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Das Werk der Barmherzigkeit

Kalt war es in dieser Nacht. Im Warteraum der Notaufnahme saß der Obdachlose und blätterte in einer Zeitschrift. Wartezeit? Das machte ihm nichts aus. Seinetwegen könnten wir jedermann jederzeit vor ihm drannehmen. Da wäre er großzügig. Und so schlimm wäre es schließlich auch nicht. Nur mal eben drüber schauen über seine alte Wunde. Keine große Sache und eben nicht wirklich eilig. Er wüsste auch, dass es keine eigentlicher Fall für die Notaufnahme wäre – aber einen Hausarzt hätte er nicht. Er würde ja immer unterwegs sein.

Wenn es draußen kalt ist, ist der Platz in irgendeinem Warteraum nicht der schlechteste. Hier ist es warm und trocken. Um die Ecke steht ein Automat mit Heißgetränken. Vielleicht plaudert auch jemand nett mit einem.

Natürlich gibt es Übernachtungsmöglichkeiten in der Stadt- wie in jeder Stadt. Aber die wenigsten Obdachlosen möchten diese Räumlichkeiten – aus den Unterschiedlichsten Gründen nutzen. Man ist nicht gerne unter seinesgleichen. Dafür hat man ja in der Regel das Leben auf der Straße gewählt. Damit man nicht mit anderen so nah und eng zusammen kommt. Von all den Aggressionen und Diebstählen, die – so erzählen sie – dort üblich sind – einmal ganz abgesehen. Die wenigsten möchte so deutlich ihr eigenes Spiegebild vor Augen sehen und riechen. Armut und Leid riechen überall gleich.

Und so saß er also geduldig in dieser kalten Nacht durchaus frohgemut im Warteraum.

Doch irgendwann kam auch er dran. Keine große Sache – hatte er ja selbst gesagt. Ein hübscher Verband, ein Arztbrief, ein paar Schmerztabletten „für wo am Nötigsten“ mit auf den Weg. Und nun?

Ob er noch ein bisschen im Warteraum sitzen dürfe?

„Eigentlich“- hob meine Kollegin an – „eigentlich nicht. Und überhaupt: Wenn da jeder kommen würde.“

„Eigentlich ist ein Drecks-Wort!“, entfuhr es mir.

„Eigentlich“ geht mir voll auf den Keks. Ein Füllwort. Ein Wort, dass theoretisch schon einen Weg aufweisen könnte- wenn man denn „eigentlich“ wollte – was aber durch das „eigentlich“ auch schon aufgehoben ist. Entweder es geht oder nicht. Punkt. Entweder ich will – oder nicht.

„Wer will findet Weg. Wer nicht will, findet Ausreden!“, höre ich dann immer meinen Vater im Ohr.

„Eigentlich ist es kalt draußen. Eigentlich ist der Weg zur nächsten Herberge weit. Eigentlich „stört“ er im Warteraum möglicherweise zukünftige Patienten. Und eigentlich ist mir heute sehr barmherzig ums Herz! Kommen Sie mit!“

(Manchmal rockt es, eine Art von Autorität zu sein.)

Ich führte ihn in eine Wartegruppe hinter der Notaufnahme. Fern von Blicken Vorbeikommender. Ich nahm fünf Decken mit.

„Hier. Einmal nur! Und nur heute Nacht! Um fünf Uhr – bevor der Reinigungsdienst kommt-  sind sie verschwunden! Klar soweit?

„Klar soweit!“

Er küsste meine Hand.

Jede Nacht das gleiche Spielchen: Ordnung schaffen überall und allenthalben. Notaufnahme, Sozialräume. Auffüllen, sortieren, umpacken, mit einem feuchten Läppchen mal überwischeln, klar Schiff machen.

Im Aufenthaltsraum standen die Essenreste der Ärzte herum. Halb- und ganz aufgegessenes Chinafood für den hungrigen Arztmagen. Warum die Reste selten bis nie aufgeräumt werden, weiß kein Mensch. Vielleicht haben sie auch einen Papa im Ohr der sagt: „Man schmeißt keine Lebensmittel weg. Das kann man morgen gut noch mal aufwärmen!“

Wer es dann aufräumt oder wegschmeißt sind wir. Curry morgens um drei Uhr riecht sehr streng in der Nase. Und die Erfahrung zeigte Nacht für Nacht: Ist der Breitschaftsarzt weg- ist er weg. Der kommt nicht mehr, weil ihm sein Essen direkt noch einmal eingefallen ist -um es

a) mit nach Hause zu nehmen

b) aufzuessen

c) aufzuräumen.

Eines stand noch unangetastet da.

Ich zählte durch. Der war und ist da, und die auch und der ebenfalls. Alle satt. Alle schon auf dem Weg ins Bett. „Gehört einem von euch das Essen? „Nö!“

Hey- ein Essen übrig.

„Wer jetzt kein Essen mehr hat , wird auch keines mehr essen. Wer jetzt noch hungrig ist, wird es lange bleiben!“, zitierte ich Hermann Hesse.

Moment mal- da war doch dieser Obdachlose in der hintersten Ecke!

Ich holte Messer und Gabel , stellte es kurz zwecks der Wärme in die Mikrowelle und brachte es ihm.

Wie gesagt – an manchen Tagen trägst du die Barmherzigkeit in dir,  wie Florence Nightingale ihre Lampe durch die Reihen verwundeter Soldaten.

Dieses Stahlen in den Augen! Diese Dankbarkeit, die sich in Form eines weiteren Handkusses zeigte. Dieses „Oh mein Gott. Ich hatte heute noch nichts wirklich gegessen!“

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Bildquelle: Pixabay

Dieses am „richtigen Ort zur rechten Zeit“ zu sein.

Es war ein heiliger Moment.

Bis zu dem Augenblick, als mir siedendheiß einfiel, dass ich einen Arzt in meiner gedanklichen Aufzählung vergessen hatte.

F***!

Ihn hatte ich nicht angerufen. Ihn hatte ich nicht gefragt.

Und weil ich ein ehrlicher (und treudoofer) Mensch bin, rief ich ihn an. *

Es war sein Essen.

Ach du liebe Zeit.

War das zu glauben? Da wollte der Arzt sich nachts um halb zwei endlich was zu Essen gönnen und dann hatte es die blöde Schwester einfach verschenkt!??? Verschenkt? Sein Essen?! Einfach so? Schließlich hatte er den ganzen Tag gearbeitet! Er hatte es sich redlich verdient. Mit seiner Arztkunst und seinem hart erarbeiteten Geld! Und jetzt war es weg? Gott- wie blöd konnte man nur sein!

„Ich komm sofort!“, brüllte er in den schon auf einen Meter Abstand gehaltenen Telefonhörer! „So geht das nicht! Das wird Konsequenzen haben!“ und knallte den Hörer auf.

Es hörte sich an, als würde er eben noch sein Schwert in die Scheide stecken oder nach den Zündhölzern für meinen kommenden Scheiterhaufen zusammensuchen.

Grund Gütiger!

Das konnte ja heiter werden.

Er kam. Es wurde unschön.

300 Entschuldigungen verfehlten sein Gehör knapp. Die Idee, mein Pausenbrot ihm abzugeben um dann ihm noch mal ein Essen zu bestellen, drangen nicht vor. Im Gegenteil: Er hätte ja nun wirklich das Gefühl, ich würde ihn verarschen! Ihn! Das ging zu weit! Konsequenzen! Tod und Verderben! Diebstahl seines Eigentums! Arbeitsrechtliche Schritte! Nieder mit der blöden Pflegekraft!

Oh je!

Ich sah die Augen den Obdachlosen vor mir und entschuldigte mich das 301 Mal, aber da stürmte er – Türenschlagend – von dannen! Und ja- ich konnte auch ihn verstehen.

Den Rest der Nacht war ich etwas unruhig. Drohten mir tatsächlich arbeitsrechtliche Konsequenzen, weil ich sein (nicht beschriftetes) Eigentum verschenkt hatte? Würde mir morgen gekündigt werden – fristlos wie der Putzfrau, die ein vergessenes Brötchen des abgefutterten Buffet gegessen hatte?

Und gab es nicht auch für den Arzt eine gewisse Ethik, die dem Obdachlosen durchaus hätte eine warme Mahlzeit gönnen können?

Um fünf schaute ich nach dem Odachlosen, der gerade dabei war, seine fünf Decken sorgfältig zusammenzulegen.

„Danke! Für alles! Das werde ich nie vergessen!“

Noch bevor ich an jenem Morgen leicht sorgenvoll ins Bett stieg, rief ich meinen Vorgesetzten an. Bevor er die Geschichte des Arztes hörte, sollte er zuvor noch meiner Version lauschen. Melden macht frei.

Er versprach, die möglichen Wogen zu glätten und lachte trotzdem ganz leise und heimlich über diese Geschichte. Obdachlosenbeglückerin versus hungriger Magen.

Das Ende vom Lied war, dass ich mich offiziell entschuldigen musste – vor dem Arzt und dem Vorgesetzten. Fehlt nur noch vor Gott und der Welt. Der Arzt hatte Bedenken wegen meiner Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Entschuldigung geäußert. Da bedurf es eines Zeugen.

Gemeinsam wollten sie sich also die Entschuldigung anhören und überprüfen. Ich buk einen Kuchen dazu.

Denn liebe Freunde: Großzügigkeit kann ich. Und mich auch aufrichtig und ernsthaft entschuldigen. Letztlich sagt es weniger über meine „Schandtat“ aus, denn über ihn.

Die Entschuldigung war „angemessen“ und jetzt Schwamm drüber!

 

Der Arzt und ich gingen uns fortan aus dem Weg. Ich spüre die Blicke und Küsse des Obdachlosen immer noch auf meiner Hand. Das ist es, was zählt.

Alles andere ist bedauerlich und eine Verkettung unglücklicher Zustände. Also für den hungrigen Arzt. Und ja- für ihn tut es mir auch ein Leid.

 

*Es wäre übrigens leichter gewesen, die Unschuld vom Land zu spielen. „Was? Das Essen ist weg? Ach- das ist ja blöd! Wie traurig für dich! Also sowas! Ich hab nix gesehen!“

Ehrlichkeit muss immer mit Konsquenzen rechnen.

 

 

 

 

 

 

Schwester Jürgen kommt!

„Mein Heiligenschein hängt über dem Desinfektionsmittelspender!“, sagt Jürgen und lacht. Scherz. Man bräuchte aber einen, wenn man – wie er – in der Altenpflege arbeitet.

Jürgen hatte vor kurzem seine Abschlussprüfung zur Altenpflegefachkraft abgeschlossen. Trotz mannigfacher Probleme im Allgemeinen und Speziellen dort, ist es sein Traumberuf. Herz und Hand reichen bei weitem nicht – sagt er.

„Ich würde mir wünschen, dass die Fachkräfte der Altenpflege das, was sie an Fachwissen haben, sich wieder zurückholen!“ Jürgen, Altenpflegefachkraft.

 

Diese ist mein erstes Radiointerview. Und weil @2wolvesVlog aka empoere_dich aka Jürgen die bessere Technik hatte, klingt es ein bisschen wie bei den Buggles.

An dieser Stelle herzliche Grüße an Frau Sofa, die in diesem Pdcast auch ein Plätzchen gefunden hat.

 

 

Lauschzeit 50:16

Wenn ich mal darnieder liegen sollte – Jürgen dürfte mich pflegen und hegen! Und mich mit seinem leichten Ruhrpottslang erfreuen.

8 FAQ der Pflege

Es gibt ja immer mal wieder Fragen (FAQ – Frequently Asked Questions), die ständig, stets und immer wieder gestellt werden.

Du bist Krankenschwester? Pflege? Echt?  Schon sprudelt es. Hier eine kleine persönliche Hitliste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat.

1. Also ich könnte das ja nicht!

Och – geht schon! Wisst ihr, was ich nicht könnte? Stundenlang an Metallteilen herumfeilen. Buchführung mit penibler Zahlenkontrolle. Kellnern auf dem Oktoberfest. Die Liste ließe sich fortsetzten.

Es gibt vieles, was in der Pflege „fies“ ist. Denn auf das zielt diese Frage ab. Körperausscheidungen jeglicher Art. Gerüche. Fremdes Leid. Geschrei und Gezeter. Sagen wir mal so: Auf vieles dieser „Dinge“ könnte man getrost verzichten. Sie sind nicht wirklich schön. Aber es ist ja nun auch so, dass man nicht den ganzen Tag damit beschäftigt ist, volle Buxen zu säubern oder Leuten Schnodder aus der Lunge abzusaugen. Dazwischen geht es durchaus manierlich zu. Und weil das ein Teil der Arbeit ist – aber eben nicht nur-  ist es tatsächlich zu „ertragen“. Man gewöhnt sich fast an alles. Glaubt mir. Der Ekel bleibt  – aber das ist auch Teil professionellen Arbeitens, nicht laut schreiend aus dem Raum zu rennen. (Auch wenn man es manchmal wollte). Jeder Beruf hat solche Seiten, die man eben macht, weil sie dazugehören. Die aber niemals in die Liste der liebsten Dinge aufsteigen würde.

Die Geschichte mit dem Leid ist auch schnell erzählt: Wir machen den Job, um Leid zu verringern. Wir sind aktiv dabei, damit es den Patienten wieder besser geht. Das wiederum macht den Zauber aus, den viele Kollegen – trotz mitunter schlimmer Arbeitsbedingungen – immer noch bei der Stange hält. Zu wissen, das wir den Unterschied herstellen können.

2. Sag mal – du bist doch Krankenschwester. Ich hab da sowas…..

Oh dear. Gerne schaue ich mir deine Wunden an. Höre empathisch deiner langen, schwierigen und von Missgeschicken erfüllten Krankengeschichte zu. Ich lausche deinen Ausführungen vom  „Blödmann, der dich genäht hat und es ist eine Narbe zurück geblieben! Ist das zu fassen?“ Ich gebe Ratschläge um mir dann wieder anzuhören, dass die ja alle Käse sind, weil „Homöopathie beim Nachbaren des Tante viel besser gewirkt hat, als dein Pharmascheiß!“ Das mache ich gerne. Immer wieder. Ich bin ja schließlich Krankenschwester. Da ist man immer im Dienst. Im Gegenzug lass ich mir dann Börsenkurse erklären und weise auf das komische Geräusch meines Autos hin. Ob man da nicht mal auch… so im Gegenzug… mal eben drunter schauen. Keine große Sache. Ich hol auch schon mal den Eisbeutel für das gestauchte Sprunggelenk. Eine Hand wäscht die andere. Nicht wahr?

3. Fürs Medizinstudium hat es wohl nicht gereicht?

Gereicht vielleicht schon. Aber nicht gewollt.

Leute, die solche Sätze sagen, sagen bestimmt auch zur Stewardess im Bumsbomber nach Bangkok: Na – zum Piloten hat es wohl nicht gereicht? Oder zum Bankangestellten: Ein Aufsichtsratsposten kommt nicht so in Betracht? Oder zum Blumenmenschen auf dem Markt: Ne Plantage in Holland ist keine Option?

Ich bin ganz bewußt Krankenschwester geworden. Wie viele meiner KollgenInnen. Aus guten und genauso unterschiedlichen Gründe, wie Menschen und Pflegepersonen eben verschieden sind.  Klar: Manche haben den Plan, nach der Ausbildung vielleicht irgendwann doch noch Medizin zu studieren. Aber nicht alle.

Nein. Ärztin wollte ich nie werden.

4. Schichtdienst? Wochenende? Also für mich wäre das nix!

Stimmt. Für uns auch nicht.

In der Regel frieren wir ja die Patienten freitags ein und tauen sie dann am Montag wieder auf – wie @WonderinLisa auf Twitter mal so schön ulkte.

Aber so ist es halt nun mal. Schichtdienst ist Fluch und Segen zugleich. Die Zeiten, in denen man unter der Woche als Ausgleich frei hat. Die Stunden, die man vor dem Spätdienst bei Friseur verbringen kann. Der Kinobesuch danach. Alles prima. Ebenso das Gefühl, nach dem Nachtdienst in die Feder zu fallen, während draußen der Tag beginnt.  Aber es bedeute auch: Sozialkontakte, die verebben, weil man immer dann arbeitet, wenn die meisten frei haben. Die unzähligen Kurse, die man hätte besuchen wollen, aber der Dienstplan einem den Strich durch die Rechnung macht. Fluch und Segen. Und leider nicht so sexy wie in der Welt literarischer Ergüsse.

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Internetfund. Wenn Nachtdienst so wäre, würde ich nur noch… halt. Ne doch nicht!

Es ist anstrengend.  Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es fühlt sich an, wie ein immerwährendes Jetlag.  Womit wir gleich beim nächsten Highlight sind:

5. Aber das hast du doch gewusst!

Liebchen. Ja.

Das haben wir gewußt. Wenn man allerdings gerade seine Ausbildung beginnt, denkt man weder an die Rente in 45 Jahren, noch an die möglichen Auswirkungen des Schichtdienstes nach 30 Berufsjahren. Da stehen andere Gründe im Vordergrund.

Vieles offenbart sich erst mit der Zeit. Und das weiß man nicht im Anfang. Keiner.

 

6. Trinkst ihr wirklich so viel Kaffee?

Ja.

7. Also – so Nadeln/Katheter/whatever in Leute reinstecken – das macht euch doch in Wahrheit Spaß , nicht wahr? *zwinkerzwinker*

Ernsthaft?

Richtig: In Wahrheit macht uns das tierisch an. Wir stehen auf den Schmerz der anderen! Aus genau diesem Grund haben wir den Beruf gewählt. Schwester Rabiata ist in Wahrheit eine Domina im Umschulmodus. Wir sind aber auch ein wildes Völkchen- wir Krankenschwestern. Der feuchte Traum vieler. Bei Amazon kann man für 18,91 Euro sogar willige Sexpuppen kaufen. In diesem Fall aber ohne Schmerz. So schade. Dafür hat sie drei (!) Lustöffnungen und ist leicht zu entkleiden. Ich warte jetzt nur noch auf den Ken, das Pferd der Krankenpflege.

 

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Screenshot Amazon. Für jeden Geschmack was dabei.

Als Pflegepersonal bist du halt alles: Barmherzigkeit und Lustobjekt. Hure und Heilige. KönnerIn und StümperIn. Je nachdem.

8. Muss das nicht der Arzt machen?

Manches schon. Anderes nicht. Aber entscheidet selbst, wer euch eure Zugänge legt oder die Katheter: Der Arzt, der es schon einmal gesehen hat. Oder die Pflege, die es täglich mehrfach praktiziert. Ansonsten: Natürlich. Immer der Arzt. Das schafft Freizeit. Danke. Wir kommen dann gerne später, legen euch einen Eisbeutel auf und streichen den Angstschweiß von der Stirn. (Und bevor ein Arzt jetzt weint: Ihr seid toll! Und ihr könnt alles vieles! (Also die meisten!))

 

Dieser Blogbeitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihr könnt aber gerne eure Highlights kommentieren.

Zudem enthält er Spuren von Ironie bis zum Sarkasmus. Habt ihr gemerkt, nicht wahr?

Schnieptröte und ein Buch für das Leben

Podcastzeit. Der Gast ist Sabine Dinkel, die ein Buch geschrieben hat: „Krebs ist wen man trotzdem lacht“.  Und auch wenn es ein Buch über und mit Krebs ist, empfinde ich es eher als ein „Lebensbuch“.

Warum ich begeistert bin von diesem Buch  – von Sabine Dinkel sowieso *fangirl*- könnt ihr hier hören.

Hördauer: 50:10

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Die zauberhafte Sabien Dinkel -nur Original mit Ringel am Leib – mit ihrem Buch „Krebs ist, wenn man trotzdem lacht“.

 

Die in diesem Podcast besprochenen Blogs ist dieser hier von Michaela Schara und jener hier von Gitte Härter.

Im Hintergrund hört ihr manchmal die Bassetdamen Wilma und Frieda rumpeln, schubbern, grunzen und pfotenklackern durch den Raum schlurfen. Gemäß der alten Bauernregen: „Denn wo ein Basset ist im Haus, da geht man gerne ein und aus!“

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Flauschohren mit melancholischem Blick unter zarten Wimpern – wer könnte hier widerstehen!

The cancer company

Ein wunderbarer Gast in der Rufbereitschaft: Alexej. Auf Youtube berichtet er in kleinen Filmen „Angehörig – Zugehörig“ was es bedeutet, Angehöriger einer Krebserkrankten zu sein.

Länge: 30:19

 

Ich hab festgestellt, dass der Fokus immer auf der erkrankten Person ist. Das ist natürlich richtig. Aber das Umfeld – also der „Kollateralschaden“ wird nicht gesehen. Angehörige werden immer als Teil der Therapie oder des Heilungsprozesses gesehen – aber selten als leidender Mensch, der auch gerade in einer existenziellen Krise ist. Nämlich der Krise, dass ihm ein Teil seines Lebens droht, wegzubrechen. Alexej

Er schreibt dazu: “ Humor bei Krebs? Auf jeden Fall! Wir können mit seiner Hilfe beklemmenden Themen den scharfen Stachel nehmen. Er kann uns Distanz zu Widrigkeiten verschaffen und neue Perspektiven aufzeigen.“

„Sterben? Das ist das letzte, was ich tun werde! “ Goucho Marx

Ich komme dich besuchen…

… ach ne. Lieber doch nicht! Bleibt zuhause und vertagt euren Besuch auf später.

 

Wie – so fragt ihr euch?  Wieso soll man jemanden nicht besuchen?  Ist es nicht der Dienst am Menschen? Am Freund, am Kollegen oder am Kumpel? Jemanden also in Stunden der Not oder Tollpatschigkeit im Krankenhaus zu besuchen? Im Geschenke und Aufmerksamkeiten mitzubringen? Ein Pläuschchen? Ein verstohlenes Zigarettchen in der Raucherecke? Einen kleinen, roten und meistens geschmacklosen  Tee gemeinsam schlürfen? Gute Besserung wünschen und dann wieder heim? Empathie und Liebe verströmen und ein Werk der Barmherzigkeit tun?

 

Das alles hatte ich vergessen, als ich einem Facebookfreund meine Aufwartung im Krankenhaus machen wollte. Dabei hatte ich vor Jahren mir schon fast geschworen: Das mache ich nie wieder. Oder wenn doch, dann nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Ich erzähle es euch:

 

Mein Arztchef wurde operiert. Und aus all den oben genannten Gründen besuchte ich ihn. Als ich ins Zimmer trat, freute er sich sichtlich.

Ich mich schlagartig nicht mehr.

Er saß im ausgeleierten Schlafanzug mit Bildzeitung am Tisch und legte die dicke Brille ab.

Seit wann liest mein Chef Bild?

Wieso hat er einen Schlafanzug an, der schlabbert und unendlich Raum für  Körperstudien lässt? Und wieso – verdammt noch mal – trägt er keine Unterhose?

Wo kommt diese grottenhässliche Brille auf einmal her?

All das wollte ich nie sehen! Nie! Nie! Nie! Das war zuviel. Aber sowie man schon mitten im Raum steht, ist jeder Fluchtgedanke schon vorbei. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Oder in Beinzwischenräumen. Einmal umschauen – wie die Katze – und weg!

 

via giphy.com

Zu nah. Zu eng. Zu viel ungeschminkte Wahrheit. Zu wenig Herzensmensch. Bei denen erträgt und erduldet man viel und hat – liebesbedingt – meistens eine unendliche Toleranzschwelle.

Hier war es aber kein Herzensmensch, sondern der Arztchef. Nett und bestimmt besuchsbedürftig, aber ohne enge Bindung. Und hier gilt: Obacht!

Es gab mit Einblicken, auf die ich im Leben nicht gefasst war. All meine Bilder im Kopf vom klugen, smarten, adretten Arztchef zerronnen wie Butter in der Pfanne fürs Frühstücksei.

Wenn ihr Menschen in ihrem intimsten Momenten seht, müsst ihr auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Man könnte Sachen sehen, die man nicht sehen soll, will, darf oder möchte.

Und wenn eure Kranken – ob Herzenmensch oder nicht – sagen: Au ja. Komm bitte. Ich freue mich und sterbe vor Langeweile. Ich brauche Liebe und Abwechslung: Dann geht hin. Natürlich geht ihr dann hin!  Wegen Liebe und Barmherzigkeit. Aber seid bereit für das, was ihr möglicherweise nicht sehen wolltet.

 

Hier noch eine kleine Krankenhausbesuchscheckliste:

Kündigt euch an.  Lasst dem anderen die Möglichkeit, sich einigermaßen vernünftig anzuziehen sowie komische oder irritierende  Utensilien wegzuräumen damit sich keiner vor möglichen Peinlichkeiten winden muss.  Ihr wollte euch später noch voller Achtung, Freude und Liebe in die Augen sehen, nicht wahr? 

Man braucht keine pompösen Geschenke. Oft ist der Besuch das Geschenk des Tages.Das Highlight im Klinikalltag. Das reicht.

Trotzdem ist es immer ganz hübsch, wenn man etwas mitbringt, das man möglicherweise gemeinsam teilen kann – sollte einem akut der Plauderbedarf fehlen. Und manchmal kann ja der Besuchte auch nicht viel reden – aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich brachte mal der Omma meines Herzens rosa Nagellack mit. Dann saßen wir zusammen, ich lackierte ihr die Nägel und wir kicherten und alberten die Atemnot kurzfristig einfach weg. Das war schön!

Achtet auf die Signale des Kranken. Besuch kann schön sein, aber auch anstrengend (Ich bekam mal lieben Besuch  drei Stunden nach einer OP. Es war schön und nett und hat mich fürchterlich angestrengt. Der Besuch blieb. Aus Höflichkeit oder Liebe? Bis ich sagte, ich muss schlafen und schweigen, weil mir bei jedem fünften Satz die Augen zuklappten. Der Besuch sah es offensichtlich nicht).

Habt Humor.

Besucht die Menschen, wie und wann sie es möchten. Sie sind der Grund, warum ihr euch aufmachen wollt. Sie geben die Richtung vor. Ich jedenfalls war meinem Facebookfreund dankbar, als er mir schreib ( und mich an den Arztchef erinnern ließ): „… das ist lieb, aber ich bin nicht so der Fan von Krankenhaus besuchen.  Lass und lieber wieder treffen, wenn ich wieder fit bin.“

Schreibt Post. Richtige Post mir Briefmarke und allem drum und dran. Organisiert einen #Postkartenflashmob wie bei Sabine Dinkel.

Lasst Topfpflanzen zuhause.

Bringt etwas mit, was ein kahles, ödes Krankenhauszimmer in einen bunten Ort der Freude verwandelt.

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Bildquelle: Pixabay

Seid geduldig.

Und sollten euch noch mehr Supertipps für einen gelungenen Krankenhausbesuch einfallen: Immer her damit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Counter Terroristen lauern hinter der nächsten Ecke

Ein neuer Podcast. Hurra.

 

Podcastspaßdauer: 42:44 min

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Mit Daniel begebe ich mich nach „Damals“. Das Internet. Unendliche Weiten. Noch gänzlich ohne YouTube, Insta oder Facebook. Es war ein Gebiet, dass zunächst nicht jedermann zugänglich war. Dafür war es verheißungsvoll. Schnell. Hart und sehr, sehr spannend. Ungefähr so, wie heute die Notaufnahme, in der Daniel jetzt arbeitet.

Daniel ist ein Beispiel dafür, wie Internet Skeptiker,  Zocker und -Angstmacherpaniker eines Besseren belehrt werden könnten: Anstatt Terrorist zu werden, ist aus dem Zocker ein Pflegemensch geworden.

Wenn ihr diesen Podcast hört – werte Freunde – seid Ihr ebenfalls einen großen Schritt weiter, sollte uns dereinst eine Zombie-Apokalypse heimsuchen.

Ebenfalls könnt ihr staunen, wie die Bestimmung von Vitalparameter einen zu einem ziemlich guten Pokerspieler machen können.

Und was bitte schön hat das alles mit einer Notaufnahem zu tun? Spielen hilft. Nicht bei jedem – aber bei Daniel bestimmt. Denn den Rat von Yoda hat er befolgt. Jetzt dient es ihm.

 

Yoda
So ein ähnliches Meme könnt Ihr übrigens selbst erstellen mit dem Meme Generator. https://imgflip.com/memegenerator

Der Nerd in mir klatscht jedenfalls begeistert in die Hände.

Die Schildkröte

Eine meiner liebsten Reinigungsdamen hat mir ein Bild von ihrer Schildkröte gezeigt. Eigentlich ging es eher um die Frage, wie und wo man Bilder vom Smartphone entwickeln kann.
Die Schildkröte sah aus wie eine ganz normale Schildkröte.

 

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„So klein war sie, als ich sie bekam!“, und sie zeigt mir mit der Hand, wie winzig sie vor Jahren war.
„Ich habe sie seit 19 Jahren.“
Sie liebt Tiere.

„Früher in Sarajevo – in einem anderen Leben – hatte ich viele Tiere. Hunde und Vögel und Katzen. Aber dann kam der Krieg und dann verschwanden nach und nach alle Tiere.
Zum Schluss hatte ich nur noch einen Kanarienvogel. Und dann hatten wir auch für ihn kein Futter mehr. Und dann  hab ich ihn in meine Hände genommen und frei gelassen. Ach – das war schrecklich!

 

Der ganze Krieg war schrecklich. Wir hatten Mehl und Milchpulver und Dosenfisch. Das war alles. Ich war mit Zwillinge schwanger. Aber eines hat nicht überlebt.
Das war 1994. Aber jetzt lebe ich und mein Kind  und die Schildkröte ist toll.

Wenn ich heute Musik anmachen, dreht sich die Schildkröte im Kreis. Und wenn ich nach Sarajevo fahre, ist jeder bereit, in dieser Zeit meine Schildkröte zu hüten, weil alles so einfach mit ihr ist. “

Gedankenschnipsel – für die Dauer einer Zigarettenlänge – die ein das große Ganze im Schlidkrötenkleinen im Vorübergehen erzählen. Sie lassen diese andere Leben aufflackern für einen kurzen Moment wie das Schnippen des Feuerzeuges.

Sie erzählt es mir nebenbei und eigentlich auch nur wegen der Fotoentwicklungsgeschichte.

Und möglicherweise mag ich sie jetzt noch mehr als vorher.

 

Nocebo – du Lauch!

Bing. Bing. Bing. Bing. Bing.

Ein tiefer, fast schon kehliger Ton. Nicht der hektische, viel höhere, atemlose Alarm für den Notfall.

Das kleine Läuten des Alarms ist bis in die letzten Zimmer zu hören. Zumindest für die feinen, geübten Ohren. Irgendwas passt nicht: Knick in der Leitung, merkwürdiger Blutdruckwert. Der Alarm ist harmlos, aber „bingbingbingt“ ununterbrochen.

Man wird ja mit den Jahren immer geräuschempfindlicher- vor allem, wenn keine offensichtliche Not da ist. Bei zig Monitoren, die in der Notaufnahme stehen ,piepst, und alarmt es immer irgendwo und allenthalben. Dazu kommt das Schrillen des Telefons, das aus unerfindlichen Gründen nicht leiser gestellt werden kann. Alle reden mit-und durcheinander, schwerhörige Patienten werden angeplärrt laut angesprochen und und und. Die Tür geht auf und der Rettungsdienst kommt und ihre Geräte hat den größten piepsen am lautesten. Aber die müssen ja auch durch die Lande fahren und der Straßenlärm und das Scheppern der Autos muss ja irgendwie übertönt werden. Nicht das der eine – der wichtigste – Herzschlag am Ende nicht überhört wird. 

Bing. Bing. Bing.

„Stört dich der Alarm nicht?“, frage ich scheinheilig ironisch den jungen Kollegen?

„Aber nein!“, antwortet er artig.

Ich möchte ihn ein bisschen hauen und dazu bei jedem „Hau“ sagen: „Aber deinen Patienten vielleicht – du Pappnase!“ Mach ich aber nicht. Ich bin meistens ein netter Mensch und da haut man seine Kollegen nicht. Vor allem die nicht, die noch neu sind und diesen „Ohrenüberhang“ noch nicht haben.

Ich drücke den Alarm weg. Der jugendliche Kollege wird ein Referat über Nocebo hören. So wie ihr – werte Freunde.

So schön es auch ist, dass der Alarm den Kollegen nicht stört, weil er es kennt und einschätzen kann: Der Patient kennt es nicht. Er hört ein permanentes „Bing. Bing. Bing.“

Im besten Falle hat der Patient einschlägige Krankenhausserien schon mal geschaut. Im schlimmsten denkt er: „Oh mein Gott. Alarm! Ich bin tatsächlich unfassbar krank. Ach du liebe Zeit. Die ganze Zeit der Alarm wird ein schlechtes Zeichen sein. Ich fühle mich  gleich noch kränker/schwächer/ blümeranter als je zuvor.

Nocebo – du Lauch. Ich hör dir trapsen.

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Der Lauch in voller Schönheit. Bildquelle: Pixabay

Den Placeboeffekt kennen die meisten Menschen mittlerweile.

Der Nocebo-Effekt ist das negative Gegenstück zum Placebo-Effekt. Die Begriffe kommen aus dem Lateinischen. Placebo steht für „Ich werde gefallen“. Dieser Effekt tritt ein, wenn ein Mittel ohne Wirkstoff, also ein Scheinmedikament, Schmerzen lindert. Beim Nocebo-Effekt ist es genau andersherum. Der Begriff bedeutet „Ich werde schaden“. Beim Nocebo-Effekt handelt es sich um negative Reaktionen des Körpers auf eine medizinische Behandlung – hervorgerufen durch negative Einstellungen, Angst oder frühere negative Erfahrungen.

Da, wo mit Hilfe der Placebo-Effekte Schmerzen gelindert werden können oder gar geheilt, verschlimmert der Nocebo-Effekt Beschwerden. Es treten sämtliche Nebenwirkungen eines Medikaments auf und überhaupt passiert alles nur denkbare. Quasi „worst case ever, ever, ever“.

Seele und Geist interagieren mit dem Körper aufs vortrefflichste.

Das, was ich erwarte, tritt ein. Woran ich glaube, passiert.

Prinzipiell geht es bei dem Nocebo-Effekt zu allererst einmal um eine Reaktion auf ein medizinisches Präparat. Die Pharmafirmen sind aufgrund immer strengerer Sicherheitsbestimmungen verpflichtet, jede Nebenwirkung, die jemals irgendwo aufgetreten ist, im Beipackzettel aufzulisten – und sei sie noch so selten. Wer einmal aufmerksam den Beipackzettel eines „normalen“ Schmerzmittel liest könnte sich entsetzten und grauen, was man alles davon bekommen könnte. Auch, wenn die  Wahrscheinlichkeit größer wäre von einem Blitz erschlagen zu werden, als „Pusteln“ zu bekommen. Hauptaufgabe eines Beipackzettels ist letztlich nicht die allumfassende Information des Patienten – Pharmakonzernen geht es in erster Linie darum,  mögliche Schadensersatzansprüche zu vermeiden.

Doch Medikamente sind das eine. Im Krankenhaus erleben wir oft, wie dieser Nocebo-Effekt loslegt, wenn oder wie  „wir“ – das medizinische Personal – mit Patienten sprechen. Wir erleben es jeden Tag, dass eine Behandlung oder eine Diagnose praktisch bei jedem Menschen andere Folgen haben kann. Was auch oft an unsere Sprache liegt. Oder an nicht ausgeschaltete Monitoren. An Geräuschen aus dem Nebenzimmer. An Geplauder auf dem Flur über jemanden ganz anderen – das aber der Patient nicht weiß und auf sich „umdichtet“.

Das medizinische Personal verwendet oft eine Sprache, die dem Laien nicht vertraut ist. Ich bekomme selbst immer „Mufffensauen“ wenn ich in der Autowerkstatt bin und die Muffen nicht ganz dicht sind. Ich hab keine Ahnung, was das bedeutet – aber es hört sich teuer und schlimm an.

Der amerikanische Kardiologe und Friedensnobelpreisträger Bernhard Lown hat einmal den schönen Satz geprägt:“Ich kenne nur wenige Heilmittel, die mächtiger sind, als ein sorgsam gewähltes Wort“.

Denn in Krankheit und Unsicherheit legen Patienten jedes Wort auf die Goldwaage.

Nun kann man in Streß und Hektik nicht jedes Wort gewienert und geschrubbt sorgsam auf diese Goldwaage lege. Aber man sollte sich bewusst werden – wenigstens so hin und wieder – was man alles damit anrichten kann.

All diese täglichen, sorglos vor sich hingeblubberten Sätze: Eine kleine Auswahl:

„Das wird jetzt etwas weh tun!“(Ahhhhhhh! Es fehlt nur noch der Trommelwirbel.)

„Ist Ihnen übel?“ (Jetzt, wo sie es erwähnen…)

„Melden Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben.“ (Ich wäre die erste, die „Hier“ schreien würde)

„Sie brauchen jetzt keine Angst zu haben.“ (Hat eigentlich jemals schon einer diesem Satz Glauben geschenkt? Außer, dass Panik ausbricht!)

„Probieren wir doch mal dieses Mittel aus.“ (Ja bin ich denn ein Versuchskaninchen?)

„Bei einigen Patienten ganz gute Ergebnisse.“ (Ich bin aber nicht „einige Patienten“)

„Wir legen ihnen jetzt eine Nadel!“ (Freunde: Nadel gibts bei Stricken. Nicht in der Medizin. Das sind Zugänge. Keine Nadeln!)

„Dann machen wir Sie jetzt fertig!“ (Vorbereitung zur Operation. Bei dem Satz wäre ich auch schon fertig!)

„Wir schläfern Sie jetzt ein.“ (Hahaha. Wie lustig! *nicht*)

„Wer hat den Giftschlüssel?“ (Als unkundiger Patient würde ich jetzt sehr unruhig werden. Die wollen mir Gift verabreichen??? Dabei sind stark wirksame Medikamente gemeint , die gut helfen. Es nah nicht das Gift – es naht erstklassige Hilfe!)

„Wollen sie, dass alles gemacht wird?“ (-so fragte mal eine junge Ärztin die Angehörigen bei einem Patienten an seinem offensichtlichen Lebensende. Sie meinte intensivmedizinische Maßnahmen. Alles? Machen? Jeder, der deinen Angehörigen liebt und in dieser Sprache nicht zuhause ist, würde hier nie auf die Idee kommen zu sagen: „Aber nein. Das lassen wir jetzt so.“ Natürlich will man das beste für den Angehörigen und nie das Gefühl haben, nicht „alles unternommen zu haben. Worüber nicht gesprochen wurde war, was es bedeutet, „alles“ zu machen, wohin es führen würde und was es für den Patienten bedeutet.)

„Sie werden jetzt in viele dünne Scheiben geschnitten.“ (Computertomografie)

„Sie sind ein Risikopatient.“

„Sie tragen eine Zeitbombe in Ihrer Brust.“

„Ihr nächster Herzschlag könnte Ihr letzter sein.“

„Wir müssen das bekämpfen!“

Freunde: Wer so spricht muss sich nicht wundern, wenn sensible Zeitgenossen vor Angst schlottern.

Wer allerdings erlebt hat, wie Worte auf Patienten wirken können wird sich bemühen, eine Sprache zu finden, die passend ist. Und glaubt mir: Ich habe es erlebt und mich oft geschämt – leider oft erst hinterher. Aber das ist der Vorteil: Wer es einmal „verkackt“ hat, wird es beim Nächsten schon viel besser machen!

Wer sich selbst im Leben beobachtet weiß, wie man so als Mensch tickt und wie man  wider besseren Wissen in sämtliche Falle latscht.

Man schätzt Individualität. Das Gefühl, nicht 08/15 zu sein. Eine günstige Creme kann nie so wirksam gegen Augenringe sein, wie ein teures, edles verpacktes Produkt. Spritzen wirken immer besser als Tabletten. Teure Tabletten sind wirksamer als günstige. Denn an das Original kommt nie ein nachgemachtes Medikament mit anderen Namen dran. Das weiß man doch!

Ommas einfache Küchenpsychologie gilt auch im Krankenhaus. Da noch mehr, weil hier der Mensch auch besonders schutzbedürftig ist. Es trifft hier auch nicht nur die ganz Seniblen unter uns – sonderen jeden. Selbst wir können vor der Kraft der Gedanken nicht halt machen: Stellt euch nur mal vor, ihr schnappt ein: „Oh- das sieht aber gar nicht gut aus!“ Und dann lassen wir euch mit den Worten mal die nächste halbe Stunde einfach nur sitzen. Hui- da ist aber was los in eurem Kopfkino. Ich schwöre!

Dabei hat es derjenige, der es ausgesprochen hat vielleicht in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt. Oder ein „das sieht nicht gut aus, ist aber leicht zu beheben“ gemeint. Was aber völlig wurscht ist. Man hat es gehört und das Wort trägt Frucht – wie es in der Bibel so treffend gesagt wurde.

Oder die Geschichte mit dem Blutdruck: Einmal aus Spaß gemessen. Hups. Ganz schön hoch. Google sagt auch, dass das deutlich über dem Normwert liegt. Ihr seht euch schon mit Schlaganfall und Herzinfarkt darnieder liegen. Also messt ihr noch mal. Noch höher. Aber das kann doch nicht sein! Ich bin doch immer gesund. Leichte Panik macht sich breit. Tief durchatmen und noch einmal messen. Immer noch deutlich zu hoch. Ihr seht: die Gedankenspirale ist voll im Gange.

Unzählige dieser Menschen habe ich gemessen, beruhigt und „angeschnurrt“. Sorgen nehmen. Den Gedankenfokus ändern. Damit kann man viel erreichen. Den Rest übernimmt die moderne Medizin.

Es ist wie die Geschichte mit dem rosa Elefanten: Wenn man keinesfalls an ihn denken soll ist die Welt plötzlich voll von rosa Elefanten.

Der Fokus – gerade im Krankenhaus muss also im besten Falle so sein, dass diese Gedanken erst gar nicht entstehen. Im besten Falle! Und er ist natürlich oft gerade außer Haus. Man will es nicht verschweigen.

Aber wenn man sich darüber mal ernsthaft Gedanken macht, wird sich bei demjenigen der spricht etwas ändern. Weil keiner möchte, dass der andere sich ängstigt.

Es geht nicht darum, alles was „schadet“ zu verschweigen. Aber man kann es in andere Worte packen und so erklären, dass es dem andern wiederum „nützt“.

Beipackzettel kann man lesen oder wegschmeißen wie man will. Trotzdem stimmt es ja, was drin steht. Auch wenn jeder Pups aufgelistet ist: es gibt ihn. Daran ist nicht zu rütteln. Ich kann aber den Fokus auf das, was wirkt und zählt legen. Ein Antibiotikum hat viele Nebenwirkungen- es bekämpft aber auch den Erreger und das ist in der Therapie vorrangig. Eine Chemotherapie ist für viele ausschließlich reines „Gift“, bewirkt aber auch, dass Metastasen dadurch unschädlich gemacht werden und somit mein Leben verlängert werden kann. Gift oder Heilung – das ist auch Aufgabe des Personals, den Fokus des Patienten darauf zu lenken. Aufklärungsbögen sind heute mehrere Seiten lang. Dazu kommen noch die Zusatzinformationen in dem individuellen Fall, die alle mit Tod und Verwesung enden.

Keine Frage: der Patient gehört gescheit aufgeklärt. Aber wie ist eben die Frage. Je mehr man hört, desto mehr verliert man aus den Augen um was es eigentlich geht. Ich war mal bei einem Narkoseaufklärungsgespräch dabei, in dem der Patient fast umkam vor Sorge bei der Geschichte mit dem „sie können dann nicht mehr selber atmen und das macht dann die Maschine für sie“. Durchgedreht ist er. Das war eine ganz schreckliche Vorstellung für ihn.

Google ist heute eines der Hauptquellen, aus dem sich der Mensch seine Informationen holt. Und bei den meisten Patienten die dann mit ihrer oft schon fertigen Diagnose kommen fehlt eigentlich immer noch der Satz: „…oder halt Krebs“.

Jo. Und dann plaudert man lange. Woher stammt die Information? Wie ist sie einzuordnen und dergleichen mehr. Oft ist es dann halt doch nur ein Pickel und kein Krebsgeschwür im Endstadium und die Seite von Google war sehr interessiert an der wunderbaren Geldvermehrung durch den Kauf scharlatanischer Tinkturen.

Das sagt aber einem kein Internet – das sagt einem ein Arzt. Im besten Falle so, dass er verstanden wird. Und nach einer Untersuchung. Keine Diagnose durch die Hose.

Es ist eine Gratwanderung zwischen: Ich rede mit den Mund fusselig, damit ich verstanden werde und: Halt – hier rede ich so wenig wie möglich, denn das verwirrt und macht Angst. Beides hat seinen Platz. Beiden kann man versemmeln ohne Ende.

 

Die Kraft der positiven Affirmationen ist keine Spinnerei.

Oder um mit meiner Omma zu reden: „Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“

Also lasst uns auf unsere Worte achten. Denn wir selbst wollen es für uns auch.

 

 

Lesenswerte Literatur dazu: „Die verlorene Kunst des Heilens“ von Bernhard Lown oder „Das sieht aber gar nicht gut aus“ von Werner Bartens

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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