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notaufnahmeschwester

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Notaufnahmeschwester

Seit 20 Jahren arbeite ich in einer interdisziplinären Notaufnahme. Was jedoch zuvor geschah: An einem Samstag - kurz vor Weihnachten- wurde ich bei Minus 31° geboren. Ich war von Anfang an also gezwungen, es mir von innen schön warm zu machen - das kann sehr hilfreich im Leben sein. Aufgewachsen bin ich als Pfarrerskind in großen Pfarrhäusern mit noch größeren Gärten -mit jeder Menge Streuobst, die im Herbst direkt in Flaschen abgefüllt wurden. Apfelsaft in Hülle und Fülle. Voll Bio, als noch keiner davon sprach. Fernsehen gab es ausschließlich donnerstags beim Nachbarn: Wicki und die starken Männer. Heute könnte diese "entbehrungsreiche" Kindheit auf dem Land meine Affinität zu allem technischem Schnickschnack und einem schwarzen, koffeeinhaltigen Brausegetränken erklären. Krankenschwester wurde ich in einem kleinen Krankenhaus mit angeschlossenem Schwesternwohnheim, striktem Männerverbot sowie Sockenordnung. Hier herrschte Zucht und Ordnung und eine überdurchschnittliche Schwangerschaftsrate unter Schwesternschülerinnen. Nach Neurochirurgie und Dialyse kam ich vor vielen Jahren in die Notaufnahme. Dort bin ich hängengeblieben. Nirgendwo sonst verdichtet sich "Mensch-sein" so gut. Und nirgendwo lernt man so viel über das Leben und sich selbst. Und nirgends finde ich so viele Fettnäpfchen, in die ich man treten kann. Hin und wieder möchte ich sofort kündigen, aber meistens bin ich genau richtig dort, wo ich bin. Hier habe ich praktischerweise auch meinen Mann kennengelernt und entspreche somit wunderbar dem Klischee, dass sich die meisten Menschen auf der Arbeit kennenlernen. Mein heimischer Haushalt besteht mittlerweile nicht nur aus dem Mann, sondern auch drei Söhnen zwischen 11 und 15 Jahren, eine betagten Katzen und einem Klavier im Flur. Manchmal weiß ich nicht, was entspannender ist: Söhne, Haushalt und Hausaufgaben oder doch die interdisziplinäre Notaufnahme? Tatsache aber ist: Durch beides (Kinder und Notaufnahme) habe ich viel Gelassenheit gelernt. Nichts kann so schlimm sein, dass man es nicht zumindest versucht, zu verbessern. Und dann kam da diese eine Freundin, die mir so oft in den Ohren lag: "Das muss man doch mal aufschreiben!" Und so fing ich an.

Kriegsgefangenschaftstagebuch Teil 1

In dieser Folge des Podcast spreche ich nicht. Das macht er hier:

91-jährig lässt er sich von techischem Schnickschack nicht stören und liest in seinen Aufzeichnungen der Vergangenheit

Bei einem unserer Gespäche erzählte er mir von seiner Zeit in russischer Gefangenschaft. Und davon, wie er – als er wieder zurück war – alles aufschrieb.

„Zwischen den Seiten dieses Heftes hab ich alles gelassen. Ich schrieb mir alles von der Seele. Heute les ich es und könnte auch was anderes lesen. Es ist vorüber.“

Er lieh mir sein Heft.

Ich war sehr berührt, seine Geschichte zu lesen. Seinen Verlust des Freundes am 1. Tag des Kriegsendes. Die Angst. Die Ungewissheit. Den Hunger. Und auch den Schalk, der zwischen all dem immer wieder hervorlugt. Und es ist auch die Geschichte eines Erwachsenwerdens. Heute Bauernbub – morgen Soldat, der schnell noch für das Vaterland den Krieg „herumreißen“ sollte.

Taucht ein mit mir in diese Geschichte. Hört zu. Damit es sich Geschichte nie wieder wiederholt. Das Grauen einen Krieges. Hört die Geschichte eines Jugendlichen. Ja – fast noch eines Kindes, die hier Raum findet.

Seinem Alter geschuldet gibt es sein Tagebuch in mehreren Teilen.

Teil 1: Dauer 22:27

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Patienteneigentum. Eine Erregung.



Ich kaufte mir eine Jacke.
Flauschiges Fell – natürlich kein echtes Fell. Dennochn ein Fell, das man immerzu streicheln möchte. Wie Basset-Ohren. Oder flauschiges Kanninchenfell. Sie ist dunkelrot und wunderschön. Eine Seelenjacke.
Die Dame an der Kasse nahm sie und packte sie in eine Tüte. Und da fiel er mir wieder ein. Der Mann. Der, den ich schon immer mal kennenlernen wollte. Der eine „Größe“ in der Stadt war. Bekannt – aber mehr so aus dem Hintergrund. Bestens vernetzt mit viel Prominenz. Zu gerne hätte ich gewußt, wie er so tickt. Was ihn antreibt. Und die ein oder andere Geschichte der Stars und Sternchen hätte ich – ich gebe es zu – auch gerne direkt aus erste Hand erfahren. Wie aufregend das alles sein musste.
Ich traf ihn auf einer Veranstaltung, die ich mit meiner Schwester besuchte. Nie hätte ich ihn angesprochen. Man soll die Leute in Ruhe lassen.

„Gehe nie zum Fürst, wenn du nicht gerufen würst!“




Meine Schwester ist da anders. Sie maschierte auf ihn zu, mich hinterherziehen wie bei diesen Instastorys, wo die Frauen immer den Männern die Welt zeigen wollen, die sie aber nicht sehen, weil sie ja die Frau knipsen müssen, die den Männern die Welt zeigen wollen….Also ich hinterher. Da war meine Schwester schon munter am plaudern mit dem Mann.Er hörte zu, plauderte zurück. Nicht besonders herzlich, aber auch nicht abgneigt. Mehr so höfliche Diszanz. Warum auch nicht.Meine Schwester stellte mich vor: „….meine Schwester. Sie arbeitet in einer Notaufnahme.“
„Ach wirklich! Wo denn?“Fast war ich entzückt über das Interesse vom Mann. Hatte ich es so geweckt, so dass er mir unverzüglich schmutzige Details – egal vom wem und warum – erzählen würde? Würde er mich engagieren, weil ich bestimmt lustige Geschichten zu erzählen hätte?
Doch weit gefehlt.
„Ach da! Na da habe ich ja auch eine Geschichte!“
Ach du liebe Zeit. Es schrillte die Alarmglocke. Ich ahnte, was folgen würde. Das Standartprogramm: Knieschmerzenn hier, Hodenprobleme da… Ich als Krankenschwester hätte doch da bestimmt….. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wie schade.
Er hub an, eine äußerst langweilig vorgetragene Geschichte eines Sturzes zu lamentieren. Er wehklagte weiter über den schmerzhaften Abtransport in die nächste – „Ihre Klinik!!!“ Die höfliche, distanzierte Behandlung. Er belärmte die Wartezeit von einer halben!!!! Stunde, um dann in einem Crescendo seinen wahren Unmut kundzutun: Er musste sich ausziehen für die Untersuchung. Seine Kleider wurden in einen Sack gesteckt. In einen Sack! Lieblos! In einen Sack! „Darüber müssen wir mal reden! In einen Sack! Gestopft!“

Leider war es keine private Aufführung von Thomas Bernhards „Holzfällen. Eine Erregung“.
Eigentlich war es nur peinlich. Aus einem Menschen, den ich wirklich gerne aus mannigfaltigen Gründen kennenlernen wollte, war nicht nur ein Mann aus Fleisch und Blut geworden, sondern ein lamentierender, sich ereifernder Arsch ohne den geringsten Hauch von gesunden Menschenverstand.

Ich versuchte einen Scherz. Schnell. Ein Scherz in heiklen Situationen, um die Stimmung ein wenig aufzuheitern.
„Aber lieber Herr. Eine wichtige Krankenhausregel ist nun mal: Keine Diagnose durch die Hose….“
„IN EINEN SACK!“
„Nun. Ein Gaderobenständer- oder fräulein gibt es bei uns in der Tat nicht!“ (Ich war so unfassbar höflich und gelassen)“LIEBLOS! IN EINEN SACK! Nach der Untersuchung konnte ich mir meine Hose selber wieder aus dem Sack heraussuchen. AUS DEM SACK! WIE BEI DER MÜLLABFUHR!!!!!!““Hatten Sie nicht nicht Knieschmerzen? Oder waren Sie auch auf die Hände gefallen?“
Whouuuuuuuu. Widerwort. Dem Mann. Der seine Hose aus einem Sack, in die sie lieblos!!! hineingeknüllt war!!!! herausholen musste. Trotz Schmerzen! In seinem Zustand!!!!
(So viele Ausrufezeichen kann ich gar nicht in diesem Text unterbringen, um sie kenntlich zu machen .Stellt euch eine Herde vor. Eine große Herde. Die Empörung war groß.)
Ja. Das sind schlimme Schicksale, die täglich in Notaufnahmen passieren. Lieblos werden sorgfältig angekleidetet Stücke vom Leib gezerrt und in Säcken verstaut. Wir nennen sie Tüten ja lieber „Patieteneigentum“. Aber was solls. Sack klingt auch nicht schlecht. Beschriftet mit dem Namen des Klamottenspenders werden sie an eine geeeigente Stelle gelegt, damit man sie später – nach Untersuchungen aller Art- wiederfindet. Unser Berufsstand ist sich sogar zu schade, Menschen ohne Not wieder anzukleiden. Sie lässt es sie selbst machen. AUS EINEM SACK! Wie von der Müllabfuhr oder einen Discounter!
Was für ein Vollpfosten. Ob er sich bei der Prominez auch so benahm? Oder nur beim normalsterblichen Volk? Gibt es etwas schneller entzauberndes, als langatmigem Geschichten – jenseits von gesundem Menschenverstand?
Auf die Frage, wie man seiner Meinung nach einer möglichen Problemlösung des „Sacks“ bei den vielen Patienten, die nun mal für die ein oder andere Untersuchung ausgezogen werden müssen, konntwe oder wollte er – wegen der Erregung vbermutlich – nicht antworten. Außer einem Abschlussschnaufer „…aus einem Sack!“kam nicht mehr viel.
„Das ist doch nicht mein Problem!“
Stimmt. Meines aber auch nicht.

„Schlimm“, sagte ich, meinte es nicht so und musste dringend weg. Nicht, dass er noch wegen eines Schaganfalls mir an die Brust sinken würde.

All das fiel mir ein, als die Kassiererin meine flauschigste aller Flauschjacken in eine Tüte packte. Ich bedankte mich artig, nahm den SACK!!!! und ging freudig nach Hause.





Corpus permixtum im Holy Jungle #ibes

Ich plauderte mit der Theologin Birgit über ‚#ibes (Für alle Nichtkenner: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“)

Vielleicht nicht unbedingt das, was ihr von einer Notaufnahmeschwester erwartet. So what? Die Reihenfolge „#ibes, Theologie, Liebe und Notaufnahme kommen dennoch drin vor.

Wir nennen es #ausGründen: „Corpus permixtum – The Holy Jungle. Blondinen, Pippiyotta und der Currywurstmann“. Damit auch ganz schlauen Menschen nicht um einen intellektuellen Anspruch gebracht werden (und vor allem wie man das zusammenbringt).

ACHTUNG! Für alle Nörgler und Hater – quasi alle „Saulusse/Sauli“ dieser Welt: nach dieser Plauderei werdet ihr möglicherweise zum Paulus was #ibes betrifft. Denn wir beide haben schwer Liebe im Herzen für dieses Format. Das wird überschwappen! ACHTUNG.

Hört rein und lasst die Hüllen fallen wie Leila im Tümpel, seid wie Gott bei den Schwachen und Sybille, erlebt die Zerbrechlickeit der Selbstoptimierung bei Yotta sowie schlechte Friseurerbegnisse bei Domenico, erlebt die Ohnmacht der schweigenden Frau bei Evelyn und vieles, vieles mehr!

Hördauer 44:41 Minuten

Wege aus der Nettigkeitsfalle

Dieser Artikel enthält Werbung, da ich das Buch als Rezensionsexemplar druckfrisch frei Haus geliefert bekam.

„Wenn du nett zu anderen bist, werden dich alle mögen…“

Kommt euch das bekannt vor? Und wer wollte das nicht: von allen geliebt, gemocht oder zumindest geachtet werden. Koste es mitunter, was es wolle.

Und schon seid ihr mit Anlauf in die Nettigkeitsfalle geplatscht. Mit Nele Süß hab ich darüber geplaudert. Sie kennt das und hat – „AEG-mäßig“ (Aus Erfahrung gelernt) – darüber ein Buch geschrieben. „Neinsagen für Anfänger“.

Mit Nele verbindet mich der Duft nach Apfelbrötchen, gemeinsames Schnarchen in einer Kemenate bei der von uns sehr geliebten Sabine Dinkel – gekrönt von einem Hundkuss am frühen Morgen von Pippa (zunächst gewöhnungsbefürftig, dann freudig erwartet).

Nele sprudelt Namen, die nach zartem Porzellan klingen und dabei von sehr schlauen Leuten sind beneidenswert flüssig: Mechthild Roswitha von Scheurl-Defersdorf oder Friedemann Schulz von Thun.

Und nun also das Buch.

Hört rein und lernt, wie ihr „Nein sagen“ lernen könnt. Wie ihr das Atmen nicht vergessen sollt (das kann sehr hilfreich sein). Wie ihr Glaubensätze überprüft und mit viel Essigammoniakschlotze aus eurer Seele tilgen könnt (kleiner Ulk). Lernt etwas über das A- Wort und wie ihr euren Wortschatz so entrümpelt, das Marie Kondo leise wimmernd einpackend könnte, da sie bei euch nichts mehr retten müsste.

Und wir kümmern uns selbstverständlich auch um „die Pflege“, wie sie es schaffen könnte, lockerlich aus der Hüfte „Nein“ zu sagen“.

Ach ja. Und kauft das Buch. Leider (also für mich) ist das kein Affilatet Link. Mit meinem Influencerruhm wird das so nie was. Ebenso nicht mit dem Reichtum. Ich Schaf! (Dafür hab ich lustige Geräusche eingebaut.)

Hördauer: 32:02

Nele Süß. „Wege aus der Nettigkeitsfalle: Der ideale Ratgeber für schrecklich nette Menschen. Neinsagen für Anfänger.“


♫♪ Kein Schwein ruft mich an ♪♪♫♪

„Er hat nicht angerufen!“


Wie auf glühenden Kohlen saß sie den ganzen Tag und wartete und wartete und wartete auf den erlösenden Anruf des Arztes. Endlich würde sie wissen, wie es weitergeht mit der Krebs-Therapie. Oder es würden neue, andere Möglichkeiten besprochen werden. Wenn, ja wenn er nur angerufen hätte.

Hat er aber nicht.

Und ich fühlte mich erinnert. An das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Gegen nicht erfolge Arztanrufe sind Liebesanrufe, die man voller Sehnsucht erwartet, Kindergarten.

Damals, als mein Vater am Herzen operiert wurde.

„So bald wir fertig sind, rufen wir sie an!“

Ich war freudig überrascht und – wider besseren Wissens – glaubte ich diesem Arzt.

Wider besseren Wissens deshalb, weil ich gefühlt 1000 Mal in meiner Laufbahn als Pflegeperson Ärzte gefragt hatte: „Hast du schon die Angehörigen angerufen?“ Und sie völlig arglos die Schulter meistens zuckten und „Mach ich gleich!“, sagten. In meiner Welt war wir es, das Pflegepersonal, das hinter diesen Anrufen her war, wie Gott hinter der barmherzigen Seele. Weil wir wussten, wie sehr Patienten und Angehörige warteten.

Und bestimmt hätte Sie auch gleich angerufen, wenn, ja wenn nicht wieder irgendwas dazwischen gekommen wäre. Eine eilige Blutabnahme hier, ein Patientengespräch dort.

„Hast du schon angerufen?“

„Ja. Mach ich jetzt!“

Und schon klingelt wieder das Telefon und aus die Maus mit dem Gedanken. Ach. Ich kenne es zu gut. Der schönste Vorsatz nützt nichts, wenn immer was dazwischen kommt.

Und nun wartete ich. Und meine Mutter. Mein Mann und meine Kinder. Miene Schwester. Ihr Tochter. Die über 90-jährige Schwester meines Vaters.

„Hat er bei dir schon angerufen?“

„Nein!“

„Naja – es kommt ja oft was dazwischen!“

Nach fünf Stunden war ich mürbe. Ebenso der Teppich, der deutliche Laufspuren im Kreis zeigte.

Ich war mürbe vor Angst und Sorge. Aus einem: Naja, bestimmt ist – wie ich es kenne, was dazwischen gekommen, dass er noch keiner angerufen hat wurde ein: Um Himmelswillen. Es wird doch nichts passiert sein und der Grund, warum nach 10 Stunden Operation immer noch keiner angerufen hat ist: Aufruhr, Reanimation und Pestilenz im OP? Lebt mein Vater überhaupt noch? Aber er hat doch gesagt, er ruft gleich an…..

Da weinte ich. Da konnte ich nicht mehr. Ich, die Königin der Selbstbeherrschung. Die Freundin des positiven Gedankens. Die Beherrscherin der Bewahrung jeglicher Ruhe.

Und als ich fertig war, ließ ich mich durch die halbe Uniklinik verbinden. Bis ich endlich an der Stelle landete, an die ich wollte.

Eine Pflegeperson war dran. „Ja. Ihr Vater ist bei uns. Schon seit vier Stunden. Er ist noch beatmet, aber kreislaufstabil. Alles sieht soweit gut aus.“

Da weinte ich wieder. Mehr wollte ich nicht wissen. Mehr brauchte ich nicht.

All das kam wieder hoch, als meine Freundin sagte: „Er hat nicht angerufen!“

Es ist in Ordnung, wenn Ärzte nicht anrufen. Keine Zeit haben. In Arbeit ertrinken. Blutende Ohren vom Dauertelefonieren haben. Irgendwann auch mal nach Hause gehen wollen. Es ist in Ordnung, wenn auch unschön für den, der so dringend auf diesen einen Anruf wartet. Aber das kann man verstehen.

Aber bitte, liebe Ärzte und Ärztinnen: Sagt dann nicht, dass ihr anrufen werdet. „Ganz bestimmt. Aber natürlich, rufen wir sie an. Sie machen sich ja bestimmt Sorgen!“

Denn es ist nicht in Ordnung, wenn Ärzte diese Sätze wie einen kleiner Beruhigungschultertätschler sagen. Und glaubt mir, ich habe hunderte von diesen Beruhigungschultertätschler ihn meiner Laufbahn erlebt! Dahingesagt, um den Angehörigen loszuwerden. Damit endlich Ruhe ist und keine weiteren Fragen auf einen einstürmen.

Es ist ein Unterschied, wenn man nicht kann oder nicht will. Und Überraschung: Man merkt es.

Im Falle meiner Freundin bin ich mir sicher, dass der Arzt nicht konnte. Im Falle des Operateurs meines Vaters weiß ich es nicht. Ich vermute zweiteres, nachdem ich ähnliches von Zimmernachbarn hörte.

SAGT ES NICHT.

Sagt es nicht, wenn ihr es nicht einhalten könnt. Beauftragt einen Kollegen, die Pflege, Arzthelferinnen, die kurz durchklingeln und Bescheid geben, dass es heute nicht klappen wird aber vielleicht morgen. Oder das alles soweit in Ordnung ist.

Lasst den anderen nicht Spuren in den Teppich treten und halb wahnsinnig vor Angst werden.

Wendet den Kategorischen Imperativ des Miteinanders an:
„Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“

Und dem gedankenlosen Rest, den es durchaus gibt und den ich oft erlebt habe, wünsche ich unbeantwortete Liebesanrufe zum Warmwerden. Einhergehend mit Anrufen beim Telefonanbieter in endlos dudelnden Warteschleifen , ob die Leitung okay ist. Bis sie dann den Herzendmensch anrufen, der gaaanz ahnungslos reagieren wird „Ach – du hast auf meinen Anruf gewartet? Na so was!“

Manchmal schaffen es Menschen, ihre Angst umzulenken. Ich trat den Boden platt. Sabine Dinkel schrieb einen Dialog mit ihrem Tumormarker auf. Und ich feiere sie sehr dafür.

Aus diesem Dilemma mit diesen Anrufen, die aus Gründen erfolgen oder eben nicht gibt es kein Entrinnen. Keinen guten Rat. Kein Patentrezept.

Aber ich wünsche euch Menschen dann an eurer Seite, die euch eine Schulter zum Weinen anbieten. Die mit euch die bangen Stunden durchstehen und bleiben und warten.

Bis die Erlösung kommt. Hoffentlich. In welcher Form auch immer.




Die Schutzengel-Madonna


In dieser neuen Folge der Rufbereitschaft erwartet euch:

  • eine Schwester in der Tasche
  • eine Bewerbung und ihre möglichen Folgen
  • Sonntagsdepressionen
  • frühere Vorstellungsgespräche
  • die Weltverbesserung – zumindest in einer Notaufnahme
  • Kampf für die Kollegen
  • die Schutzmantel -Madonna


…und das alles noch vor dem 1. Kaffee. Warum? Weil wirs können!

Liebste Sonntagsgrüße hiermit an Euch alle von mir und Monja.


Der Hörspaß beträgt 32:20 Minuten mit Sonntagsaufweckmucke

Der Merci-Chor der Pflege

Ein wundervolles, gesundes, gutes, neues Jahr.

Freunde – endlich!

Es ist mir gelungen, mein klitzekleines Technikproblem in den Griff zu kriegen, um eine neue Podcast-Folge zu kreieren.

Also nix mit einem Jahresrückblich – ist es eben eine Vorausschau. Warum auch nicht!

Und während ich knobelnd und nerdig an der Tastaur saß, kochte Monja in Berlin ein Essen zusammen, bei dem einen – ZURECHT – der Sabber aus dem Mundwinkel laufen könnte. Damit ihr euch ein Bild davon machen könnt: Bitte sehr:

Monja kocht Fisch. Oder Füsch, wie der BerlinerIn sagen würde. Mit Schaumgedöns obendrauf. Ich aß übrigens Sauerkraut. *seufz* (Foto: Monja, the godmotheroffishcooking)

Wir haben zusammen in dieser Podcast-Folge uns ganz was feines ausgeheckt. So ganz spontan aus der Hüfte. Und es gibt sogar was zu gewinnen – Überraschung!!!!

*Ist das schon Werbung, was nun folgt?* Pffff *WERBUNG*

Na gut – Ihr müsst hier ein bisschen was euch ausdenken.

Aber dann bekommt ihr das beste Cartoon-Sketch-Kritzel-Retter-Buch der „Nullschicht„ever, ever, ever von Medi-Learn. „Der wahrscheinlich beste Zeitvertreib für alle kreativen Köpfe im Rettungsdienst, in der Hilfsorganisation, in der Feuerwehr oder im Krankenhaus.“

Die Nullschicht ist ein 60 Seiten dickes Heft, voll mit Cartoons, Artikeln und kreativen Spielen – wie RTW Versenken, Malen nach Zahlen, Finde den Fehler sowie Cartoonentwürfte zum Vervollständigen. Dolle Sache. I love it. Alle kostenfreien Exemplare der Nullschichten sind vergriffen!

(Was du auf Seite 22 lesen wirst, wird sich umhauen! So wie mich!)

Und ich werfe sie unters Volk quasi – also halt gegen gute Ideen.


Mit freundlicher Genehmigung von Medi-Learn und einem dicken Danke dafür von mir!

Um was es geht – das müsst ihr euch schon selbst anhören – im neuen Podcast. Wir maulen ein bisschen über Pflegewerbungsgrütze, ergötzen uns an leckerem Essen und unterhalten euch und uns über die Zukunft.

Der Hörspaß beträgt 43:57

Blöde Zufälle

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Du konntest die Uhr danach stellen: 0.02 Uhr am 1. Januar gingen die „Lalülalas“ los. Der Nachtdienst ab 22 Uhr war meistens unspektakulär – kleinere Schnittverletzungen beim Salatschnippeln für das Silvesterbuffet, Schnittwunden von zersprungenen Gläsern beim hektischen Spülen grober Männerhände: „Das macht sonst meine Frau. Und Sie sehen ja, wo mich das jetzt hingebracht hat…“ bis hin zu den üblichen geriatrischen Geschichten. Es schien, als wären alle in Panik, zuhause oder auf den Straßen was zu verpassen. An diesen hohen Fest- und Feiertagen kamen tatsächlich die, die es nicht mehr aushielten (na gut. Auch die, die einsam waren, oder Langweile hatte).

Bis Mitternacht. Dann ging es ab. Pünktlich 2 Minuten im neuen Jahr. Den Sekt, den wir vor der Notaufnahme trinken wollten, wurde immer schal und warm. Denn spätestens nach dem ersten Schluck bog der erste Rettungsdienst um die Ecke.

Brandwunden, Knalltraum, Schlägereien, Alkoholintoxikationen, Schnittwunden, abgefetzte Finger, Stürze und wieder von vorne. Ab 3 Uhr morgens war es über die Jahre betrachtet nur noch bedingt lustig, wenn jemand dir hackedicht „ein total zauberhaftes, neues Jahr, schönes Fräulein“ wünscht. „Schaunse mal, was ich da gemacht habe….“ *kicher*… „sieht das nicht scheiße aus? * muhaaaa*“ Ein Finger weniger, weil Böller zu spät losgelassen, sieht immer scheiße aus. Ich machte über Jahre Nachtdienst in Silvester. Ich war jung und brannte für spektakuläre Verletzungen aller Art.

In einer dieser Silvester- Dienste ging die Tür auf und der Rettungsdienst kam im Zweierpack. Menschen, in blutiges Mull gehüllt. Den Schuhen nach zu urteilen, eher alte Menschen. Mehr war erst mal nicht zu sehen. Blutiger Mull, alte Schuhe. Brandgeruch. „Also, die Geschichte….ach – wir lagern erst mal um!“, sagte der Kumpel vom Rettungsdienst. „Dann machen wir Übergabe!“ Er feixte ein bisschen. „Die Geschichte ist etwas kurios und bedarf einer kleinen Ausholung.“ Und dann holte er aus:

„Die beiden Alten saßen im 7. Stock ihres Hochhauses und waren in Silvesterlaune. Vatti hatte sich ein kleines Feuerwerk gekauft. Er ging also kurz vor Mitternacht auf den Balkon, um mit der Knallerei zu beginnen. Weil es kalt war, schloss er die Balkontür. So gehört es sich schließlich. Mutti saß auf der Couch und wollte von innen zusehen.

Damit er niemanden verletzte, schaute er vom 7. Stock nach oben und nach unten – nicht, dass sein Knaller jemanden treffen würde.

Er beugte sich also über die Brüstung, als von unten eine Rakete hochschoss und haarscharf an ihn vorbei flog. So nah, dass er geblendet wurde – er bräuchte also später noch ein augenärztliches Konzil, den aktuell sieht er schlecht. Der alte Mann erschrak so sehr, dass er zurücktaumelte und mit seinem Kracher in der Hand, durch die geschlossene Balkontür stürzte. Dabei fiel ihm der Böller aus der Hand, und rollte hinter das Sofa, wo er einen kleinen Schwelbrand verursachte.

Die Gattin war mehr als erschrocken, aber dennoch so geistesgegenwärtig, dass sie einen Notruf absetzte.

Dann eilte sie dem Gatten zu Hilfe, der mit vielen Schnittwunden auf dem Boden lag und nicht mehr aufkam. Nachdem das einen Bein verkürzt ist, vermuten wir einen Oberschenkelhalsbruch. Bei der Hilfe des Gatten allerdings zog sich die Frau ebenfalls viele Schnittwunden zu, da überall Glassplitter der zerbrochenen Balkontür herumlagen.“

Der Rettungsdienst räusperte sich.

„Also: Zweimal tiefe und oberflächliche Schnittwunden bei beiden, bei der Gattin scheinen auch Sehnen durchgesäbelt worden zu sein – wie auch immer – die Hand fällt, Verdacht auf Faktur des Oberschenkelhalses bei ihm, Rauchgasvergiftung, und jetzt sind sie sehr durcheinander.  Verständlich! Sollten Sie wider Erwarten nichts haben – der Schlüssel ist bei der Nachbarin. Aktuell ist die Feuerwehr noch vor Ort – wegen des  Schwelbrandes. Wir gehen dann mal. Gutes Neues noch!“

Wir waren Stunden beschäftigt, mit der Versorgung der beiden Unglücksvögeln.

Silvester. Manchmal ist es tragisch. Manchmal auch durchaus heiter. Manchmal ist es beides.

Manchmal möchte man leise glucksen. Weil es mehr als kurios ist  – das Leben.

Liebe Freunde – in meiner Stadt sagt man – bevor man sich ein gutes neues Jahr wünscht: „Einen guten Beschluss“. Ich finde das sehr schön. Einen guten Beschluss für das finden, was war.

Möget Ihr alle ein glückliches neues Jahr haben. Ohne Unfall, Schaden und Gefahr!

Gottes Wandteppich

Freunde.

Ich saß bei meiner Mutter auf dem Sofa und hörte ihr zu, wie sie Klavier übte. Vorher gab es Tee mit Wölkchen (ein Löffel Sahne vorsichtig eingerührt)  und ein Knäckebrot mit Quark und Marmelade. Leckerste Speisen bei meiner Mutter zum Nachmittagskaffee.

Einmal machte sie mich nach einer Schicht fertig: Ich kam kaputt und brainoverloaded und sie wollte es mir schön machen: „Kind. Ich hätte ein Brot mit Quark und Marmelade – du kannst aber auch ein Wurstbrot haben oder lieber Käse? Ich hab auch noch was vom Mittagessen übrig, das könnte ich schnell warm machen. Oder magst du Obst? Was möchtest du denn trinken. Soll ich dir einen Kaffee machen oder lieber einen Tee? Ich hätte auch noch Saft da oder möchtest du Wasser? Gefühlt ging das Referat noch Stunden weiter und zerrüttete mich sehr. Brainoverloaded. Hätte sie mir ein Brot vor die Nase gestellt – ich hätte es gegessen. So musste ich denken. Und zwar sehr viel, sehr ausführlich und überfordernd.  Es war sehr anstrengend. Und ich liebte sie sehr dafür (im nachhinein), weil sie sah, wie fertig ich war und alles tun wollte, damit ich Freude, Liebe und Essen in Herz und Magen bekam.

Ich saß auf dem Sofa und hörte ihr zu, wie sie Klavier spielte. Das Klavier ist sehr alt, sehr gut gestimmt und glänzt ungeheuerlich schön schwarz. Sie übt eigentlich nicht Klavier, sondern bereitet ihr Orgelspiel vor. Fast jeden Sonntag hat sie noch Dienst. Dann fährt sie über Land bei jedem Wind und Wetter. Das strengt sie an, weil sie nicht sehr oft Auto fährt. Aber sie kriegt es hin. Bei Nebel tuckert sie eben mit 20 km/h die 18 Kilometer durch Nebelsuppe.

Dann besteigt sie Empore, knipst in den meist saukalten Landkirchen den mobilen Heizstrahler an und los geht es.

Seit fast 40 Jahren spielt sie.  Durch meine Kindheit ziehen sich Dreiklänge, Kadenzen und deren Umkehrungen sowie Erweiterungen durch alle Tonarten, die sie stundenlang probte und spielte. Mit Anfang 40 begann sie damals: „Du kannst doch Klavier spielen. Wir haben keinen Organisten. Könntest du nicht Orgel spielen lernen?“

Schuhe mit glatter Sohle wurden gekauft für „unten“ und dann übte und übte sie und ließ sich ein auf das Abenteuer „Kirchenmusik“. Mit Prüfung und allem Schnick und Schnack.

Jetzt ist sie 80 Jahre und spielt immer noch.

Am Mangel in der Kirchenmusk hat sich nichts geändert. Sie spielt mit Hingabe und was mich sehr rührt: Sie bleibt nicht stehen. Ich kenne Organisten, die bimsen sich ihre Stücke drauf und dann ist gut. Neues muss nicht und ist ja auch so anstrengend.

Nicht meine Mutter. Sie mag Neues entdecken. Und üben.

Als ich also auf dem Sofa saß und hörte, wie sie ein brandneues Stück  „Ganz schön modern nicht wahr? Aber so schöne Harmonien. Ich könnte fast weinen, so schön ist das“  – vorspielte, wurde mir mal wieder klar, wo ich herkomme.

Wie sie – auch mein Vater – mir den Weg bereitet haben, nicht stehen zu bleiben. Sich nicht zufrieden zu geben mit dem, was man kennt, sondern losziehen. Ausprobieren. Auch manchmal scheitern. Und dann wieder weitermachen. Neugierig bleiben.

Ich zückte das Handy und nahm ihr Spiel auf:

 

Abends saß ich auf meinem eigenen Sofa und schaute Daredevil.

Und hörte in der letzten Folge der 3. Staffel dieses hier.

 

„Gottes Plan ist wie ein wunderschöner Wandteppich. Und das tragische daran, ein Mensch zu sein, ist, dass wir stets nur die Rückseite davon sehen. Mit all den losen Fäden und unscharfen Farben. Wir bekommen nur eine Ahnung von der wahren Schönheit, die sich zeigen würde, wenn wir das ganze Muster sähen auf der anderen Seite  – so wie Gott es sieht.“

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Bildquelle: Pixabay

Auf Mutter Sofa hatte ich eine kurze Ahnung, einen kurzen Blick erhascht. Ein kleiner, sehr intimer, wunderschöner Moment, als meine Mutter spielte und ich zuhörte.

 

 

 

 

 

 

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