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Klatschzeitungen

Die entschwundene Zeit

Oscar Carl Olof ist geboren. Der neue Prinz am schwedischen Himmel. Ich weiß das natürlich, denn ich bin Krankenschwester. Ich muss schließlich alleine deshalb schon auf dem Laufenden sein und bleiben, um mit den Patienten ein angenehmes Pläuschchen halten zu können. Ausschließlich deshalb!

Als neulich die große Ruth Leuwerik  starb, war ich fein raus. Nicht umsonst habe ich mit meiner Mutter seinerzeit alte Vor-/ Während-/ Nachkriegsfilm geschaut. Jetzt im Alter zahlt es sich aus, angesichts der immer älter werdenden Patienten, auch über solche Themen Bescheid zu wissen. Ich hatte ein sehr  vergnügliches Gespräch mit der Patientin über die alte Garde der Schauspieler von einst: Dieter Borsche, Maximilian Schell und seine Schwester, das Seelchen Maria. Über Wolf Albach Retty und Magda Schneider und ihre Tochter Romy Schneider. Hans Moser und Theo Lingen. Über die von mir sehr verehrte Lilian Harvey und Lilli Palmer. „Und Lilo Pulver nicht zu vergessen!“, sagte die Patienten. Genau. Und Lilo Pulver. Wir waren kaum mit den deutschsprachigen Schauspielern durch, da musste sie auch schon zur Darmspiegelung. Es wäre wahrscheinlich Abend geworden, hätten wir noch über Katharine Hepburn, Spancer Tracy, Humphrey Bogart, Audrey Hepburn, Gregory Peck, Doris Day und Rock Hudson gesprochen.

Ich bin also quasi Expertin. Nicht nur für Diäten – nein: auch für mannigfaltige Geschichten sämtlicher Prominenz. Und ich bin es bis in das Jahr 1967 – und das kam so:

(Bitte lehnt euch bequem zurück, hört „The Entertainer“  und begebt euch mit mir auf eine kleine Zeitreise ins letzte Jahrtausend.)

Wie es sich gehört, war ich natürlich während meiner Ausbildung auch in der Sozialstation. Ich war ein bisschen neidisch auf einige meiner Kollegen, die bequem mit dem Fahrrad durch die kleine Stadt von Zuckerspritze zu Zuckerspritze fahren konnten, während ich auf dem Land eingesetzt war. Sie schoben die ruhige Kugel und ich knechtete mich durch die Tage.

Während meine Kurskollegen in „ihrer Zeit“ blieben, machte ich auf dem Land einen Zeitsprung in die Zeit des Ragtime. Denn die Zeit schien für die ländliche Bevölkerung tatsächlich stehengeblieben zu sein.

Auf meiner Tour  auf dem Land bekam man deutlich den demographischen Wandel zu spüren. Die Kinder hatten teilweise ihre Höfe aufgegeben, um in der Stadt zu arbeiten. Und die, die blieben, hatten keine Zeit, sich um die Altvorderen zu kümmern. Waschen, pflegen und hegen wurde in andere Hände gelegt. Ich kam in Häuser, die über keinerlei Heizung verfügten. Geheizt wurde größtenteils mit Holz, dass die Kinder hoffentlich rechtzeitig und in ausreichender Menge gehackt hatten, damit die Oma nicht frieren muss. Viele hatten keine Badezimmer und in den Betten türmten sich die Plumeaus über gusseisernen Wärmflaschen. Die Häuser war nie isoliert. Es zog durch alle Ritzen und in allen Ecken. Vor den Türen standen immer kleine Schüsselchen mit Milch für die vielen Katzen, die überall herum streunten.

Ich kam auch in das Haus von Christian und seiner Schwester Anna. Sie wohnten außerhalb des Ortes in einem kleinen  Gehöft. Drei Nüsse für Aschenbrödel in Miniatur. Immer Mittwochs hatten wir dort einen Termin zur Körperpflege. Vor der Tür befanden sich die Reste des ehemaligen Misthaufens. Der Flur war mit blau-weißen Kacheln gefliest. Rechts führte die Tür in die Kammer und Wohnstube der beiden: Ein Tisch mit Bank herum. In der Mitte ein Stuhl, der mich an den Rollstuhl von Klara bei „Heidi“ erinnerte. Geflochten aus Korb hatte er keine Rollen, dafür aber ein Loch in der Mitte. Es war der Toilettenstuhl, der von der Familie umfunktioniert wurde, in dem man ein Loch in die Sitzfläche hinein gesägte hatte. Aufgefangen wurde alles von einer orangenen Rührschüssel, die man wiederum praktischerweise direkt auf den Misthaufen vor der Tür entleeren konnte. Es gab eine riesen Wurzelbürste zum Saubermachen  – wobei es gut war, erst damit das Gebiß zu reinigen und dann die Rührschüssel, sagte meine „Chefin“,  und fügte achselzuckend hinzu: „Ist eben so!“

Anna, die 88- jährige schlief in einem Bett auf Stroh direkt vor dem großen Kachelofen, der sich mitten in der Stube befand. Plumeaus gab es auch hier in großer Anzahl. Es war bestimmt kalt in der Bude, wenn der 91-jährige Bruder abends nicht mehr heizte. Zwischen den Leinenlaken verirrte sich hin und wieder eine Maus und verstarb dort. Vielleicht wollte sie sich in der Strohunterlage ein Nest bauen. Sie wurde am Schwanz gepackt und auf den Misthaufen geworfen. Da waren wir nicht zimperlich. Christian schlief im hinteren Teil der Stube. Kleine Fenster ließen nur wenig Licht herein. Die wunderbaren Neuerungen der Technik gab es auch hier: Eine Steckdose (die einzige im Haus!), an die der Kühlschrank angeschlossen war. Auf dem Kühlschrank lag griffbereit ein Rasierer. Christian mochte es sehr, rasiert zu werden. Immer Mittwochs war sein Glückstag. An diesem Tag stand er früh auf und ging in die Küche, die den kurzen Flur entlang zu finden war. Ein riesiger Holzofen stand da. Töpfe und Pfannen hingen an der Wand. Ein Tisch und zwei Stühle und ein kleines Regal. Eine Waschbecken aus Emaille mit der einzigen Wasserstelle. Es war definitiv keine Wohlfühlküche. Eher Freilandmuseum aus dem Jahr 1900.

Dort schürte er den Ofen an, damit Mittags, wenn wir kamen, das Wasser warm war, das in zig verschieden Töpfen vor sich hinsimmerte. Hinter der Küche ging es weiter zur Backküche. Dort stand der Holzbackofen. Riesengroß – wie bei dem Kinderbuch „Die Abenteuer des starken Wanja“.

Es war eine fremde und  unwirkliche Welt, die wir da jeden Mittwoch betraten. Ins Altenheim zu ziehen, wo sie es bequemer gehabt hätten, war für Christian keine Alternative. Nie würde es da hinziehen. Nie. So kümmerte er sich um seine agressive und demente Schwester, ließ zweimal die Woche den Neffen herein, der etwas zu essen brachte und freute sich auf Mittwoch, wenn wir zum waschen kamen.

Das Wasser wurde in fünf Waschschüsseln umgefüllt. Jede Schüssel hatte ein Loch, aber durch eine bestimmte und geschickte Art der Stapelung lief nichts aus. Eine neue kaufen? Warum? Das geht doch auch so!

Anna zeterte wild bei der Körperpflege, um danach zufrieden in ihre aufgeschüttelten Betten zu sinken. Der Stecker des Kühlschranks, der mehr als mickrig befüllt war wurde ausgesteckt, um den Rasierer einzustecken. Beleuchtet wurden wir dabei von einer 25 Watt Glühbirne, die schmucklos von der Decke baumelte. Es war Improvisation pur.

Diese Leben machte mich stellenweise fassungslos. Wie konnte man nur so leben? Aber sie wollten es so. Sie waren zusammen. Was sie wohl den ganzen Tag machten? Wie gerne wäre ich da mal Mäuschen gewesen – ohne zwischen den Laken platt gedrückt zu werden.

Es gab eine schiefe Treppe ins Obergeschoß. Einmal wagte ich mich da rauf. Christian gab mir auf den Weg mit, vorsichtig zu sein. Er wisse nicht, ob die Balken noch halten würden.

Auf dem Dachboden standen wunderschöne Intarsienschränke. Und in einer Ecke stapelten sich Klatschzeitungen ohne Ende. „Das goldene Blatt“ staubte neben der „Neue Post“ vor sich hin. Die Jahrgänge fingen lange vor meiner Geburt an und hörte Ende der 70 er Jahre auf. Ich durfte mir welche mitnehmen. Es war der Wahnsinn.

Im Schwesternwohnheim las ich mich durch die Liebe von Cindy und Bert, die damals heirateten. Silvia Sommerlath und Carl Gustav lernten sich kennen und lieben. Ich war dabei, wie es anfing. Die Schwedische Königsfamilie kenne ich jetzt quasi bis ins dritte Glied in der Welt der bunten Blätter. Und jetzt Oscar Carl Olov. Ein dreifaches hip hip-hurra auf den kleinen Prinzen. Und eine kleine Gedenkminute für das Geschwisterpaar am Ende des kleinen Dorfes auf dem Land.

Eure Leben hätte nicht unterschiedlicher sein können. Hier kommt ihr zusammen.

 

 

 

„Es wird immer schlimmer“

Nachts um eins klingelt es: „Yo. Vielleicht brauchen wir einen Arzt. Ich weiß es nicht so genau. Wir wären jedenfalls mal da.“

Wie schön!

An der Anmeldung stand ein Pärchen. Eine Blondine kramte in ihrer Handtasche nach Dingen, von denen nur sie wusste, was sie suchte. Ihre Begleitung, ein Hipster mit langem, rostrotem Bart wie er im Buche steht, lümmelte auf dem Taschenabstellsims. Sein Hemd war mit vielen roten Sprekeln verziert.

„Fasching oder echtes Blut?“

„Ach- was weiß ich. Wahrscheinlich echt.“ Ein Alkoholfähnchen schwappte herüber.

„Eigentlich bin ich hier wegen ihr.“ Er deutete auf die emsig Kramende.

„Ich wollte sie beschützen, die Chantalle. Dann ist es etwas entartet. Und jetzt weiß ich auch nicht.“

„Was tut denn weh?“

„Chantalle? Was tut weh?“

Chantalle schaute auf und dachte nach. „Vielleicht die Hand?“, überlegte sie.

„Kärtchen?“

„Privat!“

„Dabei?“

„Vergessen!“

„Name?“

„Chantalle.“

„Geburtstag?“

„Moment.“

Sie grübelte. 25.? Oder wars doch der 27.? Das strähnige Haar fiel ihr ins Gesicht.

„Weißt du es?“

„Ich? Keine Ahnung. Du hast irgendwann im März.“

„Hm.“

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Tief durchatmen – aber nicht zu tief. Man hat das Gefühl, als würde man nur von der Atemluft besoffen werden.  Man reiche mir eine Nagelfeile.

So zäh wie sich das hier liest, so ermüdent war es.

Später wurde der Hipster ein bisschen munterer. Als er dem Doktor erzählte, wie schlimm die Welt geworden sei. Denn möglicherweise droht ihm eine Anzeige von der Polizei. Dabei wollte er nur die Chantalle beschützen. Vor wem, weiß er nicht mehr. Möglicherweise vor dem Sicherheitsdienst der Faschingsveranstaltung. Aber warum ihn die Polizei jetzt anzeigen will, ist ihm ein Rätsel.

„Nur beschützen. So weit ist es in unserem Land schon gekommen! Es wird immer schlimmer! Was muss denn noch alles passieren, damit hier mal einer aufwacht? Echt! Immer schlimmer!“ (Ich konnt im Geiste 57 Til Schweiger Gedächtsnisausrufezeichen mithören.)

An dieser Stelle hätte ich am liebsten  BINGO gerufen. So viele Phrasen auf einmal hört man selten auf einen Schlag.

„Welche Welt meint ihr jetzt genau?“, hätte ich am liebsten dazwischen gefragt – nur mal so aus Interesse.

Medizinische, superschnelle Versorgung für Menschen, die aktuell ihr Geburtsdatum  nicht mehr wissen, wohl aber, dass man nach/ vor / während / bei Gefahr direkt und schnell in die Notaufnahme muss? Das man eine aufs Maul bekommt – mit und ohne Grund? Gewaltbereite Menschen generell, wohin mal blickt? Kriege und Seuchen? Die Zunahme rechtsextremer Gewalttaten? Flüchtlinge? Schießbefehle? Kränkungen des Egos? Aber ich schweife ab.

Immerhin wissen wir in der Notaufnahme aus Erfahrung: Nur die Guten kommen in die Notaufnahme. Immer die Opfer. Nie die Täter. Haben wir ein Glück!

Chantalle hatte sich ein wenig den Arm verstaucht. Sie bekam einen Verband, der seltsam sauber wirkte gegenüber ihrer abgekauten Fingenägeln, auf denen man Restspuren des Nagellacks ausmachen konnte. Dafür war das Kleid umso kürzer. Das lenkt ab. Oder wie meine Omma immer sagte: Unten hui – oben pfui. (Ich bin aber auch wieder gemein heute!)

Sie zogen ab –  „Wo ist der Ausgang?“ – und ohne Dank. Muss ja nicht. Gern geschehen.

Es wir also immer schlimmer. Alles. Irgendwie. Es ist empörend. Also die Welt.

Die Patientin aus dem Nebenzimmer kam heraus um mir mitzuteilen, dass die Infusion gar nichts wirkt. Wo ihr doch so der Leib zwickt. Von den Pilzen oder von der Kräuterbutter am Abend oder aber dem 250 gr. Steak. So genau wisse sie das jetzt auch nicht. Aber irgendwo tuts da doll weh. Vielleicht die Galle. Oder die Leber. Obwohl sie sich nicht so sicher ist, wo das alles im Körper sich genau befindet. Schließlich ist sie ja kein Arzt.

Eine wunderbare Übung im empatischen Zuhören.

Heimlich denkst du: Krass! Jetzt bist du knapp 50 Jahre alt und dir war also noch nie schlecht oder du hast dir noch nie den Magen verdorben. RÖSPEKT! Da scheint vieles gut im Leben gelaufen zu sein. Respekt auch dafür, dass du dir anscheinend noch nie überlegt hast, was sich wo im Körper ungefähr befinden könnte. Oder du hast zuwenig Quizduell gespielt? Woher kommt diese Ahnungs- und Hilflosigkeit, wenns um den eigenen Körper geht? Sitzen die Leute zuwenig beim Friseur und lesen Frauenklatschzeitungen, in denen seitenweise medizinische Fragen beantwortet werden, wie:

Magen vedorben? Omas Hausmittel helfen auch heute.

Was tun bei verstauchen Gelenken? Schnelle Hilfe aus der Natur.

Erste Hilfe bei Sodbrennen.

Was hilft bei Erbrechen?

Schnupfen? So werden Sie ihn schnell los!

 

Der Rettungsdienst kam. Er war schon jenseits der Empörung. Auf der Liege hatten sie eine etwas käsig wirkende Frau dabei, die einmal (!) erbrochen hatte und jetzt also „dann da wäre“, wie der Sani leise seufzte. Hinterdran lief die Freundin. Sie wollte die Patientin lieber sicherheitshalber nicht mit dem Auto bringen – denn man weiß ja nie, ob es nicht doch was Schlimmes ist und dann die Frage: Wie bekomme ich die Kotze wieder aus dem Wagen? Da rief sie lieber mal den Rettungsdienst. Sicher ist sicher!

Die Empörungs- und Besorgniskultur über alles  und noch viel mehr geht mir sowas von auf den Keks. Nie abwarten. Sofort los! Immer sofort empören und besorgen, anschließend  am Besten sofort alles in den sozialen Netzwerken posten, krakelen.

Es zieht sich durch alle Bereiche, alle Schichten und alle Altersklassen.

Der Privatpatient, der heftig von seiner Katze gebissen wurde und die Ärztin anschnautze warum sie ihm jetzt sagt, dass er im Krankenhaus bleiben muss. Er wollte doch nur mal – nachts um halb drei  – nachschauen lassen. Ob sie überhaupt Medizin studiert hätte? Was er denn jetzt mit seinem Auto machen soll, dass auf dem Parkplatz steht? Hä? Hä? Was nun – Frau „angebliche“ Doktorin?!

 

Gefühlt atmen die wenigsten einmal tief durch und überlegen: Was ist passiert? Was mache ich hier? Was will ich im Moment erreichen? ( Oder es atmen mehr durch als gedacht, bloß bekomme ich die nicht zu Gesicht. Möglich wäre auch das.)

Ich bin immer erstaunt, wie überrascht Menschen sein können. Wie schnell sie sich angegriffen fühlen von Menschen, Tiere, Clambopflizien (=Viren und Bakterien alle Art) oder Sensationen und dann sofort gegensteuern müssen.
Huch. Ein Schmerz. Ein Widerwort. Eine andere Meinung. Eine andere Hautfarbe oder Religion: Schnell zum Arzt / ins Netz/ auf die Straße. Man weiß ja nie!

Immerhin: In einer der Nächte hatten wir auch noch ein echtes Wunder. Eine Faschingspolizistin mit keckem Hütchen kam. „Diese Bauchschmerzen. Gegessen? Nichts. Getrunken? Nur Wasser!“ Bei ihren 2 % war sie vielleicht wie Jesus hier einkaufen:

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Fundstück Facebook.

 

 

Sapere aude – sagt der Lateiner. Immanuel Kants machte später daraus: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Aber wo genau sitzt jetzt der Verstand? Oder – wie man bei Twitter immer fragt: „Weiß man da schon genaueres?“

 

 

 

 

 

 

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