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Gottes Wandteppich

Freunde.

Ich saß bei meiner Mutter auf dem Sofa und hörte ihr zu, wie sie Klavier übte. Vorher gab es Tee mit Wölkchen (ein Löffel Sahne vorsichtig eingerührt)  und ein Knäckebrot mit Quark und Marmelade. Leckerste Speisen bei meiner Mutter zum Nachmittagskaffee.

Einmal machte sie mich nach einer Schicht fertig: Ich kam kaputt und brainoverloaded und sie wollte es mir schön machen: „Kind. Ich hätte ein Brot mit Quark und Marmelade – du kannst aber auch ein Wurstbrot haben oder lieber Käse? Ich hab auch noch was vom Mittagessen übrig, das könnte ich schnell warm machen. Oder magst du Obst? Was möchtest du denn trinken. Soll ich dir einen Kaffee machen oder lieber einen Tee? Ich hätte auch noch Saft da oder möchtest du Wasser? Gefühlt ging das Referat noch Stunden weiter und zerrüttete mich sehr. Brainoverloaded. Hätte sie mir ein Brot vor die Nase gestellt – ich hätte es gegessen. So musste ich denken. Und zwar sehr viel, sehr ausführlich und überfordernd.  Es war sehr anstrengend. Und ich liebte sie sehr dafür (im nachhinein), weil sie sah, wie fertig ich war und alles tun wollte, damit ich Freude, Liebe und Essen in Herz und Magen bekam.

Ich saß auf dem Sofa und hörte ihr zu, wie sie Klavier spielte. Das Klavier ist sehr alt, sehr gut gestimmt und glänzt ungeheuerlich schön schwarz. Sie übt eigentlich nicht Klavier, sondern bereitet ihr Orgelspiel vor. Fast jeden Sonntag hat sie noch Dienst. Dann fährt sie über Land bei jedem Wind und Wetter. Das strengt sie an, weil sie nicht sehr oft Auto fährt. Aber sie kriegt es hin. Bei Nebel tuckert sie eben mit 20 km/h die 18 Kilometer durch Nebelsuppe.

Dann besteigt sie Empore, knipst in den meist saukalten Landkirchen den mobilen Heizstrahler an und los geht es.

Seit fast 40 Jahren spielt sie.  Durch meine Kindheit ziehen sich Dreiklänge, Kadenzen und deren Umkehrungen sowie Erweiterungen durch alle Tonarten, die sie stundenlang probte und spielte. Mit Anfang 40 begann sie damals: „Du kannst doch Klavier spielen. Wir haben keinen Organisten. Könntest du nicht Orgel spielen lernen?“

Schuhe mit glatter Sohle wurden gekauft für „unten“ und dann übte und übte sie und ließ sich ein auf das Abenteuer „Kirchenmusik“. Mit Prüfung und allem Schnick und Schnack.

Jetzt ist sie 80 Jahre und spielt immer noch.

Am Mangel in der Kirchenmusk hat sich nichts geändert. Sie spielt mit Hingabe und was mich sehr rührt: Sie bleibt nicht stehen. Ich kenne Organisten, die bimsen sich ihre Stücke drauf und dann ist gut. Neues muss nicht und ist ja auch so anstrengend.

Nicht meine Mutter. Sie mag Neues entdecken. Und üben.

Als ich also auf dem Sofa saß und hörte, wie sie ein brandneues Stück  „Ganz schön modern nicht wahr? Aber so schöne Harmonien. Ich könnte fast weinen, so schön ist das“  – vorspielte, wurde mir mal wieder klar, wo ich herkomme.

Wie sie – auch mein Vater – mir den Weg bereitet haben, nicht stehen zu bleiben. Sich nicht zufrieden zu geben mit dem, was man kennt, sondern losziehen. Ausprobieren. Auch manchmal scheitern. Und dann wieder weitermachen. Neugierig bleiben.

Ich zückte das Handy und nahm ihr Spiel auf:

 

Abends saß ich auf meinem eigenen Sofa und schaute Daredevil.

Und hörte in der letzten Folge der 3. Staffel dieses hier.

 

„Gottes Plan ist wie ein wunderschöner Wandteppich. Und das tragische daran, ein Mensch zu sein, ist, dass wir stets nur die Rückseite davon sehen. Mit all den losen Fäden und unscharfen Farben. Wir bekommen nur eine Ahnung von der wahren Schönheit, die sich zeigen würde, wenn wir das ganze Muster sähen auf der anderen Seite  – so wie Gott es sieht.“

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Bildquelle: Pixabay

Auf Mutter Sofa hatte ich eine kurze Ahnung, einen kurzen Blick erhascht. Ein kleiner, sehr intimer, wunderschöner Moment, als meine Mutter spielte und ich zuhörte.

 

 

 

 

 

 

Der beste Buchtitel der Welt…

… wird gesucht.

Freunde der Notaufnahmeschwester: Dieses Jahr trug es sich zu, dass ich tatsächlich, völlig im Ernst und ganz in echt einen Buchvertrag bekommen habe.

Dem Umstand, dass ich es bisher nicht fassen konnte (und kann), ist es geschuldet, dass ich euch noch nicht in dieses Geschehen einweihte.

Hier, werte Freunde schrieb ich. Der Sommerurlaub war eine Art Arbeitsurlaub für mich und es war ganz zauberhaft.

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Ein laues Lüftchen um die Nase, das Schreibgedöns noch im Haus.

Der Blick, wenn ich auf sah: Unbezahlbar!

 

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Sehnsuchtsort mit Blick aufs Meer

Dazu  floss der Kaffee in Strömen – (diätetisch gesehen eine Katastrophe) garniert mit einem leckeren Fudge.

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Der Himmel auf dem Tisch.

Nun. ich schreib, schrabte und schrob mir nahezu die Finger wund. Jetzt liegen 238 Seiten in den Händen einer wunderbaren Lektorin und warten auf den Endschliff.

Es ist alles sehr aufregend. Bisher las ich immer nur von Menschen, die schrieben und verlegten.

Hätte mich letztes Jahr einer gefragt, was denn mein mögliches Buch macht, hätte ich vielleicht gefragt, ob der/diejenige vielleicht zu nah an der Wand geschaukelt hätte.

Hätte, hätte, Fahrradkette.

Raus aus der Komfortzone. Sich öffentlich machen. Mit allen Liebhabereien und Schwächen. Manchmal wird mir himmelangst. Gelichzeit freudig erregt.

Aber jetzt ist es auch schon rum. Ich habe freudig „Ja“ zur Chance gesagt –  wie seinerzeit im Märchen vom Sterntaler. Dann wird man sehen. Immer eins nach dem anderen. Einen Schritt vor den nächsten.

Was gesucht wird ist nun – neben 1000000000 Feinschliff/Bessermachsachen  – der reichhaltige Buchtitel. Kurz, knapp, knackig. Ein Titel, der ins Auge springt und neugierig macht. Der Hammertitel schlechthin.

Wer den Buchtitel des Herzens findet, bekommt ein handsigniertes Exemplar, ein virtuelles oder echtes Küsschen und wird überschüttet mit …. (fällt mir noch ein).

Also – wenn ihr mögt: Ideen sind sehr willkommen.

Die Zeit bis zum fertigen Buch dauert ungefähr so lange wie  eine Elefantenschwangerschaft. Ewig. Noch irreal. Aber so spannend.

 

 

Das letzte Hemd hat Taschen voller Liebe

 

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Mit Frau Reimann und ihrem Mann habe ich Sekt getrunken und über das Leben geplaudert. Vor allem aber darüber, was uns erwartet, wenn wir sterben.

Frau Reimann ist überzeugt: „Das letzte Hemd hat Taschen voller Liebe!“

Sie muss es wissen – sie ist 86 Jahre alt und macht sich – zumindest hin und wieder – gedanklich fertig zum Aufbruch.

Es war mir also vergönnt, mit diesen wunderbaren Menschen zu plaudern.

Hochbetagt, in sich ruhend, schick und mit Nagellack, im Hintergrund bullerte ein Öfchen (falls ihr euch über das Nebengeräusche wundern solltet). Wir sprachen über das Geheimnis ihrer langjährigen Ehe und über ihren Glauben. Über das, was Trost gibt (Fast musste ich ein bisschen weinen) und getrennte Schlafzimmer. Warum man unbedingt Schmuck tragen sollte und wie das mit der Eigenliebe klappt.

Ich bin großes Fangirl der Beiden. Wenn ihr lauscht, werdet ihr verstehen, warum. Es ist ein großes Geschenk, mit so jemanden zu plaudern. Von wegen Role Model.

 

„Nie war ich so glücklich und zufrieden wie jetzt!“, sagte mir mal Frau Reimann einmal. Ich glaube ihr sofort. Möglich, dass es auch an ihrer Tasse liegt, aus der sie trinkt. Aber bestimmt nicht nur.

„Liebhaben ist das Wichtigste!“, gab der Vater ihr mit auf den Lebensweg – und es ist so schön zu sehen und zu spüren, wie es über 86 Jahre lang getragen hat und immer noch trägt.

Hördauer 25:40

 

"Heute ist mein Lieblingstag" ist ein gutes Motto für ein gelungenen Start in den Tag.
„Heue ist mein Lieblingstag“ ist ein schönes Motto für den gelungenen Start in einen neuen Tag.

Humor – oder was soll der ganze Quatsch?

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Mit Jan-Rüdiger Vogler habe ich mich über Humor unterhalten. Dass der wichtig für uns alle ist – darüber brauchen wir nicht zu plaudern. Das wissen wir mittlerweile alle. Aber was ist Humor überhaupt? Und wusstet ihr, dass Humor auch ganz, ganz dünnes Eis sein kann? Wie funktioniert er und was ist der Lieblingswitz von Jan-Rüdiger und von mir? Das erfahrt ihr hier. Denn wer lacht, hat mehr Ressourcen. Versprochen – ich hab es ausprobiert!

Bitte hier entlang – Hörspaß: 38:25

8 Dinge, die mich die Notaufnahme gelehrt hat.

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr her, dass ich meinen Arbeitsplatz gewechselt habe. Zeit, einmal ein wenig innezuhalten. Was hat mich die Zeit in der Notaufnahme gelehrt? Natürlich sind es mehr, als diese 8 Punkte. Aber ein Anfang ist es allemale.

1. Gelassenheit

Was man definitiv lernt und lernen muss, ist Gelassenheit. Merkwürdige Patienten, besorgte Angehörige, erschreckende Krankheitsbilder, unzählige Kollegen, mit denen man im besten Fall klarkommt, im schlechten ihnen zumindest nicht an die Gurgel geht. Es gibt so vieles, was mit Gelassenheit besser klappt. Oftmals hat man auch keine Wahl: es nützt nichts, wenn man sich voller Emotionen reinsteigert. Dafür gibt’s keine Sonderpunkte in Authentizität, sondern höchstens noch mehr Verdruss. Es ist ein bisschen wie bei der Goldmarie in Frau Holle: Dinge, die anstehen, machen. Es kostet viel weniger Energie und Nerven, als wenn ich weiterhetze. Im besten Falle wartet am Ende der Schicht ein Topf voller Gold – in der Pflege bedeutet das: Ich habe heute so pflegen können, wie ich es wollte und konnte und am besten war. Gelassenheit ist ein unbedingt erstrebenswerter Zustand. Und tatsächlich hilft mir diese Gelassenheit heute im Alltag, mit diesem oder jenen besser klar zukommen. Ich weiß zumindest, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man versucht, daran zieht. Dass Dinge einfach Zeit brauchen. Mitunter viel Zeit. Was mich gleich zum nächsten Punkt bringt und das genaue Gegenteil ist, sich aber keinefalls ausschließen.

2. Ungeduld

Ich war und bin es gewohnt, schnell zu arbeiten. Da ist es umso ätzender, wenn man auf Mitmenschen trifft, die schneckengleich durch den Tag schleichen. Die mit aller Gemütsruhe ihrem Tagesgeschäft nachgehen, während man von einem Fuß auf den anderen trippelt. Die unendlich lange brauchen um fünf Zahlen zusammenzurechnen oder die Pommes nach Schönheit zu sortieren. Ungeschickte Bewegungen, die einen in den Wahnsinn nur vom Zusehen treiben. Man möchte sie schütteln. Und ihnen gerne alle sofort aus der Hand nehmen.

Ich bin auch ungeduldig mit Worthülsen geworden.  Politiker, die sich vermeintlich schöne Sachen ausdenken und sofortige Hilfe versprechen: geht mir weg. Taten statt Worte, du Lauch. Vorher glaube ich keinem mehr ein Wort. Ich bin sogar zu müde, die Augen bei unsinnigen Ideen zu rollen. So vieles – gerade in der Pflege – höre ich seit Jahren. Nichts hat sich geändert bisher. Gut- der Neue- hebt sich dadurch hervor, dass keine Woche vergeht, in dem er nicht die ein oder andere lustige Idee vorstellt. Ich schaue.

Via giphy.com.

 

Der Vorteil ist: innerhalb kürzester Zeit bin ich sensibilisiert dafür, ob jemand rumlabert oder ob ein echtes Interesse an der Lösung möglicher Probleme besteht. Das betrifft nicht nur Herrn Spahns superduper Voschläge, sondern hat michauch die jahrelange Arbeit in der Notaufnahme gelehrt: Laberrababa ist meist wenig zielführend. Es ist größtenteils Zeitverschwendung. Ich vermeide es , so gut es geht.

3. Solidarität

Ich habe sie oft erlebt unter Kollegen. Dann hüllt sie dich ein, wie einen warmen Mantel. Sie verschafft einem mehr Sicherheit, als man sich je selbst zugetraut hat. Zueinanderstehen ist wie ein großartiges Geschenk

Und genauso oft nicht. Das war und ist jedes Mal ein Schlag ins Gesicht. Diese „Schläge“  kommen vor allem immer überraschend und aus einer Ecke, die man nie vermutet. Bestärkt euch daher zunächst – wenn möglich –  selbst. Im Zweifel – auch das hat die Erfahrung gezeigt – wird keiner für dich Stärke zeigen.

Da ich aber lieber die Fülle denn den Mangel verwalten möchte in meinem Leben, ist Solidarität für mich selbst wichtig geworden. Haltung zeigen und verteidigen. Den andern stärken und auch schützen.

Und nicht vergessen: einen weiten Bogen um Spacken machen!

 

4. Keine weiteren Entschuldigungen und Erklärungen

Pflege zu „erklären“ scheint wenig möglich zu sein. Ein bisschen Liebe, Berufung und Empathie und fertig ist die Nächstenliebesuppe. Jeder scheint da Experte zu sein, der schon mal einen Wellensittich gefüttert hat. Alle kennen sich aus. Ganz schön viel Meinung immerzu bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit.

Pflegen kann jeder, der über die Fähigkeiten „Liebe und Empathie“ verfügt und bei ein wenig Erbrochen nicht sofort mitwürgt. *gähnt leise*

Der Pflege, in der ich gearbeitet habe und die ich einst lernte, lag ein komplexes Wissen zugrunde, eine enorme Professionalität und ein gewissen Maß an Selbstreflexion.  Nicht jeder Honk kann das leisten – auch das muss man gesagt sein. Wenn Pflege „gut“ sein soll, muss sie vor allem professionell sein und nicht ausschließlich von Berufung und Liebe getragen sein.  Ich verstehe, dass vielen Kollegen die Haare vom Kopf abstehen, wenn irgendwie das „B-Wort“ fällt. Denn es impliziert auch immer einen Hang zur endlosen Güte, Selbstaufopferung und Verzicht. Und natürlich braucht man dann auch keinen anständigen, angemessenen Lohn. Liebe bezahlt man nicht. Liebe schenkt man. Ach – hört mir doch auf.

5. Den Wandel begrüßen.

Jeden Tag in der Notaufnahme sah ich, wie schnell sich die Welt aufhören kann zu drehen- oder im Falle eines Schwindels – umso schneller. Es ist also ein guter Ort, um zu kapieren, dass alles immer und ständig im Wandel ist. Und dann ändert sich das eigene Leben „plötzlich“ und man erkennt: es betrifft nicht nur die anderen, es gilt auch mir. Überraschung! Dieser eigene Wandel geht immer einher mit zweierlei: Dem sofortigen Wunsch, dass alles- bitteschön – bleibt wie es ist und der Euphorie auf das Neue. Es ist oft die Angst, die uns hindert, neue Wege zu beschreiten. Schaff ich das? Bin ich bereit dazu? Kann ich mich nach Jahren auf Neues einlassen? Werde ich je wieder so nette Kollegen haben?

Im Sommer traf ich eine ehemalige Ärztin. Sie war damals ein echtes Hasenkind. Unsicher, ängstlich, oft überfordert, eine, die man nicht wachsen ließ, weil: „Jetzt ist Dienst und du hast zu funktionieren. Komm klar!“. Wir stellen fest, dass wir beide nun nicht mehr in der Klinik arbeiteten. Sie sagte: „Ich konnte mir ein Leben jenseits dieser Klinik nicht vorstellen. Niemals. Und dann ging ich. Und ich merkte, dass sich die Welt weiterdrehte. Ja- sogar noch schöner wurde ohne die Belastung. Ich bekam Lust, etwas Neues auszuprobieren. Also reiste ich ein halbes Jahr durch Südostasien.“ Ich staunte nicht schlecht. Ich hätte sie eher so eingeschätzt, dass sie bei der ersten Spinne weinend zusammengebrochen wäre.  Und nun diese Geschichte. Ihre ganze Körperhaltung war eine neue. Wir stellten fest, dass es eine gehörige Portion Mut und Überwindung kostet, aus dem Gewohnten auszubrechen. Und was es dann für eine Freiheit ist, dieses Gefühl im Leib zu haben. Und wie man merkt, dass das Leben einen trägt. Das man nicht „zugrunde“ geht.

Alles ist im Wandel. Wir sollten uns auch für uns selbst in Anspruch nehmen.  Bleibt nicht in Strukturen, die euch krank machen oder euch langweilen. Es gibt ein Leben jenseits.

 

6. Lust auf Leben

Wenn man mit viel Krankheit und Leid zu tun hat braucht es immer einen Ausgleich. Meine Lust auf Leben und Neues ist definitiv über die Jahre gewachsen. Angesichts des Wissen, dass eine kleine Unachtsamkeit , ein Blutgerinnsel oder was auch immer einem das Leben für immer in seiner Schönheit vermasseln kann, werde ich immer mutiger. Der Blog war ein Anfang. Der Berufswechsel ein andere. Sie reihen sich langsam aneinander. Das, was mir das Leben bieten kann, will ich mit offenen Armen empfangen. Möglich, dass es dann auch Dinge geben wird, die mich überfordern oder an meine Grenzen bringen lassen. Was mich allerdings die Jahre gelehrt haben dann, dass, dass das Bedauern schlimmer wiegt auf der Lebensbilanzwaagw, als das Ausprobieren. Also –  auf  – Leben! Zeig mir was Schönes! Ich wäre da.

 

7. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten habe

 

Jahrelang verunsicherte mich eine Kollegin: Sie erzählte beständig von ihrer enormen Erfahrung – die sie auch hatte – keine Frage. „Ich hab schon so viel gesehen!“ war einer ihrer häufigsten Sprüche. Als Frischling in der Notaufnahme ist man erst einmal beeindruckt. Bis ich nach Jahren (manchmal brauche auch ich etwas länger) feststellte: Sie kocht auch nur mit Wasser. Ihre Erfahrungen habe ich nicht – aber meine eigenen. Und die sind mittlerweile solide gewachsen, als dass ich mich von ihr verunsichern lassen müsste. So fing ich endlich an meinen eigenen Fähigkeiten zu trauen. Daher kann ich heute guten Gewissens und locker aus der Hüfte sagen. Vertraut euch. Seid dabei nicht großkotzig und reflektiert euch selbst. Aber dann: Lasst euch nicht klein machen von Leuten, die es auch nicht mehr drauf haben als ihr. Lernt euren Wert kennen und behaltet ihn im Herzen, wenn der nächste Verunsicherer um die Ecke biegt. Lasst euch nicht klein machen!

8. Ideen schmieden

Wir sind ja insgesamt wahnsinnig eingeschränkt in unserem Denken. Ich merke das oft an mir selbst.  Einmal sah ich ein Video, wie einer  im Stil von Keith Haring „Männchen und Gedöns“ malte. Er malte und malte eine ganze Seite voll. Und immer, wenn ich dachte: „Och – das ist hübsch so – hör auf“, malte er noch hier einen Kringel hin und dort ein Herz. Hier eine kleine Blume und das Blatt wurde voller und voller. Es war für mich so eine Art „Augenöffner“. Weiter zu malen. Mehr zu machen. Das „Ganze“ voll zu kitzeln und sich nicht zu beschränken. Es wird Zeit, in anderen Bahnen zu denken, wenn wir uns selbst und andere „retten“  wollen. Vieles – nicht nur im Gesundheitswesen wird auseinanderbrechen, andere werden, sich verändern. Es wird sich neu finden. Neue Fragen müssen gestellt werden.  Wir brauchen mehr Idee, die wir alle in die Welt bringen müssen. Die diskutiert werden wollen und bedacht. Das, was viele Jahre funktioniert hat, bricht in vielen Bereichen gerade auseinander. Wir können so viel lernen von Kulturschaffenden:  Bücher lesen, Musik hören – alle- auch im Hinblick darauf, dass wir unser Leben mit anderen, neunen Gedanken füllen.

Ich schreibe diesen Blogbeitrag im Zug sitzend, vom Meer kommend. Es tat gut, sich das Hirn freipusten zu lassen. Es tat und tut gut, Schönheit zu sehen, die Wellen, den Stand, die Sonne und die Wolken.

 

Wie schrieb einst Rosa Luxemburg in einem Brief aus dem Gefängnis: „Sonjuscha, Liebste, seinen Sie trotz allem heiter. So ist das Leben, und so muss man es nehmen: tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.

 

 

Ein Tag im Jahr

Freunde – mit Entzücken habe ich von diesem Projekt erfahren. Insgesamt weiß man ja so wenig.

„Einen Tag im Jahr hat Christa Wolf über Jahrzehnte hinweg in allen Details festgehalten, den 27. September. Ihre gesammelten Protokolle sind längst als Buch erschienen. Wir, Susanne Hösel und Christina Müller, wollen dieses Projekt zusammen mit anderen Autorinnen in die Gegenwart holen und weiterschreiben. Einmal im Jahr, am 27. September, schauen wir uns einen Tag unseres Lebens so genau wie möglich an. Und nächstes Jahr kommen wir zurück und machen weiter.“

Auf Twitter wurde es vorgestellt und schon saß ich da und schnippte mit den Fingern. Hier ist mein Text.

Ich musste mich an diesem Tag ein wenig sputen, denn ein Friseurbesuch stand an. Wer weniger lesen möchte, nimm also den „Originaltext“- wer die epische Breit liebt, kann sich jetzt ein Heißgetränk seiner Wahl holen und auch noch Bilder schauen.

Einige von Euch wissen ja bereits, dass ich mein Schwestergewand vor einem halben Jahr an den Haken hing und nun etwas ganz anderes mache. Davon erzähle ich hier. Was ich mache und warum.

Die epische Breite

Als der Wecker klingelt, beginne ich zu memorieren. So hörte der gestrige Tag auf – so beginnt der heutige:

„Was ist zu tun: Tische und Stühle stellen, Kaffeegedecke (hoffentlich reichen Teller und Tassen, Kuchengabeln und Löffel), Deko auf die Tische werfen, alles aufhübschen – ach: wird schon werden!“

Es ist einer der Tage, von denen man im Vorfeld sagt: Das ist ein wichtiger Tag, ein großer Tag für mich. Heute wird es sich entscheiden, ob alles gut so  ist, wie ich es mache.

Aber vielleicht irrt man auch. Die Erfahrung hat ja schon des Öfteren gezeigt, dass diese Tage möglicherweise wichtig sind, aber keinesfalls lebensentscheidend.

Was heute so „lebensentscheidend“ sein wird, ist eine Geburtstagsfeier für die Senioren meiner Kirchengemeinde. Für alle. Also wer will. Für sie bin ich seit einem halben Jahr „zuständig“: Seniorenkreise vorbereiten, Besuche in Altenheimen, Besuche überhaupt, ein lustiges Programm ausdenken und umsetzten, Geburtstagspost schreiben und vieles mehr. Sehr vieles mehr.

Durch die sozialen Medien geschult, deckte sich meine Erfahrung mit denjenigen, die schon öfters bei solchen Veranstaltungen dabei waren: Es kommen 10% und ein paar mehr als eingeladen.

481 Briefe hatte ich abgeschickt und die Tage zuvor war jeden Tag der Anrufbeantworter voll: „Hallo, vielen Dank ich komme gerne“. Aber auch viele, die absagten: „Ich kann leider nicht kommen, ich bin gerade so erkältet/der Handwerker kommt/ich fahre weg“.

Es ist auch deswegen ein „großer“ Tag für mich, weil ich zwar Leben retten kann und Gipsen beherrsche, jedoch noch nie eine Geburtstagssause für viele Menschen organisiert habe. Und wie sich das für das erste Mal gehört: Es soll großartig werden. Im Gedächtnis haften bleiben. Bezaubern. Wie so viele andere „erste Male“.

Ich laufe also in aller Herrgottsfrühe leise memorierend durch die Wohnung. Hebe nebenbei hier eine Socke der Kinder auf und binde dort den Hipster-Zopf des Ältesten zusammen. Endlich sind sie alle zur Tür hinausgeküsst.

Noch ein Kaffee. Noch ein Plan, wie wann was zu tun ist. Ich liebe Organisation im Vorfeld. Man könnte sagen, ich bin schon fast besessen von der Frage: Wie kann ich meine Zeit und Tätigkeit so zusammenbringen, dass ich mit dem kleinstmöglichsten Aufwand am effektivsten und schnellsten fertig bin.

Diese Denkarbeit sieht keiner, wohl aber, wie ich – sollte mein Plan „aufgehen“ – später dafür Pause machen kann. Füße hoch, Kippchen an. Oder wie meine Omma schon immer sagt: „Vorbereitung ist das halbe Leben.“ Faul sein für Fortgeschrittene. Oder ist es doch Fleißigkeit? Mit diesem Denkprozess bin ich noch lange nicht fertig.

Hedwich ruft an. Zusammen mit ihr wollte ich Tische und Stühle stellen. Aber bei ihr ist der Handwerker ist da. Es wird später. Wo immer alle die Handwerker herkommen, ist mir ein Rätsel.

Himmel!

Hedwich wird 78 Jahre alt und ist auf Zack. Die Löckchen liegen adrett in weißen Wellen um den schmalen Kopf, der Gang ist zielstrebig und führt sie in alle Ecken der Stadt. Gerne auch auf den Friedhof, wo sie alle Lieben begießt und nach dem Rechten und Linken schaut. Sie schließt morgens die Kirche auf und abends wieder zu. Überprüft, ob alle Türen zu sind, keine unnötigen Lichter brennen. Sie führt ein strenges Regiment, weiß alles, ist immer da und die Spülmaschine auf der Arbeit darf keinesfalls ohne sie eingeschaltet werden. Nicht, dass was passiert, falsch eingeräumt wurde oder überhaupt.

„Das kannst du dir nicht vorstellen, was ich da schon alles gesehen habe! Nein, nicht vorstellen kannst du dir das!“

Aufgrund des Alters und weil Hedwich „Rücken“ hat, wollte ich ungern mit ihr zusammen Tische und Stühle aufzustellen. Ich hatte keine Chance mit meinem Protest. Denn

  • 1. kann sie es,
  • 2. geht es ohne sie nicht und
  • 3. „machen wir das zusammen. PUNKT!“

Zwei Stunden später will ich sie ins Auto einsteigen lassen. Aber sie „muss eben noch der Jugend den Weg weisen“ und verschwindet erst einmal mit einer Horde Jugendlicher um die nächste Hausecke, die sich in der Stadt nicht auskennen. Ohne Hedwich geht es eben nie.

Weil wir zwar wissen, wie viele sich angemeldet hatten und der Erfahrung halber noch locker zehn Personen „aufschlugen“, wollen wir den Raum für 60 Menschen „richten“. Die Tische sind zusammengeklappt in Schränken verstaut, die Stühle stehen logischerweise ein Fach darüber, sodass man sie einzeln herunterheben muss. „Aber vorsichtig, sonst knallen sie dir auf den Kopf!“ „Und die Tische bitte nur über die rechte Seite aufstellen, ich habe sonst Probleme mit dem Rücken!“ Zwölf Tische kramen wir raus, 60 Stühle ebenso. Jetzt habe ich Rücken.

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Der „nackige“ Gemeindesaal. Noch ist er langweilig. Aber nicht mehr lange! Und immerhin stehen die Tische schon einigermaßen in „der Flucht“. Da ist Hedwich eigen! Das ist ihr innerer Monk.

Und dann die Ordnung: Diese Tischlogik hatte uns die letzten Tage beschäftigt. Die zwölf Tische sind rechteckig und an einen einzelnen passen sechs Menschen. An zwei zusammengestellte Tische acht. Zeichnungen hatten wir gemacht mit richtigen Kritzelmännchen, damit ich mit meinem Logikknoten im Hirn mitkomme. Wie viele Einer- oder Zweiertische müssen wir stellen, damit alle Platz habe? Tische hintereinander funktionieren nicht, da dann zu wenige Platz finden.

„Schau, ich hab das schon öfters gemacht!“, spricht  Hedwich. „Ich fände es schöner, wenn sie schräg stehen würden!“

Irgendwann ist es mir egal. Hauptsache, der Scheiß die Tische und Stühle stehen. Ich bin verschwitzt, als endlich alles steht. Hedwich nicht.

Das Geschirr klimpert, als wir es in den Gemeindesaal fahren. Tags zuvor waren wir in der Nachbargemeinde, um mehr Geschirr „herbeizuschaffen“. Es macht sich keiner einen Begriff, wie schwer Geschirr in Hülle und Fülle ist.

Ich stelle Teller, Tassen und Untertassen, Hedwich läuft hinterher, legt Löffel auf und richtet die Henkel der Tassen neu aus.

„Es ist viel schöner, wenn man gleich in den Tassenhenkel greifen kann!“

„Natürlich, Hedwich. Ganz wie du meinst!“ Ich bin da großzügig.

Kuchengabeln kommen später. Dafür müssen noch Servietten gefaltet werden. Mach ich. Gar kein Problem. Keinesfalls aber nach der hohen Kunst, die ich mal auf einem Youtube Video sah.

Das wäre dann das nächste Level. Freunde – ich sa s Euch – irgendwann hab ich das auch drauf. Locker aus der Hüfte.

Verschwitzt und in Arbeitsklamotten kann keiner Gäste empfangen. Ich fahre nach Hause, um mich aufzuhübschen. Frau Müller schreibe ich eine WhatsApp-Nachricht, dass die – meinem fortgeschrittenen Alter geschuldete – „Restauration“ des Körpers noch etwas dauert. Wir waren verabredet, weil Frau Müller einen Hang zur Dekoration hat – im Gegensatz zu mir. Außerdem ist ihre Hilfe „doch ganz selbstverständlich“.

Nachdem es morgens nur sechs Grad hat, ist es jetzt spätsommerlich heiß. Meine in Gedanken zusammengestellte Kleidung kann ich den Hasen geben: viel zu warm. Ein Sommergewand muss her. Dafür steh ich unter der Dusche und rasiere mir zusätzlich die Beine. Diese Extras immer. Außerplanmäßiges. Ich hatte mich schon auf „Winterfell“ eingestellt.

Im frischen Gewand geht es zurück. Frau Müller und Hedwich fummeln schon in der Küche herum. Hedwich muss allerdings gleich wieder weg – sie hat noch einen Friseurtermin. „Seid 30 Jahren geh ich zu ‚meinem‘ Türken! Ich bin ihm mittlerweile durch die halbe Stadt gefolgt! Jetzt hat er seinen Laden“… und sie erzählt, in welchen Stadtteil er jetzt ist. Sie muss sich „sputen“.

Frau Müller und ich machen uns an den Tischschmuck. Mit Hedwich war ich am Tag zuvor im „Gebüsch“ und hatte „Gedöns“ geholt. Efeu und bunte Blätter, Tannenzapfen und Kastanien, Blätter des Essigbaums und Undefinierbares, was hübsch aussah. Während Frau Müller vorsichtig eins nach dem anderen aus der Kiste hebt, greife ich mit den Händen hinein und verteile es auf den Tischen. So macht dekorieren Spaß. Grobmotorisch, aber im Ergebnis recht hübsch anzusehen.

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Recht hübsch – nicht wahr? Die Kerzengläser brachte die liebste Ex-Kollegin mit und schmückte sie mit Frau Meier. Richtiger müsste es heißen:  sie schmückte und Frau Meier strickte. Wie sie immer und überall und immerzu strickt. Socken in hübschen Mustern. Für Künstlermärkte und ähnliches. Damit bessert sie ihr klägliche Rente auf.  Hedwich wiederum hasst „diese ewige Strickerei“.

Nebenbei koche ich eine Kanne Kaffee nach der anderen. Hektoliterweise. Aber nicht zu stark – um Himmels willen. Gegen entkoffeinierten Kaffee habe ich protestiert. Das ist ja wie Ringelpietz ohne Anfassen! Entweder – oder. Martha kommt mit den Kuchen. Sie ist meine Freundin, backt für ihr Leben gerne und hatte sich angeboten, den Kuchen für die Sause zu übernehmen. Den kompletten Kuchen!

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Martha macht sich Notizen auf ein kleines Kritzelblöckchen.

Abschweifung zu Matha: Seit über 20 Jahren kennen wir uns. Fast zeitgleich begannen wir in der Notaufnahme. Freitags gingen wir in die Kantine. Da gab es Linsen mit Spätzle. Martha liebte es, ich nicht, aber ich liebte Martha. Daher ging ich mit. Die Kacheln im Damenklo verzierten wir mit Paul und Konrad Comics von Ralf König.  Damit hatten wir viel Spaß und auch Ärger. Vor allem, als wir auch noch Comics von „Das kleine Arschloch“ aufhingen. Eine Kollegin fühlte sich sehr verunglimpft, als sie ihren Namen dort las. Aber was konnten wir dafür, wenn die Mutter des „kleinen Arschlochs“ eben auch so hieß? Ich wiederum fühlte sich sehr bestätigt: Vielleicht erinnert sich der er ein oder andere noch daran, dass sich das „Kleine Arschloch“ in Inge, die alte Nachbarin verliebte? Für sie hing er ein Transparent an eine Brücke auf der stand:“ Inge, deine Titten sind spitze!“

Unsere Freundschaft hat seitdem Bestand. Von ihr habe ich so unglaublich viel gelernt und ich hoffe, ich kann sie jetzt endlich mal überreden, mit mir zu podcasten.

Sieben Kuchen, Torten und „Zwiebelplooz“ werden aufgeschnitten und arrangiert. Bei der Käsesahnetorte läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich werde allerdings kein einziges Stück von diesen Köstlichkeiten essen: als ich möchte, ist die „Platte geputzt“ – wie es meine Omma immer nannte. Der Federweißer duftet durch den Raum, der Kaffee röchelt durch die Maschine – alles ist fertig, alles sieht sehr schön aus, alle Steine plumpsen von meinem besorgten Herz herunter. Geschafft. Wer hätte das gedacht. Unbändige Freude macht sich stattdessen breit.

Und schon kommen die ersten Gäste. Schnaufend, Rollatoren schiebend, beschwingt oder Arm in Arm kommen sie mir entgegen.

„Was macht denn ihre Katze? Ich hab gehört, die ist gestorben? Ach das ist so traurig. Mein Wellensittich ist neulich auch in meiner Hand gestorben. Das sind ja nur Tiere- aber ich hab sie so gerne!“ Hab ich diese Frau schon mal getroffen, überlege ich? Ich glaube nicht. Ist aber auch wurscht. Ich schätze es, wenn man gleich zum Punkt kommt und nicht lang „rumplaudert“ bis man endlich da ist, wohin man im Gespräch wollte. Dann eben verstorbene Tiere und Trauer zum „Aufwärmen“. Wir plaudern ein wenig. Sie konnte immer nicht kommen, entschuldigt sie sich, weil sie so Probleme mit der Hitze hat! Aber jetzt will sie unbedingt kommen. Wo wir doch quasi „Schwestern in gemeinsamer Trauer“ sind. Oha!

Die wenigsten kennen mich bisher – ich bin erst seit einem halben Jahr in dieser Anstellung.

Die wenigsten alten Menschen bezeichnen sich selbst als Senioren. Das sind offensichtlich die noch viel Älteren oder wer auch immer. Sie jedenfalls sind nicht mit diesem Wort gemeint. Wenn sie daher zu einem Seniorenkreis eingeladen werden, kommen sie nicht. Wie ich ebenfalls nicht in einer Krabbelgruppe gehen würde. Das wird Teil meiner Zukunft sein: Begrifflichkeiten neu erfinden, Hemmschwellen lösen, Hammerprogramme erstellen, die „sie dort abholt, wo sie sich gerade“ befinden. Aber am wichtigsten ist natürlich, dass sie erst einmal wissen, zu wem sie denn da gehen würden, wenn sie denn kämen. Keiner kauft gerne die Katze im Sack! Alles läuft immer über die Begegnung, die man miteinander hat.

Die, die mich kennen, drücken mich. Ich drücke zurück: Alte, knochige Körper, feste, runde Männerbäuche, weiche Busen, kühle Haut auf meiner Wange. Die letzten, klitzekleinen Sorgen verpuffen spätestens jetzt. Dieses: „Schaff ich das? Kann ich das?“ Aber hallo! Ich kann. Auch, weil ich so viel wohlwollende Hilfe hatte und habe. Ein Schlückchen Federweißer im Flur und dann ab in den Saal. Wie der Traumschiffkapitän halte ich eine kurze Rede. Feste Stimme, breites Grinsen im Gesicht, Späßchen für die Ohren. Feierliches Anzünden den Geburtstagskerze. Und dann: „Das Buffet ist eröffnet“.

Eine frühere, geliebte Arbeitskollegin mit Liebe für Senioren im Herzen, hilft – gemeinsam mit ihrer Freundin – bei der Bewirtung. Das ist eines meiner Highlights des Tages. Ich frage – sie kommen. Es rührt mich unendlich. Und sie kommen offensichtlich gerne. Sie haben Spaß, die beiden hübsche, jungen Dinger!

Ich mag sie so gerne, wie sie mit leuchtenden Augen und der gezückten Kaffeekanne im Anschlag durch die Stuhlreihen wandern. Hier ein kleines Pläuschchen, dort ein Streicheln über den Rücken, ein heimliches Drücken einer Hand, dazwischen Gelächter in hohen und tiefen Lagen. Die Senioren und Seniorinnen sollen es schön haben.

Sie hauen ordentlich rein. Diabetes? „Nicht an diesem Tag!“

Flüssigkeitsbilanzierung? „Och – ein Federweißer geht noch!“ Dabei hatten sie zu anfangs noch alle gesagt: „Federweißer? Um Himmel Willen. Auf keinen Fall! Da komm ich vom Klo nicht mehr runter! Außerdem bin ich ja dann gleich blau!“

Alles, alles wird zwei Stunden später leergefuttert und ausgetrunken sein. Meine liebste Ex-Kollegin kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus- ebensowenig wie aus dem Nachschenken: „Die leuchten rein! Mein lieber Scholli!“

Es ist eine heitere Stimmung. Auf den Tischen verteilte ich schon frankierte Postkarten. Sie sollen – wenn sie mögen – ihre Adresse aufschreiben. Später, so der Plan, würden sie eine andere Karte mit nach Hause nehmen und ein paar freundliche Worte an diese Adresse schicken. Ein Nachmittag mit Retard-Wirkung sozusagen. Das kennen sie alle von ihren vielen Tabletten.

Der Solist, der an diesem Nachmittag für ein kleines Programm bestellt ist, findet die Idee grandios. „So eine tolle Sache. So ein schöner Nachmittag!  Schon ist meine schlechte Laune weg, die ich heute Morgen hatte!“

Vielleicht ist sie auch weg, weil er von der Welle des Wohlwollens, die durch diesen Raum schwappt, mitgetragen wird.

Zwei Stunden später ist Feierabend. Die Senioren sind offensichtlich darauf getaktet und brechen auf. Was wiederum ein Segen für mich ist, denn bei der Planung des Nachmittags hatte ich vieles bedacht, nicht aber, dass eine Stunde später in diesem Raum eine wichtige Sitzung stattfinden würde. Händeschütteln und „Drückerchen“, Spenden und Postkartenverteilung, während im Hintergrund Hedwich, Frau Müller und die liebste Ex-Kollegin und Freundin „Klarschiff“ machen. Stühle und Tische aufräumen und neu arrangieren, umdekorieren. „Viele Hände machen schnell ein Ende!“, wusste schon meine Omma.

Beseelt fahre ich später nach Hause. Und dort: der nächste Glücksfall: Meine Familie hat mir ein Bad eingelassen – ohne, dass ich sie darum bitten musste (Okay- vielleicht hatten die Knaben auch vergessen, das Wasser abzulassen- egal!).

Der Tag war mein. Und ich seiner. Den Badezusatz „Entspannung“ braucht es nicht. Und während ich im warmen Wasser liege, plane ich heimlich neu. Denn was das Wichtigste ist: Die Menschen zusammen an einen Tisch (oder viele kleinere, der Tischlogik wegen) setzen. Gemeinschaft halten. Ins Gespräch kommen. Gegen die Einsamkeit und für den Frohsinn im Leben, den nicht alle der Senioren haben.

Vielleicht ein gemeinsames Frühlingsfest?

Wie sangen wir zum Abschied? „Wir ruhen all in Gottes Hand. Lebt wohl, Auf Wiedersehn!“

 

Hoffentlich!

Das Werk der Barmherzigkeit

Kalt war es in dieser Nacht. Im Warteraum der Notaufnahme saß der Obdachlose und blätterte in einer Zeitschrift. Wartezeit? Das machte ihm nichts aus. Seinetwegen könnten wir jedermann jederzeit vor ihm drannehmen. Da wäre er großzügig. Und so schlimm wäre es schließlich auch nicht. Nur mal eben drüber schauen über seine alte Wunde. Keine große Sache und eben nicht wirklich eilig. Er wüsste auch, dass es keine eigentlicher Fall für die Notaufnahme wäre – aber einen Hausarzt hätte er nicht. Er würde ja immer unterwegs sein.

Wenn es draußen kalt ist, ist der Platz in irgendeinem Warteraum nicht der schlechteste. Hier ist es warm und trocken. Um die Ecke steht ein Automat mit Heißgetränken. Vielleicht plaudert auch jemand nett mit einem.

Natürlich gibt es Übernachtungsmöglichkeiten in der Stadt- wie in jeder Stadt. Aber die wenigsten Obdachlosen möchten diese Räumlichkeiten – aus den Unterschiedlichsten Gründen nutzen. Man ist nicht gerne unter seinesgleichen. Dafür hat man ja in der Regel das Leben auf der Straße gewählt. Damit man nicht mit anderen so nah und eng zusammen kommt. Von all den Aggressionen und Diebstählen, die – so erzählen sie – dort üblich sind – einmal ganz abgesehen. Die wenigsten möchte so deutlich ihr eigenes Spiegebild vor Augen sehen und riechen. Armut und Leid riechen überall gleich.

Und so saß er also geduldig in dieser kalten Nacht durchaus frohgemut im Warteraum.

Doch irgendwann kam auch er dran. Keine große Sache – hatte er ja selbst gesagt. Ein hübscher Verband, ein Arztbrief, ein paar Schmerztabletten „für wo am Nötigsten“ mit auf den Weg. Und nun?

Ob er noch ein bisschen im Warteraum sitzen dürfe?

„Eigentlich“- hob meine Kollegin an – „eigentlich nicht. Und überhaupt: Wenn da jeder kommen würde.“

„Eigentlich ist ein Drecks-Wort!“, entfuhr es mir.

„Eigentlich“ geht mir voll auf den Keks. Ein Füllwort. Ein Wort, dass theoretisch schon einen Weg aufweisen könnte- wenn man denn „eigentlich“ wollte – was aber durch das „eigentlich“ auch schon aufgehoben ist. Entweder es geht oder nicht. Punkt. Entweder ich will – oder nicht.

„Wer will findet Weg. Wer nicht will, findet Ausreden!“, höre ich dann immer meinen Vater im Ohr.

„Eigentlich ist es kalt draußen. Eigentlich ist der Weg zur nächsten Herberge weit. Eigentlich „stört“ er im Warteraum möglicherweise zukünftige Patienten. Und eigentlich ist mir heute sehr barmherzig ums Herz! Kommen Sie mit!“

(Manchmal rockt es, eine Art von Autorität zu sein.)

Ich führte ihn in eine Wartegruppe hinter der Notaufnahme. Fern von Blicken Vorbeikommender. Ich nahm fünf Decken mit.

„Hier. Einmal nur! Und nur heute Nacht! Um fünf Uhr – bevor der Reinigungsdienst kommt-  sind sie verschwunden! Klar soweit?

„Klar soweit!“

Er küsste meine Hand.

Jede Nacht das gleiche Spielchen: Ordnung schaffen überall und allenthalben. Notaufnahme, Sozialräume. Auffüllen, sortieren, umpacken, mit einem feuchten Läppchen mal überwischeln, klar Schiff machen.

Im Aufenthaltsraum standen die Essenreste der Ärzte herum. Halb- und ganz aufgegessenes Chinafood für den hungrigen Arztmagen. Warum die Reste selten bis nie aufgeräumt werden, weiß kein Mensch. Vielleicht haben sie auch einen Papa im Ohr der sagt: „Man schmeißt keine Lebensmittel weg. Das kann man morgen gut noch mal aufwärmen!“

Wer es dann aufräumt oder wegschmeißt sind wir. Curry morgens um drei Uhr riecht sehr streng in der Nase. Und die Erfahrung zeigte Nacht für Nacht: Ist der Breitschaftsarzt weg- ist er weg. Der kommt nicht mehr, weil ihm sein Essen direkt noch einmal eingefallen ist -um es

a) mit nach Hause zu nehmen

b) aufzuessen

c) aufzuräumen.

Eines stand noch unangetastet da.

Ich zählte durch. Der war und ist da, und die auch und der ebenfalls. Alle satt. Alle schon auf dem Weg ins Bett. „Gehört einem von euch das Essen? „Nö!“

Hey- ein Essen übrig.

„Wer jetzt kein Essen mehr hat , wird auch keines mehr essen. Wer jetzt noch hungrig ist, wird es lange bleiben!“, zitierte ich Hermann Hesse.

Moment mal- da war doch dieser Obdachlose in der hintersten Ecke!

Ich holte Messer und Gabel , stellte es kurz zwecks der Wärme in die Mikrowelle und brachte es ihm.

Wie gesagt – an manchen Tagen trägst du die Barmherzigkeit in dir,  wie Florence Nightingale ihre Lampe durch die Reihen verwundeter Soldaten.

Dieses Stahlen in den Augen! Diese Dankbarkeit, die sich in Form eines weiteren Handkusses zeigte. Dieses „Oh mein Gott. Ich hatte heute noch nichts wirklich gegessen!“

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Bildquelle: Pixabay

Dieses am „richtigen Ort zur rechten Zeit“ zu sein.

Es war ein heiliger Moment.

Bis zu dem Augenblick, als mir siedendheiß einfiel, dass ich einen Arzt in meiner gedanklichen Aufzählung vergessen hatte.

F***!

Ihn hatte ich nicht angerufen. Ihn hatte ich nicht gefragt.

Und weil ich ein ehrlicher (und treudoofer) Mensch bin, rief ich ihn an. *

Es war sein Essen.

Ach du liebe Zeit.

War das zu glauben? Da wollte der Arzt sich nachts um halb zwei endlich was zu Essen gönnen und dann hatte es die blöde Schwester einfach verschenkt!??? Verschenkt? Sein Essen?! Einfach so? Schließlich hatte er den ganzen Tag gearbeitet! Er hatte es sich redlich verdient. Mit seiner Arztkunst und seinem hart erarbeiteten Geld! Und jetzt war es weg? Gott- wie blöd konnte man nur sein!

„Ich komm sofort!“, brüllte er in den schon auf einen Meter Abstand gehaltenen Telefonhörer! „So geht das nicht! Das wird Konsequenzen haben!“ und knallte den Hörer auf.

Es hörte sich an, als würde er eben noch sein Schwert in die Scheide stecken oder nach den Zündhölzern für meinen kommenden Scheiterhaufen zusammensuchen.

Grund Gütiger!

Das konnte ja heiter werden.

Er kam. Es wurde unschön.

300 Entschuldigungen verfehlten sein Gehör knapp. Die Idee, mein Pausenbrot ihm abzugeben um dann ihm noch mal ein Essen zu bestellen, drangen nicht vor. Im Gegenteil: Er hätte ja nun wirklich das Gefühl, ich würde ihn verarschen! Ihn! Das ging zu weit! Konsequenzen! Tod und Verderben! Diebstahl seines Eigentums! Arbeitsrechtliche Schritte! Nieder mit der blöden Pflegekraft!

Oh je!

Ich sah die Augen den Obdachlosen vor mir und entschuldigte mich das 301 Mal, aber da stürmte er – Türenschlagend – von dannen! Und ja- ich konnte auch ihn verstehen.

Den Rest der Nacht war ich etwas unruhig. Drohten mir tatsächlich arbeitsrechtliche Konsequenzen, weil ich sein (nicht beschriftetes) Eigentum verschenkt hatte? Würde mir morgen gekündigt werden – fristlos wie der Putzfrau, die ein vergessenes Brötchen des abgefutterten Buffet gegessen hatte?

Und gab es nicht auch für den Arzt eine gewisse Ethik, die dem Obdachlosen durchaus hätte eine warme Mahlzeit gönnen können?

Um fünf schaute ich nach dem Odachlosen, der gerade dabei war, seine fünf Decken sorgfältig zusammenzulegen.

„Danke! Für alles! Das werde ich nie vergessen!“

Noch bevor ich an jenem Morgen leicht sorgenvoll ins Bett stieg, rief ich meinen Vorgesetzten an. Bevor er die Geschichte des Arztes hörte, sollte er zuvor noch meiner Version lauschen. Melden macht frei.

Er versprach, die möglichen Wogen zu glätten und lachte trotzdem ganz leise und heimlich über diese Geschichte. Obdachlosenbeglückerin versus hungriger Magen.

Das Ende vom Lied war, dass ich mich offiziell entschuldigen musste – vor dem Arzt und dem Vorgesetzten. Fehlt nur noch vor Gott und der Welt. Der Arzt hatte Bedenken wegen meiner Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Entschuldigung geäußert. Da bedurf es eines Zeugen.

Gemeinsam wollten sie sich also die Entschuldigung anhören und überprüfen. Ich buk einen Kuchen dazu.

Denn liebe Freunde: Großzügigkeit kann ich. Und mich auch aufrichtig und ernsthaft entschuldigen. Letztlich sagt es weniger über meine „Schandtat“ aus, denn über ihn.

Die Entschuldigung war „angemessen“ und jetzt Schwamm drüber!

 

Der Arzt und ich gingen uns fortan aus dem Weg. Ich spüre die Blicke und Küsse des Obdachlosen immer noch auf meiner Hand. Das ist es, was zählt.

Alles andere ist bedauerlich und eine Verkettung unglücklicher Zustände. Also für den hungrigen Arzt. Und ja- für ihn tut es mir auch ein Leid.

 

*Es wäre übrigens leichter gewesen, die Unschuld vom Land zu spielen. „Was? Das Essen ist weg? Ach- das ist ja blöd! Wie traurig für dich! Also sowas! Ich hab nix gesehen!“

Ehrlichkeit muss immer mit Konsquenzen rechnen.

 

 

 

 

 

 

Schwester Jürgen kommt!

„Mein Heiligenschein hängt über dem Desinfektionsmittelspender!“, sagt Jürgen und lacht. Scherz. Man bräuchte aber einen, wenn man – wie er – in der Altenpflege arbeitet.

Jürgen hatte vor kurzem seine Abschlussprüfung zur Altenpflegefachkraft abgeschlossen. Trotz mannigfacher Probleme im Allgemeinen und Speziellen dort, ist es sein Traumberuf. Herz und Hand reichen bei weitem nicht – sagt er.

„Ich würde mir wünschen, dass die Fachkräfte der Altenpflege das, was sie an Fachwissen haben, sich wieder zurückholen!“ Jürgen, Altenpflegefachkraft.

 

Diese ist mein erstes Radiointerview. Und weil @2wolvesVlog aka empoere_dich aka Jürgen die bessere Technik hatte, klingt es ein bisschen wie bei den Buggles.

An dieser Stelle herzliche Grüße an Frau Sofa, die in diesem Pdcast auch ein Plätzchen gefunden hat.

 

 

Lauschzeit 50:16

Wenn ich mal darnieder liegen sollte – Jürgen dürfte mich pflegen und hegen! Und mich mit seinem leichten Ruhrpottslang erfreuen.

8 FAQ der Pflege

Es gibt ja immer mal wieder Fragen (FAQ – Frequently Asked Questions), die ständig, stets und immer wieder gestellt werden.

Du bist Krankenschwester? Pflege? Echt?  Schon sprudelt es. Hier eine kleine persönliche Hitliste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat.

1. Also ich könnte das ja nicht!

Och – geht schon! Wisst ihr, was ich nicht könnte? Stundenlang an Metallteilen herumfeilen. Buchführung mit penibler Zahlenkontrolle. Kellnern auf dem Oktoberfest. Die Liste ließe sich fortsetzten.

Es gibt vieles, was in der Pflege „fies“ ist. Denn auf das zielt diese Frage ab. Körperausscheidungen jeglicher Art. Gerüche. Fremdes Leid. Geschrei und Gezeter. Sagen wir mal so: Auf vieles dieser „Dinge“ könnte man getrost verzichten. Sie sind nicht wirklich schön. Aber es ist ja nun auch so, dass man nicht den ganzen Tag damit beschäftigt ist, volle Buxen zu säubern oder Leuten Schnodder aus der Lunge abzusaugen. Dazwischen geht es durchaus manierlich zu. Und weil das ein Teil der Arbeit ist – aber eben nicht nur-  ist es tatsächlich zu „ertragen“. Man gewöhnt sich fast an alles. Glaubt mir. Der Ekel bleibt  – aber das ist auch Teil professionellen Arbeitens, nicht laut schreiend aus dem Raum zu rennen. (Auch wenn man es manchmal wollte). Jeder Beruf hat solche Seiten, die man eben macht, weil sie dazugehören. Die aber niemals in die Liste der liebsten Dinge aufsteigen würde.

Die Geschichte mit dem Leid ist auch schnell erzählt: Wir machen den Job, um Leid zu verringern. Wir sind aktiv dabei, damit es den Patienten wieder besser geht. Das wiederum macht den Zauber aus, den viele Kollegen – trotz mitunter schlimmer Arbeitsbedingungen – immer noch bei der Stange hält. Zu wissen, das wir den Unterschied herstellen können.

2. Sag mal – du bist doch Krankenschwester. Ich hab da sowas…..

Oh dear. Gerne schaue ich mir deine Wunden an. Höre empathisch deiner langen, schwierigen und von Missgeschicken erfüllten Krankengeschichte zu. Ich lausche deinen Ausführungen vom  „Blödmann, der dich genäht hat und es ist eine Narbe zurück geblieben! Ist das zu fassen?“ Ich gebe Ratschläge um mir dann wieder anzuhören, dass die ja alle Käse sind, weil „Homöopathie beim Nachbaren des Tante viel besser gewirkt hat, als dein Pharmascheiß!“ Das mache ich gerne. Immer wieder. Ich bin ja schließlich Krankenschwester. Da ist man immer im Dienst. Im Gegenzug lass ich mir dann Börsenkurse erklären und weise auf das komische Geräusch meines Autos hin. Ob man da nicht mal auch… so im Gegenzug… mal eben drunter schauen. Keine große Sache. Ich hol auch schon mal den Eisbeutel für das gestauchte Sprunggelenk. Eine Hand wäscht die andere. Nicht wahr?

3. Fürs Medizinstudium hat es wohl nicht gereicht?

Gereicht vielleicht schon. Aber nicht gewollt.

Leute, die solche Sätze sagen, sagen bestimmt auch zur Stewardess im Bumsbomber nach Bangkok: Na – zum Piloten hat es wohl nicht gereicht? Oder zum Bankangestellten: Ein Aufsichtsratsposten kommt nicht so in Betracht? Oder zum Blumenmenschen auf dem Markt: Ne Plantage in Holland ist keine Option?

Ich bin ganz bewußt Krankenschwester geworden. Wie viele meiner KollgenInnen. Aus guten und genauso unterschiedlichen Gründe, wie Menschen und Pflegepersonen eben verschieden sind.  Klar: Manche haben den Plan, nach der Ausbildung vielleicht irgendwann doch noch Medizin zu studieren. Aber nicht alle.

Nein. Ärztin wollte ich nie werden.

4. Schichtdienst? Wochenende? Also für mich wäre das nix!

Stimmt. Für uns auch nicht.

In der Regel frieren wir ja die Patienten freitags ein und tauen sie dann am Montag wieder auf – wie @WonderinLisa auf Twitter mal so schön ulkte.

Aber so ist es halt nun mal. Schichtdienst ist Fluch und Segen zugleich. Die Zeiten, in denen man unter der Woche als Ausgleich frei hat. Die Stunden, die man vor dem Spätdienst bei Friseur verbringen kann. Der Kinobesuch danach. Alles prima. Ebenso das Gefühl, nach dem Nachtdienst in die Feder zu fallen, während draußen der Tag beginnt.  Aber es bedeute auch: Sozialkontakte, die verebben, weil man immer dann arbeitet, wenn die meisten frei haben. Die unzähligen Kurse, die man hätte besuchen wollen, aber der Dienstplan einem den Strich durch die Rechnung macht. Fluch und Segen. Und leider nicht so sexy wie in der Welt literarischer Ergüsse.

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Internetfund. Wenn Nachtdienst so wäre, würde ich nur noch… halt. Ne doch nicht!

Es ist anstrengend.  Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es fühlt sich an, wie ein immerwährendes Jetlag.  Womit wir gleich beim nächsten Highlight sind:

5. Aber das hast du doch gewusst!

Liebchen. Ja.

Das haben wir gewußt. Wenn man allerdings gerade seine Ausbildung beginnt, denkt man weder an die Rente in 45 Jahren, noch an die möglichen Auswirkungen des Schichtdienstes nach 30 Berufsjahren. Da stehen andere Gründe im Vordergrund.

Vieles offenbart sich erst mit der Zeit. Und das weiß man nicht im Anfang. Keiner.

 

6. Trinkst ihr wirklich so viel Kaffee?

Ja.

7. Also – so Nadeln/Katheter/whatever in Leute reinstecken – das macht euch doch in Wahrheit Spaß , nicht wahr? *zwinkerzwinker*

Ernsthaft?

Richtig: In Wahrheit macht uns das tierisch an. Wir stehen auf den Schmerz der anderen! Aus genau diesem Grund haben wir den Beruf gewählt. Schwester Rabiata ist in Wahrheit eine Domina im Umschulmodus. Wir sind aber auch ein wildes Völkchen- wir Krankenschwestern. Der feuchte Traum vieler. Bei Amazon kann man für 18,91 Euro sogar willige Sexpuppen kaufen. In diesem Fall aber ohne Schmerz. So schade. Dafür hat sie drei (!) Lustöffnungen und ist leicht zu entkleiden. Ich warte jetzt nur noch auf den Ken, das Pferd der Krankenpflege.

 

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Screenshot Amazon. Für jeden Geschmack was dabei.

Als Pflegepersonal bist du halt alles: Barmherzigkeit und Lustobjekt. Hure und Heilige. KönnerIn und StümperIn. Je nachdem.

8. Muss das nicht der Arzt machen?

Manches schon. Anderes nicht. Aber entscheidet selbst, wer euch eure Zugänge legt oder die Katheter: Der Arzt, der es schon einmal gesehen hat. Oder die Pflege, die es täglich mehrfach praktiziert. Ansonsten: Natürlich. Immer der Arzt. Das schafft Freizeit. Danke. Wir kommen dann gerne später, legen euch einen Eisbeutel auf und streichen den Angstschweiß von der Stirn. (Und bevor ein Arzt jetzt weint: Ihr seid toll! Und ihr könnt alles vieles! (Also die meisten!))

 

Dieser Blogbeitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihr könnt aber gerne eure Highlights kommentieren.

Zudem enthält er Spuren von Ironie bis zum Sarkasmus. Habt ihr gemerkt, nicht wahr?

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