Ich kaufte mir eine Jacke.
Flauschiges Fell – natürlich kein echtes Fell. Dennochn ein Fell, das man immerzu streicheln möchte. Wie Basset-Ohren. Oder flauschiges Kanninchenfell. Sie ist dunkelrot und wunderschön. Eine Seelenjacke.
Die Dame an der Kasse nahm sie und packte sie in eine Tüte. Und da fiel er mir wieder ein. Der Mann. Der, den ich schon immer mal kennenlernen wollte. Der eine „Größe“ in der Stadt war. Bekannt – aber mehr so aus dem Hintergrund. Bestens vernetzt mit viel Prominenz. Zu gerne hätte ich gewußt, wie er so tickt. Was ihn antreibt. Und die ein oder andere Geschichte der Stars und Sternchen hätte ich – ich gebe es zu – auch gerne direkt aus erste Hand erfahren. Wie aufregend das alles sein musste.
Ich traf ihn auf einer Veranstaltung, die ich mit meiner Schwester besuchte. Nie hätte ich ihn angesprochen. Man soll die Leute in Ruhe lassen.

„Gehe nie zum Fürst, wenn du nicht gerufen würst!“




Meine Schwester ist da anders. Sie maschierte auf ihn zu, mich hinterherziehen wie bei diesen Instastorys, wo die Frauen immer den Männern die Welt zeigen wollen, die sie aber nicht sehen, weil sie ja die Frau knipsen müssen, die den Männern die Welt zeigen wollen….Also ich hinterher. Da war meine Schwester schon munter am plaudern mit dem Mann.Er hörte zu, plauderte zurück. Nicht besonders herzlich, aber auch nicht abgneigt. Mehr so höfliche Diszanz. Warum auch nicht.Meine Schwester stellte mich vor: „….meine Schwester. Sie arbeitet in einer Notaufnahme.“
„Ach wirklich! Wo denn?“Fast war ich entzückt über das Interesse vom Mann. Hatte ich es so geweckt, so dass er mir unverzüglich schmutzige Details – egal vom wem und warum – erzählen würde? Würde er mich engagieren, weil ich bestimmt lustige Geschichten zu erzählen hätte?
Doch weit gefehlt.
„Ach da! Na da habe ich ja auch eine Geschichte!“
Ach du liebe Zeit. Es schrillte die Alarmglocke. Ich ahnte, was folgen würde. Das Standartprogramm: Knieschmerzenn hier, Hodenprobleme da… Ich als Krankenschwester hätte doch da bestimmt….. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wie schade.
Er hub an, eine äußerst langweilig vorgetragene Geschichte eines Sturzes zu lamentieren. Er wehklagte weiter über den schmerzhaften Abtransport in die nächste – „Ihre Klinik!!!“ Die höfliche, distanzierte Behandlung. Er belärmte die Wartezeit von einer halben!!!! Stunde, um dann in einem Crescendo seinen wahren Unmut kundzutun: Er musste sich ausziehen für die Untersuchung. Seine Kleider wurden in einen Sack gesteckt. In einen Sack! Lieblos! In einen Sack! „Darüber müssen wir mal reden! In einen Sack! Gestopft!“

Leider war es keine private Aufführung von Thomas Bernhards „Holzfällen. Eine Erregung“.
Eigentlich war es nur peinlich. Aus einem Menschen, den ich wirklich gerne aus mannigfaltigen Gründen kennenlernen wollte, war nicht nur ein Mann aus Fleisch und Blut geworden, sondern ein lamentierender, sich ereifernder Arsch ohne den geringsten Hauch von gesunden Menschenverstand.

Ich versuchte einen Scherz. Schnell. Ein Scherz in heiklen Situationen, um die Stimmung ein wenig aufzuheitern.
„Aber lieber Herr. Eine wichtige Krankenhausregel ist nun mal: Keine Diagnose durch die Hose….“
„IN EINEN SACK!“
„Nun. Ein Gaderobenständer- oder fräulein gibt es bei uns in der Tat nicht!“ (Ich war so unfassbar höflich und gelassen)“LIEBLOS! IN EINEN SACK! Nach der Untersuchung konnte ich mir meine Hose selber wieder aus dem Sack heraussuchen. AUS DEM SACK! WIE BEI DER MÜLLABFUHR!!!!!!““Hatten Sie nicht nicht Knieschmerzen? Oder waren Sie auch auf die Hände gefallen?“
Whouuuuuuuu. Widerwort. Dem Mann. Der seine Hose aus einem Sack, in die sie lieblos!!! hineingeknüllt war!!!! herausholen musste. Trotz Schmerzen! In seinem Zustand!!!!
(So viele Ausrufezeichen kann ich gar nicht in diesem Text unterbringen, um sie kenntlich zu machen .Stellt euch eine Herde vor. Eine große Herde. Die Empörung war groß.)
Ja. Das sind schlimme Schicksale, die täglich in Notaufnahmen passieren. Lieblos werden sorgfältig angekleidetet Stücke vom Leib gezerrt und in Säcken verstaut. Wir nennen sie Tüten ja lieber „Patieteneigentum“. Aber was solls. Sack klingt auch nicht schlecht. Beschriftet mit dem Namen des Klamottenspenders werden sie an eine geeeigente Stelle gelegt, damit man sie später – nach Untersuchungen aller Art- wiederfindet. Unser Berufsstand ist sich sogar zu schade, Menschen ohne Not wieder anzukleiden. Sie lässt es sie selbst machen. AUS EINEM SACK! Wie von der Müllabfuhr oder einen Discounter!
Was für ein Vollpfosten. Ob er sich bei der Prominez auch so benahm? Oder nur beim normalsterblichen Volk? Gibt es etwas schneller entzauberndes, als langatmigem Geschichten – jenseits von gesundem Menschenverstand?
Auf die Frage, wie man seiner Meinung nach einer möglichen Problemlösung des „Sacks“ bei den vielen Patienten, die nun mal für die ein oder andere Untersuchung ausgezogen werden müssen, konntwe oder wollte er – wegen der Erregung vbermutlich – nicht antworten. Außer einem Abschlussschnaufer „…aus einem Sack!“kam nicht mehr viel.
„Das ist doch nicht mein Problem!“
Stimmt. Meines aber auch nicht.

„Schlimm“, sagte ich, meinte es nicht so und musste dringend weg. Nicht, dass er noch wegen eines Schaganfalls mir an die Brust sinken würde.

All das fiel mir ein, als die Kassiererin meine flauschigste aller Flauschjacken in eine Tüte packte. Ich bedankte mich artig, nahm den SACK!!!! und ging freudig nach Hause.