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notaufnahmeschwester

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Gott

Gottes Wandteppich

Freunde.

Ich saß bei meiner Mutter auf dem Sofa und hörte ihr zu, wie sie Klavier übte. Vorher gab es Tee mit Wölkchen (ein Löffel Sahne vorsichtig eingerührt)  und ein Knäckebrot mit Quark und Marmelade. Leckerste Speisen bei meiner Mutter zum Nachmittagskaffee.

Einmal machte sie mich nach einer Schicht fertig: Ich kam kaputt und brainoverloaded und sie wollte es mir schön machen: „Kind. Ich hätte ein Brot mit Quark und Marmelade – du kannst aber auch ein Wurstbrot haben oder lieber Käse? Ich hab auch noch was vom Mittagessen übrig, das könnte ich schnell warm machen. Oder magst du Obst? Was möchtest du denn trinken. Soll ich dir einen Kaffee machen oder lieber einen Tee? Ich hätte auch noch Saft da oder möchtest du Wasser? Gefühlt ging das Referat noch Stunden weiter und zerrüttete mich sehr. Brainoverloaded. Hätte sie mir ein Brot vor die Nase gestellt – ich hätte es gegessen. So musste ich denken. Und zwar sehr viel, sehr ausführlich und überfordernd.  Es war sehr anstrengend. Und ich liebte sie sehr dafür (im nachhinein), weil sie sah, wie fertig ich war und alles tun wollte, damit ich Freude, Liebe und Essen in Herz und Magen bekam.

Ich saß auf dem Sofa und hörte ihr zu, wie sie Klavier spielte. Das Klavier ist sehr alt, sehr gut gestimmt und glänzt ungeheuerlich schön schwarz. Sie übt eigentlich nicht Klavier, sondern bereitet ihr Orgelspiel vor. Fast jeden Sonntag hat sie noch Dienst. Dann fährt sie über Land bei jedem Wind und Wetter. Das strengt sie an, weil sie nicht sehr oft Auto fährt. Aber sie kriegt es hin. Bei Nebel tuckert sie eben mit 20 km/h die 18 Kilometer durch Nebelsuppe.

Dann besteigt sie Empore, knipst in den meist saukalten Landkirchen den mobilen Heizstrahler an und los geht es.

Seit fast 40 Jahren spielt sie.  Durch meine Kindheit ziehen sich Dreiklänge, Kadenzen und deren Umkehrungen sowie Erweiterungen durch alle Tonarten, die sie stundenlang probte und spielte. Mit Anfang 40 begann sie damals: „Du kannst doch Klavier spielen. Wir haben keinen Organisten. Könntest du nicht Orgel spielen lernen?“

Schuhe mit glatter Sohle wurden gekauft für „unten“ und dann übte und übte sie und ließ sich ein auf das Abenteuer „Kirchenmusik“. Mit Prüfung und allem Schnick und Schnack.

Jetzt ist sie 80 Jahre und spielt immer noch.

Am Mangel in der Kirchenmusk hat sich nichts geändert. Sie spielt mit Hingabe und was mich sehr rührt: Sie bleibt nicht stehen. Ich kenne Organisten, die bimsen sich ihre Stücke drauf und dann ist gut. Neues muss nicht und ist ja auch so anstrengend.

Nicht meine Mutter. Sie mag Neues entdecken. Und üben.

Als ich also auf dem Sofa saß und hörte, wie sie ein brandneues Stück  „Ganz schön modern nicht wahr? Aber so schöne Harmonien. Ich könnte fast weinen, so schön ist das“  – vorspielte, wurde mir mal wieder klar, wo ich herkomme.

Wie sie – auch mein Vater – mir den Weg bereitet haben, nicht stehen zu bleiben. Sich nicht zufrieden zu geben mit dem, was man kennt, sondern losziehen. Ausprobieren. Auch manchmal scheitern. Und dann wieder weitermachen. Neugierig bleiben.

Ich zückte das Handy und nahm ihr Spiel auf:

 

Abends saß ich auf meinem eigenen Sofa und schaute Daredevil.

Und hörte in der letzten Folge der 3. Staffel dieses hier.

 

„Gottes Plan ist wie ein wunderschöner Wandteppich. Und das tragische daran, ein Mensch zu sein, ist, dass wir stets nur die Rückseite davon sehen. Mit all den losen Fäden und unscharfen Farben. Wir bekommen nur eine Ahnung von der wahren Schönheit, die sich zeigen würde, wenn wir das ganze Muster sähen auf der anderen Seite  – so wie Gott es sieht.“

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Bildquelle: Pixabay

Auf Mutter Sofa hatte ich eine kurze Ahnung, einen kurzen Blick erhascht. Ein kleiner, sehr intimer, wunderschöner Moment, als meine Mutter spielte und ich zuhörte.

 

 

 

 

 

 

Das letzte Hemd hat Taschen voller Liebe

 

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Mit Frau Reimann und ihrem Mann habe ich Sekt getrunken und über das Leben geplaudert. Vor allem aber darüber, was uns erwartet, wenn wir sterben.

Frau Reimann ist überzeugt: „Das letzte Hemd hat Taschen voller Liebe!“

Sie muss es wissen – sie ist 86 Jahre alt und macht sich – zumindest hin und wieder – gedanklich fertig zum Aufbruch.

Es war mir also vergönnt, mit diesen wunderbaren Menschen zu plaudern.

Hochbetagt, in sich ruhend, schick und mit Nagellack, im Hintergrund bullerte ein Öfchen (falls ihr euch über das Nebengeräusche wundern solltet). Wir sprachen über das Geheimnis ihrer langjährigen Ehe und über ihren Glauben. Über das, was Trost gibt (Fast musste ich ein bisschen weinen) und getrennte Schlafzimmer. Warum man unbedingt Schmuck tragen sollte und wie das mit der Eigenliebe klappt.

Ich bin großes Fangirl der Beiden. Wenn ihr lauscht, werdet ihr verstehen, warum. Es ist ein großes Geschenk, mit so jemanden zu plaudern. Von wegen Role Model.

 

„Nie war ich so glücklich und zufrieden wie jetzt!“, sagte mir mal Frau Reimann einmal. Ich glaube ihr sofort. Möglich, dass es auch an ihrer Tasse liegt, aus der sie trinkt. Aber bestimmt nicht nur.

„Liebhaben ist das Wichtigste!“, gab der Vater ihr mit auf den Lebensweg – und es ist so schön zu sehen und zu spüren, wie es über 86 Jahre lang getragen hat und immer noch trägt.

Hördauer 25:40

 

"Heute ist mein Lieblingstag" ist ein gutes Motto für ein gelungenen Start in den Tag.
„Heue ist mein Lieblingstag“ ist ein schönes Motto für den gelungenen Start in einen neuen Tag.

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