Wie wollen wir sterben?

Es vergeht kaum ein Dienst, in dem nicht ein (seit langem) krachkranker, sterbender Mensch in die Notaufnahme gebracht wird. Hohes Fieber, schlechte Atmung, langjährige und gravierende Vorerkrankungen, Wundgeschwüre  – die Liste lässt sich nach Belieben fortsetzen.

Bei einem Patienten mit knapp 4o° Fieber, Parkinson und Demenz sowie einer fulminanten Lungenentzündung, war die Ehefrau mit dabei. Er hatte eine PEG und einen Blasendauerkatheter. Es roch von der Türe aus nach Harnwegsinfektion. Sie pflegte ihn zuhause. Bestimmt sehr liebevoll  – das merkte man daran, wie sie mit ihm sprach.

„Wie soll es weiter gehen?“, fragte der Arzt? „Haben sie das früher einmal darüber besprochen?“

„Nein. Darüber haben wir nie geredet!“

 

Komm, o Tod, du Schlafes Bruder,
Komm und führe mich nur fort;
Löse meines Schiffleins Ruder,
Bringe mich an sichern Port!

 

 

Freunde: Wir müssen reden. Über das Sterben und den Tod, der uns alle betreffen wird. Wie wollen wir sterben?

75 Prozent sterben im Krankenhaus oder Heim, nur etwa 20 Prozent tatsächlich zu Hause. Wenn man solche Statistiken liest, fragt man sich unweigerlich: Wo werde ich sein, wenn ich sterbe?  Werde ich es schaffen, zu diesen 20 % zu gehören? Ist mein soziales Netz dicht, sodass es hält und mich trägt? Werden meine Angehörigen und Freunde mir beistehen und wissen, wie ich es möchte? Was mir gut tut?

Ich habe viel Menschen sterben sehen. Sterben – das ist nichts für Weicheier. Soviel ist sicher.

Wir vom Pflegepersonal unken ja mal gerne, dass wir – sowie wir in Rente gehen – uns als erstes in der Tatowierstube wiedersehen. Auf dem Brustkorb wird dann stehen: Bitte nicht reanimieren.

Zu oft erleben wir es, dass todkranke Menschen „übertherapiert“ werden (…. und noch n Röntgenbild, und noch ne Magenspiegelung, und dann eine Magensonde und Blasenkatheter und „Huch – jetzt schnauft er nicht mehr“ Hat er ne Patientenverfügung? Gibt es Angehörige? Nein? Keiner da? Dann mal los. Reanimation- Team! …. und los gehts. Herzdruckmassage, Intubation. Intensivstation.)

Und man sieht den Menschen vorher und möchte am liebsten schreien:

Hört auf! Sofort!

Wir legen jetzt diesen offensichtlich sterbenden Menschen in ein weiches, warmes Bett. Lasst uns seine Hand halten und seine Schmerzen/ Luftnot/ Angst nehmen, wenn er welche hat. Es gibt so feine Medikamente. Lasst uns Gebete sprechen und leise Lieder singen. Lasst es uns so machen, wie wir es für unseren liebsten Angehörigen wollten. Aber hört auf mit der Supermedizin.

Die meisten wünschen sich ja ein schnelles Ende. Zack. Umfallen und aus die Maus. manchmal frage ich mich, ob sich das die Menschen gut überlegt haben. Denn damit ist schwer zurechtzukommen. Wie auch. Zeit zum Abschied bleibt nicht. Gespräche, die noch anstanden, erfolgen nicht mehr. Papierkram, Versicherungen, wichtige letzte Worte. Alles fehlt, weil einer aus der Mitte gerissen wurde. Es ist ein brutaler Abschied. Ob er dem Verstorbenen recht gewesen wäre?

Dann doch langes Leiden?

Gibt es nicht möglicherweise auch etwas dazwischen? Und wenn ja – wie könnte das aussehen?

Das allerwichtigste ist, dass man darüber nachdenkt. Ja. Wir sind sterblich und wir werden alle sterben. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Ich kann natürlich auch so tun, als wäre ich unsterblich. Ja – das geht. Wird aber irgendwann auch schwierig. Dann sollte aus dem „Nachdenken“ ein „darüber sprechen“ werden. Mit meinen liebsten Menschen. Mit meinen Angehörigen und Freunden. Mit dem Arzt des Vertrauens.

Niemand will irgendwann in einer Klinik liegen und fremde Menschen über das eigene  Schicksal entscheiden lassen. Nicht immer in meinem Sinne. Auch, wenn sie es alle gut meinen.

 

Einer meiner Kolleginnen ist seit 12 Jahren in der Ethikkommission . Sie sagt:

„Ich habe relativ früh für mich Vorsorge getroffen. Mir wäre es arg, wenn meine Vorstellungen und Wünsche nicht umgesetzt werden würden.  Ich lebe seit vielen Jahren autonom. Und in dieser Phase sollte meine Autonomie mir genommen werden? Kann doch nicht wahr sein!“

Was es braucht sind Menschen, die einen gut beraten. Das Unaussprechliche aus- und ansprechen. Warum nur hat diese Frau – oder der Hausarzt – nie mit dem Mann gesprochen? Er war nicht von heute auf morgen so krank. Es wäre genug Zeit geblieben. Jetzt liegt er da.

Vielleicht war sie in ihrem Hamsterpflegekrussel und kam nicht mehr heraus. Es war einfach nur tragisch, wie sie an der Liege mit ihrem schwerstpflegebedürftigen- und kranken Mann stand und ihm mit einem Läppchen die Stirn abtupfte. Blanke Hilflosigkeit. Es bricht einem das Herz.

Und wir stehen daneben.

In einem Krankenhaus ist man es gewohnt, zu tun. Nicht zu lassen.

Die wenigsten sagen: Wir lassen jetzt der Natur ihren Lauf.

Wie auch. Am nächsten Tag stehen sie in ihren Besprechungen und müssen sich rechtfertigen. Nicht nur die Ethik geht da flöten, wenn man einmal vor aller Augen zusammengestaucht wie ein Schulkind wurde – auch der wirtschaftliche Aspekt ist nicht zu vernachlässigen.

„Nichts tun“ bringt kein Geld. Was Geld bringt, ist eine Maximaltherapie – so bitter es sich auch anhört. Und so unnütz sie hin und wieder ist.

(Und manchmal – auch das will ich nicht verschweigen – ist sie ein Wunder in Reinkultur – diese Maximaltherapie. Ein Verwandler von „Fast gestorben“ in „putzmunter“. Auch das gibt es. Aber davon schreibe ich nicht hier. Sondern von Menschen, die sich schon sichtbar im Sterbeprozess befinden).

„Schreib noch ein EKG mit Rhythmusstreifen!“

„Warum? Mit welcher Konsequenz?“

„Damit es gemacht ist.“

Ausziehen. Kälte zieht an den ausgemergelten Körper. Feucht, kalte Saugnäpfe, die sich in die Haut förmlich einsaugen. Das ist noch das harmloseste von all den diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen.

 

Es ist schwierig in einer Notaufnahme. An diesem Ort herrscht Zeitdruck. Hier muss man schnell eine Entscheidung treffen. Ob sie immer im Sinne den Patienten sind, weiß man manchmal erst hinterher. ( Und warum manche Patienten noch in ein Krankenhaus überwiesen werden, ist so hin und wieder auch ein Rästel. Ich hatte neulich jemanden, der nach „Betreten“ der Notaufnahme gestorben ist. „Oh!“, sagte der Notarzt. „Jetzt ist er verstorben!“ „Warum habt ihr ihn nicht Zuhause gelassen? Friedlich, bei seinen Angehörigen? Jetzt schippert ihr 20 km über Land. So will man doch sein Leben nicht beenden?“ Es macht einen so hilflos. So zornig. So _________ (ergänze sinnvoll).

Ein Notfall kündigt sich nicht immer an. Nicht jeder hat seine Krankengeschichte mit Patientenverfügung griffbereit. Und die Angehörgen, die den Menschen kenne, kommen erst später nach. Es ist ein Dilemma. Also wird – im Falle, dass man nichts an Unterlagen hat – alles unternommen, um das Leben retten.

Warum zögern Menschen, sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen – frage ich meine Ethikkollegin?

 „Es ist ein gesellschaftliches Problem. Das Thema Sterben findet nicht statt. Egal in welchem Zusammenhang. Egal ob jung oder alt.  Oft erkennen die Menschen  auch nicht den Unterschied zwischen Sterben im Fernsehen und  dem realen Sterben. Viel glauben heute tatsächlich, dass Sterben wie im Fernsehen abläuft:  Jemand ist krank, sagt noch einen bedeutungsschweren Satz und dann fällt der Kopf zur Seite.

Und so ist es nicht. Fiktion und Realität können die wenigsten auseinanderhalten.

Sterben ist anders. Wer stirbt denn heute noch zuhause? Die Menschen sterben im Krankenhaus und nicht Zuhause und das bekommt keiner mit.

Ich bin immer bekümmert, wenn ich Todesanzeigen lesen „… nach einer langen und qualvollenZeit gestorben!“ Denn unsere Medizin kann viel. Vielleicht hätte man es ihm erleichtern können. Es muss heute keiner mehr qualvoll sterben. Auch das darf man nicht vergessen. Es gibt die Palliativmedizin mittlerweile fast flächendeckend. Hospitzvereine, die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung ( SAPV). Es gibt so viele Möglichkeiten der Hilfe.

Es muss wieder ein Thema werden – das  Nachdenken über den Tod. Den eigenen oder den von unseren Liebsten. Nicht erst kurz vor knapp. Und manchmal muss man sich ein Herz fassen und – am besten in guten Zeiten – darüber sprechen: wie habt ihr euch das vorgestellt?

Es gibt viele Vordrucke von verschiedensten Organisationen. Ich weiß dann, dass sie gut ist, wenn sie verständlich für mich als Patienten ist. Sie soll ein weites Feld abdecken, aber sich auch nicht verzetteln. Wenn man nicht vom Fach ist, ist es hilfreich, sich jemanden zu suchen, der einem behilflich ist beim Ausfüllen. Es heißt auch oft: …“keine lebensverlängernden Maßnahmen“. Aber: aus völliger Gesundheit stirbt man nicht. Es geht auch um die Zeit vor dem Sterbeprozess – das ist auch wichtig. Kann ich mir vorstellen, vorher 5 Jahre als Pflegefall im Bett zu liegen? Oder wäre das schon ein Ausschlußkriterium für mich? Viele wissen auch leider zu wenig über den Sterbeprozess. Das stelle ich immer wieder fest. Wenn das alles mehr bekannt werden würden, dann würde vieles mit  anderen Augen gesehen werden. Und manchmal schadet es auch nicht, den Arzt zu wechseln.“

Die „Textzicke“ hat ein wundervolles Gedicht über ihre Oma geschrieben, dass ich hier abdrucken darf.

Sie hat es geschafft,
sagt Papa am anderen Ende der Leitung,
endlich hat sie Ruhe,
endlich.

Ich komme sofort,
sage ich,
natürlich.

Als ich 60 Kilometer später
das Zimmer betrete,
liegt sie da in ihrem Bett
wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen,
so klein,
so durchsichtig irgendwie,
aber so friedlich:
Oma.

An jeder Bettseite
einer ihrer Söhne,
jeder hält eine Hand.
Winzig, viel zu dünn ihre Finger
in den großen Männerpranken,
aber wie immer knallrot lackierte Nägel,
das war ihr wichtig.

Vorsichtig legt Papa
ihre Hand
auf der Decke ab,
um mich fest in den Arm zu nehmen
und mit mir zu weinen.
Er ist kein Mann,
der sich seiner Tränen schämt.

Scheiße.
Es ist traurig, dass sie weg ist,
nie wieder Rommé
nie wieder schwäbische Küche
nie wieder ihr helles Lachen
über schlüpfrige Witze.
Aber es ist auch gut,
für sie selbst am besten,
irgendwann gab es gegen die Schmerzen
nur noch diesen Weg.

Wie war es?,
frage ich,
wie ist es gewesen?

Papa holt tief Luft,
schaut seinen Bruder an,
schaut mich an
und erzählt.

Schlimm war es,
sagt er,
zuerst sehr schlimm,
sie hat arg geklammert am Leben.
Immer wieder entsetzliche Atemnot,
das war krass,
jedes Mal überlegst du,
ob es noch sinnvoll ist,
und dann greifst du doch wieder
nach der Sauerstoffmaske.
Dieser Scheißkrebs.

Liebevoll streichelt er
die kleine, leblose Hand.

Dann kam der Punkt,
sagt er,
wo klar war,
jetzt passiert es.
Aber es war okay,
sogar höchste Zeit,
und der Zeitpunkt war gut,
denn wir waren beide da
und das hat sie sich doch gewünscht.
Vor ihrem letzten Atemzug
hat sie erst M.,
dann mich noch einmal so angeschaut,
wie nur eine Mama ihre Kinder anschauen kann,
und hat ihre letzte Kraft
in diese Hände hier gesteckt
und ganz fest gedrückt.
Pfiats eich, meine Buam,
hat sie gesagt,
und dann war es einfach vorbei
und es war gut.

Jetzt weinen wir wieder,
alle drei,
ich kniee mich neben das Bett
und streichle ihr kühles Gesicht,
das gleichzeitig so vertraut
und so fremd ist.
Servus, kleine Oma,
sage ich leise,
und danke für alles,
für stundenlange Spiele
und die allerschönsten Ferien
und diese kleinen Füße, die ich auch habe
und die besten Kässpatzen auf der Welt
und dass du mir beigebracht hast,
wie man unsichtbar Socken stopft.

.
.
.

Noch heute ist Omas hölzerner Stopfpilz
einer meiner größten Schätze.
Von allem, was ich erbte,
ist er mir am wertvollsten
und der Grund dafür,
dass ich über jeden Kinder-Socken-Kartoffelzeh
schmunzeln muss
und mich auf die Arbeit daran freue,
statt mich zu ärgern,
genau, wie ich das bei so vielen kleinen Dingen mache,
über die ich mich ebensogut
furchtbar aufregen könnte.
Danke, Oma.

 

(„Tausend Tode schreiben“ heißt das eBook, in dem dieser Text auch enthalten ist. Hier schreiben an die 1.000 Autoren in völlig freier Form irgendeinen Text zum Thema Tod und Sterben. Eine persönliche Erfahrung oder auch Hörensagen, als Fiction, Lyrik, Worthaufen, Kurzgeschichte … jeder so, wie es zu seiner Idee vom Tod am besten passt. Der Erlös dieser Bücher wird an das Kinderhospiz Sonnenhof gespendet).

 

Das ist es, was uns als Pflegepersonal umtreibt. Uns aufreibt. Unserer eigenen Geschichte und Sterblichkeit einen Spiegel vorhält. Was uns nicht loslässt. Und  viel zu selten bleibt Zeit, all diese sterbenden und uns unbekannten Menschen zu betrauern. Denn wir sind alle irgendwie und irgendwo miteinander verbunden.

 

Und wem der Text noch nicht lang genug war – gibt hier noch was dazu: „Sinnlos gelitten“

 

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Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

40 Kommentare

  1. Wunderbarer Text, der mir auch als Arzt (Anästhesist/Palliativmedizin) aus dem Herzen spricht. Auch ich habe mich schon oft mit diesem Thema beschäftigt. Aber gerade im Bereich der SAPV & Hospiz gibt es bei uns auf dem Land och viel zu tun. Auch das Thema Patientenverfügung ist noch nicht überall ausreichend bekannt.
    Es bleibt ein stetiges Weiterarbeiten für ein würdiges Leben als Schwerkranker

    1. Vielen Dank. Ja – es gibt viel zu tun´. Packen wir es also an und reden mit den Menschen. Es fängt ja schon bei der eigenen Familie an: Aktuell habe ich eine Verwandtem, die auf keinen Fall über dieses Thema sprechen möchte. Aber es ist so wichtig.

  2. Hat dies auf Meine Erlebnisse im Altenheim rebloggt und kommentierte:
    Den Tod möchte man am liebsten weit von sich schieben. Leiden, Sterben, das müssen immer nur andere momentan. ICH habe da ja noch Zeit…

    Ich bin froh, dass man sich hier bei uns im Heim schon ganz am Anfang unseres Aufenthaltes hier mit einer der Damen des Sozialdienstes(Psychologin oder Sozialpädagogin)zusammensetzt und darüber spricht, wie man sich sein Ende wünscht. Sie fragen auch, ob eine Patientenverfügung existiert. Wenn nicht, sind sie einem behilflich dabei, eine zu erstellen. Weitere Einzelheiten, die hier dazu gehören, werden abgeklopft. Ich finde das sehr gut. Immerhin spricht man mit Menschen mit viel Erfahrung auf diesem Gebiet, die einem persönlich nicht so nahe stehen, wie Mitglieder der eigenen Familie.

    Danke, liebe Notaufnahmeschwester, dass du dieses wichtige Thema in deinem Blog aufgreifst!

    1. Vielen Dank fürs Teilen, liebe Katrin. Ja – das ist ein sehr wichtiges Thema. So schmerzhaft es auch ist. Keiner beschäftigt sich gerne mit der eigenen Sterblichkeit. Aber keiner möchte auch so im Krankenhaus liegen, wie ich es oft sehe.

  3. Meine Oma ist diesen Sommer verstorben. Sie durfte zum Glück zu Hause gehen, in ihrem Bett neben ihrem Ehemann mit dem sie über 40 Jahre verheiratet war und den sie sehr geliebt hat. Einfach abends ins Bett gegangen & nicht mehr aufgewacht.
    So wie man es sich eigentlich wünscht.

    Und jedes Mal wenn wir wieder einen schon lange im Sterbeprozess befindlichen Patienten kriegen der dann bei uns maximal therapiert wird weil keiner sich traut der Sterblichkeit ins Gesicht zu sehen bin ich wieder dankbar. Dankbar das meine Oma nicht ihre letzten Stunde in der Rettungsstelle verbringen musste. Dankbar das sie nicht DK, Zugänge, Sauerstoffbrille, Monitorkabel an sich hängen hatte. Dankbar das niemand auf ihrem Brustkorb rumdrückte und alle Knochen brach. Zu Hause, in Frieden mit geliebten Menschen in seiner Nähe sterben ist eines der größten Privilegien.

    1. Ich nenne es Gnade. Und ja – es ist ein Privileg. Das stimmt. Und manchmal ist es auch ein Zeichen für ein gutes Leben mit freundlichen und stabilen Beziehungen. Und es stimmt: es gibt nicht viele, die sich trauen, der Sterblichkeit ins Gesicht zu sehen.

  4. Danke für diesen Text! Sterben ist schwer – für die Sterbenden und für die Angehörigen –, aber es gibt so viele Möglichkeiten, es zu erleichtern. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber es ist für alle ein Geschenk, wenn ein geliebter Mensch seine letzten Tage in der gewohnten Umgebung verbringen und zu Hause sterben darf. Und nein: Es ist nicht leicht, ganz bestimmt nicht. Aber menschlich.

    1. Ja – es ist ein Geschenk, wenn man so, wie man gelebt hat auch sterben darf. In gewohnter Umgebung und mit den liebsten Menschen um sich herum. Von allen Menschen, die ich begleitet haben – und von Geschichten, die ich mir angehört habe ist es – so schmerzlich und traurig es auch ist – ein Gewinn, wenn man das Gefühl hat: So war es richtig. Wir haben alles getan, damit es würdevoll wird und ist. So hat der Mensche es sich gewünscht und wir konnten seine Wünsche erfüllen.

  5. Vielen vielen Dank dafür! In Kürze jährt sich der Todestag meines Opas und es war schrecklich zu sehen, wie er im Krankenhaus gelitten hat. Er wollte so gern nach Hause, aber wir hätten es nicht allein geschafft und so kurzfristig bekommt man keine 24 std. Kraft gestellt. Zum Glück könnten wir ihn noch von der unpersönlichen krankenhausfabrik in eine kleine altersgerechte Einrichtung verlegen lassen, wo er liebevoll gebettet wurde und endlich zur Ruhe kam! Man sollte den Tod genauso thematisieren wie die Geburt! Denn es gehört dazu! Ich dürfte die Beerdigungsrede an Opas Grab sprechen und ihm so etwas Respekt schenken…ich hätte sie ihm vorlesen sollen!

  6. Grandioser Text über so viel traurige Wahrheit. Ich möchte Auszüge gerne meinen Kollegen morgen in der Besprechung vorlesen. Leider verwischt im Alltag all zu oft die objektive Sicht auf die Dinge. Ganz großes Tennis!
    Tim, 38, Kardiologe

  7. Mein Herzensmensch ist in meinem Beisein gegangen, dank guter Palliativbehandlung in einer anthroposophischen Klinik war er schmerzfrei, angstfrei und ging ganz friedlich. Ich betrachte es als ein großes Geschenk, dass ich bis zum Schluss ungestört an seiner Seite sein durfte.
    Dank dieser Erfahrung lasse ich mich zur Sterbebegleiterin ausbilden.

  8. Ich finde deinen Text wichtig.
    Jeder sollte sich Gedanken darüber machen wie er in einer solchen Situation behandelt werden möchte.
    Ich finde allerdings den Text, wie alle die ich im Internet gefunden habe etwas einseitig.

    in meiner Patientenverfügung steht verkürzt folgendes.

    Ich halte auch ein beatungspflichtiges, schmerzgepeinigtes und komunikationsunfähiges Leben für lebenswert.
    Im Konfliktfall soll die Herstellung der Komunikationsfähigkeit der Schmerzbehandlung vorgezogen werden.
    Auch experimentelle noch nicht im Tierversuch verifizierte Therapieansätze sollen angewendet werden.
    ich sehe Menschen wie:
    Ferdinand ( Ich möchte 1000 Jahre leben ) und
    Louis Washkansky ( erste Herztransplantation )
    als Vorbilder.

    Als ich die Verfügung mit meinem Hausarzt durchgesprochen habe,
    war dieser nicht so überrascht wie ich das erwartet habe.
    Es gibt wohl gar nicht so wenig andere Menschen die ähnlich denken.

    Mir ist natürlich klar dass ich mit meiner Bereitschaft zu kämpfen falsch liegen könnte, dass gilt aber für jede Art von Patientenverfügung.

    Ich finde es wichtig, dass klar gemacht wird

    „Eine Patientenverfügung muß nicht Zwangsläufig bedeuten dass gewisse Therapien verboten werden, sondern kann auch zusätzliche Therapien fordern.“

    1. Eine gute Patientenverfügung ist immer individuell. Und deine Gründe kann ich sehr gut nachvollziehen. Der „Trick“ ist aber auch zu wissen, wann manches nicht mehr sinnvoll ist. Viel Erfolg und Gottes Segen bei/ zu deinem 1000 – jährigem Leben.

  9. Hat dies auf Tagebuch einer freien Theologin rebloggt und kommentierte:
    Die Notaufnahmeschwester sieht viele meiner „Kunden“ vor deren Ableben und ich kann aus vielen Trauergesprächen leider nur bestätigen: Wir reden mit unseren Liebsten zu wenig über Fragen von Tod und Sterben. Klar, es ist ja auch ein schwieriges Thema. Aber noch schwieriger ist es doch, wenn man sich mit der Situation eines sterbenden Angehörigen konfrontiert sieht und keine Ahnung hat, was er oder sie in dieser Situation gewollt hätte! Reanimation oder nicht? Künstliche Ernährung oder einfach Sterbenkönnen? Organspende, ja oder nein? Die Autorin appelliert an Sie, mich und uns alle: Redet drüber! Und macht eine Patientenverfügung! Denn Sterben ist anstrengend genug.

  10. ich möchte dir als unfallchirurg und notarzt herzlich für diesen text und die an uns / mir geübte kritik danken! ich muss meine konzepte überdenken. so schmerzlich das auch sein mag… danke!

  11. Danke für diesen Beitrag. Das Thema Sterben und Tod steht sicher in jedem Ausbildungsplan für Pflegeberufe. Doch die Praxis lehrt, das es viel zu unterkommuniziert ist. Wir würden gern unseren Nachhilfeschülern deinen Beitrag ausdrucken und mit auf den Weg geben. Wäre das in Ordnung? LG Susanne

  12. Der Text ist einfach nur GUT. Mmeine Mutter ist nach einem festen Händedruck und einem „Auf Wiedersehen“ innerhalb von 10 Minuten im Krankenhaus friedlich eingeschlafen mit 86 Jahren. So hätte ich das auch gern.
    Tod gehört zum Leben, schade, dass das Thema Sterben und Tod gesellschaftlich so sehr ausgegrenzt wird. Es stirbt eh jeder. Eigenartig, wie die Menschen „unangenehmes“ verdrängen. Bei einem Vortrag zu Patientenverführung sagte der Vortragende: „wir sterben alle“ – Kommentar einer Zuhörerin: “ das kann ich SO nicht akzeptieren“ – SO Schade.

  13. Herr Brehme hat mir beigebracht: Geboren wird man nicht einfach mal eben so. Das läuft auch nicht mit Zack -Wehen-Zack -Kind da. Und mit dem Sterben ist es genauso. Läuft auch nicht mit einfach Zack-Stecker raus-Zack tot. Bei den Fehlalarmen beim Kinderkriegen sagte meine Hebamme immer: Bei dritten Mal kommt es. Es guckt, ob alle zum Geboren werden da sind, ob alle bereit sind. Und ich denke in meiner kleinen Welt: So ist das mit dem Sterben auch. Und es ist so unsäglich schwer, weil eben nicht wie beim Geboren werden alle bereit und da sind, wie es vielleicht sein sollte.

      1. Herr Brehme kam am Tag seines Todes aus dem Krankenhaus zurück ins Altenheim. Sie hatten ihm frisch den Unterschenkel amputiert. Das Bett war nicht gemacht, als sie kamen und ich habe es schnell frisch bezogen und sie haben ihn ins Bett gewuchtet. Und sind gegangen. Und immer wieder war er da und schrie wie eine Frau unter den Wehen und sackte dann wieder weg. Ich habe ihm die Hand gehalten und immer geflüstert, es werde alles gut. Aber ich musste zurück an die Arbeit und denke, ich kenne den Sinn der schweren Türen im Altenheim, weil das Schreien so leise wurde. Abends um zehn kam dann endlich der Arzt, aber da war ich schon lange zuhause. Abends um zehn kam er und danach konnte Herr Brehme endlich gehen. Ich wollte ihn nicht allein lassen, aber ich hatte Angst vor der Chefin.

  14. Ich habe jetzt lange und viel über Deinen Beitrag nachgedacht. Ich erlebe es so: Ich bin 50, also auf der Zielgeraden des Lebens. Wenn wir Kinder sind, ist ein Jahr viel. Verdammt viel, wenn wir jung sind, dann sind fünf oder zehn Jahre viel, aber mit 50 sind zwanzig Jahre, oder auch zehn, das ist nicht mehr so viel. Je älter man wird, desto kostbarer wird die Zeit. Aber, auch wenn ich über solche Themen rede, wenn ich Entscheidungen fälle im Hinblick auf die verbleibende Zeit, auch wenn die sich eher an der statistischen Lebenserwartung lang hangelt, und dabei nehme ich die Statistik der Frauen aus meiner Familie, dann sind alle, die, die zu den jüngeren in meiner Familie gehören, nicht gesprächsbereit. Das wird mit einem Abwinken abgetan, das Thema oder der Raum gewechselt. Als meine Mutter mich hat ihre Patientenverfügung unterschreiben lassen, da habe ich geweint. Und ich habe ihr gesagt: „Du bist doch mein Zuhause. Und ich habe nie drüber nachgedacht, was wäre wenn.“ Es ist ja auch ein unwirklicher Gedanke. Nunja, aber was ich eigentlich damit sagen wollte: Ich denke nicht, das die Tabuisierung an den Alten liegt, die das Ende schon sehen, sondern eher an den Jüngeren, für die der Gedanke,. der andere könne nicht mehr da sein, irgendwie untererträglich und beängstigend ist.

    1. Ich denke mit Grausen daran, wie es sein sollte- ein Leben meine Lieben. Ja. Es ist unerträglich und beängstigend. Aber eben auch unausweichlich. Ich denke, man muss sich mit dem Gedanken vertraut machen. Vielleicht reicht es manchmal schon aus, dass man es weiß. Mehr „Gedankenspiele“ sind am Anfang vielleicht nicht nötig. Ich glaube ja, die Tabuisierung kommt aus alles Schichten und Altersgruppen. Es ist einfach kein Thema, über das man gerne nachdenkt. Zu schmerzlich. Zu absurd auch – wenn man mitten im Leben steht.
      Ich werde in den nächsten Wochen eine mit meinen Eltern ausfüllen und ich weiß, dass das nicht leicht sein wird. Es wird einer meiner Liebesaktes sein, ihnen – was noch hoffentlich nicht lange ansteht – beizustehen, sie zu begleiten und behüten.

  15. Ich lese mich gerade quer durch deinen Blog.
    Diesem Text ist nichts an Gedanken oder Gefühlen hinzuzufügen. Es war häufig Thema in unserem Team und ist es immernoch, wird es wahrscheinlich noch lange bleiben. Es ist ein schwieriges Thema, aber es MUSS angesprochen werden.

  16. Danke. Nichts als Danke- nicht nur für diesen wunderbaren Text, den ich erst heute- mehreren Monate nach der Veröffentlichung-fand und las…aber heute besonders für diesen. Danke dafür, dass Du/ Sie Worte findest für meine Gedanken als Krankenschwester, Mutter, Tochter, Schwester, Freundin… Danke.

  17. Ich habe auch gerade im Rahmen einer Recherche über Sterben in der Notaufnahme-ein Notfall? diesen wunderbaren Text gelesen. Es sind ganz viele Dinge direkt aus meinem Herzen gesprochen. Ich habe mich als Ärztin bewußt gegen die Notfallmedizin und für die Palliativmedizin entschieden. Natürlich brauchen wir die Notaufnahme, aber das Sterben muss gesellschaftsfähiger gemacht werden. Die Notaufnahme wird als selbstverständlich vorausgesetzt (und leider oft auch so missbraucht…), aber „Sterben (zu-)lassen ist leider nicht selbstverständlich. Danke, dass es Leute wie Sie gibt, die solche Zustände so wunderbar greifbar in Worte fassen können!

  18. Ein wichtiges Thema das gerne verdrängt wird. Um so wichtiger ist es, immer wieder darüber zu schreiben und erzählen. Ich selbst habe ein Buch dazu geschrieben („Leben um sterben zu können/Sterben um leben zu können“).
    Ihr berichtet aus eurem anspruchsvollem Alltag mit den täglichen Dilemmas die entschieden werden wollen. Hut ab und danke!

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