Nocebo – du Lauch!

Bing. Bing. Bing. Bing. Bing.

Ein tiefer, fast schon kehliger Ton. Nicht der hektische, viel höhere, atemlose Alarm für den Notfall.

Das kleine Läuten des Alarms ist bis in die letzten Zimmer zu hören. Zumindest für die feinen, geübten Ohren. Irgendwas passt nicht: Knick in der Leitung, merkwürdiger Blutdruckwert. Der Alarm ist harmlos, aber „bingbingbingt“ ununterbrochen.

Man wird ja mit den Jahren immer geräuschempfindlicher- vor allem, wenn keine offensichtliche Not da ist. Bei zig Monitoren, die in der Notaufnahme stehen ,piepst, und alarmt es immer irgendwo und allenthalben. Dazu kommt das Schrillen des Telefons, das aus unerfindlichen Gründen nicht leiser gestellt werden kann. Alle reden mit-und durcheinander, schwerhörige Patienten werden angeplärrt laut angesprochen und und und. Die Tür geht auf und der Rettungsdienst kommt und ihre Geräte hat den größten piepsen am lautesten. Aber die müssen ja auch durch die Lande fahren und der Straßenlärm und das Scheppern der Autos muss ja irgendwie übertönt werden. Nicht das der eine – der wichtigste – Herzschlag am Ende nicht überhört wird. 

Bing. Bing. Bing.

„Stört dich der Alarm nicht?“, frage ich scheinheilig ironisch den jungen Kollegen?

„Aber nein!“, antwortet er artig.

Ich möchte ihn ein bisschen hauen und dazu bei jedem „Hau“ sagen: „Aber deinen Patienten vielleicht – du Pappnase!“ Mach ich aber nicht. Ich bin meistens ein netter Mensch und da haut man seine Kollegen nicht. Vor allem die nicht, die noch neu sind und diesen „Ohrenüberhang“ noch nicht haben.

Ich drücke den Alarm weg. Der jugendliche Kollege wird ein Referat über Nocebo hören. So wie ihr – werte Freunde.

So schön es auch ist, dass der Alarm den Kollegen nicht stört, weil er es kennt und einschätzen kann: Der Patient kennt es nicht. Er hört ein permanentes „Bing. Bing. Bing.“

Im besten Falle hat der Patient einschlägige Krankenhausserien schon mal geschaut. Im schlimmsten denkt er: „Oh mein Gott. Alarm! Ich bin tatsächlich unfassbar krank. Ach du liebe Zeit. Die ganze Zeit der Alarm wird ein schlechtes Zeichen sein. Ich fühle mich  gleich noch kränker/schwächer/ blümeranter als je zuvor.

Nocebo – du Lauch. Ich hör dir trapsen.

vegetables-1939663_960_720
Der Lauch in voller Schönheit. Bildquelle: Pixabay

Den Placeboeffekt kennen die meisten Menschen mittlerweile.

Der Nocebo-Effekt ist das negative Gegenstück zum Placebo-Effekt. Die Begriffe kommen aus dem Lateinischen. Placebo steht für „Ich werde gefallen“. Dieser Effekt tritt ein, wenn ein Mittel ohne Wirkstoff, also ein Scheinmedikament, Schmerzen lindert. Beim Nocebo-Effekt ist es genau andersherum. Der Begriff bedeutet „Ich werde schaden“. Beim Nocebo-Effekt handelt es sich um negative Reaktionen des Körpers auf eine medizinische Behandlung – hervorgerufen durch negative Einstellungen, Angst oder frühere negative Erfahrungen.

Da, wo mit Hilfe der Placebo-Effekte Schmerzen gelindert werden können oder gar geheilt, verschlimmert der Nocebo-Effekt Beschwerden. Es treten sämtliche Nebenwirkungen eines Medikaments auf und überhaupt passiert alles nur denkbare. Quasi „worst case ever, ever, ever“.

Seele und Geist interagieren mit dem Körper aufs vortrefflichste.

Das, was ich erwarte, tritt ein. Woran ich glaube, passiert.

Prinzipiell geht es bei dem Nocebo-Effekt zu allererst einmal um eine Reaktion auf ein medizinisches Präparat. Die Pharmafirmen sind aufgrund immer strengerer Sicherheitsbestimmungen verpflichtet, jede Nebenwirkung, die jemals irgendwo aufgetreten ist, im Beipackzettel aufzulisten – und sei sie noch so selten. Wer einmal aufmerksam den Beipackzettel eines „normalen“ Schmerzmittel liest könnte sich entsetzten und grauen, was man alles davon bekommen könnte. Auch, wenn die  Wahrscheinlichkeit größer wäre von einem Blitz erschlagen zu werden, als „Pusteln“ zu bekommen. Hauptaufgabe eines Beipackzettels ist letztlich nicht die allumfassende Information des Patienten – Pharmakonzernen geht es in erster Linie darum,  mögliche Schadensersatzansprüche zu vermeiden.

Doch Medikamente sind das eine. Im Krankenhaus erleben wir oft, wie dieser Nocebo-Effekt loslegt, wenn oder wie  „wir“ – das medizinische Personal – mit Patienten sprechen. Wir erleben es jeden Tag, dass eine Behandlung oder eine Diagnose praktisch bei jedem Menschen andere Folgen haben kann. Was auch oft an unsere Sprache liegt. Oder an nicht ausgeschaltete Monitoren. An Geräuschen aus dem Nebenzimmer. An Geplauder auf dem Flur über jemanden ganz anderen – das aber der Patient nicht weiß und auf sich „umdichtet“.

Das medizinische Personal verwendet oft eine Sprache, die dem Laien nicht vertraut ist. Ich bekomme selbst immer „Mufffensauen“ wenn ich in der Autowerkstatt bin und die Muffen nicht ganz dicht sind. Ich hab keine Ahnung, was das bedeutet – aber es hört sich teuer und schlimm an.

Der amerikanische Kardiologe und Friedensnobelpreisträger Bernhard Lown hat einmal den schönen Satz geprägt:“Ich kenne nur wenige Heilmittel, die mächtiger sind, als ein sorgsam gewähltes Wort“.

Denn in Krankheit und Unsicherheit legen Patienten jedes Wort auf die Goldwaage.

Nun kann man in Streß und Hektik nicht jedes Wort gewienert und geschrubbt sorgsam auf diese Goldwaage lege. Aber man sollte sich bewusst werden – wenigstens so hin und wieder – was man alles damit anrichten kann.

All diese täglichen, sorglos vor sich hingeblubberten Sätze: Eine kleine Auswahl:

„Das wird jetzt etwas weh tun!“(Ahhhhhhh! Es fehlt nur noch der Trommelwirbel.)

„Ist Ihnen übel?“ (Jetzt, wo sie es erwähnen…)

„Melden Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben.“ (Ich wäre die erste, die „Hier“ schreien würde)

„Sie brauchen jetzt keine Angst zu haben.“ (Hat eigentlich jemals schon einer diesem Satz Glauben geschenkt? Außer, dass Panik ausbricht!)

„Probieren wir doch mal dieses Mittel aus.“ (Ja bin ich denn ein Versuchskaninchen?)

„Bei einigen Patienten ganz gute Ergebnisse.“ (Ich bin aber nicht „einige Patienten“)

„Wir legen ihnen jetzt eine Nadel!“ (Freunde: Nadel gibts bei Stricken. Nicht in der Medizin. Das sind Zugänge. Keine Nadeln!)

„Dann machen wir Sie jetzt fertig!“ (Vorbereitung zur Operation. Bei dem Satz wäre ich auch schon fertig!)

„Wir schläfern Sie jetzt ein.“ (Hahaha. Wie lustig! *nicht*)

„Wer hat den Giftschlüssel?“ (Als unkundiger Patient würde ich jetzt sehr unruhig werden. Die wollen mir Gift verabreichen??? Dabei sind stark wirksame Medikamente gemeint , die gut helfen. Es nah nicht das Gift – es naht erstklassige Hilfe!)

„Wollen sie, dass alles gemacht wird?“ (-so fragte mal eine junge Ärztin die Angehörigen bei einem Patienten an seinem offensichtlichen Lebensende. Sie meinte intensivmedizinische Maßnahmen. Alles? Machen? Jeder, der deinen Angehörigen liebt und in dieser Sprache nicht zuhause ist, würde hier nie auf die Idee kommen zu sagen: „Aber nein. Das lassen wir jetzt so.“ Natürlich will man das beste für den Angehörigen und nie das Gefühl haben, nicht „alles unternommen zu haben. Worüber nicht gesprochen wurde war, was es bedeutet, „alles“ zu machen, wohin es führen würde und was es für den Patienten bedeutet.)

„Sie werden jetzt in viele dünne Scheiben geschnitten.“ (Computertomografie)

„Sie sind ein Risikopatient.“

„Sie tragen eine Zeitbombe in Ihrer Brust.“

„Ihr nächster Herzschlag könnte Ihr letzter sein.“

„Wir müssen das bekämpfen!“

Freunde: Wer so spricht muss sich nicht wundern, wenn sensible Zeitgenossen vor Angst schlottern.

Wer allerdings erlebt hat, wie Worte auf Patienten wirken können wird sich bemühen, eine Sprache zu finden, die passend ist. Und glaubt mir: Ich habe es erlebt und mich oft geschämt – leider oft erst hinterher. Aber das ist der Vorteil: Wer es einmal „verkackt“ hat, wird es beim Nächsten schon viel besser machen!

Wer sich selbst im Leben beobachtet weiß, wie man so als Mensch tickt und wie man  wider besseren Wissen in sämtliche Falle latscht.

Man schätzt Individualität. Das Gefühl, nicht 08/15 zu sein. Eine günstige Creme kann nie so wirksam gegen Augenringe sein, wie ein teures, edles verpacktes Produkt. Spritzen wirken immer besser als Tabletten. Teure Tabletten sind wirksamer als günstige. Denn an das Original kommt nie ein nachgemachtes Medikament mit anderen Namen dran. Das weiß man doch!

Ommas einfache Küchenpsychologie gilt auch im Krankenhaus. Da noch mehr, weil hier der Mensch auch besonders schutzbedürftig ist. Es trifft hier auch nicht nur die ganz Seniblen unter uns – sonderen jeden. Selbst wir können vor der Kraft der Gedanken nicht halt machen: Stellt euch nur mal vor, ihr schnappt ein: „Oh- das sieht aber gar nicht gut aus!“ Und dann lassen wir euch mit den Worten mal die nächste halbe Stunde einfach nur sitzen. Hui- da ist aber was los in eurem Kopfkino. Ich schwöre!

Dabei hat es derjenige, der es ausgesprochen hat vielleicht in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt. Oder ein „das sieht nicht gut aus, ist aber leicht zu beheben“ gemeint. Was aber völlig wurscht ist. Man hat es gehört und das Wort trägt Frucht – wie es in der Bibel so treffend gesagt wurde.

Oder die Geschichte mit dem Blutdruck: Einmal aus Spaß gemessen. Hups. Ganz schön hoch. Google sagt auch, dass das deutlich über dem Normwert liegt. Ihr seht euch schon mit Schlaganfall und Herzinfarkt darnieder liegen. Also messt ihr noch mal. Noch höher. Aber das kann doch nicht sein! Ich bin doch immer gesund. Leichte Panik macht sich breit. Tief durchatmen und noch einmal messen. Immer noch deutlich zu hoch. Ihr seht: die Gedankenspirale ist voll im Gange.

Unzählige dieser Menschen habe ich gemessen, beruhigt und „angeschnurrt“. Sorgen nehmen. Den Gedankenfokus ändern. Damit kann man viel erreichen. Den Rest übernimmt die moderne Medizin.

Es ist wie die Geschichte mit dem rosa Elefanten: Wenn man keinesfalls an ihn denken soll ist die Welt plötzlich voll von rosa Elefanten.

Der Fokus – gerade im Krankenhaus muss also im besten Falle so sein, dass diese Gedanken erst gar nicht entstehen. Im besten Falle! Und er ist natürlich oft gerade außer Haus. Man will es nicht verschweigen.

Aber wenn man sich darüber mal ernsthaft Gedanken macht, wird sich bei demjenigen der spricht etwas ändern. Weil keiner möchte, dass der andere sich ängstigt.

Es geht nicht darum, alles was „schadet“ zu verschweigen. Aber man kann es in andere Worte packen und so erklären, dass es dem andern wiederum „nützt“.

Beipackzettel kann man lesen oder wegschmeißen wie man will. Trotzdem stimmt es ja, was drin steht. Auch wenn jeder Pups aufgelistet ist: es gibt ihn. Daran ist nicht zu rütteln. Ich kann aber den Fokus auf das, was wirkt und zählt legen. Ein Antibiotikum hat viele Nebenwirkungen- es bekämpft aber auch den Erreger und das ist in der Therapie vorrangig. Eine Chemotherapie ist für viele ausschließlich reines „Gift“, bewirkt aber auch, dass Metastasen dadurch unschädlich gemacht werden und somit mein Leben verlängert werden kann. Gift oder Heilung – das ist auch Aufgabe des Personals, den Fokus des Patienten darauf zu lenken. Aufklärungsbögen sind heute mehrere Seiten lang. Dazu kommen noch die Zusatzinformationen in dem individuellen Fall, die alle mit Tod und Verwesung enden.

Keine Frage: der Patient gehört gescheit aufgeklärt. Aber wie ist eben die Frage. Je mehr man hört, desto mehr verliert man aus den Augen um was es eigentlich geht. Ich war mal bei einem Narkoseaufklärungsgespräch dabei, in dem der Patient fast umkam vor Sorge bei der Geschichte mit dem „sie können dann nicht mehr selber atmen und das macht dann die Maschine für sie“. Durchgedreht ist er. Das war eine ganz schreckliche Vorstellung für ihn.

Google ist heute eines der Hauptquellen, aus dem sich der Mensch seine Informationen holt. Und bei den meisten Patienten die dann mit ihrer oft schon fertigen Diagnose kommen fehlt eigentlich immer noch der Satz: „…oder halt Krebs“.

Jo. Und dann plaudert man lange. Woher stammt die Information? Wie ist sie einzuordnen und dergleichen mehr. Oft ist es dann halt doch nur ein Pickel und kein Krebsgeschwür im Endstadium und die Seite von Google war sehr interessiert an der wunderbaren Geldvermehrung durch den Kauf scharlatanischer Tinkturen.

Das sagt aber einem kein Internet – das sagt einem ein Arzt. Im besten Falle so, dass er verstanden wird. Und nach einer Untersuchung. Keine Diagnose durch die Hose.

Es ist eine Gratwanderung zwischen: Ich rede mit den Mund fusselig, damit ich verstanden werde und: Halt – hier rede ich so wenig wie möglich, denn das verwirrt und macht Angst. Beides hat seinen Platz. Beiden kann man versemmeln ohne Ende.

 

Die Kraft der positiven Affirmationen ist keine Spinnerei.

Oder um mit meiner Omma zu reden: „Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“

Also lasst uns auf unsere Worte achten. Denn wir selbst wollen es für uns auch.

 

 

Lesenswerte Literatur dazu: „Die verlorene Kunst des Heilens“ von Bernhard Lown oder „Das sieht aber gar nicht gut aus“ von Werner Bartens

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

8 Kommentare

  1. Im Dezember saß ich neben meiner Mutter in der Notaufnahme. Ihr Herz schlug mal zu schnell, mal zu langsam. Die Notaufnahme war mehr als rappelvoll und so versuchte ich, sie über mehr als eine Stunde hinweg immer wieder zu beruhigen, wenn ich immer wieder sah, dass da auf dem Monitor wieder alles durcheinander ging, auch mit BingBingBing über fast 5 Sekunden. Auf dem Gang war ein Rennen, Reden, ein Durcheinander zu hören.
    Als das BingBingBing zwei Mal kurz hintereinander zu hören war, ging ich in das Zimmer gegenüber, in dem 2 – 3 Weißkittel saßen und sagte „Entschuldigung, bei meiner Mutter stimmt was nicht, da kommt immer wieder kurz eine Nulllinie, könnte einer von ihnen mal mit rüber kommen?“.
    Einer kam, wirkte angenervt, was ich verstand, ich bin keine Medizinerin, aber ich wusste, dass da draußen was brandete, was über die Normalität hinaus ging. Er begann damit zu erklären, dass sie Herzrhythmusstörungen hat, dass der Monitor das zeigt, aber keine Dramatik zu sehen sei, bis es wieder so blitzartig aus dem Nichts wie vorher kam diese BingBingBing, sich seine Miene kolossal veränderte und er sagte „Jetzt sehe ich, was sie meinen, das ist wirklich nicht normal“. Intensivstation ging dann ganz schnell und es stellte sich heraus, dass dieses BingBingBing nicht im Arztzimmer hörbar war, deshalb niemand auf die Monitore guckte. Ich glaube das einfach. Punkt.
    Aber ich mag mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wäre meine Mama alleine dagewesen, ich nicht neben ihr gesessen und letztendlich insistiert hätte und mir wurde überdeutlich klar gemacht, dass das, was ich in ihrer Hand, die ich in meiner hielt, spürte, der nahende Tod gewesen war, der mich aufstehen und meinen Mund aufmachen ließ.
    Liebe Nichtmehr-Notaufnahmeschwester, Sie sind von so kolossaler Wichtigkeit, denn wenn nur einer hier aufmerksam mit liest und das im analogen Leben erinnert und umsetzt, dann ist das ein wahrer Segen und gar nicht beachtens- und dankenswert genug – Sie sind ein wahrer Schatz!
    Herzlichst,
    Ev

  2. Yo, als ich schwanger war mit meinem zweiten Sohn, habe ich von der Ärztin als erstes gehört: Sie sind eine Risiko-Schwangere! (ja. mit Ausrufezeichen!) Das klang wie ein Vorwurf, mannomann, als hätte ich mir das ausgesucht! War ja selber erschrocken, hatte das Thema längst abgehakt nach einem Abgang und anschließender Op, bei der ich einen Eierstock loswurde. Also, anstatt sich mit mir zu freuen, jagt sie mir einen Schrecken ein. Klang auch bißchen nach: sie werden jetzt ordentlich Kosten auslösen. So eine blöde Kuh, sorry! 😀 Ich geh nur zum Arzt, wenn es sich wirklich wirklich wirklich nicht mehr vermeiden lässt. Also: fast nie! Ich lese auch keine Beipackzettel, ich krieg immer gleich alles, was das steht. Ist ganz magisch. Also schmeiß ich das immer gleich weg, wenn ich überhaupt was nehme, was nicht schon Oma aus der Kräuterküche kannte. 😉
    Ich bin dann nochmal schwanger geworden, da war ich 40. Was für ein Schreck! Da bin ich gleich mit innerlichem dicken Regenmantel in die Praxis zu den üblichen Untersuchungen. Und hab nicht mehr wirklich hingehört. War eine prima Idee für uns Zwei! 😀

  3. Oh ja, da kann ich ein Liedchen von singen…
    Ich habe jetzt das letzte Jahr in diversen Krankenhäusern und bei noch diverseren Ärzten verbracht.
    Meine Sicht auf dem rechten Auge wurde Trüb und aufgrund von nicht immer ganz so eindeutigen aber häufig übervorsichtigen Vorabdiagnosen war natürlich Alarm angesagt.
    Ich verbrachte also gut ein dreiviertel Jahr mit dem Gedanken einen Hirntumor von einer Größe im Kopf zu haben, die physisch auf den Sehnerv einwirkt.
    Das etliche MRT Scans einen solchen nicht finden konnten spielte dabei keine Rolle mehr. Da genügte schon ein „Aber da MUSS einer sein!“ meines Augenarztes, um die Paranoia wieder anzukurbeln.

    Das auf den ganzen Zinober existenzielle Krisen, massive Depressionen und maßgebliche Schlafstörungen bis hin zu Schlafphobien folgten sollte auch nicht wirklich verwundern.

    Während des letzten Krankenhausaufenthaltes wurden dann große Blutbilder abgenommen…jeden Tag…manchmal auch zwei mal. „Damit das Labor jeglichen Infekt ausschließen kann“ hieß es.
    „Hat das Labor denn schon was gefunden?“ war die logische Frage darauf, während ich über Weihnachten an den Feiertagen untätig auf meiner Pirtsche lag…WENN denn mal ein Arzt im Haus war, der gefragt werden konnte.

    Über eine Woche lang bekam ich keine Antworten auf die Frage.
    Auch da wieder: „Dauert der Prozess einfach so lange? Oder dauert das so ewig weil die nichts finden? Oder beraten die sich grade darüber, wie man den neu entdeckten Super Keim denn nun nennen sollte?“
    Zu sagen, dass dieses Unwissen „an meinem geistigen Zustand genagt hätte“ wäre noch eine der netteren Formulierungen gewesen.

    Und das Ende vom Lied? Man weiß es immer noch nicht genau. Aber über das Ausschlussverfahren ist man sich zu 92% sicher, dass es MS ist…welches noch nicht ausgebrochen ist, da keinerlei Entzündungsherde oder markante Blutwerte gefunden werden konnten. Aber was solls denn sonst schon sein?

    Das ich noch immer keine Unterlagen habe, die ich irgendwo vorlegen könnte gibt dem ganzen dann noch so eine „abschließende“, „offizielle“ Note…
    Ich sitze nun also hier, ein funktionierendes Auge weniger, Medikamente nehmend und mehr oder minder ohne Ansprechpartner für irgendwas, da das MS Personal im Krankenhaus sehr sehr sehr beschäftigt ist…

    Ich bin darüber hinweg, die nächste Autobahnbrücke zu suchen um zumindest die Schlafangst wieder…auf Umwegen…in den Griff zu bekommen. Aber ja, vom Noncebo Effekt kann ich wahrlich ein Büchlein schreiben…
    Der Ton macht halt die Musik…wenn denn überhaupt welche gespielt wird.

  4. Ja, der Ton macht die Musik, und wie die Message rübergebracht wird. Und nicht immer sind sich die anderen der Wirkung bewusst. Zwei Beispiele von einem mit wenig Arzt-Erfahrung, weil außer jährlicher Zahnarzt-Vorsorge gehe ich vlt. so alle 10 Jahre mal zum Doktor.

    Als ich dem Urologen sagte „Ich hab ne Hydrozele links“ sagte der in sehr schnippischem Ton „Herzlichen Glückwunsch“. Er meinte das wohl lustig, aber ich kam mir veräppelt und nicht ernst genommen vor. Das Vertrauensverhältnis war damit von Anfang an keines. Mit der Hydrozele lebe ich jetzt schon viele Jahre gut.

    Und „Zugang legen“ kannte ich nicht, hört sich für mich furchtbar an. Mit Nadel legen habe ich kein Problem. Ist wie beim Blutspenden, nur dass nix raus sondern rein fliesst, was in dieser Situation wohl hilfreich ist. Alles gut, passt. Aber Zugang, das klingt nach Loch bohren oder Mauer durchbrechen. Also eher nach Brust aufreissen statt ein kleiner Pieks. Mit „wir müssen einen Zugang legen“ wäre ich jedenfalls 500x mehr erschrocken als „wir müssen mal ne Nadel legen“.

  5. Ich war einmal während meiner Schwangerschaft extrem kurzatmig, also viel schlimmer als normal und es hielt auch im Ruhestand immer noch ne Weile an. Nach ein paar Tagen bin ich zum Arzt – abhören pipapo – alles gut. Dann zur Sicherheit Blut abnehmen.
    Abends erhielt ich nen Anruf vom Arzt – ich soll sofort in die Notaufnahme, ein Blutwert sei erhöht, das deute auf Lungenembolie hin. Zum Entbinden soll ich auch gleich alles mitnehmen, das Kind müsste auch sofort geholt werden.
    Ich geriet völlig in Panik, bekam eine richtige Panikattacke und dachte, jetzt geht’s wirklich zu Ende- und im Krankenhaus erfuhr ich, dass dieser Blutwert bei fast allen Schwangeren erhöht sei und ich mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nix habe. Und das bestätigte sich dann auch schnell. Auf den Schock hätte ich jedenfalls verzichten können.
    Die Kurzatmigkeit kam dann übrigens daher, dass das Kind sich komisch gedreht hatte – ein paar Tage später war es wieder weg.

  6. Ha, heute noch erlebt: Patient wird auf die Seite gedreht, um die offengelegenen Stellen an Rücken und Gesäß zu begutachten und neu zu versorgen…die Lebensgefährtin guckt dabei zu und ihr entfährt beim Anblick der Rückenwunde ein: „Ach du lieber Gott, sowas Schlimems hab ich ja überhaupt noch nie gesehen“….das Kopfkino des Patienten kann man sich unschwer denken.

  7. Och weißt Du, wenn man so Blog wie diesen liest, fängt man echt an, die Dinge etwas gelassener zu sehen. Ich schrieb ja schon mal hier, von meinem Aufschlagen in der Notaufnahme….. Nun gut, so ganz Gebieterin meiner Sinne war ich da nicht, aber die Giftschrankschlüsselfrage hatte ich kommentiert mit: „Schön, das jetzt mal der potente Stoff ausgepackt wird!“ (Ganz schön frech, oder?)

    Ich war allerdings an einem Punkt, wo mir das Getute und Gepiepse eh schon wurscht war.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: