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notaufnahmeschwester

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Notaufnahmeschwester

Seit 20 Jahren arbeite ich in einer interdisziplinären Notaufnahme. Was jedoch zuvor geschah: An einem Samstag - kurz vor Weihnachten- wurde ich bei Minus 31° geboren. Ich war von Anfang an also gezwungen, es mir von innen schön warm zu machen - das kann sehr hilfreich im Leben sein. Aufgewachsen bin ich als Pfarrerskind in großen Pfarrhäusern mit noch größeren Gärten -mit jeder Menge Streuobst, die im Herbst direkt in Flaschen abgefüllt wurden. Apfelsaft in Hülle und Fülle. Voll Bio, als noch keiner davon sprach. Fernsehen gab es ausschließlich donnerstags beim Nachbarn: Wicki und die starken Männer. Heute könnte diese "entbehrungsreiche" Kindheit auf dem Land meine Affinität zu allem technischem Schnickschnack und einem schwarzen, koffeeinhaltigen Brausegetränken erklären. Krankenschwester wurde ich in einem kleinen Krankenhaus mit angeschlossenem Schwesternwohnheim, striktem Männerverbot sowie Sockenordnung. Hier herrschte Zucht und Ordnung und eine überdurchschnittliche Schwangerschaftsrate unter Schwesternschülerinnen. Nach Neurochirurgie und Dialyse kam ich vor vielen Jahren in die Notaufnahme. Dort bin ich hängengeblieben. Nirgendwo sonst verdichtet sich "Mensch-sein" so gut. Und nirgendwo lernt man so viel über das Leben und sich selbst. Und nirgends finde ich so viele Fettnäpfchen, in die ich man treten kann. Hin und wieder möchte ich sofort kündigen, aber meistens bin ich genau richtig dort, wo ich bin. Hier habe ich praktischerweise auch meinen Mann kennengelernt und entspreche somit wunderbar dem Klischee, dass sich die meisten Menschen auf der Arbeit kennenlernen. Mein heimischer Haushalt besteht mittlerweile nicht nur aus dem Mann, sondern auch drei Söhnen zwischen 11 und 15 Jahren, eine betagten Katzen und einem Klavier im Flur. Manchmal weiß ich nicht, was entspannender ist: Söhne, Haushalt und Hausaufgaben oder doch die interdisziplinäre Notaufnahme? Tatsache aber ist: Durch beides (Kinder und Notaufnahme) habe ich viel Gelassenheit gelernt. Nichts kann so schlimm sein, dass man es nicht zumindest versucht, zu verbessern. Und dann kam da diese eine Freundin, die mir so oft in den Ohren lag: "Das muss man doch mal aufschreiben!" Und so fing ich an.

Mein kurzes Leben als Fitting Model „Molly Mops“

 „Ach Gott. Dieser Blazer tut aber auch gar nichts für dich!“, rief Kevin bekümmert aus.

Er lehnte mit einer Pobacke am Schreibtisch, die Beine dabei graziös übereinandergeschlagen. Seine 7/8 Hose betonte die schlanken, haarlosen Beine. Eine Hand in der Tasche, die andere lässig an die Schreibtischkante gestützt. DAs lila Polo- Shirt lässig in die Hose gesteckt. Gestopft wird hier nichts!

„Und wie der überbügelt ist!“ Die Augen dehen sich dabei leicht nach oben! Meine Güte. Stümper überall und allenthalben.

Ich wusste noch nicht mal, dass man Kleidungsstücke überbügeln kann. Überbügeln! Was es nicht alles gibt!

Die Kollegin, die mit luftig aufgestecktem Haar daneben saß seufzte ebenfalls. „Hatten wir das nicht schon besprochen?“ Diese unzuverlässigen Lieferanten aber auch! Nichts als Ärger mit dem Pack. Und dann würden „sie auch noch frech kommen!“

Ich stand in der Mitte. Eine atmende Kleiderpuppe. Plus Size. „Lass die Arme mal hängen. Hm. Und jetzt winkle sie mal an. Wird auch nicht besser.“

Rückblick.

„Hömma. Willste Model werden? Meine Freundin sucht dringend Models zur Anprobe“. An einem feuchtfröhlichen Abend unter dem Motto:  Katheter müssen laufen, Krankenschwestern können saufen, sagte ich fröhlich zu.  Warum auch nicht? Für eine neuerlicher Karriere ist es nie zu spät, dachte ich mit etwas langsameren Hirnsynapsen.

Umso überraschter war ich, als drei Tage später mich eine freundliche Frau anrief um nachzufragen, ob ich wirklich und wahrhaftig einmal zu Anprobe kommen möge.  

„Warte in der Lobby auf mich, ich hol dich dann ab!“

So saß ich also ein paar Tage später ich in der Lobby auf fresh and fancy Sitzgelegenheiten. Würden diese Sackähnlichen, weichen und riesigen Sofas in meiner Stube stehen, wäre die einzig richtige Möglichkeit sie zu „besitzen“, sich der Länge nach draufzuwerfen und zu lümmeln. Hier aber erschien es mir deplatziert. Erste Eindruck und so. Ich hatte auch für dieses Möbel definitiv nicht die passende Klamotte an: Satt schick eher so „von einem langen Arbeitstag kommend“. Die geliebten Flip-Flops an den Füßen, statt High Heels. Verdammt. Eine Damen werde ich nie. Hildegard Knef wusste es schon immer.

Immerhin hatte ich 15 Minuten Zeit, eine vernünftige Sitzposition hinzubekommen. Ich schaffte es nicht. So stand ich auf und schaute wissend (?) aus den übergroßen, bodenlangen Fenstern auf gepflegte, langweilige Rasenflächen.

„Ich saß schon den ganzen Tag!“, entschuldigte ich mich mit der Attitüde eines gescheiterten Mr. Bean den schicken Empfangsdamen mit dem dezenten Make-Up einer Flugbegleiterin.

Schließlich holte mich Susi ab.

Ich folgte ihre ellenlangen Gänge. Viele hippe, schöne, schlanke Menschen kreuzten unsere Wege. Smart, fresh, erfolgreich, modisch, kreative. All das kroch ihnen schier aus jeder Pore.  Sucht euch – liebe Freundinnen und Freunde – etwas davon aus. Oder auch alles. Sie warenjedenfalls all das, was ich an diesem Tag definitiv nicht war.

Molly Mops und ihre Freundinnen

Aber ich war ja auch für die Puls Size Abteilung gebucht, die auch in diesem Hause hergestellt wird Oder wie meine Schwester immer zu sagen pflegt: Die Molly Mops Abteilung.

Nicht immer ist ein Nachteil, mehrere Pfunde zu viel auf den Rippen (und nicht esnur da!) zu haben, werte Leserinnen und Leser.

Ich gedacht meinen am Jahresanfang gefasste Gedanken: Nicht den Mangel, sondern die Fülle zu verwalten hier umzusetzen. Bingo. Wo, wenn nicht hier, wann, wenn nicht jetzt!

Und wann bitte schön, hat man Gelegenheit, in einer völlig anderen Welt einzutauchen.

Susi vermaß mich.

Nachdem sie mir gesagt hatte, es könne sehr schnell gehen – dann würde ich nicht in Frage kommen mit meinen Maßen oder eben länger – dann wäre ich im Rennen, war ich also dabei.

Wenn auch Suso bekümmert feststellte, dass ich etwas zu schlank um die Hüfte wäre. Ganz acht Zentimeter würde zu ihrem Glück, bzw. zum passenden Maß fehlen. Acht Zentimeter. Ich war fast untröstlich. Wenn man überall Norm ist, ist es erfrischend irgendwo acht Zentimeter zu wenig(!) zu haben.

Ob man sich mit einer Polsterhose für mich behelfen könne? Schwierig!

Gudrun schaute ums Eckt. Endlich ein Mensch. 180 cm groß, und ungefähr auch so breit, zauselige Haar, entsprach sie so gar nicht all den schönen Menschen, die ich bisher in diesem Laden gesehen hatte. Ich mochte sie vom ersten Augenblick.  „Mei!“, sagte sie in breitestem Dialekt. „So san halt a unsere Kunden!“. Da gibt’s kei Norm!“

Harte Liebe. Dennoch: Die Acht Zentimeter. Sie seufzten.

Dennoch wollte es man mit mir probieren. Ich jubilierte innerlich. Ich sah mich glücklich eine schöne Klamotten nach der anderen überwerfen. Die schönsten Muster schenkte man mir in grenzenloser Liebe und Großzügigkeit. Endlich würde aus deinem Jeans, Shirt und Flip Flop Weib eine gutangezogenen Lady werden. Schick, fresh und fancy. Wie alle hier. Im Herbst würde ich mir mit modischen Schick selbst ein Tüchlein um den Hals knoten können. Influencerin würde ich für dieses Label werden. Alle wären glücklich. Was für eine Zukunft! Alle Krankenschwestern, GUKS und wie sie alle in Zukunft heißen würden, würden bei diesem Label kaufen, weil ich es repräsentieren würde…. Swipe up und so. OMG. Schnell mein Fläschchen.

Das Leo- Print Kleid jedenfalls kaufte ich mir zwei Tage später im Online Shop. Ich fand, ich hätte nun das richtige Alter für Leo Print. Gerafft in der Taille mit Chiffon. Ich fand mich wunderschön. Selbst Flip- Flops konnten der Schönheit keinen Abbruch tun.

Eine Woche später fand ich mich zur erste Musterprobe ein. Dachte ich zunächst an ein “ Ich- tun- einer- Freundin– einer Bekannten– einen Gefallen-und -kommen- mal“, war das Ganze hier als richtiger Nebenjob gedacht. Einmal in der Woche Musteranprobe. Mit einer „Dünnen“ zum Vergleich. Mops gegen Normal. Damit man sieht, ob das Musterstück auch allen passt. Löblich.

Sandy saß schon da, kaute Kaugummi und sollte mich „einarbeiten“:

„Na, halt anziehen und stillstehen“.

„Ach so! Geht klar“

Die ersten Damen und Herren kamen mit fünf „Plünnen“ auf der fahrbaren Kleiderstange. Inklusive des Balzers, der so „gar nichts für mich tat“. Anziehen. Stehen. Fotos von allen Seiten. Geplauder zuhören.

„Also meinst du zwei Grad mehr? Knopf höher oder nicht?“ Also für mich gabs ja nichts zu essen. Die haben das Fleisch aus meinem Essen herausgefischt und dann wars vegan Das war echt doof. Drei Kilo habe ich abgenommen. Was? Die Ärmel doch kürzer? Wie hatten wir uns das denn gedacht? Also ich weiß nicht. Nein Spanien ist nichts für mich. Ich dachte, Ibiza wäre fortschrittlicher…!“

Ich schwitzte.

Kevin ließ die Klimaanlage anstellen. Die „Kinder“ arbeiteten den ganzen Tag in kühlen Räumen. Ich kam aus 30 Grad im Schatten von außen und schwitze und dampfte nach. Ohne jede Möglichkeit, einen Scherz zu machen (so gut kannten wir uns noch nicht), geschweige denn, fröhlich das Lied von Marius Müller Westerhagen „Dicke schwitzen wie die Schweine“ anzustimmen – ohne dass es komisch gekommen wäre. Auch eine Schaufel, um mrt vor Peinlichkeit ein Loch zu graben, gab es nicht.

Ich kam mir vor wie „Herr Müller“ mit seiner oberen Sprunggelenksfraktur. Herr Müller ist nicht weiter Existenz. Herr Müller ist Bein. Ich bin Körper. Ohne Seele. Eine sehr interessante Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte.

Meine Güte. Und war für Plünnen – wie meine Omma gesagt hätte. Im Katalog sahen sie super aus!

Was hätte ich in dieser Zeit Sinnvolles anfangen können. So stand ich dekorativ herum m und langweilte mich ab der siebenten Klamotte fürchterlich.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wie sonst – hätte ich allerdings auch nicht sagen können. Die Leute waren nett, die Arbeit nicht schwer oder gar anspruchsvoll.

Und doch fehlte mir die Sinnhaftigkeit. Mehr Fashion. Mehr Glamour. Mehr irgendwas Unbestimmtes. Mehr Ich selbst sein. Keine Ahnung. Wollte ich das?

Irgendwie war ich unzufrieden, ohne genau zu wissen, warum. Schlecht gelaunt.

Bis heute weiß ich es nicht.

Ich hatte einen Einblick in einer mir fremde Welt, die ich nicht missen wollte. Eine Welt, die für den schönen Schein zuständig ist. Die nicht nach dem tieferen Sinn fragt und sich ärgert, wenn Kleidungsstücke überbügelt sind. Ich dachte, es kann nicht schaden, wenn ich das erleben darf. Nicht immer am Knorpel des Lebens nagend, sondern Schönheit erlebend.

Die Entscheidung, ob ich das weiter machen möchte oder nicht wurde mir abgenommen. Mir wurde abgesagt. Wahrschielich hat sich zwischenzeitlich jemand gefunden, der über acht Zentimeter zum Glück verfügt.  Und soll ich euch was sagen: Ich bin glücklich, Ich muss nicht länger nachdenken, ob ich das will oder nicht, die dem ich das Gefühl habe, dass es mich auf Dauer nicht froh macht.

Wenn man älter wird, ist es Gnade, neue Erfahrungen zu machen und mit Aufräumtante Marie Kondo zu sprechen: „Was dich nicht glücklich macht, kann weg!“

Und so endete meine Molly Mops Karriere schneller als gedacht. Und es ist gut so!

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Boing!

Jede Frühschicht – natürlich außer am Wochenende — jede Frühschicht also, die der Schöpfer in seiner Güte der Menschheit schenkt, begann mit einem possierlichen Schauspiel: Der Tross versammelte sich. Man hörte ihn – so man die Tür öffnete – wie ein umtriebiges Bienenvolk durch die Stockwerke wabern. Assistenten, Oberärzte, PJ-ler, Gäste, Förderer, Mägde und Knechte – ach nein- die nun nicht. Aber alle anderen schon: Sie machten sich auf zum Rapport, zur Frühbesprechung, zur Schande oder zum Lob des Tages.

Zuletzt oder auch mittendrin: the Godfather of Menschenheilung.

Die Wege einer Klinik gehen einem in Fleisch und Blut über, so man dort eine gewisse Zeit wandelt. Man weiß genau, wann man spätestens den Kopf heben muss, um nicht gegen Türen oder Aufzüge zu laufen. Die Anzahl der Schritte ist einem in Gewebe und Nervenbahn – also in Fleisch und Blut übergegangen. Man weiß, wann es Zeit ist, abzubiegen oder streckt die Hand nach der Türklinke instinktiv aus, ohne sie wirklich und wahrhaftig zu sehen. Geistiges Auge und so.

Bildquelle: Pixabay. Beelitz Heilstätten

Der Tross, der da seinen bandwurmähnlichen Gang jeden Tag gemeinsam durch das Haus antrat – flux dem Besprechungszimmer entgegen – arbeitete im höchster Effektivität. Aus Gründen der Sparsamkeit ihrer aller Ressourcen, kürzen sie den Weg ab, indem sie durch die Notaufnahme liefen. Drei Flure sowie mehrere Abbiegungen wurde dadurch eingespart. Dort, wo die Patienten aus dem Warteraum Einlass in die heiligen Hallen der Heilkunst fanden, wurde es so, morgens kurz vor 8 Uhr, schon mal voll.

„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“

Oder wie meine ehemalige Oberschwester Hilde einst schon sagte: „Wenn du sitzen kannst, dann sitze und wenn du liegen kannst, dann liege.“ Vielleicht hätte sie hier noch wohlwollend hinzugefügt: „Und wenn du abkürzen kannst, kürze ab!“

An einem der Tage hatte sich – aus unerfindlichen Gründen – the Godfather of Menschenheilung verspätet. Alle waren schon durch. Mein Kollege rief daher schon einmal einen Patienten auf. Man möchte ja nicht die Patienten verwirren, indem sie mit dem Tross durch die Tür „schwappen“. Schwungvoll öffnete er die Tür, um den Fußlahmen hereinzulassen, als es „boing“ klapperte, gefolgt von einem aufstöhnenden „aua“ sowie einem gepflegten „Ach du Scheiße“, welches dem Kollegen entfuhr.

The Godfather of Menschenheilung hatte sich an diesem Morgen scheinbar verschätzt. Zu spät schaute er auf, um zur Türklinke zu greifen, die ja auch nicht in diesem Moment an seinem Platz war, sondern sich – weil der Kollege die Tür aufriss – völlig woanders befand. Seine Gewohnheit, der Schutz des Schwarm sowie die Dienstbeflissenheit meines Kollegen waren ihm in die Quere gekommen. Nun zierte the Godtaher of Menschenheilung eine Kopfplatzwunde mitten auf der Denkerstirn. Auweia!

Flugs wurde sein Wunscharzt aus der Besprechung geholt, der ihn wieder zusammenflicken möge. Ein Klammerpflaster obendrauf und ein Coldpack später war er geheilt und nahezu wie neu – doch scheinbar tief in seinem Innersten zerrüttet: Diese gefährliche Türe! Was hätte nicht alles passieren können. Gemeingefährlich das alles! So würde es nicht weitergehen können. Niemand sollte erneut Opfer dieser Tür des Grauens werden. Er würde es zu verhindern wissen!

Und so kam es also, dass an einem schönen Tage, als ich durch diese gemeingefährliche Tür zum Dienst gehen wollte, eine kleine Gruppe hochmotivierter Menschen davor stand: The Godfather of Menschenheilung ebenso wie der Klinikleiter, die Chefs der Notaufnahme, der Sicherheitsbeauftragte der Klinik mit wichtigem Klemmbrett im Anschlag und die Pflegedienstleitung. Sie alle hatten sich eingefunden, um eine Art Sicherheitsbegehung zu machen. Gemeinsam überlegten sie, welche Möglichkeiten, Risiken, Sicherheiten und dergleichen nötig wären, um andere vor einem ähnlichen Schmerz und Schicksal wie die des Gotfathers of Menschenheilung zu schützen. Konspirativ und sehr ernst. Wohlwollend. Abwägend. Unfallverhütend.

Man kam nach einer Stunde intensiven Gesprächs drauf, ein Stück (abwaschbares – natürlich!) Trassierband anzubringen. Sowie eine Gummischutzlitze über die gesamte Türstocklänge. Zur Abfederung und Sicherheit zukünftiger Blindfische, die gerne gegen Türen laufen. Zumauern wurde verworfen ebenso wie eine Art Poller mitten im Flur. Auch andere, lustige Ideen wurden nicht weiter verfolgt. Man wollte ja die Tür im Haus, sprich die Kirche im Dorf lassen. Haha – kleines Scherzchen.

Man war sich einige, dass dieses Gespräch hilfreich und gut war – auch im Hinblick auf zukünftige Generationen. Sie alle würden von des Godfathers of Menschenheilungs Erlebnissen profitieren. Keiner würde mehr leiden müssen! Im tiefen, befriedigten Gefühl der Rettung auf dem kleinen Dienstweg trennten sich ihre Wege wieder. Lob und Preis!

Nur wir – die Knechte und Mägde des Hauses – blieben ein wenig ratlos zurück. Hätten wir ähnliches erwarten könne, wären wir gegen diese Tür gelaufen? Oder hätte man uns ins Genick gehauen – mit einem strengen: „Mach halt deine Augen auf, du ****!“ (Ergänze ein Schmähwort deiner Wahl). Wenn wir eine Klärung des Sachverhalts gewollte hätte, um auf die Gefahr einer sehr , sehr gefährlichen Tür aufmerksam zu machen: Hätte man uns Gehör geschenkt? Oder wären uns am Ende dieses wegen möglicher Peinlichkeiten erst gar nicht in den Sinn gekommen?

Diese Fragen werden wohl nie geklärt werden. Nie.

Wir aber waren sehr froh gewesen, dass sie hiermit nun immerhin einmal richtig abgeklärt wurde. In Gänze. Und Fülle.

Na gut. Vielleicht lachten wir auch ein wenig. Aber nur ganz verstohlen.

Bitte die Wischrichtung beachten!

Es folgte eine kleine Krankengeschichte. Wobei es natürlich mehr ist, als eine Krankengeschichte. Und eigentlich ist es auch völlig unerheblich und ginge keinen was an, wenn ich nicht wieder was dabei gelernt hätte: Wie Abschied geht.

Vor einiger Zeit hatte es mich erwischt: ich hatte eine Blasenentzündung. Kenn ich nicht. Der liebe Gott hat andere Schwachstellen meines Körpers vorgesehen. Die Blase gehört – bis auf eine Ausnahme – bisher nicht dazu. (Und wahrscheinlich gehört sie auch nur deshalb dazu, damit ich heute erzählen kann, wie ich mir das Bläschen im letzten Jahrtausend in „den Hamptons“, am Strand in der schon frösteligen Abendsonne sitzend, verkühlte. Das knallt mehr rein, als jede andere Geschichte der Blasenentzündung, nicht wahr?

Honeymoon-Zystitis (die berühmte Flitterwochen-Blasenentzündung – oder too much men – war mit bisher im Leben ebenso fremd wie jeder andere Art. Kannte ich nicht. Nada. Niente.

Und nun das. Ganz anderes als bekannt. Irgendwann zog es hoch in die Nieren und da dachte ich: Nun. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, doch mal einen Ultraschall machen zu lassen sowie den Beweis in Form eines Pinkelstreifens – dazu eventuell ein Antibiotikum, wenn nötig. Da kann nicht schaden.

Ehrlich gesagt dauerte es etwas, bis ich einen Zusammenhang herstellte. Was ich bei anderen superdupergut kann – eins und eins zusammenzählen – funktioniert bei mir selbst nur bedingt. Betriebsblind sozusagen. Und dann ist eh nie die richtige Tablette im Haus oder kein Pflaster oder dergleichen.

Ich rief also in der Notaufnahme meines Vertrauens an- meinem früheren Leben. Nicht, dass an diesem Tag nur Pfeifen dagewesen wären. Es ist mittlerweile zum Glückspiel geworden. Auch, weil ich kaum noch jemanden kenne. Das Personal hat fast einmal komplett durchgewechselt, dass es ein Glückstag ist, auf Kollegen von „früher“ (vor einem Jahr!) zu treffen.

Ich hatte Glück. Nicht nur mit den Kollegen, die mir wortlos Pinkelstäbchen und Becher reichten, sondern auch mit Schnucki, dem Arzt meines Vertrauens.

Nächtelang hatten wir einst Spaß zusammen. Patienten versorgt, er – der Anfänger – ich die langjährige Notaufnahmeschwester. Ich mochte seine Art des Nachdenkens, den Versuch, wirklich zu lernen und immer besser zu werden. Seine Reflektion, seinen Witz. Wir freuten uns immer sehr, wenn wir zusammen Dienst hatten. Wir profitierten voneinander.

Ich, dass endlich mal einer da war, der wollte und Freude daran hatte (zu der Zeit gab es nicht viele davon) und er – so sagte er – von meiner Erfahrung. Quasi winwin. Wir sprachen übers bloggen und wie gerne er für andere angehende Ärzte schreiben würde, damit sie es aufgrund seiner Erfahrung leichter hätten (Schucki: Ich warte immer noch!)

Ich erzählte ihm von meiner Liebe zu Twitter (und überhaupt diesem ganzen Sozial Media Gedöns) bei einem Besuch, als die Vögel über seinem Balkon aufstiegen und sich rege und lautstark austauschten.

Die Vögel. Ein Sinnbild für Twitter -oder so ähnlich.


An jenem Abend hatte er etwas vorbereite, auf dass wir nicht auf dem Trockenen sitzen sollten und es rührte mein Herz sehr – aber urteilt selbst:

Schnucki war vorbereitet auf meinen Besuch. Und ja -es rührte mein Herz!

Also. Schnucki hatte Dienst. Hurra. Doch Schnucki und ich hatten uns schon länger nicht mehr gesehen, oder er war mehr Arzt geworden oder was auch immer. Schnucki zickte und gierte nach Blut!

„Schnucki“, sagte ich. „Mach mir bitte nur einen Schall. Ich weiß was ich habe, möchte aber ungern, dass es bis in die Niere gezogen ist.“

Schnucki grummelte… „Blutwerte“ … „Entzündungszeichen“ … „Katheter“…

„Schnucki“, so sprach ich. „Sei unbesorgt. Ich bin es. Ich brauch das nicht. Ich möchte einen Schall und ich brauche auch später keinen Arztbrief. Kleiner Dienstweg unter Kumpels quasi. Mehr nicht. Sollte was zu sehen sein, können wir immer noch das volle Ballett starten.“

Schnucki schrieb betont langsam irgendetwas zu Ende und kam mit. Das Ultraschallgerät schob ich – wie in alten Zeiten – gleich einem störrischen Hund, hinterher.

*sprotz* das Ultraschallgel auf nackte Haut.

*schall schall*

„Weißt du woher du die Blasenentzündung hast?“

„Keine Ahnung! Wirklich nicht!“

*schall schall*

„Die Wischrichtung weißt du ja, nicht wahr?“

WHAT?????

Freunde. Stellt euch bitte vor: Da wirst du bald ein halbes Jahrhundert alt, und wirst ernsthaft gefragt, ob du weißt, wie die Wischrichtung ist? Als Frau. Nach 300 gefühlten Jahren Berufserfahrung? Das fragt er mich?

(Falls sie einer nicht weiß: Mädchen und Frauen immer von vorne nach hinten. #ausGründen. „Hinten“ sind die bösen Keime, die man „vorne“ nicht haben will.)

Schnucki fragte mich also allen Ernstes nach der WISCHRICHTUNG? Als wäre ich ein Vollhonk und nicht seine frühere, geschätzte Kollegin. Ich war nicht mehr die Notaufnahmeschwester, ich war die 08/15 Durchschnittspatientin, der man 08/15 Durchschnittsfragen stellt. Da ist jeder gleich. Keine Ausnahme. Das war so gelernt! Das ist richtig und gut und hat sich in den letzten Jahren immer bewährt, wenn man sich am Standard geschmeidig entlang hangelt. Warum also eine Ausnahme?

Weil nichts ungerechter ist als die Gleichbehandlung von Ungleichem. Darum.

Ich war eine potenzielle Anna – wie bei Dr. House – und nicht mehr diejenige, die ihm das ein oder andere beigebracht hatte. Die dabei war, wie er „groß“ wurde.

Freunde. Ich bin relativ selten sprachlos. Hier war ich es. Und erst eine Stunde später fiel mir ein, was ich hätte so schön erwidern können. Mit einer ebensolchen geschäftigen Beiläufigkeit, mit der er mir diese Frage stellte.

*seufzt* Ich hätte nicht so viel rumvögelen sollen (so viel zum Thema Honeymoon Zystitis) (Entschuldige bitte Papa und Tante Liesel).

*seufz* Achja. Vielleicht war mein neuer Whirlpool nicht mehr ganz so klar… *kichernd, sich in wohligen Erinnerungen verlierend.

*abrupt aufsetzend* ES GIBT EINE RICHTUNG? WAS? ECHT JETZT?

So lag ich da und japste:

„Schnucki. Du hast mich jetzt nicht allen Ernstes gefragt, ob ich die Wischrichtung kenne!?“

„Was – wie? Doch natürlich!“

*schall schall schall*

Schnucki hat mir eine Frage gestellt. Ohne Arg. Aber auch ohne groß nachzudenken.

Eine Frage, die er bei dieser Diagnose wahrscheinlich jeder Frau stellen würde – egal woher, wie alt oder gebildet. Eine wichtige Frage. Eine gute Frage. Solide und im Fragenkatalog auf Seite 2 zu finden bei der Rubrik: Fragen bei Blasenentzündung. Jede kann schließlich eine Anna sein.

Ich dachte, ich wäre schlauer von ihm eingeschätzt worden. Aber gut – mit der Diagnose!?

Aus der Stellung “ geliebte (nananan) Kollegin“ war ein „hier liegt irgendeine Patientin“ geworden. Eine Standartfrage, wo ich nie Standard vermutet hätte.

Ich war also an diesem Tag zum Standard geworden und ja – Freunde – es schmerzte.

Das war der Tag, an dem ich wusste: Ich bin wirklich raus aus der Nummer mit der Notaufnahme. Ich bin nicht mehr die Notaufnahmeschwester. Ich bin jetzt eine potenzielle Anna. Dumm wie Brot, Hilfe suchend, Schaukel zu nah an der Wand: Alles möglich.

Pünktlich fünf Tage später fragte er mich über die sozialen Medien, wie es mir denn so gehe. Sehr süß. Besorgt. Rührend.

Er wird ein guter Arzt werden. Da bin ich mir sicher.

Und dennoch Schnucki: Es gibt Unterschiede. Wie gesagt: nichts ist ungerechter als die Gleichbehandlung von Ungleichem.

Es wird dich mehr als ein Bier „kosten“, den Schmerz von mir zu nehmen, dass du in mir eine potenzielle Anna sahst.

*Ach ja. Werbung, weil ein Bier gezeigt wurde. Es wurde selbst gekauft. *

Kriegsgefangenschaftstagebuch Teil 1

In dieser Folge des Podcast spreche ich nicht. Das macht er hier:

91-jährig lässt er sich von techischem Schnickschack nicht stören und liest in seinen Aufzeichnungen der Vergangenheit

Bei einem unserer Gespäche erzählte er mir von seiner Zeit in russischer Gefangenschaft. Und davon, wie er – als er wieder zurück war – alles aufschrieb.

„Zwischen den Seiten dieses Heftes hab ich alles gelassen. Ich schrieb mir alles von der Seele. Heute les ich es und könnte auch was anderes lesen. Es ist vorüber.“

Er lieh mir sein Heft.

Ich war sehr berührt, seine Geschichte zu lesen. Seinen Verlust des Freundes am 1. Tag des Kriegsendes. Die Angst. Die Ungewissheit. Den Hunger. Und auch den Schalk, der zwischen all dem immer wieder hervorlugt. Und es ist auch die Geschichte eines Erwachsenwerdens. Heute Bauernbub – morgen Soldat, der schnell noch für das Vaterland den Krieg „herumreißen“ sollte.

Taucht ein mit mir in diese Geschichte. Hört zu. Damit es sich Geschichte nie wieder wiederholt. Das Grauen einen Krieges. Hört die Geschichte eines Jugendlichen. Ja – fast noch eines Kindes, die hier Raum findet.

Seinem Alter geschuldet gibt es sein Tagebuch in mehreren Teilen.

Teil 1: Dauer 22:27

Patienteneigentum. Eine Erregung.



Ich kaufte mir eine Jacke.
Flauschiges Fell – natürlich kein echtes Fell. Dennochn ein Fell, das man immerzu streicheln möchte. Wie Basset-Ohren. Oder flauschiges Kanninchenfell. Sie ist dunkelrot und wunderschön. Eine Seelenjacke.
Die Dame an der Kasse nahm sie und packte sie in eine Tüte. Und da fiel er mir wieder ein. Der Mann. Der, den ich schon immer mal kennenlernen wollte. Der eine „Größe“ in der Stadt war. Bekannt – aber mehr so aus dem Hintergrund. Bestens vernetzt mit viel Prominenz. Zu gerne hätte ich gewußt, wie er so tickt. Was ihn antreibt. Und die ein oder andere Geschichte der Stars und Sternchen hätte ich – ich gebe es zu – auch gerne direkt aus erste Hand erfahren. Wie aufregend das alles sein musste.
Ich traf ihn auf einer Veranstaltung, die ich mit meiner Schwester besuchte. Nie hätte ich ihn angesprochen. Man soll die Leute in Ruhe lassen.

„Gehe nie zum Fürst, wenn du nicht gerufen würst!“




Meine Schwester ist da anders. Sie maschierte auf ihn zu, mich hinterherziehen wie bei diesen Instastorys, wo die Frauen immer den Männern die Welt zeigen wollen, die sie aber nicht sehen, weil sie ja die Frau knipsen müssen, die den Männern die Welt zeigen wollen….Also ich hinterher. Da war meine Schwester schon munter am plaudern mit dem Mann.Er hörte zu, plauderte zurück. Nicht besonders herzlich, aber auch nicht abgneigt. Mehr so höfliche Diszanz. Warum auch nicht.Meine Schwester stellte mich vor: „….meine Schwester. Sie arbeitet in einer Notaufnahme.“
„Ach wirklich! Wo denn?“Fast war ich entzückt über das Interesse vom Mann. Hatte ich es so geweckt, so dass er mir unverzüglich schmutzige Details – egal vom wem und warum – erzählen würde? Würde er mich engagieren, weil ich bestimmt lustige Geschichten zu erzählen hätte?
Doch weit gefehlt.
„Ach da! Na da habe ich ja auch eine Geschichte!“
Ach du liebe Zeit. Es schrillte die Alarmglocke. Ich ahnte, was folgen würde. Das Standartprogramm: Knieschmerzenn hier, Hodenprobleme da… Ich als Krankenschwester hätte doch da bestimmt….. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wie schade.
Er hub an, eine äußerst langweilig vorgetragene Geschichte eines Sturzes zu lamentieren. Er wehklagte weiter über den schmerzhaften Abtransport in die nächste – „Ihre Klinik!!!“ Die höfliche, distanzierte Behandlung. Er belärmte die Wartezeit von einer halben!!!! Stunde, um dann in einem Crescendo seinen wahren Unmut kundzutun: Er musste sich ausziehen für die Untersuchung. Seine Kleider wurden in einen Sack gesteckt. In einen Sack! Lieblos! In einen Sack! „Darüber müssen wir mal reden! In einen Sack! Gestopft!“

Leider war es keine private Aufführung von Thomas Bernhards „Holzfällen. Eine Erregung“.
Eigentlich war es nur peinlich. Aus einem Menschen, den ich wirklich gerne aus mannigfaltigen Gründen kennenlernen wollte, war nicht nur ein Mann aus Fleisch und Blut geworden, sondern ein lamentierender, sich ereifernder Arsch ohne den geringsten Hauch von gesunden Menschenverstand.

Ich versuchte einen Scherz. Schnell. Ein Scherz in heiklen Situationen, um die Stimmung ein wenig aufzuheitern.
„Aber lieber Herr. Eine wichtige Krankenhausregel ist nun mal: Keine Diagnose durch die Hose….“
„IN EINEN SACK!“
„Nun. Ein Gaderobenständer- oder fräulein gibt es bei uns in der Tat nicht!“ (Ich war so unfassbar höflich und gelassen)“LIEBLOS! IN EINEN SACK! Nach der Untersuchung konnte ich mir meine Hose selber wieder aus dem Sack heraussuchen. AUS DEM SACK! WIE BEI DER MÜLLABFUHR!!!!!!““Hatten Sie nicht nicht Knieschmerzen? Oder waren Sie auch auf die Hände gefallen?“
Whouuuuuuuu. Widerwort. Dem Mann. Der seine Hose aus einem Sack, in die sie lieblos!!! hineingeknüllt war!!!! herausholen musste. Trotz Schmerzen! In seinem Zustand!!!!
(So viele Ausrufezeichen kann ich gar nicht in diesem Text unterbringen, um sie kenntlich zu machen .Stellt euch eine Herde vor. Eine große Herde. Die Empörung war groß.)
Ja. Das sind schlimme Schicksale, die täglich in Notaufnahmen passieren. Lieblos werden sorgfältig angekleidetet Stücke vom Leib gezerrt und in Säcken verstaut. Wir nennen sie Tüten ja lieber „Patieteneigentum“. Aber was solls. Sack klingt auch nicht schlecht. Beschriftet mit dem Namen des Klamottenspenders werden sie an eine geeeigente Stelle gelegt, damit man sie später – nach Untersuchungen aller Art- wiederfindet. Unser Berufsstand ist sich sogar zu schade, Menschen ohne Not wieder anzukleiden. Sie lässt es sie selbst machen. AUS EINEM SACK! Wie von der Müllabfuhr oder einen Discounter!
Was für ein Vollpfosten. Ob er sich bei der Prominez auch so benahm? Oder nur beim normalsterblichen Volk? Gibt es etwas schneller entzauberndes, als langatmigem Geschichten – jenseits von gesundem Menschenverstand?
Auf die Frage, wie man seiner Meinung nach einer möglichen Problemlösung des „Sacks“ bei den vielen Patienten, die nun mal für die ein oder andere Untersuchung ausgezogen werden müssen, konntwe oder wollte er – wegen der Erregung vbermutlich – nicht antworten. Außer einem Abschlussschnaufer „…aus einem Sack!“kam nicht mehr viel.
„Das ist doch nicht mein Problem!“
Stimmt. Meines aber auch nicht.

„Schlimm“, sagte ich, meinte es nicht so und musste dringend weg. Nicht, dass er noch wegen eines Schaganfalls mir an die Brust sinken würde.

All das fiel mir ein, als die Kassiererin meine flauschigste aller Flauschjacken in eine Tüte packte. Ich bedankte mich artig, nahm den SACK!!!! und ging freudig nach Hause.





Corpus permixtum im Holy Jungle #ibes

Ich plauderte mit der Theologin Birgit über ‚#ibes (Für alle Nichtkenner: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“)

Vielleicht nicht unbedingt das, was ihr von einer Notaufnahmeschwester erwartet. So what? Die Reihenfolge „#ibes, Theologie, Liebe und Notaufnahme kommen dennoch drin vor.

Wir nennen es #ausGründen: „Corpus permixtum – The Holy Jungle. Blondinen, Pippiyotta und der Currywurstmann“. Damit auch ganz schlauen Menschen nicht um einen intellektuellen Anspruch gebracht werden (und vor allem wie man das zusammenbringt).

ACHTUNG! Für alle Nörgler und Hater – quasi alle „Saulusse/Sauli“ dieser Welt: nach dieser Plauderei werdet ihr möglicherweise zum Paulus was #ibes betrifft. Denn wir beide haben schwer Liebe im Herzen für dieses Format. Das wird überschwappen! ACHTUNG.

Hört rein und lasst die Hüllen fallen wie Leila im Tümpel, seid wie Gott bei den Schwachen und Sybille, erlebt die Zerbrechlickeit der Selbstoptimierung bei Yotta sowie schlechte Friseurerbegnisse bei Domenico, erlebt die Ohnmacht der schweigenden Frau bei Evelyn und vieles, vieles mehr!

Hördauer 44:41 Minuten

Wege aus der Nettigkeitsfalle

Dieser Artikel enthält Werbung, da ich das Buch als Rezensionsexemplar druckfrisch frei Haus geliefert bekam.

„Wenn du nett zu anderen bist, werden dich alle mögen…“

Kommt euch das bekannt vor? Und wer wollte das nicht: von allen geliebt, gemocht oder zumindest geachtet werden. Koste es mitunter, was es wolle.

Und schon seid ihr mit Anlauf in die Nettigkeitsfalle geplatscht. Mit Nele Süß hab ich darüber geplaudert. Sie kennt das und hat – „AEG-mäßig“ (Aus Erfahrung gelernt) – darüber ein Buch geschrieben. „Neinsagen für Anfänger“.

Mit Nele verbindet mich der Duft nach Apfelbrötchen, gemeinsames Schnarchen in einer Kemenate bei der von uns sehr geliebten Sabine Dinkel – gekrönt von einem Hundkuss am frühen Morgen von Pippa (zunächst gewöhnungsbefürftig, dann freudig erwartet).

Nele sprudelt Namen, die nach zartem Porzellan klingen und dabei von sehr schlauen Leuten sind beneidenswert flüssig: Mechthild Roswitha von Scheurl-Defersdorf oder Friedemann Schulz von Thun.

Und nun also das Buch.

Hört rein und lernt, wie ihr „Nein sagen“ lernen könnt. Wie ihr das Atmen nicht vergessen sollt (das kann sehr hilfreich sein). Wie ihr Glaubensätze überprüft und mit viel Essigammoniakschlotze aus eurer Seele tilgen könnt (kleiner Ulk). Lernt etwas über das A- Wort und wie ihr euren Wortschatz so entrümpelt, das Marie Kondo leise wimmernd einpackend könnte, da sie bei euch nichts mehr retten müsste.

Und wir kümmern uns selbstverständlich auch um „die Pflege“, wie sie es schaffen könnte, lockerlich aus der Hüfte „Nein“ zu sagen“.

Ach ja. Und kauft das Buch. Leider (also für mich) ist das kein Affilatet Link. Mit meinem Influencerruhm wird das so nie was. Ebenso nicht mit dem Reichtum. Ich Schaf! (Dafür hab ich lustige Geräusche eingebaut.)

Hördauer: 32:02

Nele Süß. „Wege aus der Nettigkeitsfalle: Der ideale Ratgeber für schrecklich nette Menschen. Neinsagen für Anfänger.“


♫♪ Kein Schwein ruft mich an ♪♪♫♪

„Er hat nicht angerufen!“


Wie auf glühenden Kohlen saß sie den ganzen Tag und wartete und wartete und wartete auf den erlösenden Anruf des Arztes. Endlich würde sie wissen, wie es weitergeht mit der Krebs-Therapie. Oder es würden neue, andere Möglichkeiten besprochen werden. Wenn, ja wenn er nur angerufen hätte.

Hat er aber nicht.

Und ich fühlte mich erinnert. An das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Gegen nicht erfolge Arztanrufe sind Liebesanrufe, die man voller Sehnsucht erwartet, Kindergarten.

Damals, als mein Vater am Herzen operiert wurde.

„So bald wir fertig sind, rufen wir sie an!“

Ich war freudig überrascht und – wider besseren Wissens – glaubte ich diesem Arzt.

Wider besseren Wissens deshalb, weil ich gefühlt 1000 Mal in meiner Laufbahn als Pflegeperson Ärzte gefragt hatte: „Hast du schon die Angehörigen angerufen?“ Und sie völlig arglos die Schulter meistens zuckten und „Mach ich gleich!“, sagten. In meiner Welt war wir es, das Pflegepersonal, das hinter diesen Anrufen her war, wie Gott hinter der barmherzigen Seele. Weil wir wussten, wie sehr Patienten und Angehörige warteten.

Und bestimmt hätte Sie auch gleich angerufen, wenn, ja wenn nicht wieder irgendwas dazwischen gekommen wäre. Eine eilige Blutabnahme hier, ein Patientengespräch dort.

„Hast du schon angerufen?“

„Ja. Mach ich jetzt!“

Und schon klingelt wieder das Telefon und aus die Maus mit dem Gedanken. Ach. Ich kenne es zu gut. Der schönste Vorsatz nützt nichts, wenn immer was dazwischen kommt.

Und nun wartete ich. Und meine Mutter. Mein Mann und meine Kinder. Miene Schwester. Ihr Tochter. Die über 90-jährige Schwester meines Vaters.

„Hat er bei dir schon angerufen?“

„Nein!“

„Naja – es kommt ja oft was dazwischen!“

Nach fünf Stunden war ich mürbe. Ebenso der Teppich, der deutliche Laufspuren im Kreis zeigte.

Ich war mürbe vor Angst und Sorge. Aus einem: Naja, bestimmt ist – wie ich es kenne, was dazwischen gekommen, dass er noch keiner angerufen hat wurde ein: Um Himmelswillen. Es wird doch nichts passiert sein und der Grund, warum nach 10 Stunden Operation immer noch keiner angerufen hat ist: Aufruhr, Reanimation und Pestilenz im OP? Lebt mein Vater überhaupt noch? Aber er hat doch gesagt, er ruft gleich an…..

Da weinte ich. Da konnte ich nicht mehr. Ich, die Königin der Selbstbeherrschung. Die Freundin des positiven Gedankens. Die Beherrscherin der Bewahrung jeglicher Ruhe.

Und als ich fertig war, ließ ich mich durch die halbe Uniklinik verbinden. Bis ich endlich an der Stelle landete, an die ich wollte.

Eine Pflegeperson war dran. „Ja. Ihr Vater ist bei uns. Schon seit vier Stunden. Er ist noch beatmet, aber kreislaufstabil. Alles sieht soweit gut aus.“

Da weinte ich wieder. Mehr wollte ich nicht wissen. Mehr brauchte ich nicht.

All das kam wieder hoch, als meine Freundin sagte: „Er hat nicht angerufen!“

Es ist in Ordnung, wenn Ärzte nicht anrufen. Keine Zeit haben. In Arbeit ertrinken. Blutende Ohren vom Dauertelefonieren haben. Irgendwann auch mal nach Hause gehen wollen. Es ist in Ordnung, wenn auch unschön für den, der so dringend auf diesen einen Anruf wartet. Aber das kann man verstehen.

Aber bitte, liebe Ärzte und Ärztinnen: Sagt dann nicht, dass ihr anrufen werdet. „Ganz bestimmt. Aber natürlich, rufen wir sie an. Sie machen sich ja bestimmt Sorgen!“

Denn es ist nicht in Ordnung, wenn Ärzte diese Sätze wie einen kleiner Beruhigungschultertätschler sagen. Und glaubt mir, ich habe hunderte von diesen Beruhigungschultertätschler ihn meiner Laufbahn erlebt! Dahingesagt, um den Angehörigen loszuwerden. Damit endlich Ruhe ist und keine weiteren Fragen auf einen einstürmen.

Es ist ein Unterschied, wenn man nicht kann oder nicht will. Und Überraschung: Man merkt es.

Im Falle meiner Freundin bin ich mir sicher, dass der Arzt nicht konnte. Im Falle des Operateurs meines Vaters weiß ich es nicht. Ich vermute zweiteres, nachdem ich ähnliches von Zimmernachbarn hörte.

SAGT ES NICHT.

Sagt es nicht, wenn ihr es nicht einhalten könnt. Beauftragt einen Kollegen, die Pflege, Arzthelferinnen, die kurz durchklingeln und Bescheid geben, dass es heute nicht klappen wird aber vielleicht morgen. Oder das alles soweit in Ordnung ist.

Lasst den anderen nicht Spuren in den Teppich treten und halb wahnsinnig vor Angst werden.

Wendet den Kategorischen Imperativ des Miteinanders an:
„Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“

Und dem gedankenlosen Rest, den es durchaus gibt und den ich oft erlebt habe, wünsche ich unbeantwortete Liebesanrufe zum Warmwerden. Einhergehend mit Anrufen beim Telefonanbieter in endlos dudelnden Warteschleifen , ob die Leitung okay ist. Bis sie dann den Herzendmensch anrufen, der gaaanz ahnungslos reagieren wird „Ach – du hast auf meinen Anruf gewartet? Na so was!“

Manchmal schaffen es Menschen, ihre Angst umzulenken. Ich trat den Boden platt. Sabine Dinkel schrieb einen Dialog mit ihrem Tumormarker auf. Und ich feiere sie sehr dafür.

Aus diesem Dilemma mit diesen Anrufen, die aus Gründen erfolgen oder eben nicht gibt es kein Entrinnen. Keinen guten Rat. Kein Patentrezept.

Aber ich wünsche euch Menschen dann an eurer Seite, die euch eine Schulter zum Weinen anbieten. Die mit euch die bangen Stunden durchstehen und bleiben und warten.

Bis die Erlösung kommt. Hoffentlich. In welcher Form auch immer.




Die Schutzengel-Madonna


In dieser neuen Folge der Rufbereitschaft erwartet euch:

  • eine Schwester in der Tasche
  • eine Bewerbung und ihre möglichen Folgen
  • Sonntagsdepressionen
  • frühere Vorstellungsgespräche
  • die Weltverbesserung – zumindest in einer Notaufnahme
  • Kampf für die Kollegen
  • die Schutzmantel -Madonna


…und das alles noch vor dem 1. Kaffee. Warum? Weil wirs können!

Liebste Sonntagsgrüße hiermit an Euch alle von mir und Monja.


Der Hörspaß beträgt 32:20 Minuten mit Sonntagsaufweckmucke

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