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Humor

Mein Leben als Influencerin

Manchmal träume ich davon, wie ich mein wunderbares Leben noch wunderbarer machen könnte. Wie ich stinkreich werden würde. Auch in  – oder trotz – Pflege.

(Ich überhöre das hemmungsloses Gelächter vom Pflegepersonal)

Influencer müsste man sein! (Das ist keine Grippe – das sind äußerst wichtige Menschen, die unfassbar bedeutende Dinge machen. Heißt es.)
Wenn man „Pflege-Influencerin“ wäre, würde alle Welt wissen wollen, was man zum Frühstück isst (Werbung für Frühstücksflocken= Zaster), mit welchem Duschbad man sich erfrischt (Werbung=Zaster), womit man seine geschmeidige Dienstkleidung aufpeppt (Ihr ahnt es: Werbung= Zaster) sowie an welchem Getränk man nach Dienstschluss nippt oder es sich in die Kehle schüttet – je nach Arbeitsaufkommen. Ich würde einen Hashtag nach dem anderen reinknallen und anschließend die Hand für meine monetäre Vergütung aufhalten.

Am Abend würde ich  in einem gesponserten, hübschen Kleidchen auf irgendwelchen wichtigen Feier lustwandeln und angeregt, aber in lockerem Ton über die Wichtigkeit der Pflege plaudern. Das müsste ganz leicht daherkommen, denn in seiner Freizeit  möchte sich keiner mit schwerwiegenden Problemen befassen. Auch lustig sollte es sein- aber da mangelt es mir an Themen ja nicht wirklich. Und auch ein bisschen ernsthaft. Man möchte ja die Menschen „draußen“ auch ein bisschen sensibilisieren. Aufmerksam machen.

Es würde also laufen – in meinem Job als Pflegeinfluencerin

Die Werbewelt würde endlich feststellen, dass wir unfassbar viele Menschen in Gesundheitsberufen – vor allem Frauen – sind. Und für die dreht es sich nach Feierabend ebenfalls um so wichtige Dinge wie:

  • Welcher Nagellack hält wirklich an freien Tagen?
  • Was für ein Nagellackentferner entfernt wirklich alles gründlich und schnell, ist dabei aber gleichzeitig schonend? ( Drei Minuten vor Dienstbeginn muss es schon mal schnell gehen, weil man es irgendwie verschlafen hat, sich Knallrot, Rubinmatt oder „Sinners Mood“ rechtzeitig vom Nagel zu kratzen.)
  • Welches Make-Up kann ich auch an heißen und stressigen Tagen bedenkenlos tragen?
  • Welche Wimperntusche verläuft nicht, wenn der hübsche, heiße Arzt/Pfleger/Verwaltungstyp um die Ecke kommt?
  • In welchem Entspannungsbad  aalt sich das Gesundheitspersonal am besten?
  • Welche Hydro-Energy-Maske beseitigt die Spuren des Nachtdienstes am schnellsten?
  • Welche Schuhe sind so bequem wie hübsch und entsprechen auch dem noch dem Standard der Arbeitssicherheit?
  • Welche Unterwäsche klebt nicht am Körper?
  • Welcher Energyriegel gibt wirklich Power an einem anstrengenden Tag?
  • Welches Getränk macht müdes Pflegepersonal munter?
  • Was hilft gegen „Quellwasserbeine“?
  • Welcher Instandscheiß verspricht schnellste Sättigung?

Merkt Ihr war?

Mit der Macht der Pflege würden Umsätze steigen, weil hier jemand aus Fleisch und Blut – also quasi total authentisch – (da wird ja immer wahnsinnig Wert drauf gelegt) – spricht/schreibt/vor sich hin blubbert/vlogt/bloggt.

Eine*r von vielen.

Dann kam die Coral – Werbung.

Was hab ich mich amüsiert über diese Bilchen von irgendwelchen Stars,  die so porentiefc rein und unschuldig mit ihrer Flasche Waschmittel im Bett sitzen oder auf Rädern mit völlig unangebrachten, unpraktischen Fahrradkörben? Das alles könnt ihr hier nachlesen. Es ist kurios wie albern. So dämlich, wie lustig. Mein Humorzentrum hat es jedenfalls getroffen.

Das, was da Coral gemacht hat, könnte Pflege auch. Locker aus der Hüfte.

 

Ich  habe – aus reine Lust und Freude (Ohne Zaster – wie schade. Ich hätte die Firma mal anschreiben sollen) tatsächlich eine Falsche Coral mit in die Notaufnahme genommen, um blödsinnige Werbung nachzuspielen.

Coralverband
So weiß wird es nur mit Coral

 

Coralwerbung
Was in keiner gut sortierten Notaufnahme fehlen darf…

 

Coralwerbung
Strahlende Sauberkeit im Wäscheschrank – dank Coral!
Coralwerbung
Mit Coral würde das nicht passieren!

 

Liebe Werbungsfuzzis: Merkt ihr, was euch entgeht?

Ein gigantisch, zahlreiches Publikum geht euch durch die Lappen, weil ihr wenig zielorientiert seid. Die meisten Menschen verlassen sich darauf, was ihre Freunde/ Kollegen empfehlen und mögen. Ihre Erfahrungswerte sind es, die Kaufentscheidungen prägen.

Nicht Püppchen, die in der Gegend mit ihrer Pulle Waschmittel sitzen. Nicht hübsche Bengels, die vor der Waschmaschine hocken oder vor Graffitis stehen.

 

Ach ja. So wäre das. Mein aufregendes Leben als Influencerin. Aber wann hat Werbung jemals auf Kunden gehört? Und wann ist jemals eine*r aus der Pflege reich geworden?

 

 

Anfechtung. Saufen, bis der Arzt kommt.

alkoholisiert oder betrunken, hackedicht oder stockbesoffen, knülle, bums- oder rotzevoll, beschickert, beduselt, benebelt, stralle, lattenstramm, angeheitert, angesäuselt, berauscht, beschwipst, sturzbesoffen

(Im Video kann man sehen, wie sie VOR Betreten der Notaufnahme aussehen und BEVOR der Rettungsdienst sie ,eingesammelt` hat. Erstaunlicherweise können sie Yogaübungen, für die ich jahrelang üben müsste. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Um es anders zu sagen: Wenn an einem Tag mal keiner hackedicht kommt, fehlt schon fast was.

Es kommen die kleinen Mädchen, die auf EINEN Tequila eingeladen wurden. („Ich sssschwör! Nur einer!“)

Es kommen die starken Kerle, die einen ,drauf gemacht` haben. („Heyheyhey. Nach dem 14. Bier hab ich aufgehört zu zählen. Harharhar!“)

Es kommen Damen, die zusammen lustig waren und beim Likörchen ordentlich zugelangt haben. („Elvira hatte so einen leckeren, selbst gemachten Eierlikör. Der hat was geschmeckt. Wenn ich wieder daheim bin, brauche ich unbedingt das Rezept!“)

Es kommen die Berufstrinker, die mit 3,5 Promille noch wie eine Eins stehen und reden können und nur leicht schwankend aufs Klo gehen. („Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt und warum ich hier bin. Mein Bier war noch gar nicht alle!“)

Es kommen die Obdachlosen, die zum Frühstück auf ein kleines Herrengedeck eingeladen wurden. („Vom Otto. Feiner Kerl!“)

Und es kommen viele anderen, die mal so einen gehoben haben.

Manche trinken aus Spaß. Manche aus Durst. Einige aus Notwenigkeit. Ebenso aus Traurigkeit oder aus einer Laune heraus. Manchmal auch überhaupt nie, nie,nie. („Was? 2,4 Promille? Ich? Aber ich trinke doch NIE!“)

Jeden Tag. Egal zu welcher Uhrzeit. (Was – um 11 Uhr morgens kann man schon DIESEN Promillewert haben?)

Wenn du dich über sie beugst, muss du aufpassen, dass du nicht vom einatmen sofort besoffen wirst. Oder gleich mitkotzt. Seit es die praktischen  Sicksacks gibt, (eine passgenaue Kotztüte für Gesichter aller Art) kommen die brechenden Menschen relativ sauber. Die Herausforderung: „Bei mir bricht niemand ins Auto“ des Rettungsdienst und die daraus folgende Schlammpackung ist damit vorbei. (T-Shirt in der Hose festklemmen, den kotzenden dann ins T-Shirt …. ach. Es ist unschön)

Ja – wir trinken auch. Gerne. Manchmal auch nicht zu knapp. Wir verstehen das, wenn einer trinkt. Oder auch säuft. Immerhin lag weder eine der Menschen,  die ich kenne noch ich  sturzbesoffen in einer Notaufnahme.  Immerhin!

Da liegen sie und leiden. Die Hose ist eingenässt. Das Erbrochene klebt in den Haaren. Der alkoholgeschwängerte Atem wabert durch alle Räume. Wenn man Glück hat, pennen sie nur und riechen. Hat man Pech, kommt fiese Aggression dazu. („Ich hau dir die die Fresse, du F***“ – ach. Das will man auch nicht hören oder lesen). Oft folgt eine schlimme Sauerei. (Ins Zimmer pinkeln, sich venöse Zugänge mit Schwung aus dem Arm reissen, vor die Füße brechen, mal gepflegt in die Hose …. JETZT IST ABER MAL GUT MIT DER UNAPPETITLICHEN GESCHICHTE!)

Was hilft, ist ein gewisser Hang zu schrägem Humor. Manchmal auch die Polizei.

Manche sind Vollpfosten.

Manchmal allerdings kann es sogar recht heiter sein, mit den ,angeschickerten`zu plaudern. Zudem bekommt man oft DIE WAHRHEIT gesagt. („Schwester, sie sind wunderschön!“  – ihr wisst ja: Betrunkene und Kinder sprechen immer die Wahrheit!) Und Eierlikörrezepte bekommt man auch.

Nett wäre, wenn man sein Limit kennen würde. (Wobei – die Kampagne der BZGA ist schwierig. Bis man sein Limit kennt, muss man erst einmal testen, testen und noch mal testen)

Sehr nett ist auch dieser Artikel aus der TAZ, der mich über alle Maßen erheitert hat.

http://taz.de/Die-Wahrheit/!5038485/ Die Wahrheit: Eine Ethnologin aus Grönland untersucht den größten linguistischen Schatz der Deutschen: ihr überreiches Vokabular zur Trunkenheit.

Ansonsten gilt: Es heißt ja immer, dass der Mensch viel trinken soll. Gerade bei der Hitze. Also: Trinkt – vielleicht mal ein Wasser zwischendurch –  und seid guten Mutes. Habt Spaß.  Aber hört irgendwann auch wieder auf, bevor ihr in eine Notaufnahme gebracht werden müsst.

 

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