Die Schildkröte

Eine meiner liebsten Reinigungsdamen hat mir ein Bild von ihrer Schildkröte gezeigt. Eigentlich ging es eher um die Frage, wie und wo man Bilder vom Smartphone entwickeln kann.
Die Schildkröte sah aus wie eine ganz normale Schildkröte.

 

Turtle Cleaning GIF - Find & Share on GIPHY

„So klein war sie, als ich sie bekam!“, und sie zeigt mir mit der Hand, wie winzig sie vor Jahren war.
„Ich habe sie seit 19 Jahren.“
Sie liebt Tiere.

„Früher in Sarajevo – in einem anderen Leben – hatte ich viele Tiere. Hunde und Vögel und Katzen. Aber dann kam der Krieg und dann verschwanden nach und nach alle Tiere.
Zum Schluss hatte ich nur noch einen Kanarienvogel. Und dann hatten wir auch für ihn kein Futter mehr. Und dann  hab ich ihn in meine Hände genommen und frei gelassen. Ach – das war schrecklich!

 

Der ganze Krieg war schrecklich. Wir hatten Mehl und Milchpulver und Dosenfisch. Das war alles. Ich war mit Zwillinge schwanger. Aber eines hat nicht überlebt.
Das war 1994. Aber jetzt lebe ich und mein Kind  und die Schildkröte ist toll.

Wenn ich heute Musik anmachen, dreht sich die Schildkröte im Kreis. Und wenn ich nach Sarajevo fahre, ist jeder bereit, in dieser Zeit meine Schildkröte zu hüten, weil alles so einfach mit ihr ist. “

Gedankenschnipsel – für die Dauer einer Zigarettenlänge – die ein das große Ganze im Schlidkrötenkleinen im Vorübergehen erzählen. Sie lassen diese andere Leben aufflackern für einen kurzen Moment wie das Schnippen des Feuerzeuges.

Sie erzählt es mir nebenbei und eigentlich auch nur wegen der Fotoentwicklungsgeschichte.

Und möglicherweise mag ich sie jetzt noch mehr als vorher.

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: