Zwickmühle

„GEHT ALLE WEG – IHR VERDAMMTEN SCHWEINE!“

Dafür, das der alte Mann somnolent sein sollte, hatte er erstaunlich Kräfte und eine sehr robuste Stimme. Wahrscheinlich konnte man ihn noch im Klinikpark hören.

Mit seiner unklaren Somnolanz war er in die Klinik eingewiesen worden. Demenzielles Syndrom stand auch noch auf der Einweisung.

Ein mageres, kleines Männchen lag da auf der Liege. Aber von einer unklaren Bewußtseinstörung war keine Spur mehr, als wir uns an die Routinearbeiten machen wollten.

Blutdruck messen. „Ihr Schweine! Ihr gottverdammten Schweine, hört sofort wieder auf!“

Beim Versuch Blut abzunehmen kam Leben in die Bude. Dieser kleine, vom Alter und Krankheit winzige, zusammengeschrumpelte Mann hatte die Beweglichkeit einer Balletttänzerin und die Schlagkraft eines Sumoringers.

Davon zeuge später der blaue Fleck an meinem Oberarm, als er mich in seiner Verwirrung trat. Ich stand dabei am Kopfende der Liege.

Die junge, unerfahrene Ärztin wich erschrocken zurück.

„So wird das nichts!“, sagte der Kollege. „Weder mit Blut noch später mit einem CCT!“

Die junge Ärztin verschwand, um mit dem Oberarzt zu telefonieren, was nun zu tun sei.

Der Kollege und ich blieben zurück mit dem zeternden, wild um sich schlagenden Kerlchen.

Jahrgang 1928. Singen soll helfen. Erinnerungen pflegen an vergangene Zeiten. Was sang man damals, in Kriegszeiten?

Ich saß links und sang leise, der Kollege zur rechten versuchte, Blut abzunehmen.

Die Lippen des Greisen bewegten sich tatsächlich zum Lied und Text mit. Es war ein kleiner, sehr inniger Moment.

Bis die Nadel auf Haut traf.

Handgemenge! –  heißt es dann immer auf Twitter.

Das ist die Zwickmühle, in der wir uns so oft befinden.

Über den Kopf der Menschen, die es nicht mehr begreifen können oder wollen, müssen wir Dinge tun, die die Patienten auf keinen Fall wollen.

Wie will man auch einem alten Mann, der schon lange geistig nicht mehr in „unserer“ Welt lebt, erklären, dass es wichtig ist, was wir da machen. Dass es möglicherweise eine Erklärung gibt, warum er nicht mehr adäquat reagiert. Liegt es an durcheinander geratenen Blutwerten? Einen Verschluß in irgendwelchen Hirngefäßen? Am Herzen?

Die Angehörigen stehen vor der Tür und sind ratlos, was mit Opa los ist. Das Seniorenheim schickt Patienten, weil „irgendwas“ nicht stimmt.

Da muss man doch reagieren.

Möglich, dass der alte Mann auch einfach nur seine Ruhe haben wollte. Aber wer weiß das schon.

Als Privatperson möchte ich am liebsten dem Kollegen in die Arme fallen und sagen: Lass gut sein! Somnolent ist er schon mal nicht. Alles fein also.

Als Krankenschwester krempel ich die kurzen Ärmel hoch. Es ist mein Job, Probleme zu lösen.

Und dann wird über einen nicht bekannten Willen behandelt. Ein bisschen sedierende Medikamente über die Nase – weil Zugang hat er ja noch nicht -und schon funzt der Laden. Der alte Mann schnarcht sich durch die Blutabnahme sowie viele andere Untersuchungen.

Alles richtig so. Dennoch fühlt es sich falsch an.


Am nächsten Tag komme eine Frau mit geistiger Behinderung, die alles isst, was sich ihr im Weg befindet. In diesem Fall mehrere Büroklammern. Weiß Gott wie sie das macht. Sie ist in eine Art Schlafsack genäht, damit sie nicht an alles  herankommt, was sich in unmittelbarer Nähe befindet. Das Röntgenbild sieht spektakulär aus. Sie hat einen Darmverschluss und braucht eine Magensonde.

Das ist tricky. Magensonden legen ist kein  Vergnügen für den Patienten. Wenn schon Menschen Probleme damit haben, die „mitarbeiten“ – wie mag das erst sein für jemanden, der das ganze überhaupt nicht umreißen kann, was mit ihm geschieht?

Ein Versuch. Er klappt. Erfahrung rockt.

Und immer wieder dieses mulmige Gefühl: Was machst du hier eigentlich? Ist das „die Würde des Menschen“ gewahren?

Wo und wann hört die Würde auf und wo beginnt die Hilfe? Das „über den Kopf entscheiden“. Ach. Es ist kompliziert

 

Eine alte Frau mit Alzheimer hat hohes Fieber und braucht einen Katheter, um zu schauen, woher der Infekt kommt. Ich nehme die Arzthelferin, die noch nicht lange dabei ist, zu Hilfe mit.

Wie erkläre ich das, was ich gleich machen werde, einem Menschen, der es noch nicht mal im Ansatz versteht?

Ich erkläre es trotzdem. Und dann: Hose runter.

„Was machen sie denn da?“, kreischt die alte Frau erbost und tritt nach mir.

Wir arbeiten zu zweit, sprechen mit der Dame, versuchen sie zu beruhigen und ziehen sie mit sparsamen Handgriffen möglichst schnell aus.

Es gibt ein Schamgefühl – über alle kognitiven Strukturen hinweg.

Es ist mir unangenehm.

Aber die Krankenschwester in mir weiß auch, dass es sinnvoll ist, was wir hier tun.

Beine auseinander. Desinfektion im Intimbereich. Katheter rein. Puh. Alles geht glatt.

Die Arzthelferin schaut erschrocken. Das Ganze ging deshalb glatt, weil wir quasi fast auf der alten Frau lagen, damit sie uns nicht treten kann und wir gleichzeitig diesen verd**** Katheter hineinbekommen. Für meine „dritte Hand“ muss es ausgesehen haben wie Gewalt.

All das muss man ausblenden.

Persönliche Gefühle müssen zurückstehen zugunsten dem Patientenwohl und der Professionalität.

Aber es ist oft eine emotionale Zwickmühle.

Kinder, Patienten mit Alzheimer oder sonstigen demenziellen Syndromen, Menschen mit Behinderungen müssen behandelt werden. Aber es ist ein besonderer sensibler Bereich in dem man mit der größtmöglichen Ruhe, Gelassenheit und Langsamkeit arbeiten muss. Was in einer Notaufnahme nicht unbedingt der Fall ist.

Man muss Räume schaffen für solche Patienten. Nicht nur als Art Zimmer wie auf Spezialstationen. Sondern auch in uns Pflegepersonen. Denn sie werden immer mehr und fallen durch das Raster der Patienten einer Notaufnahme durch.

Manchmal träume ich davon, dass es auch eine Notaufnahme für solche psychatrisch- geriatrische Patienten gibt. Mit speziell geschultem Pflegepersonal. Es wird in Zukunft immer mehr Patienten geben, die dies bräuchten.

 

 

 

 

 

 

 

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Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

14 Kommentare

  1. Ein sehr denkwürdiger Beitrag, ja.
    Auch wenn ich nicht zur erwähnten Patientengruppe gehöre, so bin ich als Trauma-Patientin gewiß auch „speziell“.
    Wenn ich zurück denke an die Jahre, in welchen ich noch vollkommen ungeheilt und gefangen im Trauma war.
    Welche Konditionierungen und Automatismen in mir wirken konnten – und wie hierdurch ich auf andere wirkte.
    Auch heute, wo ich „weiß“, bleiben spezielle und extravagante Bedürfnisse.
    Auch besonders große Furcht und das Bedürfnis, über alles ausführlich informiert zu werden, „das man mit und an mir macht“.
    Ich empfinde vieles als grenzüberschreitend ohne Aufklärung, das andere vielleicht problemlos hinnehmen und als notwendig erachten; als bedrohlich oder gewaltvoll; unverstehbar.

    Und ich fürchte mich ausgesprochen davor, hilflos in einer Klinik zu sein und mich vielleicht nicht mehr erklären und artikulieren zu können, in all meinen Extrawürsten – und dann aber innerlich zu vergehen vor Angst und Triggern.

    Ich bin sehr dankbar, wenn Pflegende sich Gedanken machen; versuchen, ein Bewußtsein zu bekommen für Extrawurst-Patienten. Trotz all des Druckes, der wenigen Zeit und der vielen Bedürftigen.
    Es berührt mich sehr.
    Danke.

    1. Da nicht für😉
      Das beste ist, wenn man miteinander spricht. Und man merkt es durchaus, wenn einer große Angst hat. Dann kann man gemeinsam einen Weg finden. Und glaube mir: wer will, findet immer Wege. Wer nicht, findet Ausreden. Das wußte schon meine Oma.

  2. Ich hatte einen Knödel im Hals bei der Kombination von Lied und Text, danke!
    Als Dankeschön für solche wunderbaren Schwestern und Räume möchte ich eine Geschichte von einem inzwischen verstorbenen Verwandten erzählen.
    Der Mann ging völlig normal auf die Toilette und kam plötzlich nicht mehr runter, lallte wie unter Alkohol. Die Ehefrau rief sofort den Notarzt und der sagte, was sie auch dachte: Sicher ein Schlaganfall. Im Krankenhaus dasselbe: Ach, sicher ein Schlaganfall. Nach Ersthilfe und Untersuchungen ging es dem Mann immer schlechter, er konnte gar nicht mehr sprechen, nichts funktionierte mehr, er lag gelähmt da. Dann die Untersuchungen: Kein Schlaganfall. Kein Test ergab auch nur irgendetwas. Die Angehörigen panisch.

    Und dann war da diese Assistenzärztin, die es wagte, in Absenz ihres Chefs allein zu handeln und die Frau beiseite zu nehmen. Sie habe nur einen Verdacht, aber genau so einen Fall habe sie kürzlich schon einmal gehabt. Bei dem war ein Herpesvirus ins Gehirn geraten. Sie hätten ihn retten können. Und sie sagt offen und ehrlich, dass es ein Experiment wäre, weil sie sehr starke Medikamente sofort geben müssten, ohne Zeit zu verlieren. Zu spät gegeben, könnten die Medikamente nicht mehr so wirken. Nur der Test auf den Virus – der würde sehr viel länger dauern.

    Die panische Ehefrau und die noch viel zu kleinen Kinder sollten also jetzt über Leben und Tod entscheiden? Mit einer Assistenzärztin, die womöglich ihre Kompetenzen überschritt? Es wurde eine Schwester dazugebeten, die vom anderen Fall erzählte, damit man vergleichen konnte. Auch wenn die Ehefrau das Ja gab – wirklich „da“ war sie nicht. Der Chef, der seinen Schlaganfall nicht bestätigt sah, hatte schon aufgegeben, er fand ja nichts. Er ließ die Assistenzärztin den „hoffnungslosen Fall“ behandeln. Beherzt haben dann die Ärztin und die Schwester komplett die Medikamentation umgestellt und auf Verdacht behandelt.

    Der Schwerstpflegefall erholte sich überraschend schnell. Die Lähmung verschwand, die Sprache kam langsam wieder, nach 14 Tagen haben die Angehörigen nur noch dankbar gestaunt: Er war wieder wie vorher.

    Aber da hatte sich etwas verändert: Bis zu seinem Lebensende war er der Ärztin und der Schwester dankbar. Gar nicht mal so sehr für die Lebensrettung, sondern für etwas anderes. „Die haben mit mir geredet, als sei ich da. Als sei ich ein völlig normaler Mensch! Die haben mich für voll genommen, mit Achtung.“
    Er hatte sich an nichts mehr erinnern können, nur daran, dass er auf die Toilette gegangen war und dann sei ihm da fürchterlich schlecht geworden, ganz komisch schlecht. Er habe nicht mehr schreien und rufen können und dann sei alles weg gewesen. Schwärze.

    Das erste, woran er sich in seinem neuen Leben erinnern konnte, war die Schwester. „Die hat mir alles erklärt. Was ich bekomme und wie sie mich behandeln. Und sie hat mir immer wieder Mut gemacht, dass das alles wieder zurückkomme.“ Sie habe sogar gescherzt, dass sie ihm jetzt den Kopf vollquassle, aber dass er sich bald rächen könne und ganz viel zurückquasseln. „Sie hat keinen Moment daran gezweifelt, dass in meinem Gehirn etwas noch funktioniert und sie wahrnimmt. Ich glaube, das hat mich mindestens genauso ins Leben zurückgeholt wie die Medikamente.“

    Den Tag der ersten Erinnerung hat er danach immer als zweiten Geburtstag gefeiert und dieser Schwester Blumen gebracht. So wichtig seid ihr – danke für eure fantastische Arbeit!

    1. Danke für deine Geschichte. Menschen machen den Unterschied aus. Menschen, die auch mal andere Wege gehen können und wollen. Wie überall anders auch. Ich finde ja immer, in einer Notaufnahme muss es ebenfalls möglich sein. 1 Problem – und oft viele unterschiedliche Wege, damit umzugehn. Aber ich wie kürzlich schon schrieb: Wer will schafft Möglichkeiten, wer nicht will, schafft Ausreden.

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