Warnung. Dieser Beitrag ist nicht für Vegetarier oder Veganer geeignet.

Es klingelt am Samstagmorgen.

„Guten Tag. Ich habe eine Schussverletzung und brauche mal Hilfe!“

Schussverletzung? Am Samstagmorgen um halb neun? In unserem Krankenhaus? Oh bitte! Hab ich was verpasst? Wurde ich wie Scotty in eine Gangsterklinik gebeamt?

Vor der Tür steht kein Gangster, sondern ein älterer Mann im Agrar-Look. Die Füße stecken in derbem, glattgewetztem Schuhwerk mit Antirutschsohle. Den Körper bedeckt die obligatorische blaue Latzhose. Ein Jäckchen in Grobstrick drüber – nur lose über dem Karohemd.

Um den Am trägt er einen dicken Verband!

„Na – dann kommse mal rein!“

Der Arm wird ausgewickelt.

„Hoppla! Sie haben ja eine Schussverletzung!“

„Hab ich doch gesagt!“

Man sieht deutlich das Einschussloch. Blut sickert heraus. Mein lieber Scholli.

Gab es „Beef“ (= Streit) in der Landwirtschaft?

Das Interessante sind ja die Geschichten, wie einer zu seiner Verletzung kam. Also in Wahrheit nicht immer. Nach 245698 spannenden Geschichten ist dann der Bedarf auch schon mal gedeckt. Aber hier passte die Optik nicht recht zur Geschichte. Unter Schussverletzung stellt man sich irgendwas anderes vor.

„Ich wollte einen Hasen schlachten für morgen. Als Sonntagsbraten. Wissen sie: ich habe Stallhasen. Immer frisch geschlachtet: ein Gedicht!“

Der Mann schmatzt leise. „Meine Frau macht immer selbstgemachtes Blaukraut dazu!“

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Bildquelle: Pixabay

„Und?“

„Ich ziehe die Hasen selbst auf. Von klein auf kenn ich die. Und es ist nicht leicht, sie zu töten. Aber wer den Hasenbraten meiner Frau kennt…..!“

Er seufzt.

„Also nehme ich sie immer in den Arm und kuschel noch mit ihnen kurz. Damit es allen leichter fällt.

Er räuspert sich.

„Und dann hab ich ihn mit den Bolzenschussgerät verfehlt und mir in den Arm zu geschossen.“

Ich stell mir die Szene vor dem geistigen Auge vor. Wie der Mann mit dem Hasen auf den Arm da steht und ihn flauscht, bevor er ihn abknallt…. Ein wenig Trauer im Herzen des Abschiedes wegen – und auf der Zunge die Notwendigkeit des leckeren Hasenbratens.

Rein von der Optik her kann man sich den Mann mit dieser Art Sentimentalität schwer vorstellen. In der Landwirtschaft kann man sich dergleichen nicht leisten. Ich bin auf dem Land groß geworden. Ich hab es oft erlebt.

„Und nun? Ist der Hase nun begnadigt? Heißt er jetzt „Der Hase, der überlebt hat“?

Der Landwirt grinst: „Der darf jetzt leben. Das war wie ein Urteil von „ganz oben“ Der Hase wird jetzt der Zuchtrammler!“

Der Mann wurde genäht, der Hase überlebte, die Frau holte ihn ab und zeigte ihm sechs frische Forellen, die sie vom Nachbarn bekommen hatte. Am Sonntag würde es Forelle blau geben statt des Hasenbraten. Auch gut. Da waren sie sich einig.

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