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Wie Gesäß auf Steckbecken

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Vor längerer Zeit habe ich mit Markus gepodcastet.

Dauer: 25:07 Minuten

Das Leben hingegen und der Umstand, dass mittlerweile jedes Eichhörnchen einen eigenen Podcast hat, haben mich davon abgehaten, ihn zu bearbeiten und zu veröffentlichen.

Bis heute.

Und was hatte ich jetzt für einen Spaß, dieses Interview zu schneiden. Denn obwohl Markus und ich uns zu diesem Zeitpunkt virtuell schon Jahre, aber leibhaftig erst das zweite Mal gesehen haben, passen wir wie Gesäß auf Steckbecken (der Laie würde sagen: Arsch auf Eimer).

Dieses Gespräch ist zwischen Kaffee Hag kochen und einem Vortrag von ihm entstanden und sagen wir mal so: Der Nachmittag war schon super, noch bevor er offiziell anfing.

Hört also, wie wir über Kinder und Kollegen „lästern“ und uns grämen,  lauscht, wenn wir über die Vorzüge es Nachtschlafs plaudern, wie Pflege am Boden liegt und warum sie nicht aufsteht und „was schaffen geht“ und allerlei mehr.

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Der Rest ist Gnade

Ich erkenne sofort den Familien- und Liebesstatus sowie ich ein Patientenzimmer betrete: Einen großen Freundeskreis ebenso wie eine junge Familie und/oder liebevolle Angehörige. Eine lärmende Peergroup oder eben…. nichts. Alles das sieht mein geübtes Auge sofort.

Wenig – werte Freundinnen und Freunde – ist trauriger, als in ein solches Patientenzimmer einer Hochbetagten zu kommen und nichts, aber auch rein gar nicht persönliches oder privates vorzufinden. Immerhin war ich gedanklich vorbereitet: Ich wusste, dass sie ist “weiblich, ledig, uralt“ ist.

Keine Zeitschriften. Keine Flasche Nektars irgendwelcher dubioser Früchte, die hochbetagte Menschen eher seltener auf dem Speisplan zu stehen haben. Kein Kuscheltier von Kindern oder Enkelkindern zum Trost. Kein Blümchen und kein Nagellack. Keine Haarbürste, die auf dem Nachttisch vergessen wurde (und die SELBSTVERSTÄNDLICH ausschließlich ins Bad gehört), kein buntes Handtuch zum Trocknen über der Bett-Reiling.

Wie ihr wisst ( für alle, die es vergessen/verdrängt/ noch nicht gehört haben: hier entlang) verläuft mein Leben mittlerweile jenseits der Krankenhausflure.

Es sei denn, ich kehre als Besucherin zurück.

Wie zu ihr, die „unfassbar viel Wasser“ überall hatte und zur „Entwässerung“ in die Klinik musste. Nichts, dass es mich wunderte, wie lange sie es in diesem Zustand ausgehalten hatte. Bei jedem Besuch – so schien es – wurde sie runder und praller und die Schnallen der Schuhe eine Öse weiter geschlossen.

Das Seniorenheimpflegepersonal schien geflissentlich wegzuschauen und der Hausarzt konnte leider nicht kommen.

Gummistrümpfe zur Kompression?

„Ziehse mir hier nicht an. Das ist so schwierig und sie kriegen sie nicht über die dicken Knöchel drübber!“

„Aha!“

Nun also war sie im Krankenhaus. Im geblümten, rosa Nachthemd, der Katheterbeutel prall gefüllt. Ich sah mich schon auf einer Woge Pipi hinfort geflutet, bei der leisesten Berührung und hielt dementsprechend vorsichtshalber Abstand.

Sie wollte aufstehen. Vor Freunde und Respekt vor seltenem Besuch.

Seit einem Monat kann sie kaum noch stehen. Sie ist aber der felsenfesten Überzeugung, mit ein wenig Übung und einer Spritze vom Hausarzt würde das schon wieder werden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt sagt man.

Auf Twitter würde es heißen: Wer sagt es ihr?

Sie ist 94. Jahre alt. Unfreiwillig im Seniorenheim untergebracht. Nach mehreren häuslichen Stürzen wollte die weite entfernt wohnende Nichte die Tante nicht mehr zuhause wohnen wissen. Zack. Rubbeldiekatz. So schnell konnte sie nicht schauen, blieb sie im Heim, in dem sie zur Kurzzeitpflege schon untergebracht war.

Umzug einer 3 Zimmerwohnung in ein 2-Bett-Zimmer. Im Koffer auf dem Schrank bewahrt sie jetzt ihre Winterklamotten auf. Einen winzigen Teil. 4 Meter Gelsenkirchener Barock passen nicht in einen Seniorenheimzweibettspind.

Alles weg. Einen Abschied gab es nicht. Sie war ja schon im Heim. Für alles musste sie sich mit der Nichte absprechen. „Bitte bring mir meinen Kamel-Hocker für meine Füße! Was ist mit meinem Lieblingsschmuck? Wo sind denn meine Pantoffel? Die hats du WEGGESCHMISSEN? Die waren noch wie neu!“

Die 94-jährige betrachtet ihr 7-jähriges „Ich (links) unter dem Lesegerät für stark Sehbehinderte. „Das war eine der wenigen, glücklichen Momente in meiner Kindheit.“

Es ist ein Elend.

Gut. Man könnte früher darüber nachdenken, wie man sein Leben im Alter gestalten will. Welche Art an „Vorsorgen“ man treffen möchte. Wer einem „die Wahrheit“ sagt, wenn es nicht mehr allein machbar ist. Und wann dieser Zeitpunkt- zumindest von der Außensicht – gekommen scheint.

Blind ist sie zudem. Das macht die Sache nicht einfacher.

Die Ernährung im Heim ist ihr suspekt. Richtiges „Essen“ hatte sie nur, wenn sie in die Wirtschaft ging und dort immer das günstigste Gericht sowie einen Löffel bestellte.

Die Angst des finanziellen Ruins der Kinder – und Jugendjahre liegt schwer auf ihrem Gemüt.

Zuhause kochte sie Tiefkühlgemüse und Reis nach Gefühl und ohne viel Geschmack. Kein Wunder, dass beständige Heimkost für sie „zu salzig, zu üppig und immer verstopfend“ wirkte.

Zurück ins Krankenhaus.

Trotz vieler Jahre Praxis (ich) und starkem Willen (sie) gelang es uns beiden nicht, sie vom Bett in den Rollstuhl umzusetzen. Sie war schlaff wie ein Sack. Die Beine gehorchten ihr nicht. Stehen konnte sie nicht. Ich holte Hilfe und schaute mal auf dem Flur. Es war Abendbrotzeit und ich hatte das Personal schon mit dem Essenswagen in der Ferne gesehen. Es war mir aber nicht möglich, genaueres zu sehen. Die Gänge im ehemaligen Krankenhaus sind länger als meine Kurzsichtigkeit mich schauen ließe.

Siehe da. Zwei altbekannte Gesichter. Schwester Micha und Schwester Renata. Und ja – werte, vernunftbegabte Kolleginnen und Kollegen: Weder sind sie Ordensschwestern noch meine Geschwister. Aber die heißen so. Schon immer und in Ewigkeit Amen. Das bringt man nicht mehr aus ihnen heraus. Als wir vor Jahren mal darüber sprachen, nickten sie ganz aufgeschlossen. Wie recht wir alle hätten. Stimmt. Vollkommende Übereinstimmung. Ach, ihr jungen Dinger (sie sind 10, 15 Jahre älter als ich) mit euren großartigen Ideen!

Kurz darauf stellten sie sich bei ihrem nächsten Patienten vor: „Grüß Gott. Ich bin die Schwester Micha!“

Nein. Diese Generation an Pflegerinnen muss scheinbar erst aussterben, bevor ich an der Ansprache etwas ändert.

Wir freuten uns sehr, uns zu sehen.

Schwester Micha war im Haus „verschrienen“. Mit Ehrlichkeit jenseits der Schmerzgrenze macht man sich keine Freunde.

Strafversetzt wurde sie dafür im hohen Alter auf eine Station, die man sich schon alleine der Selbstliebe willen ab einem gewissen Alter nie ausgesucht hätte: „Die Innere“. Immer unterbesetzt, immer am Limit, jede Menge Pflegefälle verteilt auf 100 Meter Krankenhausflur.

Trotzdem hatte sie ihr glucksendes Lachen und derben Humor nicht verloren.

Vor vielen vielen Jahren gewann ich das Herz der gefürchteten Kollegin. Sie kam mit einer Fingerverletzung in die Notaufnahme. Damals war es noch üblich, dass man lange, lange das verletzte Körperteil in Braunol, einem Desinfektionsmittel, badete. Ein Schwups in einen Plastikbecker, Wasser drauf und Finger rein. Sie schaute interessiert zu, wie ich die braune Plörren für sie zubereitete und anschließend ihr reichte.

Sie bedankte sich höflich, nahm den Becher, führte ihn an den Mund und trank einen Schluck. Um ihn nach einer Erstarrungssekunde auszuspucken und mich wehklagend anzuschauen.

„Micha…?“

„Ich dachte, das wäre Kaffee!“

„Micha. Du hast doch gesehen, wie ichs gemacht habe…“

„Jetzt wo dus sagst…!“

Diese Geschichte verband uns und fortan waren wir beste Kumpels, wenn wir uns sahen. Ihrem gefürchteten Charme bin ich nie begegnet.

Schwester Renata, die natürlich anders heißt, hieß mich herzlich willkommen. Kurz vor meinem Pflexit lief ich im Nachtdienst über ihre Station. Sie hatte einen Rollstuhl vor sich und schob ihn von Zimmer zu Zimmer.

„Ich kann sonst nicht laufen. Ich habe Hüfte. Und die Rollatoren sind alle aus!“

So viel Pflichtbewusstsein vereint in einer Person.

Ebenso wie das nächtliche „Lagerungs-Spiel“. Viele Jahre ging das Personal der Notaufnahme nachts zum Rundgang durchs Haus. Wir waren schließlich zu zweit, die „auf Station“ die ganze Nacht alleine. Dort halfen wir den Kollegen und Kolleginnen, die immobilen Patienten zu lagern.

Schwester Renata wollte ich jede Nacht boxen.

Zack: Volle Zimmerbeleuchtung morgens um vier Uhr.

Rums. Das Bettzeug den Menschen weggezogen.

Schlupp: Den (in diesem Fall eingeschränkt mobilen) Menschen einen halben Meter hochgezogen.

Decke drauf. Licht aus. Tür zu.

„Renata“, sagte ich vor der Tür. „Erinnere mich dran – sollte ich jemals von dir so nachts aus dem Schlaf gerissen werden, weil du meinst, ich bin „runtergerutscht“ und soll „hochgezogen werden“ – erinnere mich daran, dass ich dich dann boxe. Lang und ausdauernd!“

Meine Kritik verhallte bis zum nächsten Patienten.

Die beiden standen um den Essenswagen herum. Im Gegensatz zu manch anderen hatten sie nach eineinhalb Jahren auch schon mitbekommen, dass ich nicht mehr hier arbeiten würde.

„Was machst du denn hier?“

„Seniorenbesuch! Würde eine von euch mitkommen und mir helfen, sie in den Rollstuhl zu setzen?“

„Ich heb mir doch keinen Wolf und in zwei Minuten will sie wieder ins Bett! Nein, nein. Das Spielchen mach ich nicht mit! Die bleibt im Bett!“

Eigenschutz vor Patientenwohl. In jedem von uns stecken zwei Wölfe.

Immerhin schickte sie eine Praktikantin. Zusammen wuchteten wir die Uralte in den Rollstuhl und auch der Vorschlag, den Katheterbeutel unter Umständen zu leeren, wurde gehört.

Das Abendbrot kam.

Ich schmierte der Uralten die Brote. Noch nie hatte sie „Reiterle“ bekommen. In ihrem Elternhaus gab es das nicht und bei ihren Kindern hatte sie keine Zeit. Da wollten neben den Kindern, der kranken, angeheirateten Tante, dem Ehrmann sowie den Schwiegereltern alle Abendbrot. Verwöhnen? „Was für ein unpraktischer Quatsch!“, sagte sie und biss vom in Stücke geschnittenen Teewurstbrot ab. Sie kicherte ein bisschen. Vielleicht ist verwöhnen doch ganz hübsch – so dann und wann?

Schwester Micha schaute vorbei und ermahnte die Zimmernachbarin ein wenig langsam mit dem Bohnensalat zu machen – nach der Darmspiegelung drei Stunden zuvor. Daraufhin pupste diese laut und vernehmlich und stellte das Schüsselchen traurig zurück.

Manchmal vermisse ich das alles.

Aber höchstens so lange, bis eben einer gänzlich ungeniert furzt.

Jetzt schmiere ich “Reiterle“ friedlich und ohne Hast. Ich höre mir das Elend und die Hoffnung an. Die Geschichten mit dem Elend nehmen viel mehr Raum ein und wollen alle gehört werden.

Geschichten über Fencheltee, den es ausschließlich in den Kriegsjahren zu trinken gab und an den sie sich deshalb gewöhnen „musste“ und ihn immer noch trinkt.

Ich höre mir Schwester Michas Geschichten über die viele Arbeit, die zwei neuen Hüften der Schwester Renata und ihre eigenen schlimmen Knie an, die „beide gemacht werden müssten, aber das geht jetzt nicht, denn dann bricht hier vollends der Laden zusammen.“ Ich sehe die Erschöpfung in den Augen und den unrunden Gang, wenn sie weitergeht.

All das sehe ich. Und höre ich. Und manches rieche ich auch.

Wie wird es uns einmal gehen? Wer wird uns besuchen und pflegen?

All das gilt es, unbedingt rechtzeitig in die Wege zu leiten. Zumindest das, was „machbar und planbar“ ist.

Ich hoffe sehr, dass mein Krankenzimmer einst nicht so derart traurig nüchtern und kühl aussehen wird. Und dass ich ein stabiles Netz aus Freunden, Wegbegleitern und Kindern, Kindeskindern sowie Kindeskindeskindern gesponnen habe, das mich trägt.

Der Rest ist Gnade.

Erkenntnisflash

Kennt ihr, dass ihr manchmal das Gefühl habt, völlig aus dem nichts kommt urplötzlich die Erkenntnis: Wildbratensauce schmeckt wirklich besser mit dem passenden Rotwein. Oder: Bengalinhosen mögen der letzte Schrei sein, aber mir stehen sie nicht – da hilft es auch nicht, wenn ich die 26. Hose bestelle. Oder: Er steht halt nicht auf mich – so einfach ist das.

Meistens sind es Sachverhalte, bei denen andere erstaunt aufschauen und sagen: „Ja und….? Das ist doch völlig sonnenklar!“ So banal können sie sein.

Anstatt aber diese ignoranten Menschen wegen jener Frechheit zu schütteln, drückt man sie stattdessen an sich und sagt selig, weil endlich wissend: „Rotweinsauce“. Oder „Nie wieder Bengalinhosen“. Oder „Er steht einfach nicht auf mich! Mehr ist es nicht!“

So ging es mir, als ich mit Sabine Dinkel über systemische Gesetze plauderte.

Dachlatte aufs Hirn.

Schuppen aus den Haaren.

Erkenntnisflash.

Diese „Gesetzmäßigkeiten“ sind nicht neu und ich würde mal behaupten, dass sie jeder kennt – auf die ein oder andere Weise. Es ist im Straßenverkehr ebenso eine feine Sache, sich an diese Art von Regeln zu halten, wie im täglichen Miteinander.

Im System jedes Teams gibt es ein Wissen darüber, was das tägliche „Überleben“ sichert und was es gefährdet. Dabei sind folgende systemische Prinzipien immer wieder zu beobachten. Als da wären:

  1. Was ist, muss anerkannt werden

  2. Recht auf Zugehörigkeit

  3. Ausgleich von Geben und Nehmen

  4. Vorrang des Früheren vor dem Späteren

  5. Vorrang der höheren Verantwortung

  6. Vorrang der höheren Leistung

  7. Vorrang von Wissenskompetenz

  8. Vorrang des Ganzen vor dem Einzelnen

  9. Ausgleich schaffen

  10. Anerkennung, Wertschätzung und Respekt gegenüber Personen, Kultur oder Ordnung

  11. Neues System hat Vorrang vor einem alten System

Passt alles und ist das System wie bei einem gut austarierten Mobile im Gleichgewicht, herrscht Friede und Freude, bei dem auch ein Eierkuchen durchaus im Rahmen ist. Glück und Spaß, Achtung und Respekt kreuzen dann euren Weg. Rosen wird es für euch jeden eure gemeinsamen Tage regnen. Doch ach!

An keinem meiner Arbeitstage wurde nicht wenigstens eines dieser Gesetzte gebrochen, nicht beachtet, ignoriert oder mit Füßen getreten. Absichtlich oder versehentlich.

AN. JEDEM. TAG.


Ich traf heute einen Buddy von mir. Und natürlich unterhielten wir uns über „die Arbeit“.

„Da haben wir jetzt einen neuen Kollegen, der hat ein halbes Jahr Notaufnahme Erfahrung. Und natürlich weiß er alles und kann alles. Meistens auch noch besser!“

„Alles? Von der Zangengeburt bis zur Feuerbestattung?“

„Ne. Natürlich nicht! Ich hab schon gar keine Lust, ihm etwas zu erklären, weil er immer abwinkt und alles zu wissen glaubt. „

Freunde: Willkommen in der wunderbaren Welt von “ How to get beef at work“.

Der neue Kollege hat gleich mehrere Gesetzte des Systems gebrochen: Nummer 4, 5, 7 sowie 10.

Immer dann – ihr ahnt es schon – wenn diese Gesetzmäßigkeiten nicht eingehalten werden, gerät das System ins Wanken. Es gibt Konflikte, Verdruss, Ärger, Kleinkriege, Mobbing. Immer.

Diese Systeme geraten aber auch jeden Tag ins Trudeln. Nur mal ein paar kleine Beispiele:

Wenn neue, oftmals neunmalkluge Kollegen ob Chef oder Kollege in ein bestehendes Team kommen, wird es immer spannend. Erkennen Sie die Gesetzmäßigkeiten an (oder tun zumindest so)? Oder wissen sie alles besser, haben prinzipiell viiiiiel mehr Ahnung als alle anderen und zeigen es deutlich jeder und jedem? Wollen Sie sofort Neues einführen und die Welt verbessern auf ihre Art und Weise? = Beef

Ein Kollege/in möchte immer mit dir tauschen, aber wenn du Bedarf hättest „passt es leider gar nicht“. Immer. Beef.

Du springt zum 27. Mal ein, aber keiner würdigt es – weder in Gedanken, Geschenken, noch Worten.

In einem gerade zu versorgenden Notfall pflegt eine(r) seine Animositäten und stänkert rum, obwohl gerade ein kranker Mensch vor einem liegt, der alle Aufmerksamkeit bräuchte.

Der ältere Kollege hat keine Ahnung mehr von der neuen Technik und will sich auch nicht mehr einarbeiten – so kurz vor der Rente. Das „müssen“ dann halt alle anderen (mit-) machen. Leider wird kein Wort darüber verloren, dass die Anderen dadurch mehr Arbeit haben.

Der Kollege/in mit dem größten Wissen bezüglich xy geht völlig unter, weil eine Flachpfeife einfach immer dazwischenquakt und alles besser weiß. Sogar atmen!

Beim neuen Chef wundern sich alle, wie er es in diese Position gebracht hat. Weder ist der fachlich der Hit, noch reißt er es menschlich heraus. Ist es am Ende das „Peter Prinzip“?

Aktuell ist das Thema Klinikfusionen an der Tagesodnung. Überall wachsen kleine Kliniken ( wenn sie Glück/ Unglück haben – je nachdem, wie man es sehen will) zu einer Einheit zusammen. Das System sagt: Das Neue hat Vorrang vor dem Alten. Vorausgesetzt, es werden Punkt 1 bis 7 berücksichtigt. Wenn nicht, wirds schwierig. Also nicht für die Krankenhausleiter. Aber für alle anderen schon. Nachdem ich eine Fusion mitgemacht habe und den Kummer und die Unzufriedenheit der Kollegen oft genug gehört hab, kann ich nur feste, feste mit dem Kopf nicken.

Es kracht in einem Team an allen Ecken und Enden. A spricht mit B nicht und höchstens über C, der D auf den Tod nicht ausstehen kann. Aber keiner spricht darüber. Alles wird hübsch unter den Teppich gekehrt. In Dienstbesprechungen wird nicht darüber gesprochen, sondern über die Nachlässigkeit bezüglich der Sauberkeit des gemeinsamen Kühlschranks sowie der nächtlichen, regelmäßigen Kühlschranktemperaturkontrollen.


Ich denke mal, ihr meine schlauen Freundinnen und Freunde habt das Prinzip kapiert. Und wahrscheinlich 300 weitere Beispiele von systemischen Verletzungen mit einem Fingerschnips parat.

Und nun?

Wenn man es weiß, wird vieles leichter. Es war so ein Augenblick, an dem „Wissen mach Ah“ sich in meinem Hirn breitmachte.

Schau an: Aus diesem und jeden Grunde hat es mit XY nie so recht geklappt. Weil Heinz einfach eine Flachpfeiffe war und ich ihn deswegen nie ernst nehmen konnte, „zerrüttete“ unsere Beziehung. Heinz war aber ein Urgestein. Und allein das rechtfertigt es, anzuerkennen, was ist und war. Früher vor später und so.

(„Heinz“ ist hier als Protoyp aus 30 Jahre Teamarbeit zu sehen.)

„Bedauerlicherweise“ zeigt sich Anerkennung immer in der inneren Haltung und im Verhalten und nicht nur darin, was ich sage. Ein gutgemeintes, verlogenes: „Heinz, das hast du aber fein gemacht!“ ist nicht zielführend in der Strategie zum Frieden innerhalb eines Team oder gegen Mobbing am Arbeitsplatz.

„Ach komm!“, sage ich zu Sabine Dinkel. „Manches ist doch keinesfalls durchzuführen. An jeglicher Realität vorbei!“

„Wer sagt denn, das es einfach wäre?“, grinst sie.

*seufz*

„Und zur Not hast du du drei Dinge in der Hand. die ebenfalls jeder kennt und von den wenigsten beherzigt werden:

Love it.

Change it.

Leave it.“

Teamgebilde sind eine sehr fragile Angelegenheit. Im sozialen Sektor ungleich mehr, weil hier noch die „Güte und Barmherzigkeit“ im Übermaß dazukommen. Gepaart mit einem schwammigen „Berufungs- Gedöns“ statt Professionalität.

Aber auch hier gelten die Systemgesetze. Da beißt der Chirurg den Faden nicht ab.


Die Lösung könnten sein: Gespräche führen. Aber keinesfalls schnullimäßig. Bitte bedenkt: Man möchte zu einem neuen Miteinander kommen. Das alte, schlechte soll ja geändert werden. Wer das nicht ernsthaft will und vorhat, sollte daheim bleiben und Serien wegbingen (um auch mal dieses neue Wort unter das Volk gebracht zu haben).

Und auch wenn man es nicht glauben mag: selbst in jeder Pfeife steckt etwas, was richtig, richtig gut. ist. Man muss es nur wahrnehmen wollen und würdigen und wertschätzen. (Es ist übrigens viel lustiger und unanstregender, nach freundlichen Dingen Ausschau zu halten als nach blöden. Die kennen wir ja auch schon zu genüge. Warum also nicht einmal die Kollegen-Ostereier-Wertschätzung-Challange starten?

Überhaupt das ganz erst einmal wahrnehmen, dass hier irgendwas „im Busch “ ist. Und sich trauen, es zu benennen – mit allem, was dazu gehört. Auch Heulen und Zähneklappern. All die kleinen, unguten Gefühle beschreiben. Dazu – werte Freundinnen und Freude – gehört übrigens viel Mut, emotional die Hosen herunterzulassen.

Das ist das, was der verletzte Mitarbeiter/Kollege/Freund/Feind machen kann.

Ihnen müssen die Verursacher Rechnung tragen. Ernstgemeint. Sonst kann man alles wieder in die Tonne kloppen.

Dazu gehört, dass man das verursachte Leid anerkennt. Und sich um Ausgleich bemüht.

Tja. Und wenn alles nicht klappt bleibt immer noch die Option, woanders sein Glück zu finden. Wie sagten schon die Bremer Stadtmusikanten: Etwas besseres als schlechte Arbeitsbedingungen finden wir allemal! (Oder so ähnlich).

Das wichtigste allerdings ist, das Prinzip dieser Gesetzmäßigkeiten erstmals zu kapieren.

Wüssten das neue Mitarbeiter – ich bin überzeugt, dass sie die Attitüde des „Hoppla, jetzt komm ich!“ lassen würden. Um des lieben Friedens willen. Und auch wenn sie es 1000 Mal besser könnten, würden sie sich zurückhalten. Bis sie dran sind.

Oder wenn wir alle beginnen würden, bei der Flachpfeiffe das Gute im Schlechten zu suchen.

Wenn wir ansprechen würden, was uns gerade wirklich auf dem Herzen liegt.

Oder

Oder

Oder.

Manches haben wir nicht in der Hand. Manches können wir nicht änderen, weil wir eben alle unterschiedlich ticken, Neigungen und Animositäten haben. Aber vieles könnten wir verhindern – so bin ich überzeugt – wenn wir diesem Gesetzmäßigkeiten Raum geben würden.

Meine Güte. Vielleicht hätten wir alle ein schönes Leben!

In aller Fülle zum Nachlesen: https://www.hanseatisches-institut.de/systemgesetze/ oder auch hier. https://www.mentalenz.de/systemgesetze/

Bitte beachtet: Ich bin kein Profi in diesem Gebiet. Dafür aber sehr, sehr interssiert.

Mein kurzes Leben als Fitting Model „Molly Mops“

 „Ach Gott. Dieser Blazer tut aber auch gar nichts für dich!“, rief Kevin bekümmert aus.

Er lehnte mit einer Pobacke am Schreibtisch, die Beine dabei graziös übereinandergeschlagen. Seine 7/8 Hose betonte die schlanken, haarlosen Beine. Eine Hand in der Tasche, die andere lässig an die Schreibtischkante gestützt. Das lila Polo- Shirt lässig in die Hose gesteckt. Gestopft wird hier nichts!

„Und wie der überbügelt ist!“ Die Augen dehen sich dabei leicht nach oben! Meine Güte. Stümper überall und allenthalben.

Ich wusste noch nicht mal, dass man Kleidungsstücke überbügeln kann. Überbügeln! Was es nicht alles gibt!

Die Kollegin, die mit luftig aufgestecktem Haar daneben saß, seufzte ebenfalls. „Hatten wir das nicht schon besprochen?“ Sie stöberte in den Unterlagen. Diese unzuverlässigen Lieferanten aber auch! Nichts als Ärger mit dem Pack. Und dann würden „sie auch noch frech kommen!“

Ich stand in der Mitte. Eine atmende Kleiderpuppe. Plus Size. „Lass die Arme mal hängen. Hm. Und jetzt winkle sie mal an. Wird auch nicht besser.“

Rückblick.

„Hömma. Willste Model werden? Meine Freundin sucht dringend Models zur Anprobe“. An einem feuchtfröhlichen Abend unter dem Motto:  Katheter müssen laufen, Krankenschwestern können saufen, sagte ich zu.  Warum auch nicht? Für eine neuerlicher Karriere ist es nie zu spät, dachte ich mit etwas langsameren Hirnsynapsen.

Umso überraschter war ich, als mich drei Tage später eine freundliche Frau anrief, um nachzufragen, ob ich wirklich und wahrhaftig einmal zu Anprobe kommen möge.  

„Warte in der Lobby auf mich, ich hol dich dann ab!“

So saß ich also ein paar Tage später ich in der Lobby auf fresh and fancy Sitzgelegenheiten. Würden diese Sackähnlichen, weichen und riesigen Sofas in meiner Stube stehen, wäre die einzig richtige Möglichkeit sie zu „besitzen“, sich der Länge nach draufzuwerfen und zu lümmeln. Hier aber erschien es mir deplatziert. Erste Eindruck und so. Ich hatte auch für dieses Möbel definitiv nicht die passende Klamotte an: Statt schick eher so „von einem langen Arbeitstag kommend“. Die geliebten Flip-Flops an den Füßen, statt High Heels. Verdammt. Eine Damen werde ich nie. Hildegard Knef wusste es schon immer.

Immerhin hatte ich 15 Minuten Zeit, eine vernünftige Sitzposition hinzubekommen. Ich schaffte es nicht. So stand ich auf und schaute aus den übergroßen, bodenlangen Fenstern auf gepflegte, langweilige Rasenflächen.

„Ich saß schon den ganzen Tag!“, entschuldigte ich mich mit der Attitüde eines gescheiterten Mr. Bean den schicken Empfangsdamen mit dem dezenten Make-Up einer Flugbegleiterin.

Schließlich holte mich Susi ab.

Ich folgte ihr sehr, sehr langen Gänge. Viele hippe, schöne, schlanke Menschen kreuzten unsere Wege. Smart, fresh, erfolgreich, modisch, kreative. All das kroch ihnen schier aus jeder Pore.  Sucht euch – liebe Freundinnen und Freunde – etwas davon aus. Oder auch alles. Sie waren jedenfalls all das, was ich an diesem Tag definitiv nicht war.

Molly Mops und ihre Freundinnen

Aber ich war ja auch für die Puls Size Abteilung gebucht, die auch in diesem Hause hergestellt wird Oder wie meine Schwester immer zu sagen pflegt: Die Molly Mops Abteilung.

Nicht immer ist ein Nachteil, mehrere Pfunde zu viel auf den Rippen (und nicht nur da!) zu haben, werte Leserinnen und Leser.

Ich gedacht meinen am Jahresanfang gefasste Gedanken: „Nicht den Mangel, sondern die Fülle zu verwalten“ hier umzusetzen. Bingo.

Wo, wenn nicht hier, wann, wenn nicht jetzt!

Und wann bitte schön, hat man Gelegenheit, in einer völlig anderen Welt einzutauchen.

Susi vermaß mich. Sie war bekümmert, festzustellen, dass ich etwas zu schlank um die Hüfte wäre. Ganz acht Zentimeter würde zu ihrem Glück, bzw. zum passenden Maß fehlen. Acht Zentimeter. Ich war fast untröstlich. Wenn man überall Normmaße hat, ist es erfrischend irgendwo acht Zentimeter zu wenig (!) zu haben.

Ob man sich mit einer Polsterhose für mich behelfen könne? Schwierig!

 

Gudrun schaute ums Eckt. Endlich ein Mensch. 180 cm groß, und ungefähr auch so breit, zauselige Haar, entsprach sie so gar nicht all den schönen Menschen, die ich bisher in diesem Laden gesehen hatte. Ich mochte sie vom ersten Augenblick.  „Mei!“, sagte sie in breitestem Dialekt. „So san halt unsere Kunden. Da gibt’s kei Norm!“

Harte Liebe. Dennoch: Die Acht Zentimeter. Sie seufzten.

Man wollte es mit mir probieren. Ich jubilierte innerlich. Ich sah mich glücklich eine schöne Klamotten nach der anderen überwerfen. Die schönsten Muster schenkte man mir in grenzenloser Liebe und Großzügigkeit. Endlich würde aus deinem Jeans, Shirt und Flip Flop Weib eine gutangezogenen Lady werden. Schick, fresh und fancy. Wie alle hier. Im Herbst würde ich mir mit modischen Schick selbst ein Tüchlein um den Hals knoten können. Influencerin würde ich für dieses Label werden. Alle wären glücklich. Was für eine Zukunft! Alle Krankenschwestern, GUKS und wie sie alle in Zukunft heißen, würden bei diesem Label kaufen, weil ich es repräsentieren würde…. Swipe up und so. OMG. Schnell mein Fläschchen.

Das Leo- Print Kleid jedenfalls kaufte ich mir zwei Tage später im Online Shop. Ich fand, ich hätte nun das richtige Alter für Leo Print. Gerafft in der Taille mit Chiffon. Ich fand mich wunderschön. Selbst Flip- Flops konnten der Schönheit keinen Abbruch tun.

Eine Woche später fand ich mich zur erste Musterprobe ein. Dachte ich zunächst an ein “ Ich- tun- einer- Freundin-einer -Bekannten-einen-Gefallen-und -kommen-mal“, war das Ganze hier als richtiger Nebenjob gedacht. Einmal in der Woche Musteranprobe. Mit einer „Dünnen“ zum Vergleich. Mops gegen Normal. Damit man sieht, ob das Musterstück auch allen passt. Löblich.

Sandy saß schon da, kaute Kaugummi und sollte mich „einarbeiten“:

„Na, halt anziehen und stillstehen“.

„Ach so! Geht klar“

Die ersten Damen und Herren kamen mit fünf „Plünnen“ auf der fahrbaren Kleiderstange. Inklusive des Balzers, der so „gar nichts für mich tat“. Anziehen. Stehen. Fotos von allen Seiten. Geplauder zuhören.

„Also meinst du zwei Grad mehr? Knopf höher oder nicht?“ Also für mich gabs ja nichts zu essen. Die haben das Fleisch aus meinem Essen herausgefischt und dann wars vegan Das war echt doof. Drei Kilo habe ich abgenommen. Was? Die Ärmel doch kürzer? Wie hatten wir uns das denn gedacht? Also ich weiß nicht. Nein Spanien ist nichts für mich. Ich dachte, Ibiza wäre fortschrittlicher…!“

Ich schwitzte.

Kevin ließ die Klimaanlage anstellen. Die „Kinder“ arbeiteten den ganzen Tag in kühlen Räumen. Ich kam aus 30 Grad im Schatten von außen und schwitze und dampfte nach. Ohne jede Möglichkeit, einen Scherz zu machen (so gut kannten wir uns noch nicht), geschweige denn, fröhlich das Lied von Marius Müller Westerhagen „Dicke schwitzen wie die Schweine“ anzustimmen – ohne dass es komisch gekommen wäre. Auch eine Schaufel, um mir vor Peinlichkeit ein Loch zu graben, gab es nicht.

Ich kam mir vor wie „Herr Müller“ mit seiner oberen Sprunggelenksfraktur. Von Herr Müller existiert nur das Bein. Ausschließlich Bein. Knochen, Sehnen, Muskeln und Fleisch. Der Rest fehlt in der Wahrnehmung. Der Kopf ganz oben, der wissen möchte, was „unten“ gesehen wird, was er nicht sieht: Fehlanzeige. Wie oft hab ich es miterlebt und auch selbst um irgendein Körperteil herumgestanden, ohne den Menschen darum wahrzunehmen. Shame on me.

Nun war ich Körper. Ohne Seele. Mit ganzen acht Zentimetern…. aber das hatten wir schon. Eine sehr interessante Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte.

Meine Güte. Und was warebn das für Plünnen – wie meine Omma gesagt hätte. Im Katalog sahen sie so super aus! Hier Marke: Nun – zu einer Beerdigung eines sehr weit entfernten Bekannten könnte man diesen schwarzen Lappen tragen.

„Ach so. Zur Betreibsweihnachtsfeier? Ja. Klar. Warum nicht!“, log ich höflich.

Was hätte ich in dieser Zeit Sinnvolles anfangen können. So stand ich dekorativ herum und langweilte mich ab der siebenten Klamotte fürchterlich. Ich war aber auch undankbar. Geld gab es immerhin auch für „Herumsetehen“. Über dem Mindestlohn. Hallo! Und ich dachte an verschwendete Zeit.

So super Langweilig hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wie sonst, hätte ich allerdings auch nicht sagen können. Die Leute waren nett, die Arbeit nicht schwer oder gar anspruchsvoll. Alles fein.

Und doch fehlte mir die Sinnhaftigkeit. Mehr Fashion. Mehr Glamour. Mehr irgendwas Unbestimmtes. Mehr Ich selbst sein. Keine Ahnung. Wollte ich das?

Ivh war unzufrieden, ohne genau zu wissen, warum. Schlecht gelaunt.

Bis heute weiß ich nicht, warum eigentlich.

Ich hatte einen Einblick in einer mir fremde Welt, die ich nicht missen wollte. Eine Welt, die für den schönen Schein zuständig ist. Die nicht nach dem tieferen Sinn fragt und sich ärgert, wenn Kleidungsstücke überbügelt sind. Ich dachte, es kann nicht schaden, wenn ich das erleben darf. Nicht immer am Knorpel des Lebens nagend, sondern Schönheit erlebend.

Die Entscheidung, ob ich das weiter machen möchte oder nicht wurde mir abgenommen. Mir wurde abgesagt. Wahrschielich hat sich zwischenzeitlich jemand gefunden, der über acht Zentimeter mehr zum Glück verfügt.  Und soll ich euch was sagen: Ich bin glücklich, Ich muss nicht länger nachdenken, ob ich das will oder nicht. Ich muss nicht mehr grübeln, ob es mich auf Dauer nicht froh macht.

Wenn man älter wird, ist es Gnade, neue Erfahrungen zu machen und mit Aufräumtante Marie Kondo zu sprechen: „Was dich nicht glücklich macht, kann weg!“

Und so endete meine Molly Mops Karriere schneller als gedacht.

Es ist gut so!

Boing!

Jede Frühschicht – natürlich außer am Wochenende — jede Frühschicht also, die der Schöpfer in seiner Güte der Menschheit schenkt, begann mit einem possierlichen Schauspiel: Der Tross versammelte sich. Man hörte ihn – so man die Tür öffnete – wie ein umtriebiges Bienenvolk durch die Stockwerke wabern. Assistenten, Oberärzte, PJ-ler, Gäste, Förderer, Mägde und Knechte – ach nein- die nun nicht. Aber alle anderen schon: Sie machten sich auf zum Rapport, zur Frühbesprechung, zur Schande oder zum Lob des Tages.

Zuletzt oder auch mittendrin: the Godfather of Menschenheilung.

Die Wege einer Klinik gehen einem in Fleisch und Blut über, so man dort eine gewisse Zeit wandelt. Man weiß genau, wann man spätestens den Kopf heben muss, um nicht gegen Türen oder Aufzüge zu laufen. Die Anzahl der Schritte ist einem in Gewebe und Nervenbahn – also in Fleisch und Blut übergegangen. Man weiß, wann es Zeit ist, abzubiegen oder streckt die Hand nach der Türklinke instinktiv aus, ohne sie wirklich und wahrhaftig zu sehen. Geistiges Auge und so.

Bildquelle: Pixabay. Beelitz Heilstätten

Der Tross, der da seinen bandwurmähnlichen Gang jeden Tag gemeinsam durch das Haus antrat – flux dem Besprechungszimmer entgegen – arbeitete im höchster Effektivität. Aus Gründen der Sparsamkeit ihrer aller Ressourcen, kürzen sie den Weg ab, indem sie durch die Notaufnahme liefen. Drei Flure sowie mehrere Abbiegungen wurde dadurch eingespart. Dort, wo die Patienten aus dem Warteraum Einlass in die heiligen Hallen der Heilkunst fanden, wurde es so, morgens kurz vor 8 Uhr, schon mal voll.

„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“

Oder wie meine ehemalige Oberschwester Hilde einst schon sagte: „Wenn du sitzen kannst, dann sitze und wenn du liegen kannst, dann liege.“ Vielleicht hätte sie hier noch wohlwollend hinzugefügt: „Und wenn du abkürzen kannst, kürze ab!“

An einem der Tage hatte sich – aus unerfindlichen Gründen – the Godfather of Menschenheilung verspätet. Alle waren schon durch. Mein Kollege rief daher schon einmal einen Patienten auf. Man möchte ja nicht die Patienten verwirren, indem sie mit dem Tross durch die Tür „schwappen“. Schwungvoll öffnete er die Tür, um den Fußlahmen hereinzulassen, als es „boing“ klapperte, gefolgt von einem aufstöhnenden „aua“ sowie einem gepflegten „Ach du Scheiße“, welches dem Kollegen entfuhr.

The Godfather of Menschenheilung hatte sich an diesem Morgen scheinbar verschätzt. Zu spät schaute er auf, um zur Türklinke zu greifen, die ja auch nicht in diesem Moment an seinem Platz war, sondern sich – weil der Kollege die Tür aufriss – völlig woanders befand. Seine Gewohnheit, der Schutz des Schwarm sowie die Dienstbeflissenheit meines Kollegen waren ihm in die Quere gekommen. Nun zierte the Godtaher of Menschenheilung eine Kopfplatzwunde mitten auf der Denkerstirn. Auweia!

Flugs wurde sein Wunscharzt aus der Besprechung geholt, der ihn wieder zusammenflicken möge. Ein Klammerpflaster obendrauf und ein Coldpack später war er geheilt und nahezu wie neu – doch scheinbar tief in seinem Innersten zerrüttet: Diese gefährliche Türe! Was hätte nicht alles passieren können. Gemeingefährlich das alles! So würde es nicht weitergehen können. Niemand sollte erneut Opfer dieser Tür des Grauens werden. Er würde es zu verhindern wissen!

Und so kam es also, dass an einem schönen Tage, als ich durch diese gemeingefährliche Tür zum Dienst gehen wollte, eine kleine Gruppe hochmotivierter Menschen davor stand: The Godfather of Menschenheilung ebenso wie der Klinikleiter, die Chefs der Notaufnahme, der Sicherheitsbeauftragte der Klinik mit wichtigem Klemmbrett im Anschlag und die Pflegedienstleitung. Sie alle hatten sich eingefunden, um eine Art Sicherheitsbegehung zu machen. Gemeinsam überlegten sie, welche Möglichkeiten, Risiken, Sicherheiten und dergleichen nötig wären, um andere vor einem ähnlichen Schmerz und Schicksal wie die des Gotfathers of Menschenheilung zu schützen. Konspirativ und sehr ernst. Wohlwollend. Abwägend. Unfallverhütend.

Man kam nach einer Stunde intensiven Gesprächs drauf, ein Stück (abwaschbares – natürlich!) Trassierband anzubringen. Sowie eine Gummischutzlitze über die gesamte Türstocklänge. Zur Abfederung und Sicherheit zukünftiger Blindfische, die gerne gegen Türen laufen. Zumauern wurde verworfen ebenso wie eine Art Poller mitten im Flur. Auch andere, lustige Ideen wurden nicht weiter verfolgt. Man wollte ja die Tür im Haus, sprich die Kirche im Dorf lassen. Haha – kleines Scherzchen.

Man war sich einige, dass dieses Gespräch hilfreich und gut war – auch im Hinblick auf zukünftige Generationen. Sie alle würden von des Godfathers of Menschenheilungs Erlebnissen profitieren. Keiner würde mehr leiden müssen! Im tiefen, befriedigten Gefühl der Rettung auf dem kleinen Dienstweg trennten sich ihre Wege wieder. Lob und Preis!

Nur wir – die Knechte und Mägde des Hauses – blieben ein wenig ratlos zurück. Hätten wir ähnliches erwarten könne, wären wir gegen diese Tür gelaufen? Oder hätte man uns ins Genick gehauen – mit einem strengen: „Mach halt deine Augen auf, du ****!“ (Ergänze ein Schmähwort deiner Wahl). Wenn wir eine Klärung des Sachverhalts gewollte hätte, um auf die Gefahr einer sehr , sehr gefährlichen Tür aufmerksam zu machen: Hätte man uns Gehör geschenkt? Oder wären uns am Ende dieses wegen möglicher Peinlichkeiten erst gar nicht in den Sinn gekommen?

Diese Fragen werden wohl nie geklärt werden. Nie.

Wir aber waren sehr froh gewesen, dass sie hiermit nun immerhin einmal richtig abgeklärt wurde. In Gänze. Und Fülle.

Na gut. Vielleicht lachten wir auch ein wenig. Aber nur ganz verstohlen.

Bitte die Wischrichtung beachten!

Es folgte eine kleine Krankengeschichte. Wobei es natürlich mehr ist, als eine Krankengeschichte. Und eigentlich ist es auch völlig unerheblich und ginge keinen was an, wenn ich nicht wieder was dabei gelernt hätte: Wie Abschied geht.

Vor einiger Zeit hatte es mich erwischt: ich hatte eine Blasenentzündung. Kenn ich nicht. Der liebe Gott hat andere Schwachstellen meines Körpers vorgesehen. Die Blase gehört – bis auf eine Ausnahme – bisher nicht dazu. (Und wahrscheinlich gehört sie auch nur deshalb dazu, damit ich heute erzählen kann, wie ich mir das Bläschen im letzten Jahrtausend in „den Hamptons“, am Strand in der schon frösteligen Abendsonne sitzend, verkühlte. Das knallt mehr rein, als jede andere Geschichte der Blasenentzündung, nicht wahr?

Honeymoon-Zystitis (die berühmte Flitterwochen-Blasenentzündung – oder too much men – war mit bisher im Leben ebenso fremd wie jeder andere Art. Kannte ich nicht. Nada. Niente.

Und nun das. Ganz anderes als bekannt. Irgendwann zog es hoch in die Nieren und da dachte ich: Nun. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, doch mal einen Ultraschall machen zu lassen sowie den Beweis in Form eines Pinkelstreifens – dazu eventuell ein Antibiotikum, wenn nötig. Da kann nicht schaden.

Ehrlich gesagt dauerte es etwas, bis ich einen Zusammenhang herstellte. Was ich bei anderen superdupergut kann – eins und eins zusammenzählen – funktioniert bei mir selbst nur bedingt. Betriebsblind sozusagen. Und dann ist eh nie die richtige Tablette im Haus oder kein Pflaster oder dergleichen.

Ich rief also in der Notaufnahme meines Vertrauens an- meinem früheren Leben. Nicht, dass an diesem Tag nur Pfeifen dagewesen wären. Es ist mittlerweile zum Glückspiel geworden. Auch, weil ich kaum noch jemanden kenne. Das Personal hat fast einmal komplett durchgewechselt, dass es ein Glückstag ist, auf Kollegen von „früher“ (vor einem Jahr!) zu treffen.

Ich hatte Glück. Nicht nur mit den Kollegen, die mir wortlos Pinkelstäbchen und Becher reichten, sondern auch mit Schnucki, dem Arzt meines Vertrauens.

Nächtelang hatten wir einst Spaß zusammen. Patienten versorgt, er – der Anfänger – ich die langjährige Notaufnahmeschwester. Ich mochte seine Art des Nachdenkens, den Versuch, wirklich zu lernen und immer besser zu werden. Seine Reflektion, seinen Witz. Wir freuten uns immer sehr, wenn wir zusammen Dienst hatten. Wir profitierten voneinander.

Ich, dass endlich mal einer da war, der wollte und Freude daran hatte (zu der Zeit gab es nicht viele davon) und er – so sagte er – von meiner Erfahrung. Quasi winwin. Wir sprachen übers bloggen und wie gerne er für andere angehende Ärzte schreiben würde, damit sie es aufgrund seiner Erfahrung leichter hätten (Schucki: Ich warte immer noch!)

Ich erzählte ihm von meiner Liebe zu Twitter (und überhaupt diesem ganzen Sozial Media Gedöns) bei einem Besuch, als die Vögel über seinem Balkon aufstiegen und sich rege und lautstark austauschten.

Die Vögel. Ein Sinnbild für Twitter -oder so ähnlich.


An jenem Abend hatte er etwas vorbereite, auf dass wir nicht auf dem Trockenen sitzen sollten und es rührte mein Herz sehr – aber urteilt selbst:

Schnucki war vorbereitet auf meinen Besuch. Und ja -es rührte mein Herz!

Also. Schnucki hatte Dienst. Hurra. Doch Schnucki und ich hatten uns schon länger nicht mehr gesehen, oder er war mehr Arzt geworden oder was auch immer. Schnucki zickte und gierte nach Blut!

„Schnucki“, sagte ich. „Mach mir bitte nur einen Schall. Ich weiß was ich habe, möchte aber ungern, dass es bis in die Niere gezogen ist.“

Schnucki grummelte… „Blutwerte“ … „Entzündungszeichen“ … „Katheter“…

„Schnucki“, so sprach ich. „Sei unbesorgt. Ich bin es. Ich brauch das nicht. Ich möchte einen Schall und ich brauche auch später keinen Arztbrief. Kleiner Dienstweg unter Kumpels quasi. Mehr nicht. Sollte was zu sehen sein, können wir immer noch das volle Ballett starten.“

Schnucki schrieb betont langsam irgendetwas zu Ende und kam mit. Das Ultraschallgerät schob ich – wie in alten Zeiten – gleich einem störrischen Hund, hinterher.

*sprotz* das Ultraschallgel auf nackte Haut.

*schall schall*

„Weißt du woher du die Blasenentzündung hast?“

„Keine Ahnung! Wirklich nicht!“

*schall schall*

„Die Wischrichtung weißt du ja, nicht wahr?“

WHAT?????

Freunde. Stellt euch bitte vor: Da wirst du bald ein halbes Jahrhundert alt, und wirst ernsthaft gefragt, ob du weißt, wie die Wischrichtung ist? Als Frau. Nach 300 gefühlten Jahren Berufserfahrung? Das fragt er mich?

(Falls sie einer nicht weiß: Mädchen und Frauen immer von vorne nach hinten. #ausGründen. „Hinten“ sind die bösen Keime, die man „vorne“ nicht haben will.)

Schnucki fragte mich also allen Ernstes nach der WISCHRICHTUNG? Als wäre ich ein Vollhonk und nicht seine frühere, geschätzte Kollegin. Ich war nicht mehr die Notaufnahmeschwester, ich war die 08/15 Durchschnittspatientin, der man 08/15 Durchschnittsfragen stellt. Da ist jeder gleich. Keine Ausnahme. Das war so gelernt! Das ist richtig und gut und hat sich in den letzten Jahren immer bewährt, wenn man sich am Standard geschmeidig entlang hangelt. Warum also eine Ausnahme?

Weil nichts ungerechter ist als die Gleichbehandlung von Ungleichem. Darum.

Ich war eine potenzielle Anna – wie bei Dr. House – und nicht mehr diejenige, die ihm das ein oder andere beigebracht hatte. Die dabei war, wie er „groß“ wurde.

Freunde. Ich bin relativ selten sprachlos. Hier war ich es. Und erst eine Stunde später fiel mir ein, was ich hätte so schön erwidern können. Mit einer ebensolchen geschäftigen Beiläufigkeit, mit der er mir diese Frage stellte.

*seufzt* Ich hätte nicht so viel rumvögelen sollen (so viel zum Thema Honeymoon Zystitis) (Entschuldige bitte Papa und Tante Liesel).

*seufz* Achja. Vielleicht war mein neuer Whirlpool nicht mehr ganz so klar… *kichernd, sich in wohligen Erinnerungen verlierend.

*abrupt aufsetzend* ES GIBT EINE RICHTUNG? WAS? ECHT JETZT?

So lag ich da und japste:

„Schnucki. Du hast mich jetzt nicht allen Ernstes gefragt, ob ich die Wischrichtung kenne!?“

„Was – wie? Doch natürlich!“

*schall schall schall*

Schnucki hat mir eine Frage gestellt. Ohne Arg. Aber auch ohne groß nachzudenken.

Eine Frage, die er bei dieser Diagnose wahrscheinlich jeder Frau stellen würde – egal woher, wie alt oder gebildet. Eine wichtige Frage. Eine gute Frage. Solide und im Fragenkatalog auf Seite 2 zu finden bei der Rubrik: Fragen bei Blasenentzündung. Jede kann schließlich eine Anna sein.

Ich dachte, ich wäre schlauer von ihm eingeschätzt worden. Aber gut – mit der Diagnose!?

Aus der Stellung “ geliebte (nananan) Kollegin“ war ein „hier liegt irgendeine Patientin“ geworden. Eine Standartfrage, wo ich nie Standard vermutet hätte.

Ich war also an diesem Tag zum Standard geworden und ja – Freunde – es schmerzte.

Das war der Tag, an dem ich wusste: Ich bin wirklich raus aus der Nummer mit der Notaufnahme. Ich bin nicht mehr die Notaufnahmeschwester. Ich bin jetzt eine potenzielle Anna. Dumm wie Brot, Hilfe suchend, Schaukel zu nah an der Wand: Alles möglich.

Pünktlich fünf Tage später fragte er mich über die sozialen Medien, wie es mir denn so gehe. Sehr süß. Besorgt. Rührend.

Er wird ein guter Arzt werden. Da bin ich mir sicher.

Und dennoch Schnucki: Es gibt Unterschiede. Wie gesagt: nichts ist ungerechter als die Gleichbehandlung von Ungleichem.

Es wird dich mehr als ein Bier „kosten“, den Schmerz von mir zu nehmen, dass du in mir eine potenzielle Anna sahst.

*Ach ja. Werbung, weil ein Bier gezeigt wurde. Es wurde selbst gekauft. *

Kriegsgefangenschaftstagebuch Teil 1

In dieser Folge des Podcast spreche ich nicht. Das macht er hier:

91-jährig lässt er sich von techischem Schnickschack nicht stören und liest in seinen Aufzeichnungen der Vergangenheit

Bei einem unserer Gespäche erzählte er mir von seiner Zeit in russischer Gefangenschaft. Und davon, wie er – als er wieder zurück war – alles aufschrieb.

„Zwischen den Seiten dieses Heftes hab ich alles gelassen. Ich schrieb mir alles von der Seele. Heute les ich es und könnte auch was anderes lesen. Es ist vorüber.“

Er lieh mir sein Heft.

Ich war sehr berührt, seine Geschichte zu lesen. Seinen Verlust des Freundes am 1. Tag des Kriegsendes. Die Angst. Die Ungewissheit. Den Hunger. Und auch den Schalk, der zwischen all dem immer wieder hervorlugt. Und es ist auch die Geschichte eines Erwachsenwerdens. Heute Bauernbub – morgen Soldat, der schnell noch für das Vaterland den Krieg „herumreißen“ sollte.

Taucht ein mit mir in diese Geschichte. Hört zu. Damit es sich Geschichte nie wieder wiederholt. Das Grauen einen Krieges. Hört die Geschichte eines Jugendlichen. Ja – fast noch eines Kindes, die hier Raum findet.

Seinem Alter geschuldet gibt es sein Tagebuch in mehreren Teilen.

Teil 1: Dauer 22:27

Patienteneigentum. Eine Erregung.



Ich kaufte mir eine Jacke.
Flauschiges Fell – natürlich kein echtes Fell. Dennochn ein Fell, das man immerzu streicheln möchte. Wie Basset-Ohren. Oder flauschiges Kanninchenfell. Sie ist dunkelrot und wunderschön. Eine Seelenjacke.
Die Dame an der Kasse nahm sie und packte sie in eine Tüte. Und da fiel er mir wieder ein. Der Mann. Der, den ich schon immer mal kennenlernen wollte. Der eine „Größe“ in der Stadt war. Bekannt – aber mehr so aus dem Hintergrund. Bestens vernetzt mit viel Prominenz. Zu gerne hätte ich gewußt, wie er so tickt. Was ihn antreibt. Und die ein oder andere Geschichte der Stars und Sternchen hätte ich – ich gebe es zu – auch gerne direkt aus erste Hand erfahren. Wie aufregend das alles sein musste.
Ich traf ihn auf einer Veranstaltung, die ich mit meiner Schwester besuchte. Nie hätte ich ihn angesprochen. Man soll die Leute in Ruhe lassen.

„Gehe nie zum Fürst, wenn du nicht gerufen würst!“




Meine Schwester ist da anders. Sie maschierte auf ihn zu, mich hinterherziehen wie bei diesen Instastorys, wo die Frauen immer den Männern die Welt zeigen wollen, die sie aber nicht sehen, weil sie ja die Frau knipsen müssen, die den Männern die Welt zeigen wollen….Also ich hinterher. Da war meine Schwester schon munter am plaudern mit dem Mann.Er hörte zu, plauderte zurück. Nicht besonders herzlich, aber auch nicht abgneigt. Mehr so höfliche Diszanz. Warum auch nicht.Meine Schwester stellte mich vor: „….meine Schwester. Sie arbeitet in einer Notaufnahme.“
„Ach wirklich! Wo denn?“Fast war ich entzückt über das Interesse vom Mann. Hatte ich es so geweckt, so dass er mir unverzüglich schmutzige Details – egal vom wem und warum – erzählen würde? Würde er mich engagieren, weil ich bestimmt lustige Geschichten zu erzählen hätte?
Doch weit gefehlt.
„Ach da! Na da habe ich ja auch eine Geschichte!“
Ach du liebe Zeit. Es schrillte die Alarmglocke. Ich ahnte, was folgen würde. Das Standartprogramm: Knieschmerzenn hier, Hodenprobleme da… Ich als Krankenschwester hätte doch da bestimmt….. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wie schade.
Er hub an, eine äußerst langweilig vorgetragene Geschichte eines Sturzes zu lamentieren. Er wehklagte weiter über den schmerzhaften Abtransport in die nächste – „Ihre Klinik!!!“ Die höfliche, distanzierte Behandlung. Er belärmte die Wartezeit von einer halben!!!! Stunde, um dann in einem Crescendo seinen wahren Unmut kundzutun: Er musste sich ausziehen für die Untersuchung. Seine Kleider wurden in einen Sack gesteckt. In einen Sack! Lieblos! In einen Sack! „Darüber müssen wir mal reden! In einen Sack! Gestopft!“

Leider war es keine private Aufführung von Thomas Bernhards „Holzfällen. Eine Erregung“.
Eigentlich war es nur peinlich. Aus einem Menschen, den ich wirklich gerne aus mannigfaltigen Gründen kennenlernen wollte, war nicht nur ein Mann aus Fleisch und Blut geworden, sondern ein lamentierender, sich ereifernder Arsch ohne den geringsten Hauch von gesunden Menschenverstand.

Ich versuchte einen Scherz. Schnell. Ein Scherz in heiklen Situationen, um die Stimmung ein wenig aufzuheitern.
„Aber lieber Herr. Eine wichtige Krankenhausregel ist nun mal: Keine Diagnose durch die Hose….“
„IN EINEN SACK!“
„Nun. Ein Gaderobenständer- oder fräulein gibt es bei uns in der Tat nicht!“ (Ich war so unfassbar höflich und gelassen)“LIEBLOS! IN EINEN SACK! Nach der Untersuchung konnte ich mir meine Hose selber wieder aus dem Sack heraussuchen. AUS DEM SACK! WIE BEI DER MÜLLABFUHR!!!!!!““Hatten Sie nicht nicht Knieschmerzen? Oder waren Sie auch auf die Hände gefallen?“
Whouuuuuuuu. Widerwort. Dem Mann. Der seine Hose aus einem Sack, in die sie lieblos!!! hineingeknüllt war!!!! herausholen musste. Trotz Schmerzen! In seinem Zustand!!!!
(So viele Ausrufezeichen kann ich gar nicht in diesem Text unterbringen, um sie kenntlich zu machen .Stellt euch eine Herde vor. Eine große Herde. Die Empörung war groß.)
Ja. Das sind schlimme Schicksale, die täglich in Notaufnahmen passieren. Lieblos werden sorgfältig angekleidetet Stücke vom Leib gezerrt und in Säcken verstaut. Wir nennen sie Tüten ja lieber „Patieteneigentum“. Aber was solls. Sack klingt auch nicht schlecht. Beschriftet mit dem Namen des Klamottenspenders werden sie an eine geeeigente Stelle gelegt, damit man sie später – nach Untersuchungen aller Art- wiederfindet. Unser Berufsstand ist sich sogar zu schade, Menschen ohne Not wieder anzukleiden. Sie lässt es sie selbst machen. AUS EINEM SACK! Wie von der Müllabfuhr oder einen Discounter!
Was für ein Vollpfosten. Ob er sich bei der Prominez auch so benahm? Oder nur beim normalsterblichen Volk? Gibt es etwas schneller entzauberndes, als langatmigem Geschichten – jenseits von gesundem Menschenverstand?
Auf die Frage, wie man seiner Meinung nach einer möglichen Problemlösung des „Sacks“ bei den vielen Patienten, die nun mal für die ein oder andere Untersuchung ausgezogen werden müssen, konntwe oder wollte er – wegen der Erregung vbermutlich – nicht antworten. Außer einem Abschlussschnaufer „…aus einem Sack!“kam nicht mehr viel.
„Das ist doch nicht mein Problem!“
Stimmt. Meines aber auch nicht.

„Schlimm“, sagte ich, meinte es nicht so und musste dringend weg. Nicht, dass er noch wegen eines Schaganfalls mir an die Brust sinken würde.

All das fiel mir ein, als die Kassiererin meine flauschigste aller Flauschjacken in eine Tüte packte. Ich bedankte mich artig, nahm den SACK!!!! und ging freudig nach Hause.





Corpus permixtum im Holy Jungle #ibes

Ich plauderte mit der Theologin Birgit über ‚#ibes (Für alle Nichtkenner: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“)

Vielleicht nicht unbedingt das, was ihr von einer Notaufnahmeschwester erwartet. So what? Die Reihenfolge „#ibes, Theologie, Liebe und Notaufnahme kommen dennoch drin vor.

Wir nennen es #ausGründen: „Corpus permixtum – The Holy Jungle. Blondinen, Pippiyotta und der Currywurstmann“. Damit auch ganz schlauen Menschen nicht um einen intellektuellen Anspruch gebracht werden (und vor allem wie man das zusammenbringt).

ACHTUNG! Für alle Nörgler und Hater – quasi alle „Saulusse/Sauli“ dieser Welt: nach dieser Plauderei werdet ihr möglicherweise zum Paulus was #ibes betrifft. Denn wir beide haben schwer Liebe im Herzen für dieses Format. Das wird überschwappen! ACHTUNG.

Hört rein und lasst die Hüllen fallen wie Leila im Tümpel, seid wie Gott bei den Schwachen und Sybille, erlebt die Zerbrechlickeit der Selbstoptimierung bei Yotta sowie schlechte Friseurerbegnisse bei Domenico, erlebt die Ohnmacht der schweigenden Frau bei Evelyn und vieles, vieles mehr!

Hördauer 44:41 Minuten

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