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notaufnahmeschwester

Wer pennt wird angemalt!

Dies ist meine die Erfolgsgeschichte, wie ich die Technik in Griff bekam. Ein neues Schneideprogramm, ein „Lame-Dings“ (der Kenne wird wissen, wovon ich spreche) und zwei Spuren haben mich die letzten Tage für diesen Podcast nervlich zerrüttet auf Trab gebracht.

Doch nun ist er da.

Taucht ein in die wunderbare Welt von elektrischen Saugrobotern und ihren Tücken, über Alexa, die es nicht drauf hat sowie einer alten Katze samt einem wunderbaren französischen Wort, das mein Herz im Sturm erobert : dégueuler

 

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Eine alte Katze, die ständig bricht will keiner sehen. Daher dieses niedliche, kleine Ding! Bildquelle: Pixabay

 

Begleitet Alex und mich auf dem „Jail-Run“ durch die Notaufnahme und hört vom Abschiedsschmerz  und Neuanfang und einem Paar vererbter Schuhe, die so wunderbar zur Augenfarbe passen,.

Es ist stellenweise sehr romantisch – oder so ähnlich.

 

 

Hördauer 49:30 Minuten

And now her watch is ended

„Die Nacht zieht auf und meine Wacht beginnt.

Sie soll nicht enden vor meinem Tod.

Ich will mir keine Frau nehmen, kein Land besitzen, keine Kinder zeugen.

Ich will keine Kronen tragen und keinen  Ruhm begehren.

Ich will auf meinem Posten leben und sterben.

Ich bin das Schwert in der Dunkelheit.

Ich bin der Wächter auf den Mauern.

Ich bin der Schild, der die Reiche der Menschen schützt.

Ich widme mein Leben und meine Ehre der Nachtwache.

In dieser Nacht und allen Nächten, die da kommen.“

Game of Thrones – der Eid der Nachtwache

 

 

 

Diese Vereidigung der Männer von der Nachtwache drang neulich in mein Hirn, als ich morgens, pünktlich um 6.12 Uhr, den Aufzug Richtung heimatliches Bett betrat.

And now her watch is ended.

In diesem Fall stimmte es mehr als sonst, als ich diesen Satz zu meinem Herzenkollegen sagte. Mehr als „ended“. Quasi aus die Maus. Im besten Fall für immer.

 

Liebe Freunde der Notaufnahmeschwester,

mit dem morgigen Tag starte ich in eine neues, aufregendes, hoffnungsvolles Leben jenseits der „Mauern“ der Notaufnahme. Nach knapp 21 Jahren mach ich mich auf.

Ich mache mich auf, etwas Neues zu (er)leben, andere Erfahrungen zu sammeln, Horizonte entdecken und mit meiner Kreativität spielen zu gehen.

Ich habe gekündigt.

Irgendwo und irgendwann auf Twitter habe ich mal den schönen Tweed gelesen:

WILL ich das?

Will ICH das?

Will ich DAS?

(Sollte der Autor das lesen, bitte melde dich! Dann möchte ich dich feiern und dir danken für diese Sätze! Und deinen Namen hier nennen, auf dass dir Ru(h)m und Ehre winkt!)

Ruhm und Ehre dem Autor – hier das Orginal, mit freundlicher Genehmigung von @Mountain_lover

 

Die Antwort – für mich – auf diese Sätze war jedenfalls in vielerlei Hinsicht: Nein! Nicht so. Nicht mehr! Geht mir alle fort! Wer sich wundert über diese harschen Worte sei ein Hashtag wie #twitternwierueddel oder der Hashtag #Pflegenotstand empfohlen.

In „meiner“ Notaufnahme hat sich – gerade in den letzten Monaten – unfassbar viel verändert. Es wurde und wird strukturell und personell umgebaut, neu sortiert, modernisiert, aufgestockt und vieles mehr. Manches ist von der Idee weiter entwickelbar und gut, manches ist einfach Kopf-Tisch.

Vor 10 Jahren hätte ich vielleicht begeistert ob des möglichen Wandels mit jeder Menge Potenzial für Neubeginn begeistert die Ärmel hochgekrempelt.

Heute seufze ich angeödet.

Allein wenn ich die Worte „Personal- oder Kostenneutral sowie Arbeitskreis“ lese, zucken meine Augen wir bei Shaun dem Schaf. Oder ich blicke leicht fassungslos um mich wie dieses Schaf – Lama – Alpaka hier:

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Draußen vor der Türe erzählen mir Kollegen von einer 1 : 30 Besetzung auf Station.

Die Grippe. Der Wolf. Das Lamm. Hurz! Irgendwas ist immer.

Auf die Frage zwecks einer Überlastung/Gefährdungsanzeige winken sie erschöpft ab. „Hatte wir schon alles gemacht. Die PDL sagt, woanders ist es auch so!“

Vielleicht muss wirklich der Pflegekarren mal so richtig an die Wand gefahren werden, bevor sich was tut. Aber natürlich erst, nachdem ein Arbeitskreis gebildet wurde. Zwecks der Prozessoptimierung und überhaupt. Wissta Bescheid, nech. Ist wichtig! Müssen wir erstmal so ein bis zwei Jahre und wöchentlich zusammensetzten und darüber diskutieren, warum um Himmelwillen die Pflege keine Lust mehr auf Pflege hat. Ging doch bisher auch!?

 

WILL ich das?

Will ICH das?

Will ich DAS?

 

Ich will es nicht mehr.

Ich will nicht mehr dabei sein, wenn sieben neue Kollegen auf einen Streich angelernt werden müssen. Ich will nicht mehr die Einzige sein, die alles Gipsen kann und gelernt hat über die Jahre, die Übersicht zu behalten.

Ich will nicht mehr die Mutti für die Ärzte sein. Die Verwanlungsfachangestellte, die sich zum Rapport einfinden muss, weil irgendeine Abrechnung von einem „Nicht EU-Bürger“ falsch aufgenommen wurde. Ich will nicht mehr jemand sein, der „da“ ist – aber eigentlich ist es auch wurscht ob ich es bin oder jemand anderes: Hauptsache, der Laden läuft und alle haben überlebt.

Man kann sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass die Sätze der Nachtwache von Games of Trones die Sätze der Pflege sein könnten.

Ich will auf meinem Posten leben und sterben.

Ich widme mein Leben und meine Ehre der Nachtwache.

In dieser Nacht und allen Nächten, die da kommen.“

Liest man all die Tweeds und Artikel und Posts, wundert man sich, warum das meine Kollegen landauf-landab mit sich machen lassen. Über Jahre. Zu scheiß Bedingungen. (Entschuldigt die Wortwahl. Sie war Absicht!) Also gibt es scheinbar doch eine Verpflichtung bis die Schicht ein Ende hat?  Oder ist es die Berufung, von der alle so gerne reden , dass einen an den Arbeitsbereich nagelt- auf Gedeih und Verderben, aber mit viel Herz?  Für viele mag das so stimmen. Möglich ist aber auch, dass vielen schlicht Alternativen fehlen – aus mannigfaltigen Gründen (Um auch mal dieses schöne Wort unterzubringen). Oder auch der Mut.

 

Für mich stimmt es nicht mehr. Veränderungen tun Not.

Und so packte ich mein(e)  Patiententüte Köfferchen in Form von 100.000 Erfahrungen, den Schabernack mit meinen Kollegen, sieben eigenen Kulis und drei Paar Schuhe, Kaffeepads und Notfallgummibärchen, einer Schachtel Zahnstocher (?), zwei Paar Socken, die mir eine Herzenskollegin schenkte und zog aus meinem Schrank aus.

 

Dieses Karriereziel habe ich zumindest bisher erreicht. Verbitterung liegt mir fern. Dazu bin ich zu realistisch. Und mit glücklicherweise mit Humor gesegnet. Es ist wie es ist. (Und wie es hoffentlich kommen muss, damit Veränderungen endlich einmal stattfinden (werden)).

 

Ab jetzt werde ich hoffentlich Senioren glücklich machen. Keine Pflege, aber Hege. Mit Zeit – einem Luxus in unsere Welt. Keine endlose Hetze mehr. Dafür Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit, tolle Projekte – all das wartet in meinem Herzen darauf, losgelassen zu werden und auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Kein Wochenenddienst. Keine Nachtschicht. Keine Urlaubspläne, bei dem man um Tage ringen muss. Kein aufgezwängter Dienstplan überhaupt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen wie sich das anfühlen mag – nach 30 Jahren im Schichtdienst. Nun werde ich keine Entschuldigungen mehr für Elternabende und sonstiges haben. Au weia. Gott-sei-Dank.

 

Es wird mir so vieles fehlen. So unfassbar vieles. Unendlich vieles.

 

Einer der Internisten, der nicht den Status „Ehemaliger Medizinstudent“ hatte (der Kenner wird wissen, wovon da die Rede ist), kam an meinem letzten Tag zu mir. Er herzte und drückte mich. Er bedankte sich für den Spaß den wir hatten und für vieles mehr. „Weißt du, Notaufnahmeschwester, ich hab soviel von dir gelernt – du warst wie eine Mutter zu mir!“

Sagen wir mal so: Aus der Nummer in der Wäschekammer bin ich dann wohl mittlerweile raus!

 

Bei meinem allerletzten Gips war ich etwas wehmütig.

„Wissen sie – das hier ist mein allerletzter Gips im Leben – wenn alles gut geht!“

„Warum?“, fragte der Patient interessiert. „Gehen sie in Rente?“

„Ich geh jetzt weinen!“ du Pfosten. Siehst du nicht mein glänzendes Haar? Meinen frischen, rosigen Teint? Den geschmeidigen Gang? Mein zugewandes, herzliches Wesen?

Freunde. Der Wechsel war/ ist also nötig. Ich passe mich quasi schon mal vorab meinem zukünftigen Klientel an. Wenn das nicht voller Arbeitseinsatz ist!

 

And now her watch is ended.

Und nun ist meine Wache zu Ende.

Und ich weine und lache gleichzeitig.

 

Wenn ihr mögt – ich habe noch 100 Geschichten im Kopf, die nur darauf warten, endlich geschrieben zu werden. Schichtdienst sucks. Aber jetzt habe ich ja eine neue Form der Tagesgestaltung. Wäre ich jetzt der Nerd, für den mich einige Kollegen halten, würde ich hier und jetzt eine Umfrage starten, ob ihr noch Lust auf wahre, ungeschminkte Geschichten aus der Notaufnahme habt.  Habt ihr?

Wat mutt dat mutt

Ein neuer Podcast. Hurra. Diesmal mit einem besonderen Gast (Quatsch. Alle meine Gäste sind besonders!)  meinem Papa.

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Die Postkarte steht im Arbeitszimmer meines Vaters.

Ich nenne ihn „Zwischen Bypass und Brokkoli“.

18 kleine Momente

„Weißt du, Notaufnahmeschwester“, sinniert der Kollege morgens um halb drei. „Weißt du eigentlich, dass ich mich ohne dich nie in der Notaufnahme beworben hätte?“

„Was? Nein. Erzähl!“

Im Nebenraum piept der Herzschlag eines Patienten der Uhrzeit entsprechend vom Monitor gemächlich. Der Arzt diktierte leise seinen Arztbrief mit monotoner Flugkapitainsstimme (Sehr geehrter Hausarzt. Wir befinden uns in einer Höhe von drei Meter über Null und möchten heute – zur frühen Stunde- über unseren gemeinsamen Patienten berichten, der heute mit dem Notarzt zu uns gebracht wurde. …..). Das Licht war gedimmt.

„Einmal“, so beginnt er, „einmal kam ich hierher, um einen Patienten abzuholen. Der Tag war schlimm gewesen und ich war sehr erschöpft. Du botest mir einen Platz an und eine Banane. Und du erzähltest, dass eine Stelle frei wäre. In Kombination mit der Banane wusste ich: hier bewerbe ich mich. Hier wird für dich gesorgt – oder so ähnlich.“

Ich wusste es nicht mehr. Diese Geschichte hatte ich vergessen – wie so vieles. Einer der Gründe, warum ich so gerne blogge. Wer schreibt, vergisst nicht.

Und weil die Uhrzeit so fortgeschritten war und man nachts sowieso zu mehr Ehrlichkeit und Gefühlen neigt, plauderten wir weiter. Über gemeinsame Erlebnisse, Dinge, die uns zusammen geschweißt hatten und kleine Momente, die wir miteinander teilten.

Ich bin umgeben von einem Team.  Von klugen und lustigen Frauen und Männern. Ich bin umgeben von Gelächter und Gezanke. Von Kummer und Emotionen. Wir teilen Freude miteinander und Ärger. Ich bin umgeben von wenigen Worten, weil mehr nicht nötig ist und Gelaber ohne Ende.

Ich bin Teil eines Teams – und es wird Zeit, es ein wenig in Worte zu fassen. Sie teilen in manchen Wochen mehr Zeit mit mir, als meine Familie. Sie haben mich die letzten 20 Jahre wachsen und gedeihen lassen. Sie haben mich geprägt  und hinterfragt. Wir haben uns geliebt, sind uns aus dem Weg gegangen und haben uns gehasst. Ohne sie wäre ich möglicherweise ein anderer Mensch. Und so wie mein Kollege einen kleinen Moment mit mir teilte, teile ich nun welche mit euch.

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In Wahrheit sind es noch viel mehr kleine Momente und KollegInnen. Bildquelle: Pixabay

 

  1. Ich erinnere mich, wie ich mir vor dem Nachtdienst eine App mit einer  Klaviertastatur runterlud. Nachts übten die Kollegin und ich Lieder für die Hochzeit einer Kollegin ein.  Zweistimmig. Ausgerechnet Gospel. Aber sie wollte es so und sie kann sehr überzeugend sein. Morgens um vier waren wir fertig. Das Lied war  – immer mal zwischendurch – fertig einstudiert. Müßig zu erwähnen, dass wir an der besagten Hochzeit wie die Engel sangen. Sie war es auch, die mir wegen eines Blogartikels Kirschlutscher schenkte. Einfach so, weil sie den Artikel so mochte. Wenn sie lacht, dann aus voller Kehle und Seele. Und es ratsam, nicht an Tinnitus zu leiden – solltest du daneben stehen.  Als wir einmal erfolglos zusammen reanimiert hatten, standen wir später an der Liege und blickten uns erschöpft und traurig in die Augen. Hätten wir ein gemeinsames Trauerlied gehabt – wir hätten es der Verstorbenen gemeinsam und zweistimmig gesungen.
  2. Ich erinnere mich, wie mich eine Kollegin anrief, als sie einen Unfall hatte. Und wie ich in der Notaufnahme auf sie wartete und Angst um sie hatte. Wie ich beim Röntgen neben ihr wartete und sie immer wieder daran erinnerte, zu atmen. Der Notarzt hatte es gut mir ihr gemeint und die Schmerzmittel hübsch hoch dosiert. Sie war so tapfer.
  3. Ich erinnere mich daran, wie ich versuchte eine Kollegin zu trösten. Als alleinerziehende Mutter ist der Schichtdienst mitunter mehr als schwierig zu bewerkstelligen. Man könnte die Fallstricke kleiner knoten – aber das einer der Konjunktive der Pflege. Ihr Augen blickten dabei traurig wie zwei verwunschene, tief Bergseen.
  4. Ich erinnere an das große Herz einer Kollegin. Hin und wieder liegen Socken in meinem Spind, die sie gesehen hat . Meine Schwäche für hübsche Socken kennt sie ganz genau. „Ganz günstig!“, sagt sie dann, um meine Verlegenheit abzuschwächen. „Aber von Herzen!“.Und ich muss dann fast immer schnell einen blöden Witz erzählen, weil ich nicht weiß, wohin mit meiner Rührung. Manchmal riecht sie wie ein gepflegtes  Seniorenheim, denn Kampfer ist das beste Mittel gegen ihren schmerzenden „Rücken“. Dazu kommt eine Wärmflasche in den Hosenbund. Es ist also immer hübsch warm und flauschig, wenn wir uns umarmen.
  5. Ich erinnere mich, wie ein Kollege sagte, dass er mich für eine „gute Mutter“ hielt und dass ich sehr lustige und lebhafte Kinder hätte. Das kam an einem Tag, wo ich glaubte, den 1. Platz in der Kategorie „Inkompetenz in der Mutterschaft“ gewonnen zu haben. Ich erinnere mich daran, dass er jeden medizinischen Fachbegriff locker aus der Hüfte sprechen kann. Einmal „Endoskopische retrograde Cholangiopankreatikographie“ und ich werde ganz „wuschig“ wie in dem Film „Ein Fisch namens Wanda.“
  6. Ich erinnere mich an den Pfeifenduft des Kollegen und das zugehörige Stopfen derselbigen. Den Handbewegungen könnte ich stundenlang zuschauen. Dann wird geschmaucht und dabei wird geplaudert. Pause kann so heimelig riechen.
  7. Ich erinnere mich an Sofagespräche über Nebenjobs mit einem Kollegen. Darüber, wie wichtig es ist, einen Ausgleich zu finden zu Hege und Pflege, damit man nicht innerlich abstumpft.
  8. Ich erinnere mich an die Kollegin, die nach vielen, vielen Jahren in der Pflege immer noch Lehrvideos auf YouTube schaut und begeistert davon berichtet. Und wie sehr ihr Krankheitsgeschichten von Patienten immer noch zu Herzen gehen können.
  9. Ich erinnere mich an ein oft gemeinsam verbrachtes Frühstück mit Käsebrot der Kollegin. Ganz selten wurde zu einem Honigbrot gewechselt. Rituale – so wichtig und so schön wie ein Käsebrot.
  10. Ich erinnere mich an die Traurigkeit der Kollegin, als sie einmal keine Zeit hatte für ihr MakeUp. Ich es nicht sah, weil sie von Natur aus hübsch ist. Schönheit liegt nicht im perfekten MakeUp.
  11. Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit dem Hund der Kollegin über eiskalte Felder. Ich erinner mich, wie sie fast jeden Satz mit : „Weißt du, wie ich meine?“,  beendet. Und wie ich es schon fast übernommen habe und bei jedem dieser Sätze an sie denken muss.
  12. Ich erinnere mich an den Gesichtsausdruck der Kollegin bei ihrer Hochzeit. Dieses Glück, diese Zufriedenheit, welches aus allen Poren zu triefen schien, würde ich zu gerne immerzu an ihr sehen können. Es erwärmt die Seele.
  13. Ich erinnere mich an den Mut einer Kollegin, nach vielen, vielen Jahren auf einer Normalstation in die Notaufnahme zu wechseln. Das Abenteuer lockt – unabhängig von dem, was wir „Alter“ nennen.
  14. Ich erinnere mich an den gemeinsamen Gipskurs mit einer Kollegin, bei dem wir uns abwechselnd die Beine eingipsten und lustige Fotos dabei machten.
  15. Ich erinnere mich an die stillen Gespräche über das Sterben mit meiner Kollegin, die in der Ethikkommission ist. Ich erinner mich, dass sie eine der Wenigen ist, die die „Missfits – (das Frauenkabarettduo, bestehend aus Stephanie Überall und Gerburg Jahnke) ebenso kennt und liebt.
  16. Ich erinnere mich daran, wie mir der Kollege voller Gelassenheit von seiner Karriere als Internetspieler erzählte. Und, dass man trotz Baller- und Totschießspiele ein sehr liebevoller Mensch mit großer Freundlichkeit sein kann.
  17.  Ich erinnere mich an die Kollegin, die sich nach einem anstrengenden Dienst – als ich gerade dabei war, alle meine Knochen nachzuzählen – in ihr Radler Outfit schmiss, um noch ein paar Kilometer für einen Fahrradkurrier zu strampeln. „Man muss ja fit bleiben!“
  18. Ich erinnere mich an die neue Kollegin, die ich heute so liebevoll mit einem Patienten reden hörte, dass mir das Herz aufging. Die geduldig die Fragen beantwortete, obwohl schon fünf weitere an der Tür drängelten.

In einem Team zuarbeiten ist nie „easy going“. Man stellt sich aufeinander ein – im besten Falle – und rockt die Bude gemeinsam. Oder halt auch nicht. Das gibt es auch.

Nicht jedem ist es vergönnt in einem funktionierenden Miteinander zu arbeiten. Ich bin gesegnet damit. Nicht jeden Tag möglicherweise ( soviel Ehrlichkeit muss sein)  – aber in vielen kleinen Momenten.

 

 

Das Weinen der Bandscheibe

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Gib eine Beschriftung ein

Es ist ein klitzekleines Geräusch, das man meint, zu fühlen, wenn eine Bandscheibe aufschreit.

Ich hatte eine Hand unter der Hüfte eines beleibten Patienten und versuchte ihn, ein wenig zu drehen. Die Windelhose war mehr als voll und hing als praller Sack um seine Lenden.

Er streckte mir die Hand entgegen. Ein Dank? Ein „Mach vorsichtig, du blöde Kuh?“

Er konnte sich nicht wirklich äußern. Seine körperlich- und geistige Behinderung hatte ihn zur Sprachlosigkeit verdammt.

Der Patient ächzte, meine Bandscheibe ächzte, ich ächzte.

Nach der Windel würde ich ihm eine Hose anzuziehen, sein Hemd sowie eine Jacke und den Bademantel. Reisefertig für den Rücktransport in sein Zuhause.

Die Kollegen waren anderweitig mehr als beschäftigt. Igendwo schrie einer aus Leibeskräften.

Und nun?

Auf Twitter gibt es den Hashtag #twitternwierüddel. Eine Kollegin schrieb – dezent ironisch – man könne sich in der Pflege glatt das Fitnessstudio sparen, wenn man einen 120 Kilogramm schweren Menschen dreht.

„So ein Quatsch!“, schrieb einer zurück. „Das geht doch gar nicht!“

Stimmt. Es geht nicht. Es ist nahezu unmöglich. Aber wenn es sein muss? Was dann?

Sagt man dann: „Entschuldigung – aber das geht halt einfach nicht!“ – und geht stumm aus dem Raum? Ungeachtet der Tatsache, dass man selbst weit und breit gerade die Einzige ist, die wie im Märchen von Frau Holle  das Brot aus dem Ofen ziehen muss, weil es sonst verbrennt?

Möchte man irgendwann selbst – zur Unbeweglichkeit verdammt (aus welchem Grund auch immer) – unbequem liegen und vielleicht die#e Windelbuxe voll haben, aber gleichzeitig wissen, es kommt keiner, weil eben keiner 120 Kilogramm drehen kann?

Was für eine schreckliche Vorstellung.

Und deshalb geht es. Irgendwie. Wider besseres Wissen, dass es die eigenen Bandscheiben jaulen lässt.

Manchmal kann man nicht warten, dass einer kommt. Manchmal kommt auch sowieso keiner, der einem helfen könnte. Manchmal ist“ Das geht doch gar nicht“ eine schöne Vorstellung, die sich aber nicht mit der Wirklichkeit vereinbaren lässt.

Ich hatte Glück. Während die Bandscheiben sich ein High Five gaben, erschien der Rettungsdienst und half mir mit. Aus Freundlichkeit und Notwenigkeit packten sie alle mit an. Windel an und aus (Der Kenner sieht den Schweiß auf unser aller Stirn). Wenn eine Windel in XL knapp ist, sind 120 Kilogramm Körpergewicht auch vielleicht schmeichelhaft geschätzt. Hose an. Fünf mal drehen und wenden, bis sie über dem Po sitzt. Hemd an- bei absoluter körperlicher Unbeweglichkeit. Jacke. Bademantel.

Oder wie meine Omma schon immer wusste: „Wenn du etwas zurückgibst, dann immer in dem Wissen, dass es mindestens in dem gleichen Zustand zurück gegeben wird- wenn nicht besser!“

Aus der ungewohnten, leicht gebückten Haltung über längere Zeit ( da nützt auch eine höhenverstellbare Liege wenig) kommt man sich vor wie einer mit 99 Jahren. Laaaangsames Aufrichten. Du spürst, wie die Wirbelkörper und Bandscheiben nach und nach wieder an ihren Platz rutschen. So schön! Die Erleichterung, wenn du endlich wieder gerade stehst. Mit leichtem Ziehen bis in die Beine. Yeah.

Patient angezogen, trocken. Möglicherweise hatte er ein leichtes Lächeln um die Lippen vielleicht weil es sich gut anfühlt, wenn man wieder warm, weich  und trocken liegt. Und tschüss. Wir sagen nicht gerne „Auf Wiedersehen“ in der Notaufnahme.

Eine Schmerztabletten später lag der Patient, der die Notaufnahme vorher akustisch zu einem Gruselort hatte werden lassen, auf dem Fußboden.

Demenz und Notaufnahme passen nicht zusammen. Hier kommt zusammen, was nicht zusammenkommen darf: Ein fremder Ort, unbekannte Menschen, Handlungen, die nicht verstanden werden. Ein Ort, der Panik für diese Menschen.

Es soll schon Krankenhäuser geben, wo Menschen mit dementiellen Syndrom außerhalb von Notaufnahmen erstversorgt und  behandelt werden. Pilotprojekte. Angesichts der immer steigenden Zahlen von Menschen, die an Demenz erkranken eine fällige und mehr als gute Idee.

In diesem Fall trieb die Angst den Mann zu Höchstleistung an. Er nahm seine Körperkräfte zusammen, entwischte dem Griff des Pflegepersonals und machte sich auf die Strümpfe – im wahrsten Sinne des Wortes – und glitt aus. Das geht manchmal so schnell, dass ein Wimpernschlag eine Ewigkeit sein kann. Einmal blinzeln – und obwohl du daneben stehst und sie festhälst, sind sie dir entglitten. Wie ein Stück nasse Seife im Entspannungsbad. Flutsch – und weg.

Und nun kommt das nächste Kunststück: Wie kriegst du den Mann wieder auf die Beine, der voller Panik um sich schlägt, vergessen hat, wie „aufstehen“ geht und dabei schreit und schreit und schreit.

Es sprechen Menschen auf ihn ein, die er noch nie im Leben gesehen hat. Sie wollen Dinge von einen, die man nicht nachvollziehen kann.

Zu fünft bemühten wir uns. Ergonomisch völlig unkorrekt. Allemiteinander.

Es dauerte. Zufällig kamen die Angehörigen gerade an. Nun waren wir zu acht. Die betagte Gattin des Mannes sagte beständig verzweifelt: “ Jetzt hock dich halt endlich hin! Der Rollstuhl steht genau hinter dir!“

Aber wie willst du dich hinsetzen, wenn du vergessen hast, was sitzen ist?

Irgendwann lag er wieder. Er schrie nicht mehr. Er griff meine Hand, drückte sie und – „Hehe!“ -grinste mich an. Und ja – es berührt einen.

Auch meine Bandscheiben hatte es berührt. Sie weinten. Sie dehnten sich aus. Sie schrumpelten. Sie knufften mich. Sie ließen mich leicht gebückt und langsam gehen.

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Bildquellen: Pixabay

Wir verfügen über Wissen, wie wir körpergerecht arbeiten. Wir kennen uns aus in der Nutzung des Körperstellreflexes. Wir wissen wie Kinästetik funktioniert. Wir arbeiten mit einer vernünftigen Arbeitshöhe. Und dennoch kommt es immer wieder zu Situationen, wo all das für die Katz`ist. Wo es Augenblicke gibt, in denen all das Wissen nicht angewendet werden kann. Und dann jault es im Iliosakralgelenk. Es wimmert in der Brustwirbelsäule. Es jammert in der Halswirbelsäule.

„Das geht doch nicht!“

Ich lache immer noch grimmig über diese Bemerkung.

Es klingelt das Telefon für eine erneute Ersteinschätzung. Ein junger Mann schlendert locker in das Aufnahmezimmer. „Rücken! Seit drei Wochen! Voll schlimm!“

Auf einer Skala von 0 (= alles fein) bis 10 (= eben von einem LKW überfahren) gibt er eine 12 an. „Es ist grauenhaft, dieser Schmerz!“

Ich nicke zustimmend.

„Vorsichtshalber habe ich noch kein Schmerzmittel genommen. Ich möchte den Schmerz nicht verschleiern! Außerdem nehme …“

„… ich nicht so gerne Schmerzmittel.“, ergänze ich den Satz schon fast automatisch.

Ich ächze aus dem Bürostuhl hoch und treffe auf eine Kollegin, die zum Dienst kommt.

„Was hatte der gerade?“

„Rücken!“

„Den hab ich gerade aus seinem tiefer gelegten Sportflitzer steigen sehen. Sehr elegant und beschwingt!“

„Yo. Ich ruf dann mal die Ärztin an.“

„Für wen jetzt genau?“, fragt sie mit hinterher –  derweil ich leicht hinkend von dannen ziehe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kühlen, schonen, hoch lagern

Es gibt so Kombinationen aus Wörtern, die lassen mich schwerer atmen. Das passiert, damit mein Feixen nicht so auffällt. Sonst müsste ich ja ausholen, um Geschichten zu erzählen. Also atme ich schön und beruhige so mein belustigtes Gemüt.

Nicht jeder will überall und allenthalben Geschichten hören.

Ihr jedoch – ihr treuen Leser – wollt doch. Oder?

In Wahrheit ist es auch eine Geschichte voller Traurigkeit und Herzeleid, gepaart mit körperlichen Gebrechen. Aber schön der Reihe nach.

Nachts sind alle Gebrechen schlimmer als am Tage. Wer schon mal krank war, weiß das. Eine Schnupfennase wird dick wie ein Klops in der Nacht, ein Schmerz potenziert sich. Gelenke schmerzen besonders böse. Und ein Juckreiz will gar nicht mehr aufhören.

Es hört und hört und hört nicht auf.

 

Aus diesem Grunde kam auch dieser Akademiker nachts um drei in die Notaufnahme.

„Notaufnahme – was können wir für die tun?“

„Ich brauche einen Arzt. Haben sie einen männlichen Arzt?“

„Haben wir!“

Luftballonluftaustrittsgeräusch am Ende der Sprechanlage. Was für ein Glück – ein Kerl im Haus.

Nun weiß der geneigte Leser, dass es mehr nicht braucht, um diesen Fall aufs Gröbste – noch bevor wir ihn gesehen hatten –  einzuschätzen: Eine Erkrankung „unterherum“.

 

 

Hinter verschlossenen Türen – die allerdings nie wirklich schließen – hörten wir die zu Herze gehende Geschichte.

Vor drei Wochen wurde er von seiner Frau verlassen. Die große Liebe. Jetzt ist sie weg. Der Kummer des Herzens jedoch muss irgendwo seinen Weg finden. Immer und überall sucht er sich seine Bahn, seinen Ort, seine Manifestation.

Auch bei ihm.

Um mehrmals täglichen zu onanieren.

Nun – nach drei Wochen fiel ihm – mitten in der Nacht –  auf, dass es irgendwie anderes ist als sonst. Nicht mehr ganz so gefühlsecht. Es würde auch länger dauern als „früher“. Der Penis würde irgendwie „glühen“. Er täte fast schon weh.Schon fast wund wäre er. „Seltsam das alles – nicht wahr, Herr Doktor?“

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Bildquelle: Pixabay

Das bereitete ihm sehr große Sorgen. Schließlich weiß man ja nie. Am Ende ist es was schlimmes. Vorboten von Krebs oder so.

Die Frage des Arztes, ob er mal einfach eine Pause gemacht hätte, anstatt sich fünf mal am Tag einen zu wedeln zu onanieren, verneinte er.

„Ich brauche das einfach!“

„Ihr Penis braucht Ruhe! Sie müssen einfach mal die Finger davon lassen!“,  widersprach der Arzt. Morgend um drei Uhr war er eher pragmatisch und wortkarg.

Es raschelte ein wenig, als er den obligatorischen Brief für den weiterbehandelnden Arzt schrieb, und sprach die drei magischen Worte der Notfallvorsorgung.:

„Kühlen, schonen, hoch lagern! Dann wird es besser. Lassen sie die Finger weg!“… und verschwand im dunklen Krankenhausflur türenklappend.

Der Patient huschte aus dem Zimmer in die sternenklare Nacht und zurück zu seinem Herze- und Penisleid.

Wir jedoch blickten verwundert an und kicherten ein wenig albern – wie sich das gehört um diese Uhrzeit. Nach müd` kommt blöd.

 

 

 

 

 

Immer schön rankommen lassen

img_20180107_163538675686954.pngEin Podcast mit Herzensdame und ehemaliger Kollegin

Einmal hatte ich schon über Ingrid geschrieben. Hier plaudern wir über entschwundene Zeiten, warum sie immer noch arbeitet – nach 52 Berufsjahren, über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vieles mehr.

Eigentlich ist er vielleicht ganz nett

 

Es klingelt hektisch. Das Telefon bedient der Kollege, weil ich gerade dabei bin, den volltrunkenen Marienkäfer ins Bett zu schubsen. Er grunzt unwillig, rollt von der Liege ins Bett, dreht sich um und schnacht weiter.

Oh du schöne Faschingszeit! Helau und Alaaf zusammen. Es ist so schön, wie die Menschen endlich mal alle so schön Spaß haben.

Zumindest bis zu dem Moment, wo der Alkohol ( „…nur ein kleines Schlückchen! Ich schwöre!) sie ausknockt oder die eine in „die Fresse“ bekommen haben.

Dem Kollegen konnte ich aus dem Augenwinkel dabei beobachten, wie er den Telefonhörer ein wenig weghielt. Das Geschrei konnte ich drei Meter weiter hören. Geschrei, Gegröhle und Gejohle.

„Verwählt?“

„Ne. Irgendeiner ist da vor der Tür und braucht Hilfe!“

Er klaubt sich ein Paar Handschuhe und verschwindet. Sicher ist sicher.

Er kommt nicht wieder. Dafür geht ein Arzt nach dem anderen „mal schauen“, weil sie vom Sicherheitsdienst angerufen wurden.

 

Die Tür geht auf.

Der Kollege ist nicht allein.

Sein zetender Patient sitzt zappelnd mit nach hinten gefesselten Händen im Rollstuhl. Fünf Polizisten begleiten ihn. Eine richtige Polonaise. Helau und Alaaf.

Jetzt fliegen gleich die Löcher aus dem Käse.

Alle halten ein wenig Abstand, denn wenn auch die Hände gefesselt sind, die Beine sind es noch nicht. Sie treten nach allen Seiten aus.

„FICKT EUCH DOCH ALLE IHR PISSER!“

Die Polizisten schauen sich an und sagen einstimmig und ganz gelassen: „Nö!“

Der junge Mann ist sichtlich und deutlich hörbar im Land des wunderbaren Drogenrauschs. Er steckt im Kostüm des Duff Beer Mann aus den Simpsons.

♫ Duff Beer for me, Duff Beer for you, I’ll have a Duff, you’ll have one, too. ♫

 

(Für alle die die Simpsons nicht kennen – eine kleine Kurzbeschreibung des Kostüms: Die besteht aus Muskelmasse an den Armen aus ausgestopften Stoff. (Die macht aus einem schmächtigen Jüngling gleich einen ganzen Kerl.) Den Körper umschmeichelt jedoch nicht nur Muskelmasse, sondern eine Art Anzug wie ihn Balletttänzer tragen in Blau mit einem roten Umhang. Abgerundet wird das Kostüm mit einem Werkzeuggürtel, in dem Bierdosen stecken. Die Kappe war offensichtlich schon verloren gegangen.)

Er zetert, schimpft und randaliert – im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr laut, sehr ausdauernd, sehr nervend. Fortwährend. Immerzu. Stetig und stets.

Ob man ihm wohl einen seiner Muskelstoffarme nicht einfach in den Mund stopfen kann? Dann wäre Ruhe.

Warum und wie er jetzt genau in die Notaufnahme gelandet war, konnte keiner mehr genauer bestimmen. Vielleicht hatte er sein Auto auf dem öffentlichen Parkplatz stehen und wurde abgelenkt auf dem Weg nach Hause? Er wäre nicht der erste, der so fährt.

„Sie können noch nicht mal gerade stehen!“

„Deswegen fahre ich ja auch!“

 

„Krank“ war er jedenfalls nicht. Deswegen wollte ihn die Polizei mitnehmen. In der Ausnüchterungszelle würde er schon irgendwann wieder zu seinem „eigentlichen Selbst“ finden. Zuerst aber war Feuerwerk im Hirn angesagt.

KNIIIRSCH.

Das Fußteil des Rollstuhls flog durch den Raum. Abgetreten. „Fick dich, Rollstuhl!“

„Kabelbinder wären schön!“, sinnierte einer der Polizisten. Offensichtlich waren ihnen im Faschingstrubel mittlerweile die Handschellen ausgegangen.

„So was haben wir.“

Die tretenden Beine wurden an den verbleibenden Fußstützen befestigt.

„Ihr spinnt ja alle. Ihr seid ja voll krank, ihr Ficker!“

Nach Kontrolle von Blutdruck und Puls nahm ihn die Polizei schreiend und zappelnd mit.

 

Eine Stunde später rief die Rettungsleitstelle an.

„Helau und Alaaf. Wir bringen euch einen Bekannten. In der Zelle hat er so lange mit dem Kopf an die Wand geschlagen, dass er jetzt eine Kopfplatzwunde hat.“

 

Die Zeit, die seit dem letzten Besuch vergangen war, hatte seinem Drogenstoffwechsel immerhin in sofern gut getan, dass er nun immerhin ein wenig kooperativer war.

„Da bin ich wieder!“

„Wie schön!“

Er lag – mittlerweile ohne Kostüm – gefesselt an Armen und Füßen auf dem Bauch auf der Rettungsliege.

Die Ärztin, erfahrende Mutter und Notaufnahmeärztin und ich wischelten ihm das verkrustete Blut herunter. der Kollege richtete Messer und Gabel Nahtmaterial.

„Schätzelein -was bist du:  Mann oder Memme?“, fragte die Ärztin?  (Sie sprach ihn natürlich mit richtigem Namen an. Fall jemand fragt.) „Es gibt einen Stich. Wir können es mit oder ohne Betäubung machen. Stich ist Stich.“

„Ich bin voll die Memme! Ich brauche eine richtige Betäubung!“

Sie setzte an.

„OH FUCK! WAS MACHT IHR MIT MIR! IHR SEID ALLE FICKER!“

Er lachte und weinte gleichzeitig.

Zum Blut kam also noch Rotze und Tränen, die sich den Weg durchs Gesicht suchten.

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„Jetzt geht es los!“

„Mach schnell. Sonst sterbe ich!“

„Nein, nein. So schnell stirbt es sich nicht!“

„Doch. Ganz bestimmt.“

„Nein, Schätzelein. Ich pass gut auf!“

„Dann ist es ja gut! Ich muss ja morgen wieder zur Arbeit. Was sollen die da denken.“

„Ja nun – der Drops ist ja nun schon gelutscht!“

 

Stich durch die Haut:

„Aua!“

Knoten des Fadens:

„WAS IST DAS FÜR EINE SCHEISSE! DAS TUT VOLL WEH! VERDAMMT.IHR SEID ALLE FICKER. FICKT EUCH ALLE!“

Zur Ablenkung des schrecklichen Fadenknotens wegen fragte die Ärztin:

„Schätzelein – was hast du denn alles genommen?“

„AUAUAUAUAUAU: Naja. Bisschen Speed, Ecstasy und ein bisschen FICK DICH ALTER!“

Oha.

Eine bunte Mischung.

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Liebe Jugend oder liebe Menschen, die ihr mit dem Gedanken spielt, euch Drogen einzupfeiffen: Hände weg von Drogen – aber vor allem von „Fick dich Alter!“ Das scheint ein echt übles Zeugs zu sein!

 

Nach einer viertel Stunde war der ehemalige (Stoff-)Muskelbepackte Duff Beer Man bereit zur Abfahrt in das nächste Bezirkskrankenhaus Abteilung Drogen.

Wir winkten ihm nach, als er bäuchlings im Rettungswagen verschwand und vom Hof gefahren wurde. Die Polizei blinkte blau zum Abschied.

„Wahrscheinlich“, sinnierte die Ärztin, „wahrscheinlich ist er im „anderen“ Leben ein richtig netter Kerl.“

 

 

 

 

 

 

Der Hase, der überlebte

Warnung. Dieser Beitrag ist nicht für Vegetarier oder Veganer geeignet.

Es klingelt am Samstagmorgen.

„Guten Tag. Ich habe eine Schussverletzung und brauche mal Hilfe!“

Schussverletzung? Am Samstagmorgen um halb neun? In unserem Krankenhaus? Oh bitte! Hab ich was verpasst? Wurde ich wie Scotty in eine Gangsterklinik gebeamt?

Vor der Tür steht kein Gangster, sondern ein älterer Mann im Agrar-Look. Die Füße stecken in derbem, glattgewetztem Schuhwerk mit Antirutschsohle. Den Körper bedeckt die obligatorische blaue Latzhose. Ein Jäckchen in Grobstrick drüber – nur lose über dem Karohemd.

Um den Am trägt er einen dicken Verband!

„Na – dann kommse mal rein!“

Der Arm wird ausgewickelt.

„Hoppla! Sie haben ja eine Schussverletzung!“

„Hab ich doch gesagt!“

Man sieht deutlich das Einschussloch. Blut sickert heraus. Mein lieber Scholli.

Gab es „Beef“ (= Streit) in der Landwirtschaft?

Das Interessante sind ja die Geschichten, wie einer zu seiner Verletzung kam. Also in Wahrheit nicht immer. Nach 245698 spannenden Geschichten ist dann der Bedarf auch schon mal gedeckt. Aber hier passte die Optik nicht recht zur Geschichte. Unter Schussverletzung stellt man sich irgendwas anderes vor.

„Ich wollte einen Hasen schlachten für morgen. Als Sonntagsbraten. Wissen sie: ich habe Stallhasen. Immer frisch geschlachtet: ein Gedicht!“

Der Mann schmatzt leise. „Meine Frau macht immer selbstgemachtes Blaukraut dazu!“

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Bildquelle: Pixabay

„Und?“

„Ich ziehe die Hasen selbst auf. Von klein auf kenn ich die. Und es ist nicht leicht, sie zu töten. Aber wer den Hasenbraten meiner Frau kennt…..!“

Er seufzt.

„Also nehme ich sie immer in den Arm und kuschel noch mit ihnen kurz. Damit es allen leichter fällt.

Er räuspert sich.

„Und dann hab ich ihn mit den Bolzenschussgerät verfehlt und mir in den Arm zu geschossen.“

Ich stell mir die Szene vor dem geistigen Auge vor. Wie der Mann mit dem Hasen auf den Arm da steht und ihn flauscht, bevor er ihn abknallt…. Ein wenig Trauer im Herzen des Abschiedes wegen – und auf der Zunge die Notwendigkeit des leckeren Hasenbratens.

Rein von der Optik her kann man sich den Mann mit dieser Art Sentimentalität schwer vorstellen. In der Landwirtschaft kann man sich dergleichen nicht leisten. Ich bin auf dem Land groß geworden. Ich hab es oft erlebt.

„Und nun? Ist der Hase nun begnadigt? Heißt er jetzt „Der Hase, der überlebt hat“?

Der Landwirt grinst: „Der darf jetzt leben. Das war wie ein Urteil von „ganz oben“ Der Hase wird jetzt der Zuchtrammler!“

Der Mann wurde genäht, der Hase überlebte, die Frau holte ihn ab und zeigte ihm sechs frische Forellen, die sie vom Nachbarn bekommen hatte. Am Sonntag würde es Forelle blau geben statt des Hasenbraten. Auch gut. Da waren sie sich einig.

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