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notaufnahmeschwester

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Krankenschwester

#makelovegreatagain

Ich lese in schlaflosen Nächten das Internet leer.*
Ich lese von Hass und Rassismus. Von Faschisten und wie Leute abknallt und erschossen werden. Ich lese von „Auswahl“ und „Umvolken“, von alten weißen Männern, die alles besser wissen und von Feministinnen, die nur mal wieder so richtig durchgevögeln werden müsste. Ich lese von Kinderarmut und Homophobie. Ich lese von Mobbing auf Twitter und von einem kleinen Mädchen, mit dem der syrische Vater ein lustigen Spiel erfunden hat: lachen, wenn die Bomben fallen, damit die Angst keinen Raum bekommt. Ich lese von Anfeindungen, weil die Evangelische Kirche ein Schiff gekauft hat und auf Rettungsmission schickt. Ich lese und lese bis mir der Zorn hochkommt oder die Tränen aufsteigen.

Wut und Tränen bringt einen natürlich nicht weiter. Die Welt wird nicht durch Gedanken und Gebete zu einem besseren Ort werden. Auch nicht, wenn ich ein hübsches, gut designtes Meme davon in allen Netzwerken poste.
Die Welt könnte aber möglicherweise zu einem besseren Ort werden, wenn wir mehr andere Geschichten lesen würden. Von Unterstürzung und Hilfe. Von Liebe und Freundschaft. Vom Aufblühen und Verschwenden. Von Hege und Pflege.
Und weil man ja irgendwo mal anfangen muss, beginne ich, genau so eine Geschichte zu erzählen #makelovegreatagain
Ich war im 2. oder 3. Ausbildungsjahr zur Krankenschwester. (Jaja- ich bin so alt: ich bin noch eine Krankenschwester.) Seit ein paar Wochen war ich auf „der Inneren“ und es war die Hölle. Strenge und klare Hierarchie, Funktionspflege, Schülerdasein mit Waschstraße und Anschiss, weil nie schnell genug. Rüffel, weil die Ecken der Kissen, die man frisch bezogen hatte, nicht anständig herausgezogen waren. Damals war es üblich, an einem Tag in der Woche alle 34 Betten frisch zu beziehen. Möglich, dass bei Bett 27. ein wenig die Luft raus war. Man durfte keinesfalls trödeln. Denn die nächste Runde „Patienten betten“ stand an – was bedeutete, dass man die Schwerkranken und bettlägrigen Patienten neu lagerte. In fast jedem Zimmer lag mindeste einer dieser schwer pflegebedürftigen Menschen. Wir SchülerInnen rannten uns die Hacken ab, die Vollschwestern schrieben derweil Kurven und kochten sich einen Kaffee. Na gut – bestimmt half die ein oder andere auch mal mit. Aber das „Pflegen an sich“ wurde meistens uns Auszubildenden überlassen. Nie Zeit, immer Druck, wenig Anerkennung und Freude. Dieser Ausbildungsabschnitt war in meiner Erinnerung die Vorstufe zur Hölle. Jeden Tag schlich ich nach der Schicht in den 1. Stock des Schwesternwohnheims und fiel meistens sofort ins Bett. Aus. Ende Gelände. Fertig und körperlich extrem erschöpft. Meine Mitauszubildenden nickten milde und wissend, wenn ich nicht mehr sprechen wollte, einen Besuch in der Disco ablehnte oder mich an meine Freundin lehnte und seufzte. Menschen helfen – dafür waren wir. Ich hoffte sehr, dass ich das tat. Und vor allem hoffte ich, das diese Zeit schnell vergehen möge. Oder aber alle Schwerkranken endlich gesund oder verlegt werden würden. Gerne rasch, bevor ich noch mehr körperlich und geistig zerrüttete.
Mein damaliger Freund war mäßig begeistert von den Zuständen, in denen er mich in dieser Zeit vorfand. Das war mal anders geplant. Mehr so Vergnügen und Entertainment. Spaß und Unternehmungen, lange Spaziergänge und leise Gespräche, Liebe, Flausch und Sex. All das, was eine Liebe so ausmacht, bekam er in dieser Zeit nicht, weil ich einfach nur erschöpft und fertig war.
Ich erinnere mich, wie ich das Zimmer betrat und er schon da war.
Wie ich mich freute, ihn zu sehen.
Wie ich in Tränen ausbrach, weil alle Erschöpfung, alle Überforderung, alle körperlichen Schmerzen nach einer Knochenschicht hier Raum finden durften.
Wie ich neben ihm saß und leise weinte und er mich im Arm hielt und nicht sprach. Kein “Das wird schon wieder“ und auch kein “Ach komm schon“ und auch kein „Kopf hoch, das geht vorbei“.
Ich erinnere mich, wie wir lange so da saßen und er schließlich aufstand und meine für Schmutzwäsche umfunktionierte alte Waschschüssel mit den alten Pullis und Schlüppies auskippte.
Ich erinnere mich, wie ich zusah und nicht wusste, was er wollte und es aber egal war.
Ich erinnere mich, wie er Wasser in die Schüssel einließ, wie er zum Waschlappen und zur Seife griff und alles zu mir brachte. Wie er mich sanft auszog und wusch.** Wortlos. Wie er mich abtrocknete und mir frische Sachen überstreifte. Wie er mir eine Zigarette anzündete und wir schweigend rauchten. Wie wir dann im Bett lagen. Ich spürte seine Hand, sanft streichelnd auf meinem Haar.
Ich erinnere mich, wie ich einschlief. Zur Ruhe gekommen. Unendlich geliebt.
Das, werte Freunde ist es, was ich euch erzählen wollte. Einen innigen Moment wahrer Liebe. Ein heilender und heiliger Augenblick.
Dazu muss man natürlich keinen waschen. Man muss noch nicht mal eine rauchen. Es ist egal, was man dem anderen angedeihen lässt.
Es ist die Bereitschaft, von allem, was man vielleicht gerade selber wollte, zurücktreten. Zu sehen, was ist und es dann dem anderen geben zu wollen. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Dieses Erlebnis ist unendlich viele Jahre her und tief in meiner Seele verankert.
Wir alle brauchen solche Seelenverankerungen von Liebe und Trost. Von einfachem Dasein und MitdurcheineSituationgehen. Vom Begleitet- und Gehalten werden. Manchmal reichen kleine Gesten aus, die die Welt zu einem besseren Ort machen können.
Es wird – glaubt man den nächtlichen Artikeln aus dem Netz – mehr Menschen geben, die leider keine solche Erinnerungen haben, als diejenigen, die auf solche Herzensschätze zurückgreifen können.
Wir jedoch, die sie haben, müssen sie unbedingt in die Welt weitertragen. Damit Hass nie siegt.

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Bildquelle: Facebook

*weil „das Internet“ dafür bekannt ist, gerne ungefragt Ratschläge erteilen zu wollen: Ich werde auch weiterhin nachts das Internet leer lesen. Auch wenn 87 Studien bewiesen haben, dass man nachts nicht auf sein Handy schauen soll – ja: es wäre besser, es weit weg zu legen. Am besten wäre es, man würde es im Garten vergraben. Somit – weil ich es nicht tue – wäre es ja dann auch kein Wunder, wenn ich nicht in den Schlaf finde. Richtiger Schlaf kommt, wenn man sich richtig verhält. Handy also in den Garten, Raumtemperatur an der Fröstelgrenze, harte Matratze, die Decke bitte nicht von armen Daunenfedernentenliferanten, denen der Flaum bei lebendigen Leibe ausgerupft wurden. Lavendelsäckchen unter dem Memory Foam Kissen.
Ihr müsst mir das nicht sagen. Spart euch den Ratschlag. Geht stattdessen lieber in Welt und küsst jemanden. Sagt euren Liebsten, wie sehr ihr sie schätzt und mögt. Sät eine Blume. Ihr wisst ja: Wer anderen einen Blume sät, blüht selber auf!

**Es zahlt sich durch aus, wenn eure Liebsten – so ihr denn in eine Ausbildung seid – mit euch den Lehrstoff lernt und abfragt. Küsschen gehen raus an all diejenigen, die das tun.

Alles Spacken – außer Mutti!

„Von der Fetten da lass ich mich behandeln!“, grölt er und lässt sich auf den Stuhl plumpsen. Die Hand ausgestreckt, als wolle er gleich dem Pflegepersonal gepflegt einen Scheitel mit der Axt ziehen.

Was für ein Spack!

Anschließend steht er wieder auf, um mit der Faust gegen einen Schrank zu schlagen. RUMS!

Morgens, halb drei in Deutschland.

Gemeinsam mit seinem ebenfalls verletzten Bruder, zwei Besatzungen Rettungsdienst sowie drei Wagen mit je zwei Polizisten war er „angekarrt“ worden. Direkt vor der Disco eingesammelt, nachdem eine Art Massenschlägerei dort aufgelöst worden war. Nun galt es noch herauszukriegen, wer wen und wann geschubst, geschlagen, getreten hatte. Es riecht nicht nur nach Zigarettenrauch, Drogen und Schnaps, sondern auch nach Ärger.

Z.n. (Zustand nach) Schlägerei als Einweisungsdiagnose. Oder z.n. PAM (paar aufs Maul).

Junge Kerle, besoffen und aggressiv – erst recht um die Uhrzeit sind der feuchte Traum aller derer, die in einer Notaufnahme arbeiten.

Immerhin wohnen sie hübsch – der Adresse nach zu urteilen. Villengegend. Schwimmbad im grünen, eingewachsenen Garten – wie Google uns zeigt.

Jetzt sind die Brüder aber leider zerrüttet, die Polizisten auch und der Rettungsdienst schaut, dass er Land gewinnt. Wie ich sie beneide.

Weil wir schlau sind und die ja leider beileibe nicht die Ersten sind, die voller Aggressionen abgeladen werden, bringen wir sie in verschiedenen Räumen unter. Das hat sich aus vielen Gründen bewährt. Einzeln sind solche Kerle meistens friedlicher als im Rudel.

Das findet der eine Bruder richtig scheiße. Was er auch deutlich sagt. Vor allem mir, der vermeintlich Fetten. Besoffen und Kinder sollen ja immer die Wahrheit sprechen. Sagen wir mal so: An den Augen hat er schon mal nichts gravierendes.

„Ich bin hier Kunde!“, krakelt er. „Ich habe ein Recht, bei meinem Bruder zu sein! Überhaupt: Ich kenne meine Rechte! Hier behandelt mich keiner, bevor ich nicht bei meinem Bruder bin! Habt ihr gehört? Ich kenne meine Rechte!“

Sicherlich. Wie mich das immer langweilt.

Geschwisterliebe ist natürlich zu fördern. Nur würden wir vorher ihm mal über das Gesicht schubbern, um festzustellen, ob auf die blutende Platzwunde ein Pflaster muss, oder ob man Nadel und Faden richten sollte.

Leider lässt er sich nicht behandeln, weil er ja aktuell auf Krawall gebürstet ist und innerlich seine Beschwerdebriefe verfasst. Sein Bruder schnarcht derweil im Nebenraum, ist aber dennoch wichtig und wird dringend gebraucht, sonst lässt er sich nicht behandeln, schreit er! „Hört ihr? Ich lass mich sonst nicht von euch behandeln! Sonst geh ich!“

Man möchte ihm die Tür weit aufhalten. Wenn einer nicht will, muss er ja nicht.

Nur: Er geht nicht. Nicht ohne seinen Bruder und schon mal gar nicht, weil er ja schließlich seine Rechte kennen würde.

Die Ärztin in dieser Nacht ist jung und unerfahren. Sie hat den unbändigen Willen, die Welt zu einem sehr viel besseren Ort zu machen. Alles richtig, gut und besser zu machen. Helfen, wo am nötigste. Edel und hilfreich. Und daher möchte sie ihn mit sanften Worten zu allem möglichen überreden: Sich behandeln zu lassen, das Schreien etwas zu drosseln, Ruhe zu bewahren, anschließend den Bruder in die Arme schließen und möglicherweise sogar nach Hause gefahren zu werden…

Ihr Heiligenschein glimmt leicht. Es ist auch irgendwie sehr rührend, zuzuhören. Kurzfristig erinnert man sich zurück an das eigene, jüngere Ich. Wir alle haben so angefangen. Wir alle wollten die Welt retten. Oder halt den nächsten, der gerade dafür in Frage kam.

Bis einen die Zeit, die miesen Erfahrungen, angedrohte oder tatsächliche Schläge und vieles mehr zu einer anderen Handlungsweise bewogen haben.

Mit solchen Patienten zu diskutieren ist nämlich ungefähr so (ersetze Rassisten durch Alkohol und/ oder Drogen):

Die Kollegin und ich sitzen gemeinsam mit zwei Polizisten, die uns bei diesem Aggressionspotential zu Seite stehend geblieben sind, im Flur und lauschen gefühlt stundenlang, wie sich die Gespräche im Kreis drehen:

„Aber mein Bruder…“

„Nun lassen Sie und doch mal schauen…“

„Ich kenne meine Rechte…“

„Nur mal untersuchen…“

„Einmal anfassen und ich haus euch aufs Maul!“

„Hm,“ grunzt der Polizist. „Keine Ehrfurcht mehr. Kein Respekt. Scheiß Elternhaus!“

Vielleicht hat er recht. Aber was wissen wir schon.

Nach einer weiteren Stunden voller „ ich- hau- euch- und- meine- Rechte- mein- Bruder- und-ich- fass- mich- nicht- an- du- blöde- fette- Kuh“ und dergleichen mehr, sind wir alle immer noch keinen Schritt weiter. Geschweige denn, dass wir irgendwie mit einer Art von Behandlung begonnen hätten. Dafür sind einige von uns maximal angefressen. Selbst die Geduld der Ärztin zeigt langsame, kleinere Fissuren und Risse. Eine Haftfähigkeit, damit der Typ seinen Alkohol- oder Drogenrausch in der Ausnüchterungszelle pflegen kann, will die Ärztin nicht ausstellen. Das Dilemma: Man weiß nicht, warum der Typ so drauf: Ist er mit dem Pony auf den Kantstein geknallt und deshalb so merkwürdig? Oder ist er einfach nur banal doof? Oder ist er ein Konsumopfer reichlich bedenklicher Substanzen?

Eine CT- Untersuchung seinen Kopfes schlägt er aus. Er kennt seine Rechte – ihr ahnt es schon. Erbarmen!

Etliche Beleidigungen später hat einer der Polizisten zwei Ideen:

  1. Wir rufen Mutti an. Meistens „wirkt“ Mutti und bringt die Brut wieder zur Räson.
  2. Ich soll mir mal überlegen, ob ich ihn nicht anzeigen möchte wegen Beleidigung. Man müsse ja auch solchen Spacken mal klarmachen, dass nicht alles erlaubt ist. Er, der Polizist, sähe definitiv den Tatbestand einer Beleiding mehr als erfüllt.

Nun ist er nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte gewesen sein, der mich beleidigt. Aber irgendwann kann man ja auch mal anfangen. Und weil das Gespäch zwischen der barmherzigen Arztin und dem Otto sich hinzieht und der Beamte zufällig sein Blöckchen für die Anzeigen dabei hat, vertreiben wir uns so die Zeit.

Der Kollege hat derweil die Mutter zu frühen Stunde erreicht. Sie würde kommen und sich kümmern.

Wir atmeten auf. Endlich würde das hier zu einem Ende kommen.

Nach 20 Minuten weiteren Rumkrakelens klopfte es an die Tür: Mutti. Ta-ta! Endlich!

Da steht sie: Der Rücken gerade, das Haar adrett frisiert, eine Chanel-Jäckchen in Rosa mit Franzen, das passende Handtäschen unter den Arm geklemmt. Wie man aus dem Bett kommend Zoll um Zoll so aussehen kann, wird ihr Geheimnis bleiben.

Sie richtete sich noch etwas gerader auf, schaute in die Runde, hörte ihre Brut – einerseits schnarchend, andererseits lautstark pöbelnd: „Wer ist hier der Verantwortliche? Ich möchte alle Namen!“

Im Geiste sah ich sie aus ihrem Rollkoffer eine Reiseschreibmaschine holen. Für den nun folgenden Beschwerdebrief.

Sagen wir mal so: Der Plan: „alles wird besser, wenn Mutti kommt“ scheiterte auf voller Linie. War der Sohn schon anstrengend, anmaßend und beleidigend – wussten wir nun, von wem er es hatte. Mutti ließ sich alle Namen geben für den „egal welchen Fall“!

Den Schilderungen der Polizei, warum ihre Kinder hier wäre und eine kurze Übersicht „was bisher geschah“ hörte sie nur kurz zu und brach barsch mit einer Handbewegung ab! Sie hätte sich schon einen Überblick verschafft. Die Namen jetzt! Rasch!

Ihr Herzensbub! In einer solchen Bedrängnis! In seinem Zustand! Er habe offensichtlich Kummer und Schmerzen! Keiner hier scheine ihm offensichtlich helfen zu wollen. Das würde ein Nachspiel haben! Unterlassen Hilfeleistungen! Morgen würde sie mit ihrem Anwalt Kontakt aufnehmen.

Derweil schmiegte sich der Spack in die Arme seiner liebenden Mutter. Voller leiser, fieser Genugtuung sah ich, wie er Blut und Rotz ins Rosa rieb.

Es war sehr spannend zu beobachten. Ein Lehrstück in Gesellschaftskunde. In die Hege und Pflege der Brut der oberen 10.000. Der Reichen und Schönen. Der Verpimpelung. Des nicht sehen wollen, was ist. Ein komplett fehlendes Unrechtsgefühls. Die Frage, warum Polizei hier dabei war, stellte sich der Mutter in keinster Weise. Wahrscheinlich dachte sie das ist üblich und angemessen zum Schutz ihrer Brut.

Sie würde jetzt ihre Kinder, die alle natürlich über 18 Jahren waren, mitnehmen und in ein vernünftiges Krankenhaus bringen. Hier wäre ihr Vertrauen zerrüttet.

Da war sie gerade mal 10 Minuten da. Aber was weiß schon ich von solchen Mutterzauberwahnsinnscheckerkräften. Ein liebend Mutterherz- was brauchts der Worte mehr.

Sie küsste den Schnarchenden wach und zog den Pöbelnden mit: „Wenn du dich nicht von der Fetten behandeln lassen möchtest, brauchst du das auch nicht mein Schatz!“

Dann gingen sie. Türen schlagend.

Und wir alle standen stumm im Raum, schauten und ratlos an und verstanden die Welt ein kleines bisschen weniger gut.

Immerhin waren sie endlich weg.


Nachspiel

Ich hatte ihn tatsächlich angezeigt. Der Polizist hatte mir glaubhaft versichert, dass ich keinesfalls zu einer möglichen Gerichtsverhandlung mitkommen müsse.

Nachdem ich lange Zeit nichts mehr hörte, fiel die Geschichte im Hinterstübchen weit nach hinten. Bei der Fülle an Menschen, die man tagtäglich behandelt, ist das ein Segen. Viele sind reizend. Andere sind es nicht. So ist das eben.

Und dann trudelte doch noch eine Einladung ins Gericht ein. Zur Aussage im Fall.

Zur Hülfe. Ich würde ihn und Mutti, den Bruder und überhaupt alle wiedersehen. Ich fühlte mich so, wie wenn sich heute die Kontrahenten des Dschungelcamps in der Sendung danach wieder treffen. Die Fürstin meets Kasalla!

An einem kalten Tag im Winter saß ich in einem zugigen Gang des Gerichtes auf einem Stühlchen und wartete auf meinen Auftritt.

Kurz vorher – also Monate nach unserer Begegnung im Krankenhaus – hatte mir der Bengel tatsächlich einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Schade nur, dass es erst kurz vor der Gerichtsverhandlung ankam. So erweckte es nun eher den Anschein, dass dieses Schreiben mehr so dem Wunsch des Anwalts entsprochen haben könnte, als seiner Reue.

Das Jüngelchen schaute nicht auf. Dafür durchbohrte mich seine Mutter mit Blicken! Ich hätte sofort zu Boden sinken müssen. Tot! Erdolcht mit eiskalten Mutteraugen.

Der Richter ermahnte den Spack. Man beleidigt nicht die Hand, die einen pflegt. Auch fände er den Brief zwar grundsätzlich gut, aber den Zeitpunkt wäre eher schwierig und daher auch nicht als ernst gemeint einzustufen.

Wegen der Beleidigung bekam er 20 Sozialstunden, die er ableisten müsse und ich 37,50 Euro für die Erstattung sämtlicher Kosten und Auslagen.

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Ich habe nie wieder jemanden angezeigt, obwohl ich es gefühlt manchmal an jedem zweiten Tag hätte tun können. Der Aufwand für eine Alltagserscheinung ist es nicht wert. Und da sagt mehr über manche Formen unserer Gesellschaft aus, als mir eigentlich lieb wäre.

Über die Jahre hinweg scheint es mittlerweile üblich geworden zu sein, dass man die, die helfen wollen, beleidigt, einparkt, an ihrer Arbeit hindert und gewalttätig gegenüber den Helfern, Rettern und Bewahrern wird.

Ich möchte an Karma glauben.

Und euch, die ihr Rettungskräfte, Feuerwehren, Polizisten, Pflegepersonal und das ärztliche Personal disst, wünsche ich, dass ihr es mal sein werdet, die Hilfe brauchen. Aber es kommt gerade keiner, weil der Rettungsdienst erst mal in die Werkstatt muss, weil alle Reifen aufgeschnitten wurden. Mal abgesehen davon, dass irgendwann keiner mehr Bock haben wird, Dullies und Dumpfbacken den Arsch retten zu wollen.

Ich wünsche euch, dass ihr dann genügend Zeit haben werdet und einen Geistesblitz bekommt über eure eigenen, schäbigen Taten: „Hahaha- wie lustige das war und wie die dann sauer wurden und wir schnell wegrannten“.

Seid freundlich. Das Leben ist ein Spiegel.

Nachbars Kirschen

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Da möchtest du mit deinem Kumpel mal ein paar Kirschen pflücken und naschen – also mehr so die im Garten des Nachbarn – da kommt der auch schon an. Wo er doch seine Kirschen so gehegt und gepflegt hat. Mir Argusaugen hat er über jede einzelne gewacht und sogar extra ein Netz über den Baum gefummelt. Wenn man keine Vögel haben möchte, dann auch nicht den halbstarken Nachbarsbub mit seinem Kumpel.

Die Freunde flüchteten. Über ein Mäuerchen. Der 19- jährige blieb hängen, stürzte und brach sich beide Ellenbogen. RECHTS und LINKS.

Es ist aber auch manchmal ein Elend. Quasi: Das Leben kann ein Arschloch sein.

Mama brachte ihn ins Krankenhaus. Während der Röntgenaufnahme ging sie in die Stadt, um Knickstrohhalme zu kaufen. Und ein Eis. Und eine Cola. Und ein belegtes Brötchen. „Der Junge braucht ja was. Oh wei, oh wei. Bestimmt sind die Arme gebrochen. Was mach ich dann nur? Der Vater ist auf Geschäftsreise und ich wollte übermorgen nach Amerika zu meiner Freundin fliegen. AchGottachGott. Das muss ich gleich absagen!“

„Hast du keine Freundin, die sich um dich kümmern kann?“, fragte ich ihn beim Gipsen.

„Doch, doch!“

„Dann kann dich dich doch pflegen!“

„Ach nein! Das soll lieber meine Mutter machen!“

Da fällt einem nix mehr ein.

„Wann genau ist aus „Sex, Drugs & Roch n Roll“ eigentlich Laktoseintoleranz, Veganismus & Helene Fischer geworden?“, fragt Tomkraftwerk auf Twitter?

Und ich frage mich? Wann sind aus den Kerlen (Gott-sei-Dank nicht alle!) eigentlich solche Pussis geworden? Mama macht das schon. Obwohl ich daheim die liebste und hübscheste Freundin ever, ever, ever habe.

Als ich so alt war wie das Bürschlein hätte ich vieles dafür gegeben, wenn Mutti mal nach Amerika geflogen wäre. Ich wäre aufgegangen in meiner Rolle: „Mach mir die Krankenschwester! Pflege mich gesund, mein Schatz und wisch mir mal den Po ab. Und dann gibts ein Küsschen!“

Aus Sex, Drugs und Rock n Roll ist mehr so – Kuscheln, Lebensversicherung und Familiespieleabend geworden. Mit ab und zu mal überschaubarem Blödsinn ( Nachbars Kirschen)

Aber da sieht man mal, was man davon hat. Brichste dir gleich beide Arme. Ist doof.

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