„Schwester. Ich kann momentan nicht so gut schnaufen atmen. Und es sticht immer so am Herzen! Ich glaube, ich hab eine Rippfellentzündung!“

Oha!

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Bildquelle: Pixabay

Der ältere Herr wird in den Behandlungsraum gebeten und das Krankenhausprozedere beginnt:

  • Nackig obenrum
  • Formschönes Untersuchungshemd an. (Kein Totenhemd- auch wenn es viele meinen mögen. Das hat nicht dieses umwerfend, leicht floral angehauchte Muster. Nur mal so nebenbei.)
  • Ein warmes Plätzchen auf der Liege (Nicht Bahre! Da bin ich eigen. Wo ich  gerade so schön im Erklärbärsupermodus bin)
  • EKG-Monitoring, Blutdruckmanschette, Sauerstoffmessgerät („Schwester – warum leuchtet es rot?“ „Weil es das kann!“  Ich schwöre, diese Antwort ist nicht von mir!)
  • 12 Kanal EKG
  • Blutabnahme
  • Plauderstündchen.

Die Standards sind geklärt und haben sich bewährt.

Arg gestresst ist der Patient. In seinem Laden  – obwohl er das Rentenalter längst überschritten hat – geht es drunter und drüber. „Ohne  mich geht nichts, sage ich ihnen. Gar nichts!“ Die Aushilfen wollen nicht so, wie er sich das denkt. Fegen mögen sie nicht, obwohl es aussieht wie Sau. Kisten stapeln können sie nicht, weil sie es alle im Rücken haben.

„Was zahlen sie ihnen denn?“

Wenn man so inniglich im Leid zusammensitzt, den Arm massiert, um die schönste Vene zu finden, spricht man oft Klartext.

Er nennt einen Betrag unter dem Mindestlohn. Nun.

„Viel Ansporn ist das nicht!“

Er seufzt schwer.

„Alles faule Schweine!“

„Ja. Oder so!“

Die Vene ist gefunden, das Blut „literweise!!!“ abgenommen

„Haha. Da macht ihr doch Blutwurst heimlich aus den Resten Haha, kleiner Scherz. Muss ja wohl erlaubt sein!“

„Hahaha, hab ich ja noch nie gehört. Ganz köstlich, dieser kleiner, fade Scherz!“

„Ich kenn mich nämlich aus. Der Cousin ist Arzt. Alles Halsabschneider und Kurpfuscher!“

„Was für ein Glück, dass sie jetzt im Krankenhaus sind und nicht beim Cousin!“

Werte Leser – sie sehen: ein überaus amüsanter Zeitgenosse. Humorvoll. Einer, der das Leben kennt. Der weiß, wo der Bartel den Most holt. Wo beim Frosch die Locken sitzen.

 

Nach einiger Zeit sind die Laborwerte da, die Lunge geröntgt, der Mann von Kopf bis Fuß untersucht.

„Hab ich eine Rippfellentzündung?“

„Nein. Aber Anzeichen für einen Herzinfarkt.“

„Ach so. Na dann. Immerhin keine Rippfellentzündung!“

„Aber Herzinfarkt ist schlimmer!“

„Aber es ist ja keine Rippfellentzündung. Und das wollte ich ja ausschließen. Ich geh jetzt  heim.“

„Äh. Besser nicht. Sie haben Anzeichen für einen Herzinfarkt! Da wäre es gut, wenn sie zur Beobachtung hier blieben!“

„Na – aber das geht auf keinen Fall! Zuhause fegen die Jungs ja nicht, wenn ich da bin. Nein, nein. Ich komm dann halt morgen noch mal. Weil – ich hab ja Gottseidank keine Rippfellentzündung. Das wollte ich ja nur wissen. Mein Onkel starb daran und das macht mir dann immer ein wenig Sorgen!“

„Die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzinfarkt zu sterben ist aber ungleich höher als an einer Rippfellentzündung!“

„Aber die hab ich ja jetzt nicht!“

„Nein. Die haben sie nicht!“

„Dann geh ich jetzt heim!“

Die Ärztin ist ratlos. Sie ist mit einer Engelsgeduld gesegnet. Aber hier wird es schwierig. Ehr so: Wie sag ich s meinem Kinde?!

Ich schalte mich ein. Ich hab nicht so eine Engelsgeduld. Also hier zumindest nicht.

„Sie haben das schon umrissen, dass es ein „Morgen“ vielleicht nicht gibt? Ein Herzinfarkt kann tödlich sein – wie sie sicherlich wissen.“

„Jaja. Aber ich wollte ja nur abklären lassen, ob ich nicht vielleicht eine Rippfellentzündung habe! Und jetzt machen sie mir das Ding raus!“ Er zeigt auf den Zugang. „Ich habs eilig!“

Wir diskutieren hin und her. Es ist kompliziert. Vielleicht ist sein Hirn bei den Wollmäusen seines Ladens – oder sie haben – aufwirbelnd- sein Hirn so zugestaubt, dass er für keinerlei Argumente zugänglich ist.

Er geht. Schließlich hat er ja keine Rippfellentzündung. Er unterschrieb – ohne mit der Wimper zu zuzucken- den Aufklärungsbogen, bei dem die Ärztin Schritt für Schritt die möglichen Gefahren mit ihm durchging. „Geben sie mir jetzt endlich den Stift!“, grunzt er etwas sehr unwillig.

So ist der Mensch auch. Er macht sich Sorgen. Er hat Angst. Aber auch einen Plan für „danach“. Den gilt es einzuhalten. Komme, was da wolle. Aber sowie er beruhigt ist, geht es weiter. Schließlich war es in diesem Falle ja keine Rippfellentzündung. Also keine Panik.

Vielleicht hätte ich ihm ein bisschen Berthold Brecht vorsingen sollen: Das Lied von der Unzugäglichkeit menschlichen Planens.

Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlecht genug.
Doch sein höhres Streben
Ist ein schöner Zug.

 

Die  Ärztin und ich irrten ein wenig durch die nächsten Stunden und konnten den Mensch an sich und hier im speziellen nicht verstehen. Obwohl wir es wirklich gerne hätten.