre alt war. Optisch hätte sie auch für 50 durchgehen können. Das Haar schütter, die Haut – so man die denn im Gesicht sehen konnte –  aufgedunsen.

Man sah es nicht so richtig, denn auch sie zierten mächtige Beulen und Hämatome (blaue Flecken) unterschiedlichsten Alters das Gesicht. Alte Platzwunden, die nicht versorgt waren. Die Augen blutunterlaufen. Auf den Armen alte Wunden, die aussahen, als hätte jemand seine Kippen dort ausgedrückt.

„Ich möchte unbedingt wieder nach Hause!“, wisperte sie durch ihre trockenen und aufgesprungenèn Lippen.

„Welches Zuhause?“

„Da wo ich herkomme. Mein Freund hat mit 50 Euro extra fürs Taxi mitgegeben.“

Da fällt dir nix mehr ein. Da biste sprachlos wie fünf Meter Feldweg. Da schürt dir der Kummer der Welt stellvertretend die Kehle zu.

Die Sanis erzählten später, wie sie die Wohnung vorgefunden hatten: Chaos hoch zehn. Es sah aus, wie nach einer Schlacht. Blutspritzer wechselten sich mit umgefallene Rollatoren und Wäscheständer, Staubsauger und Eimern und Kochtöpfen ab. Wie im Krimi – nur in echt. Nachbarn hatten Schreie gehört. Sie aber wisperte der Polizei was vor von wegen „aus dem Bett gefallen“.

Ich saß neben ihr und nahm Blut ab. Sie sah mich an. Selten habe ich so rote und auch tote Augen gesehen. Kein Leben. Keine Hoffnung.

Wie kann man so leben? In welcher Abhängigkeit muss man sich befinden, dass ein Ort, an dem man mißhandelt wird, dennoch  „Zuhause“ genannt wird.  Wie kann ein Mensch einem anderen derart Gewalt antun und ihm hinterher noch50 Euro fürs Taxi zustecken.

Mit Nachdenken kommt man da nicht weiter.

Die fuhr tatächlich mit dem Taxi nach „Hause“. Erstaunlicherweise hatte auch sie keine gravierenden Verletzungen davongetragen. Ihren Partner hatte die Polizei unterdessen abgeführt.

Später kamen sie Sanis nochmal vorbei um das verlängerte Protokoll abzugeben. Und zur Fallbespechung. Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Sie waren erschüttert. Gestandene Männer, de fassungslos waren. Die Umstände. Die Wohnung, das Leid. Das kann man nicht einfach abschütteln. Das bleibt.

 

Manchmal mach ich mir in den Nächten Musik an. In diesen Nachtschichten hörte ich Alt-J. Ich kannte das Video nicht. Für den Text hatte ich auch kein Ohr. Wer sitzt denn auch da und hört auf Anhieb, was getextet wurde.  Um so überraschter war ich, als ich beides sah und hörte:

(Ich mag das Lied immer noch. Aber es wird nun mit Bildern im Kopf verknüpft sein.)

 

Zum Ausgleich und zum Ende der Nächte wünschte sich meine Kollegin ein anderes Lied. Wir beide schmetterten laut mit,  als wir aufräumten.

 

 

Wir werden in Frieden/ ohne Angst/ Hand in Hand/ frei leben,

Oh, tief in meinem Herzen,
glaube ich, werde wir es bewältigen.

 

 

 

 

Es begab sich aber zu der Nacht

Meine Güte – war ich räudig. Ich kam zur Nachtschicht und da stand ein nackter Tannenbaum vor der Tür der Notaufnahme. Ein unsichtbare Zettel hing daran: Bitte heute Nacht schmücken!

Tolle Wurst! Das fehlte noch! Reicht es nicht, dass man des Nächtens diese und jene Sonderaufgabe zu erledigen hat? Zusätzlich zu alle dem Alltags/nachtskram? Ist es nicht genug, daheim den eigenen Baum aufzuhübschen? Muss ich persönlich jetzt für eine Festtanne sorgen? Auf der Arbeit?

Meine Kollegin war ähnlich gelaunt.

Die Nacht schritt voran. Der Baum stand stumm vor der Tür und erinnerte uns bei jedem neuen Patienten/ Klogang oder Röntgenfahrt wie im Märchen von Frau Holle: „Schmücke mich. Ich steh schon ganz bezaubernd hier herum!“

(Man muss dazu sagen: Ich habs nicht ganz so mit dem Dekorieren. Ich bin da eher der pragmatische Typ. „Steh-rumchens“ und „Häng-hinchens“ findet man in meinem Haushalt eher weniger. Ich mag es aber bei anderen sehr gerne und weiß es durchaus zu schätzen.)

Als dann alle Patienten weg waren, (ja – auch das gibt es durchaus) beluden wir einen Wagen mit mehren Kisten auf denen „Kugeln“, „Christbaumschmuck“ und „Sonstiges“ stand.

Die Pförtnerin kam vorbei.

Lichterketten nach links.

Kugeln nach rechts.

Strohsterne in die Mitte.

„Sonstiges“ dazwischen.

Wir begannen.

Und dann passierte es.

Aus einem „wir klatschen mal eben die Kugeln an den Baum, damit wir Ruhe haben“ wurde ein „wir hängen feierlich Kugeln in den Christbaum“.

Ich weiß nicht, wie aus dieser Pflichtaufgabe Weihnachtsmagie wurde.

Es war ganz still und ruhig im Krankenhausflur. Die Kollegin pfiff leise Weihnachtslieder und die Pförtnerin und ich sangen dazu, während wir Kugel um Strohstern in die Zweige hängten.

Hier noch ein güldenes Schleifchen und dort noch die Lichterkette vorsichtig drapiert – so schmückten wir Zweig um Zweig.

Wenn man älter wird stell sich die Magie, der heilige und besondere Zauber von Weihnachten, immer weniger ein. Man backt und schmückt und bastelt und kerzelt – immer auf der Suche nach diesem besonderen Momenten, dieser Sehnsucht,  von der es als Kind so viel mehr gab.

Um so erstaunter war es, dass ausgerechnet dort, wo man es nicht erwartet, Weihnachten stattfindet.

Dieses „besondere“ Gefühl macht nicht Halt vor Klinikfluren und Uhrzeiten oder Abneigungen gegen Zusatzaufgaben.

Es ist ein Geschenk, dass wir mitten in der Nacht bekommen haben.

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Nachtschicht

Manchmal „plaudere“ ich nach dem Nachtdienst noch mit einer Kollegin aus dem Krankenhaus. (Sie geht vor dem Schlafengehen noch mal mit dem Hund. Ich mache Frühstück. Bis der Hund gepinkelt hat und drei Kinder für die Schule fertig gemacht sind, vergeht ein bisschen Zeit)

Das „Geplaudere“ sieht dann so aus: ( Ich bin die „blaue“)

Teil 1 wenn ich

Teil 2 pfff

Und zur Krönung:

Teil 3 Pafrum

Nachtdienst war einmal meine Lieblingsschicht. Früher mal. Da hatte ich nebenbei auch noch keine Familie.

Nachtschicht bedeutet: Es ist nicht ganz so viel los (Meistens. Manchmal hat man auch einfach Pech. Dann rennt man die ganze Nacht.) Das Telefon schellt bedeutend weniger als in der Tagschicht. Also alles in allem: ganz okay soweit.

Mittlerweile aber, nach unzähligen Nachtdiensten (einmal im Monat mindestens drei Nächste) bin ich nicht mehr ganz so entspannt. Es stresst mich, den Rhythmus zu wechseln. Wenn sich die Nacht über alle senkt, wach zu bleiben. Und dann  – nach zwei bis drei freien Tagen wieder in die Frühschicht zu wechseln. Nebenbei ist eine Familie zu managen. Geschlafen wird zwischendurch. Es ist immer zu wenig. Die Ringe unter den Augen ähneln von Tag zu Tag mehr denen von Horst Tappert.

So wie Krankheiten in der Nacht schlimmer sind, weil nichts da ist, was einen groß ablenkt, so potenziert sich die Anstrengung für einen selbst. Zumindest mit den Jahren.

Schichtdienst. Das Packet hat man gebucht, wenn man Krankenschwester wird/ ist.

Netterweise wissen viele es zu schätzen, dass man sich die Nächte um die Ohren schlägt, um immer hilfreich zur Stelle sein.

Andere sehen das anders: „Ich hab noch Licht gesehen. Und bis ich einen Termin beim Facharzt bekommen, bin ich halt mal gekommen. Sie sind ja eh alle da.“

Die letzten Nächte kamen (gefühlt) die mühseligen und beladenen. Junge Frauen (18) mit großem Liebeskummer. („Der hat mich voll betrogen, der Arsch. Das tut so weh!“ “ Ja. Das tut weh. Aber das wird wahrscheinlich nicht das letzte Mal im Leben gewesen sein. Das hälst du aus.“ „Was noch mal????? Das mach ich nie wieder mit!“) Junge Frauen (21), die den fünften Selbstmordversuch zu ihrem Kummer überlebt haben. Ebenso eine junge Borderlinerin, die  sich dermaßen schwer angeritzt und geschnitten hatte, dass es einem kurzfristig die Sprache verschlug. Ein Mann, seit zwei Tagen neu im Knast. Das Herz tut ihm so weh. Er hyperventiliert. Schuld und Sühne? Buß und Reu‘ ?

Ömmakens und Öppakens, die irgendwie hinfielen. („Ich trinke nie!“. „Hm. Wie kommen dann wohl die 2 % zustande?“)

Schwerverletzte, die mit dem Rettungsdienst aus der Disko gebracht wurden. Die Wunde war kaum zu finden. „Es hat aber mal voll krass stark geblutet. Ich dachte ich sterbe!“ – Pflaster drauf.

Und alle anderen auch.

Jetzt ist es rum. Hurra Wochenende. Abtauchen! Schwimmen, bis man in den Flow kommt. Und mit jedem Meter lässt man vielleicht all die Schicksale hinter sich.

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