„Weißt du, Notaufnahmeschwester“, sinniert der Kollege morgens um halb drei. „Weißt du eigentlich, dass ich mich ohne dich nie in der Notaufnahme beworben hätte?“

„Was? Nein. Erzähl!“

Im Nebenraum piept der Herzschlag eines Patienten der Uhrzeit entsprechend vom Monitor gemächlich. Der Arzt diktierte leise seinen Arztbrief mit monotoner Flugkapitainsstimme (Sehr geehrter Hausarzt. Wir befinden uns in einer Höhe von drei Meter über Null und möchten heute – zur frühen Stunde- über unseren gemeinsamen Patienten berichten, der heute mit dem Notarzt zu uns gebracht wurde. …..). Das Licht war gedimmt.

„Einmal“, so beginnt er, „einmal kam ich hierher, um einen Patienten abzuholen. Der Tag war schlimm gewesen und ich war sehr erschöpft. Du botest mir einen Platz an und eine Banane. Und du erzähltest, dass eine Stelle frei wäre. In Kombination mit der Banane wusste ich: hier bewerbe ich mich. Hier wird für dich gesorgt – oder so ähnlich.“

Ich wusste es nicht mehr. Diese Geschichte hatte ich vergessen – wie so vieles. Einer der Gründe, warum ich so gerne blogge. Wer schreibt, vergisst nicht.

Und weil die Uhrzeit so fortgeschritten war und man nachts sowieso zu mehr Ehrlichkeit und Gefühlen neigt, plauderten wir weiter. Über gemeinsame Erlebnisse, Dinge, die uns zusammen geschweißt hatten und kleine Momente, die wir miteinander teilten.

Ich bin umgeben von einem Team.  Von klugen und lustigen Frauen und Männern. Ich bin umgeben von Gelächter und Gezanke. Von Kummer und Emotionen. Wir teilen Freude miteinander und Ärger. Ich bin umgeben von wenigen Worten, weil mehr nicht nötig ist und Gelaber ohne Ende.

Ich bin Teil eines Teams – und es wird Zeit, es ein wenig in Worte zu fassen. Sie teilen in manchen Wochen mehr Zeit mit mir, als meine Familie. Sie haben mich die letzten 20 Jahre wachsen und gedeihen lassen. Sie haben mich geprägt  und hinterfragt. Wir haben uns geliebt, sind uns aus dem Weg gegangen und haben uns gehasst. Ohne sie wäre ich möglicherweise ein anderer Mensch. Und so wie mein Kollege einen kleinen Moment mit mir teilte, teile ich nun welche mit euch.

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In Wahrheit sind es noch viel mehr kleine Momente und KollegInnen. Bildquelle: Pixabay

 

  1. Ich erinnere mich, wie ich mir vor dem Nachtdienst eine App mit einer  Klaviertastatur runterlud. Nachts übten die Kollegin und ich Lieder für die Hochzeit einer Kollegin ein.  Zweistimmig. Ausgerechnet Gospel. Aber sie wollte es so und sie kann sehr überzeugend sein. Morgens um vier waren wir fertig. Das Lied war  – immer mal zwischendurch – fertig einstudiert. Müßig zu erwähnen, dass wir an der besagten Hochzeit wie die Engel sangen. Sie war es auch, die mir wegen eines Blogartikels Kirschlutscher schenkte. Einfach so, weil sie den Artikel so mochte. Wenn sie lacht, dann aus voller Kehle und Seele. Und es ratsam, nicht an Tinnitus zu leiden – solltest du daneben stehen.  Als wir einmal erfolglos zusammen reanimiert hatten, standen wir später an der Liege und blickten uns erschöpft und traurig in die Augen. Hätten wir ein gemeinsames Trauerlied gehabt – wir hätten es der Verstorbenen gemeinsam und zweistimmig gesungen.
  2. Ich erinnere mich, wie mich eine Kollegin anrief, als sie einen Unfall hatte. Und wie ich in der Notaufnahme auf sie wartete und Angst um sie hatte. Wie ich beim Röntgen neben ihr wartete und sie immer wieder daran erinnerte, zu atmen. Der Notarzt hatte es gut mir ihr gemeint und die Schmerzmittel hübsch hoch dosiert. Sie war so tapfer.
  3. Ich erinnere mich daran, wie ich versuchte eine Kollegin zu trösten. Als alleinerziehende Mutter ist der Schichtdienst mitunter mehr als schwierig zu bewerkstelligen. Man könnte die Fallstricke kleiner knoten – aber das einer der Konjunktive der Pflege. Ihr Augen blickten dabei traurig wie zwei verwunschene, tief Bergseen.
  4. Ich erinnere an das große Herz einer Kollegin. Hin und wieder liegen Socken in meinem Spind, die sie gesehen hat . Meine Schwäche für hübsche Socken kennt sie ganz genau. „Ganz günstig!“, sagt sie dann, um meine Verlegenheit abzuschwächen. „Aber von Herzen!“.Und ich muss dann fast immer schnell einen blöden Witz erzählen, weil ich nicht weiß, wohin mit meiner Rührung. Manchmal riecht sie wie ein gepflegtes  Seniorenheim, denn Kampfer ist das beste Mittel gegen ihren schmerzenden „Rücken“. Dazu kommt eine Wärmflasche in den Hosenbund. Es ist also immer hübsch warm und flauschig, wenn wir uns umarmen.
  5. Ich erinnere mich, wie ein Kollege sagte, dass er mich für eine „gute Mutter“ hielt und dass ich sehr lustige und lebhafte Kinder hätte. Das kam an einem Tag, wo ich glaubte, den 1. Platz in der Kategorie „Inkompetenz in der Mutterschaft“ gewonnen zu haben. Ich erinnere mich daran, dass er jeden medizinischen Fachbegriff locker aus der Hüfte sprechen kann. Einmal „Endoskopische retrograde Cholangiopankreatikographie“ und ich werde ganz „wuschig“ wie in dem Film „Ein Fisch namens Wanda.“
  6. Ich erinnere mich an den Pfeifenduft des Kollegen und das zugehörige Stopfen derselbigen. Den Handbewegungen könnte ich stundenlang zuschauen. Dann wird geschmaucht und dabei wird geplaudert. Pause kann so heimelig riechen.
  7. Ich erinnere mich an Sofagespräche über Nebenjobs mit einem Kollegen. Darüber, wie wichtig es ist, einen Ausgleich zu finden zu Hege und Pflege, damit man nicht innerlich abstumpft.
  8. Ich erinnere mich an die Kollegin, die nach vielen, vielen Jahren in der Pflege immer noch Lehrvideos auf YouTube schaut und begeistert davon berichtet. Und wie sehr ihr Krankheitsgeschichten von Patienten immer noch zu Herzen gehen können.
  9. Ich erinnere mich an ein oft gemeinsam verbrachtes Frühstück mit Käsebrot der Kollegin. Ganz selten wurde zu einem Honigbrot gewechselt. Rituale – so wichtig und so schön wie ein Käsebrot.
  10. Ich erinnere mich an die Traurigkeit der Kollegin, als sie einmal keine Zeit hatte für ihr MakeUp. Ich es nicht sah, weil sie von Natur aus hübsch ist. Schönheit liegt nicht im perfekten MakeUp.
  11. Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit dem Hund der Kollegin über eiskalte Felder. Ich erinner mich, wie sie fast jeden Satz mit : „Weißt du, wie ich meine?“,  beendet. Und wie ich es schon fast übernommen habe und bei jedem dieser Sätze an sie denken muss.
  12. Ich erinnere mich an den Gesichtsausdruck der Kollegin bei ihrer Hochzeit. Dieses Glück, diese Zufriedenheit, welches aus allen Poren zu triefen schien, würde ich zu gerne immerzu an ihr sehen können. Es erwärmt die Seele.
  13. Ich erinnere mich an den Mut einer Kollegin, nach vielen, vielen Jahren auf einer Normalstation in die Notaufnahme zu wechseln. Das Abenteuer lockt – unabhängig von dem, was wir „Alter“ nennen.
  14. Ich erinnere mich an den gemeinsamen Gipskurs mit einer Kollegin, bei dem wir uns abwechselnd die Beine eingipsten und lustige Fotos dabei machten.
  15. Ich erinnere mich an die stillen Gespräche über das Sterben mit meiner Kollegin, die in der Ethikkommission ist. Ich erinner mich, dass sie eine der Wenigen ist, die die „Missfits – (das Frauenkabarettduo, bestehend aus Stephanie Überall und Gerburg Jahnke) ebenso kennt und liebt.
  16. Ich erinnere mich daran, wie mir der Kollege voller Gelassenheit von seiner Karriere als Internetspieler erzählte. Und, dass man trotz Baller- und Totschießspiele ein sehr liebevoller Mensch mit großer Freundlichkeit sein kann.
  17.  Ich erinnere mich an die Kollegin, die sich nach einem anstrengenden Dienst – als ich gerade dabei war, alle meine Knochen nachzuzählen – in ihr Radler Outfit schmiss, um noch ein paar Kilometer für einen Fahrradkurrier zu strampeln. „Man muss ja fit bleiben!“
  18. Ich erinnere mich an die neue Kollegin, die ich heute so liebevoll mit einem Patienten reden hörte, dass mir das Herz aufging. Die geduldig die Fragen beantwortete, obwohl schon fünf weitere an der Tür drängelten.

In einem Team zuarbeiten ist nie „easy going“. Man stellt sich aufeinander ein – im besten Falle – und rockt die Bude gemeinsam. Oder halt auch nicht. Das gibt es auch.

Nicht jedem ist es vergönnt in einem funktionierenden Miteinander zu arbeiten. Ich bin gesegnet damit. Nicht jeden Tag möglicherweise ( soviel Ehrlichkeit muss sein)  – aber in vielen kleinen Momenten.