Es klingelt hektisch. Das Telefon bedient der Kollege, weil ich gerade dabei bin, den volltrunkenen Marienkäfer ins Bett zu schubsen. Er grunzt unwillig, rollt von der Liege ins Bett, dreht sich um und schnacht weiter.

Oh du schöne Faschingszeit! Helau und Alaaf zusammen. Es ist so schön, wie die Menschen endlich mal alle so schön Spaß haben.

Zumindest bis zu dem Moment, wo der Alkohol ( „…nur ein kleines Schlückchen! Ich schwöre!) sie ausknockt oder die eine in „die Fresse“ bekommen haben.

Dem Kollegen konnte ich aus dem Augenwinkel dabei beobachten, wie er den Telefonhörer ein wenig weghielt. Das Geschrei konnte ich drei Meter weiter hören. Geschrei, Gegröhle und Gejohle.

„Verwählt?“

„Ne. Irgendeiner ist da vor der Tür und braucht Hilfe!“

Er klaubt sich ein Paar Handschuhe und verschwindet. Sicher ist sicher.

Er kommt nicht wieder. Dafür geht ein Arzt nach dem anderen „mal schauen“, weil sie vom Sicherheitsdienst angerufen wurden.

 

Die Tür geht auf.

Der Kollege ist nicht allein.

Sein zetender Patient sitzt zappelnd mit nach hinten gefesselten Händen im Rollstuhl. Fünf Polizisten begleiten ihn. Eine richtige Polonaise. Helau und Alaaf.

Jetzt fliegen gleich die Löcher aus dem Käse.

Alle halten ein wenig Abstand, denn wenn auch die Hände gefesselt sind, die Beine sind es noch nicht. Sie treten nach allen Seiten aus.

„FICKT EUCH DOCH ALLE IHR PISSER!“

Die Polizisten schauen sich an und sagen einstimmig und ganz gelassen: „Nö!“

Der junge Mann ist sichtlich und deutlich hörbar im Land des wunderbaren Drogenrauschs. Er steckt im Kostüm des Duff Beer Mann aus den Simpsons.

♫ Duff Beer for me, Duff Beer for you, I’ll have a Duff, you’ll have one, too. ♫

 

(Für alle die die Simpsons nicht kennen – eine kleine Kurzbeschreibung des Kostüms: Die besteht aus Muskelmasse an den Armen aus ausgestopften Stoff. (Die macht aus einem schmächtigen Jüngling gleich einen ganzen Kerl.) Den Körper umschmeichelt jedoch nicht nur Muskelmasse, sondern eine Art Anzug wie ihn Balletttänzer tragen in Blau mit einem roten Umhang. Abgerundet wird das Kostüm mit einem Werkzeuggürtel, in dem Bierdosen stecken. Die Kappe war offensichtlich schon verloren gegangen.)

Er zetert, schimpft und randaliert – im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr laut, sehr ausdauernd, sehr nervend. Fortwährend. Immerzu. Stetig und stets.

Ob man ihm wohl einen seiner Muskelstoffarme nicht einfach in den Mund stopfen kann? Dann wäre Ruhe.

Warum und wie er jetzt genau in die Notaufnahme gelandet war, konnte keiner mehr genauer bestimmen. Vielleicht hatte er sein Auto auf dem öffentlichen Parkplatz stehen und wurde abgelenkt auf dem Weg nach Hause? Er wäre nicht der erste, der so fährt.

„Sie können noch nicht mal gerade stehen!“

„Deswegen fahre ich ja auch!“

 

„Krank“ war er jedenfalls nicht. Deswegen wollte ihn die Polizei mitnehmen. In der Ausnüchterungszelle würde er schon irgendwann wieder zu seinem „eigentlichen Selbst“ finden. Zuerst aber war Feuerwerk im Hirn angesagt.

KNIIIRSCH.

Das Fußteil des Rollstuhls flog durch den Raum. Abgetreten. „Fick dich, Rollstuhl!“

„Kabelbinder wären schön!“, sinnierte einer der Polizisten. Offensichtlich waren ihnen im Faschingstrubel mittlerweile die Handschellen ausgegangen.

„So was haben wir.“

Die tretenden Beine wurden an den verbleibenden Fußstützen befestigt.

„Ihr spinnt ja alle. Ihr seid ja voll krank, ihr Ficker!“

Nach Kontrolle von Blutdruck und Puls nahm ihn die Polizei schreiend und zappelnd mit.

 

Eine Stunde später rief die Rettungsleitstelle an.

„Helau und Alaaf. Wir bringen euch einen Bekannten. In der Zelle hat er so lange mit dem Kopf an die Wand geschlagen, dass er jetzt eine Kopfplatzwunde hat.“

 

Die Zeit, die seit dem letzten Besuch vergangen war, hatte seinem Drogenstoffwechsel immerhin in sofern gut getan, dass er nun immerhin ein wenig kooperativer war.

„Da bin ich wieder!“

„Wie schön!“

Er lag – mittlerweile ohne Kostüm – gefesselt an Armen und Füßen auf dem Bauch auf der Rettungsliege.

Die Ärztin, erfahrende Mutter und Notaufnahmeärztin und ich wischelten ihm das verkrustete Blut herunter. der Kollege richtete Messer und Gabel Nahtmaterial.

„Schätzelein -was bist du:  Mann oder Memme?“, fragte die Ärztin?  (Sie sprach ihn natürlich mit richtigem Namen an. Fall jemand fragt.) „Es gibt einen Stich. Wir können es mit oder ohne Betäubung machen. Stich ist Stich.“

„Ich bin voll die Memme! Ich brauche eine richtige Betäubung!“

Sie setzte an.

„OH FUCK! WAS MACHT IHR MIT MIR! IHR SEID ALLE FICKER!“

Er lachte und weinte gleichzeitig.

Zum Blut kam also noch Rotze und Tränen, die sich den Weg durchs Gesicht suchten.

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„Jetzt geht es los!“

„Mach schnell. Sonst sterbe ich!“

„Nein, nein. So schnell stirbt es sich nicht!“

„Doch. Ganz bestimmt.“

„Nein, Schätzelein. Ich pass gut auf!“

„Dann ist es ja gut! Ich muss ja morgen wieder zur Arbeit. Was sollen die da denken.“

„Ja nun – der Drops ist ja nun schon gelutscht!“

 

Stich durch die Haut:

„Aua!“

Knoten des Fadens:

„WAS IST DAS FÜR EINE SCHEISSE! DAS TUT VOLL WEH! VERDAMMT.IHR SEID ALLE FICKER. FICKT EUCH ALLE!“

Zur Ablenkung des schrecklichen Fadenknotens wegen fragte die Ärztin:

„Schätzelein – was hast du denn alles genommen?“

„AUAUAUAUAUAU: Naja. Bisschen Speed, Ecstasy und ein bisschen FICK DICH ALTER!“

Oha.

Eine bunte Mischung.

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Liebe Jugend oder liebe Menschen, die ihr mit dem Gedanken spielt, euch Drogen einzupfeiffen: Hände weg von Drogen – aber vor allem von „Fick dich Alter!“ Das scheint ein echt übles Zeugs zu sein!

 

Nach einer viertel Stunde war der ehemalige (Stoff-)Muskelbepackte Duff Beer Man bereit zur Abfahrt in das nächste Bezirkskrankenhaus Abteilung Drogen.

Wir winkten ihm nach, als er bäuchlings im Rettungswagen verschwand und vom Hof gefahren wurde. Die Polizei blinkte blau zum Abschied.

„Wahrscheinlich“, sinnierte die Ärztin, „wahrscheinlich ist er im „anderen“ Leben ein richtig netter Kerl.“