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Guten Tag, haben Sie Zahnseide?

Nachts um 1 Uhr kam der 92-jährige  Mann in die Notaufnahme. Ein heftiger Druck auf der Brust hatte ihn geweckt. Am Ende ein Herzinfarkt?

Wenn das Herz schmerzt, kommt der Notarzt und der Notarztfahrer und der Notarztfahrerpraktikant. Es kommt auch der Notfallsanitäter und sein Kollege sowie der Knecht der alles schleppt und wichtig schaut, gerne im Wege steht und anschließend wichtig die Patientenliege frisch bezieht.

Da lag er dann also. Die Augen fest geschlossen – es war ja auch schon spät. Da schläft der gemeine Seniorenheimbewohner normalerweise schon seit Stunden.

Meine entzückende Kollegin und ich machten uns an die Patientenversorgung. Ausziehen. Überwachung klar machen, EKG schreiben, Blut abnehmen, MRSA Abstrich, Patiententüte befüllen,  zig Zettel bekleben und ausfüllen. Dabei mit dem Patienten plaudern, Decke holen. Routinekram. Monitor im Blick.

Wir waren gerade so schön mittendrin, als auf einmal ein junger Typ mitten im Raum beim halbnackten, alten Patienten und uns stand.

Irgendwie musste er hineingehuscht sein, als zufällig die ansonsten geschlossene Tür der Notaufnahme offen stand.

„Entschuldigung. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Zahnseide? Ich hab da was ihm Zahn und dachte, ich komm mal vorbei und frag!“

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Bildquelle:Pixabay

Nun – was soll man auch machen, wenn man nachts unterwegs ist und was im Zahn hat. In der Notaufnahme arbeiten doch Menschen, die sich rund um die Uhr gerne des menschlichen Leides annehmen – einschließlich mundhygienischer Probleme. Das weiß man schließlich.

Kommen Sie auch  gerne vorbei, wenn ihnen kalt ist, sie ihre Brille nicht mehr finden oder Sie Probleme bei der Fleckenentfernung haben – wie @Mama Maus auf Twitter so schön kommentierte. Oder wenn Sie ein Glas Wasser haben möchten: Wir sind da. Rund um die Uhr. Halten Sie ihr Kärtchen breit. Wir unterbrechen gerne jede Patientenversorgung um Ihre Not zu lindern.

 

„HACKTS NOCH?“, verlor meine Kollegin kurz ihre Contenance. Was erstaunlich ist, denn normalerweise ist sie diejenige, die definitiv den längeren Geduldsfaden von uns beiden hat. Quasi mehr so Gummiband. Dirket unheimlich manchmal. Sie sagte noch ein paar deutliche Worte mehr um das ganz abzuschließen mit:

„RAUS HIER!“

Anschließend zeigte ihm geschmeidig den Vogel. Das ich das noch erleben durfte!

Da denkst du, du hast schon alles erlebt in deinem Notaufnahmeleben.  Und dann kommt immer mal wieder doch noch einer um die Ecke und überrascht dich.

Und nein. Wir haben keine Zahnseide!

Und nein. Unser Patient hatte keinen Herzinfarkt.

 

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

Anschließend hörte ich ein bisschen Käptn Peng & DieTetakeln von Delphi und feierte den Text, der mir der Situation angemessen erschien.

Ey yo, Platz da! Hier ich schenk‘ dir ein Pflaster

Guten Tag, bitte verzeihen Sie mir, doch ich muss sie jetzt anschreien!

Denn irgendwann explodier‘ ich komplett
Ich pack‘ euch alle in ein fettes Baguette
Und verschlinge euch mit super-lecker-Kokosfett
Yoghurt-Tofu-Walnuss-Dressing, das wird nett…

Meine Ruh ist hin

Alle, die keine Klassik mögen – ihr müsst heute was anderes lesen. Ich habe keine Geschichte für euch.

Alle anderen können/ sollen/ müssen  meine  bekloppten erhebenden Gedanken dazu  weiterlesen.

Heute hätte Franz Schubert seinen 219. Geburtstag. Ich mag ihn sehr. Spätestens seit ich mich das erste Mal verliebt hatte und das „Gretchen am Spinnrad“ hörte. Kaum einer bringt diese „Herzen in Aufruhr -Geschichte“ so gut hin.

Ich stieß also – mehr so innerlich- mit einem Gläschen Sekt auf Franz Schubert und das Gretchen an. Und dachte: Manches passt 1 : 1 auf die Arbeit. In ein Krankenhaus. In eine Notaufnahme.

Willkommen bei Franz und Gretchen in der Notaufnahme

 

    Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Nachtschicht. Ich hör dir trapsen. Nächste Woche ist es wieder soweit. Da ist meine Ruh auch hin. Und mein Herz wird schwer. Und finden? Finden werde ich sie in den folgenen Nächten nimmer und nimmermehr. 

      Wo ich ihn nicht hab,
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.

So kann es einem gehen, wenn der Arzt nicht kommt. Der Patient nörgelt, weil der Arzt fehlt und der Angehörige wundert sich , warum es so lange dauert. Das kann einem die Welt/ Schicht durchaus vergällen.

      Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Meiner armer Sinn
Ist mir zerstückt.

Wie fühlt sich eine Migräne an? Genauso fühlt es sich an! Genauso. Ein armer, verrückter Kopf.  Ein armer, zerstückter Sinn.

      Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Die Ruhe ist ebenfalls hin, wenn man Patienten hat, die sehr instabil sind. Da schleicht man  um die Liege herum, den Beatmungsbeutel im Visier, und den Kram zur Intubation griffbereit.

      Nach ihm nur schau ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh ich
Aus dem Haus.

Zum Fenster hinauschauen ist die etwas altmodische Variante, dem säumenden Arzt hinterher zu telefonieren.

      Sein hoher Gang,
Sein edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,

Und dann kommt er! Mit viel Glück kommt jemand mit hohem Gang und edler Gestalt. Wenn nicht – auch schon wurscht. Hauptsache, es geht irgendwie weiter. Manchmal sind ja auch echte Sahneschnittchen dabei.

      Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach! sein Kuß!

Sahneschnittchen Ärzte können durchaus unfassbar lustig und komisch sein. Auch rasend gutaussehend. Manche verstehen dazu ihr Handwerk. Das ist großartig. Da macht es Freude, zu arbeiten. Aber küssen. Pfff.  Sowas machen wir nicht. Das ist erfunden! Das weiß man doch! 

      Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Liebe im Krankenhaus kommt ausschließlich in Arztromanen vor. Stop. Halt. Ich hab meinen Mann…. IN ARZTROMANEN! NUR DA!

      Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin,
Ach dürft ich fassen
Und halten ihn,

So ähnlich kam ich mir neulich vor, als ich mit einem unglaublich dicken, älteren Herrn auf der Toilette war. „Schwester – ich muss mal!“ So hoch und zerbrechlich seine Stimme auch klang – auf dem Klo war es dann dezent anderes. Er drängte sich an meinen Busen. Und wollte ihn fassen. Gerne auch halten. Ich nicht.

      Und küssen ihn,
So wie ich wollt,
An seinen Küssen
Vergehen sollt!

Ach. Das waren noch Zeiten. Damals mit dem Gatten und den Geschichten, die ausschließlich in Arztromen vorkommen . NUR IN ARZTROMANEN! *hüstel*

Gretchen im Spinnrad. Tolles Stück. So gegenwärtig. Ich liebe es.

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