Es folgte eine kleine Krankengeschichte. Wobei es natürlich mehr ist, als eine Krankengeschichte. Und eigentlich ist es auch völlig unerheblich und ginge keinen was an, wenn ich nicht wieder was dabei gelernt hätte: Wie Abschied geht.

Vor einiger Zeit hatte es mich erwischt: ich hatte eine Blasenentzündung. Kenn ich nicht. Der liebe Gott hat andere Schwachstellen meines Körpers vorgesehen. Die Blase gehört – bis auf eine Ausnahme – bisher nicht dazu. (Und wahrscheinlich gehört sie auch nur deshalb dazu, damit ich heute erzählen kann, wie ich mir das Bläschen im letzten Jahrtausend in „den Hamptons“, am Strand in der schon frösteligen Abendsonne sitzend, verkühlte. Das knallt mehr rein, als jede andere Geschichte der Blasenentzündung, nicht wahr?

Honeymoon-Zystitis (die berühmte Flitterwochen-Blasenentzündung – oder too much men – war mit bisher im Leben ebenso fremd wie jeder andere Art. Kannte ich nicht. Nada. Niente.

Und nun das. Ganz anderes als bekannt. Irgendwann zog es hoch in die Nieren und da dachte ich: Nun. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, doch mal einen Ultraschall machen zu lassen sowie den Beweis in Form eines Pinkelstreifens – dazu eventuell ein Antibiotikum, wenn nötig. Da kann nicht schaden.

Ehrlich gesagt dauerte es etwas, bis ich einen Zusammenhang herstellte. Was ich bei anderen superdupergut kann – eins und eins zusammenzählen – funktioniert bei mir selbst nur bedingt. Betriebsblind sozusagen. Und dann ist eh nie die richtige Tablette im Haus oder kein Pflaster oder dergleichen.

Ich rief also in der Notaufnahme meines Vertrauens an- meinem früheren Leben. Nicht, dass an diesem Tag nur Pfeifen dagewesen wären. Es ist mittlerweile zum Glückspiel geworden. Auch, weil ich kaum noch jemanden kenne. Das Personal hat fast einmal komplett durchgewechselt, dass es ein Glückstag ist, auf Kollegen von „früher“ (vor einem Jahr!) zu treffen.

Ich hatte Glück. Nicht nur mit den Kollegen, die mir wortlos Pinkelstäbchen und Becher reichten, sondern auch mit Schnucki, dem Arzt meines Vertrauens.

Nächtelang hatten wir einst Spaß zusammen. Patienten versorgt, er – der Anfänger – ich die langjährige Notaufnahmeschwester. Ich mochte seine Art des Nachdenkens, den Versuch, wirklich zu lernen und immer besser zu werden. Seine Reflektion, seinen Witz. Wir freuten uns immer sehr, wenn wir zusammen Dienst hatten. Wir profitierten voneinander.

Ich, dass endlich mal einer da war, der wollte und Freude daran hatte (zu der Zeit gab es nicht viele davon) und er – so sagte er – von meiner Erfahrung. Quasi winwin. Wir sprachen übers bloggen und wie gerne er für andere angehende Ärzte schreiben würde, damit sie es aufgrund seiner Erfahrung leichter hätten (Schucki: Ich warte immer noch!)

Ich erzählte ihm von meiner Liebe zu Twitter (und überhaupt diesem ganzen Sozial Media Gedöns) bei einem Besuch, als die Vögel über seinem Balkon aufstiegen und sich rege und lautstark austauschten.

Die Vögel. Ein Sinnbild für Twitter -oder so ähnlich.


An jenem Abend hatte er etwas vorbereite, auf dass wir nicht auf dem Trockenen sitzen sollten und es rührte mein Herz sehr – aber urteilt selbst:

Schnucki war vorbereitet auf meinen Besuch. Und ja -es rührte mein Herz!

Also. Schnucki hatte Dienst. Hurra. Doch Schnucki und ich hatten uns schon länger nicht mehr gesehen, oder er war mehr Arzt geworden oder was auch immer. Schnucki zickte und gierte nach Blut!

„Schnucki“, sagte ich. „Mach mir bitte nur einen Schall. Ich weiß was ich habe, möchte aber ungern, dass es bis in die Niere gezogen ist.“

Schnucki grummelte… „Blutwerte“ … „Entzündungszeichen“ … „Katheter“…

„Schnucki“, so sprach ich. „Sei unbesorgt. Ich bin es. Ich brauch das nicht. Ich möchte einen Schall und ich brauche auch später keinen Arztbrief. Kleiner Dienstweg unter Kumpels quasi. Mehr nicht. Sollte was zu sehen sein, können wir immer noch das volle Ballett starten.“

Schnucki schrieb betont langsam irgendetwas zu Ende und kam mit. Das Ultraschallgerät schob ich – wie in alten Zeiten – gleich einem störrischen Hund, hinterher.

*sprotz* das Ultraschallgel auf nackte Haut.

*schall schall*

„Weißt du woher du die Blasenentzündung hast?“

„Keine Ahnung! Wirklich nicht!“

*schall schall*

„Die Wischrichtung weißt du ja, nicht wahr?“

WHAT?????

Freunde. Stellt euch bitte vor: Da wirst du bald ein halbes Jahrhundert alt, und wirst ernsthaft gefragt, ob du weißt, wie die Wischrichtung ist? Als Frau. Nach 300 gefühlten Jahren Berufserfahrung? Das fragt er mich?

(Falls sie einer nicht weiß: Mädchen und Frauen immer von vorne nach hinten. #ausGründen. „Hinten“ sind die bösen Keime, die man „vorne“ nicht haben will.)

Schnucki fragte mich also allen Ernstes nach der WISCHRICHTUNG? Als wäre ich ein Vollhonk und nicht seine frühere, geschätzte Kollegin. Ich war nicht mehr die Notaufnahmeschwester, ich war die 08/15 Durchschnittspatientin, der man 08/15 Durchschnittsfragen stellt. Da ist jeder gleich. Keine Ausnahme. Das war so gelernt! Das ist richtig und gut und hat sich in den letzten Jahren immer bewährt, wenn man sich am Standard geschmeidig entlang hangelt. Warum also eine Ausnahme?

Weil nichts ungerechter ist als die Gleichbehandlung von Ungleichem. Darum.

Ich war eine potenzielle Anna – wie bei Dr. House – und nicht mehr diejenige, die ihm das ein oder andere beigebracht hatte. Die dabei war, wie er „groß“ wurde.

Freunde. Ich bin relativ selten sprachlos. Hier war ich es. Und erst eine Stunde später fiel mir ein, was ich hätte so schön erwidern können. Mit einer ebensolchen geschäftigen Beiläufigkeit, mit der er mir diese Frage stellte.

*seufzt* Ich hätte nicht so viel rumvögelen sollen (so viel zum Thema Honeymoon Zystitis) (Entschuldige bitte Papa und Tante Liesel).

*seufz* Achja. Vielleicht war mein neuer Whirlpool nicht mehr ganz so klar… *kichernd, sich in wohligen Erinnerungen verlierend.

*abrupt aufsetzend* ES GIBT EINE RICHTUNG? WAS? ECHT JETZT?

So lag ich da und japste:

„Schnucki. Du hast mich jetzt nicht allen Ernstes gefragt, ob ich die Wischrichtung kenne!?“

„Was – wie? Doch natürlich!“

*schall schall schall*

Schnucki hat mir eine Frage gestellt. Ohne Arg. Aber auch ohne groß nachzudenken.

Eine Frage, die er bei dieser Diagnose wahrscheinlich jeder Frau stellen würde – egal woher, wie alt oder gebildet. Eine wichtige Frage. Eine gute Frage. Solide und im Fragenkatalog auf Seite 2 zu finden bei der Rubrik: Fragen bei Blasenentzündung. Jede kann schließlich eine Anna sein.

Ich dachte, ich wäre schlauer von ihm eingeschätzt worden. Aber gut – mit der Diagnose!?

Aus der Stellung “ geliebte (nananan) Kollegin“ war ein „hier liegt irgendeine Patientin“ geworden. Eine Standartfrage, wo ich nie Standard vermutet hätte.

Ich war also an diesem Tag zum Standard geworden und ja – Freunde – es schmerzte.

Das war der Tag, an dem ich wusste: Ich bin wirklich raus aus der Nummer mit der Notaufnahme. Ich bin nicht mehr die Notaufnahmeschwester. Ich bin jetzt eine potenzielle Anna. Dumm wie Brot, Hilfe suchend, Schaukel zu nah an der Wand: Alles möglich.

Pünktlich fünf Tage später fragte er mich über die sozialen Medien, wie es mir denn so gehe. Sehr süß. Besorgt. Rührend.

Er wird ein guter Arzt werden. Da bin ich mir sicher.

Und dennoch Schnucki: Es gibt Unterschiede. Wie gesagt: nichts ist ungerechter als die Gleichbehandlung von Ungleichem.

Es wird dich mehr als ein Bier „kosten“, den Schmerz von mir zu nehmen, dass du in mir eine potenzielle Anna sahst.

*Ach ja. Werbung, weil ein Bier gezeigt wurde. Es wurde selbst gekauft. *

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