Alternative Heilmethoden

„Schnalz“

Die junge Frau hat ein kleines Armband um ihr Handgelenk.  Das hebt sie ein bisschen an und lässt es zurück schnalzen.

„Schnalz“

„Was machen Sie denn da?“, frage ich. Ich möchte eigentlich den gebrochenen Unterarm eingipsen.

„Das ist wegen der Achtsamkeit!“

„Ah ja. Das wird jetzt ein bisschen schwierig. An den Arm kommt ein Gips.

„Ach Gott! Das muss jetzt runter?“

„Äh – schon!“

„Scheiße!“

Aus war es mit der Achtsamkeit.

 


„Meiner Tochter geht es ganz schlecht. Ich hab ihr schon mal Notfalltropfen gegeben.“

Die Tochter schaut nicht auf. Sie ist in ihre Whatsapp Nachrichten vertieft. Ständig zwitschert ihr Handy Neues aus der Welt ihrer Freude. Die Haare verdecken ihr Gesicht.

„Was fehlt denn ihrer Tochter?“

„Sie ist so abgeschlagen und müde in den letzten Wochen. Das muss unbedingt mal abgeklärt werden. Weil – so geht es nicht weiter. Und der Hausarzt ist im Urlaub. Die Vertretung kennen wir nicht. Aber unser Hausarzt sagt immer, dass Notfalltropfen gut sind. Also hab ich sie ihm schon mal gegeben.“

„Aha!“

*zwitscherzwitscher*

Es hört sich an, als würde ein ganzer Wald Vögel vor mir sitzen.

„Am ständigen Handygebrauch kann es nicht liegen, dass ihre Tochter ein bisschen abgeschlagen ist?“

„Wo denken sie hin! Das Kind muss doch seine Sozialkontakte haben. Luise. Mach mal den Mund auf.“

Mutti hält die gefüllte Pipette mit den Notfalltropfen irgendwo in die Haare. Ein spitzes Mündchen kommt aus den Haaren und saugt.

*zwitscherzwitscher*

 


 

Die Beine tropfen. Kleine Rinnsale fließen dem älteren Herren die mehr als prall gestauten Unterschenkel hinunter. Er schauft schwer. Ihn plagt eine fulminante Herzinsuffizienz. Das Wasser steht ihm buchstäblich bis zum Hals und darüberhinaus in den Beinen. Auf dem Tisch liegt eine große Tüte mit Globulifläschchen.

„Das hat immer so gut geholfen“, schnauft er mit Blick auf seine Tüte. „Ich hab extra die Potenz  von „Crataegus“ erhört. Und „Aconitum“ noch dazu genommen.“

globuli-1574436_960_720
Bildquelle: Pixabay

„Sie kennen sich aus!“

„Natürlich! Es ist ja mein Körper.“

„Gut, dass sie jetzt doch da sind. Das haben sie bestimmt gemerkt, dass sie noch etwas anderes brauchen! Weil sie ja ihren Körper gut kennen, nicht wahr?“

„Ganz recht!“

„Willkommen!“

 


 

„Sind sie eigentlich geimpft?“

„Ich kann mich nicht mehr erinnern! Ist bestimmt schon Jahre her.“

„Hm. Haben sie eigentlich Haustiere?“

„Oh ja. Zwei Katzen. Peterle und Muschi!“

„Sind die geimpft!“

„Selbstverständlich! Die soll ja gesund bleiben und sich nix holen!“

„Oha! Ich merke schon, die Katzen haben es gut bei Ihnen. Wenn es ihnen Recht ist, impfen wir sie auch. Dann hat sie Katze auch noch lange was von ihnen. Sie wollen sich ja bestimmt auch nix holen.“

„Ich habe es halt nicht so mit Spritzen.“

„Naja- Die ihre Katze vielleicht auch nicht.“

„Stimmt. Die fauchen immer, wenn wir zum Tierarzt fahren!“

„Na – dann wollen wir mal sehen, ob sie fauchen müssen….“

„…..Das war es?“

„Jawohl. Mehr ist nicht.“

„Das hat ja gar nicht weh getan. Also ehrlich- ich kann meine Katzen nicht verstehen.“

 


 

„Ist ihnen schon mal aufgefallen, dass ihre Möbel sehr ungünstig stehen? Wegen der Ausrichtung. Nach den Lehren des  Feng Shui ist das hier alles sehr ungünstig. Wenn Sie diese Liegen hier zum Beispiel an die Wand anders stellen würden, dann wäre sie in einer besseren Ausrichtung. Ihre Patienten würden es ihnen danken.“

„Wenn wir die Liege anderes stellen würden, würden die Ärzte und das Pflegepersonal Schwierigkeiten haben, den Patienten zu untersuchen und zu behandeln. Aber ich werde mit dem Hausarchitekten sprechen – sollte ein Umbau anstehen.“

(An dieser Stelle wuchs meine Nase wie bei Pinocchio.)

 


 

„Was machen sie denn da?!“

„Ich schreibe ein EKG!“

„Ja – muss das so nass sein?“

„Äh – ja . Das ist das Kontaktspray. Sonst halten die Saugelektronen nicht!“

„Sie wischen ja meine Heilrunen ab!“

„Ach  – diese Striche sind Heilrunen?“

„Ja – und sie wischen sie ab. Kein Wunder, wenn ich eine Lungenentzündung bekommen!“

„Was heißt bekommen? Sie haben eine!“

“ Und jetzt wischen sie noch meinen Runen ab. Oh mein Gott! Jetzt wird es übel. Sehr übel! Und sie sind schuld!“


 

 

 

 

Freunde – das war ein kleine Auswahl an Menschen mit dem starken Glauben an alternativen Heilmethoden.

Es kann jeder glauben was er möchte. Wer heilt hat Recht, heißt es immer. Schließlich gibt es ja nichts zwischen Himmel und Erde undsoweiterundsofort.

Das gilt es zu respektieren und tief durchzuatmen. Bei manchen Geschichten ganz besonderes tief. Also bis ins Becken oder so. Ach was- bis zu den Füßen, an denen das Detoxpflaster klebt.

 

Manches ist so komisch, skurril und traurig, bis die Menschen weitere Hilfe in Anspruch nehmen. Bei machen fragt man sich schon, wie sie darauf kommen, ausgerechnet in einer Notaufnahme Heil und Erlösung zu finden. Aber gut. Wenn die Not am höchsten…

…dann kommen sie zu uns. Irgendwann.

Mit ohne Gedöns.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

10 Kommentare

  1. Ich hab ein kleines Problem mit der Kritik am Handygebrauch insbesondere junger Menschen. Das kenn ich als … oft nicht so richtig angemessen.
    Aber an so Pseudomedizin kann man natürlich gar nicht genug kritisieren.

    1. Viele Grüße von der Handyqueen – genannt Notaufnahmeschwester. 😉
      Zwischen Gebrauch und Gebrauch gibt es Unterschiede. Wenn ich allerdings wegen Erschöpfung und Abgespanntheit im Dauer-SMS- Schreibmodus aufschlage – zählt meiner normaler Menschenverstand 2 und 2 zusammen. Und wenn das Handy noch nicht mal während eines Gespräches wenigstren kurz zur Seite gelegt werden kann…. Die Geschichte mit der Höflichkeit will ich gar nicht mal erwähnen.
      Als ich wäre da auch sehr angespannt, abgeschlagen und erschöpft.

      1. „Wenn ich allerdings wegen Erschöpfung und Abgespanntheit im Dauer-SMS- Schreibmodus aufschlage – zählt meiner normaler Menschenverstand 2 und 2 zusammen.“
        Naja. Dass die Person dann gerade dauernd schreibt, heißt ja nicht, dass sie es immer tut, und sogar wenn sie es immer tut, heißt das nicht, dass da ein Zusammenhang besteht. Das find ich nicht so überzeugend.

        „Und wenn das Handy noch nicht mal während eines Gespräches wenigstren kurz zur Seite gelegt werden kann“
        Dafür kann es viele Gründe geben. Zum Beispiel klingt es nicht unbedingt so, als hätte das die Person das Gespräch besonders gewollt. Kann da natürlich nur mutmaßen. Im Gegensatz zu dir war ich natürlich nicht dabei. Was mir spontan in den Sinn kommt, wäre, dass es ja vielen Kindern einfach peinlich ist, wenn ihre Eltern sich so aufführen… Aber wie gesagt. Du warst da, ich nicht.

        „Die Geschichte mit der Höflichkeit will ich gar nicht mal erwähnen.“
        Prima. Ich auch nicht.

  2. Ja, ja, die alternativen Heilmethoden… Was davon nicht alles im WWW herum schwirrt, da haben sich bei mir während des Lesens schon so manches Mal gar heftig die Haare gesträubt…

  3. Wer heilt hat recht. Neurosen gedeihen seit Jahren prächtig und irgendwer muss sich dieser Gewächse annehmen. Wo immer es ein ertragreiches Feld zu beackern gibt finden sich fleißige Bauern. Immerhin richten sie weniger Flurschaden an als so mancher ökonomisierter Mediziner.

      1. „Immerhin richten sie weniger Flurschaden an als so mancher ökonomisierter Mediziner.“
        Ich wollte gerne wissen wieviel Flurschaden „sie“ anrichten, und wieviel „so mancher ökonomisierter Mediziner“.

  4. Liebe Muriel, Sie scheinen schon schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Berichten Sie bitte. Interessant Ihre Annahme, dass ich solch einen Beruf aussübe. Ein Doktortitel macht noch lange keinen guten Arzt. Muss ich die müßige Diskussion der Rentabilität so mancher Klinik oder Praxis entfachen? Oder so mancher Operation? Oder lebensverlängernden Maßnahmen? Wo immer eine Lücke im System ist, wird sie gefunden und von geschäftstüchtigen Menschen ausgefüllt. Die einen machen ihre Arbeit gut, die anderen schlecht. So ist das nunmal. Dazu gehören auch promovierte Mediziner, die bei den alternativen Heilmethoden eine zusätzliche, lukrative Einnahmequelle finden. Selten ist hier Idealismus oder die Würde des Patienten im Vordergrund. Leider ist die Spezies des hypokratischen Doktors eine aussterbende oder besser gesagt ausbrennende Gattung. Der selbstbestimmte Patient soll dem weichen – eine gerne gesehen Ikone des maroden Gesunheitssystems. So halte ich manchen tüchtigen und fähigen Heilpraktiker oder Osteopathen für ehrlicher, immerhin spielt dieser mit offenen Karten und schwingt nicht gleich mit dem Skalpell. Das eine Krebstherapie nicht in die Hand eines Homöopathen gehört liegt wohl auf der Hand!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: