PAM* oder Liebe?

Sieben Uhr am Morgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen – wohl aber die Tür der Notaufnahme. Der Rettungsdienst brachte ein bekanntes Gesicht. „Da isser mal wieder!“

star-668346_960_720

Ach du liebe Zeit!

Wir kennen uns gut über die Zeit. Manchmal kommt er dreimal die Woche. Manchmal einmal im Monat. Naja – was heißt hier „kommen“: Er wird selbstverständlich gebracht. Gerne mit dem vollen Ballett, bestehend aus Rettungsdienst, Notarzt, Praktikant und Kumpels.

Meistens bekommt er den ganzen Aufwand nicht mit, weil er bewusstlos ist . Sind es die Drogen? Der Unter- oder überzucker bei seinem Diabetes Typ 1? Gar die Drogen? Pöh. Das weiß erst einmal keiner.

Manchmal krampft er auch noch ein bisschen dazu. Oder hat fürchterliche Bauchschmerzen. Irgendwas ist immer.

Am Anfang kennt man sich noch nicht so gut. Aber dann mit der Zeit. Immer besser. Mehr als einem lieb wäre.

Aber der Reihe nach.

Das Bürschlein – er ist Anfang zwanzig – lag mit geschlossenen Augen auf der Liege- im tiefen Schlummer. Es roch ungut. Beim Umbetten auf die Krankenhausliege öffnete er wie Dornröschen nach einem langen Schlaf die Augen und fing zu zetern an. Sein blöder Bruder wäre schuld, weil er den Rettungsdienst geholt hätte. Nun wären sein Handy und alles und überhaupt noch in der brüderlichen Wohnung. Was für eine Scheiße!.

Wahrscheinlich hatte er Bruder Angst bekommen. Der Blutzuckerwert war über 500. Möglicherweise war er besorgt. Oder hatte Angst, dass das er Scherereien macht. Oder fühlte sich in seinem eigenen Drogen/Alkoholexzess gestört. Wer weiß das schon. Wie wunderbar, dass man hier problemlos in Not überall und allenthalben jemanden anrufen kann, der den Bruder abholen kommt und sich nicht selbst kümmern muss. Oder – Gott bewahre – vorher denken oder handeln  müsste: Bruder: Lass die Finger vom Alkohol/Drogen. Das haut deinen Zucker durcheinander. Und überhaupt.

Der Geruch kam übrigens von seiner vollen Buxe. Um es mal umgangssprachlich zu schreiben: voll reingeschissen.

Und überhaupt: Er bräuchte jetzt erst einmal eine Dusche! Was? Hier gibt es keine? Scheißescheißescheiße.

Und pinkeln müsste er.

Wir gingen zusammen aufs Klo. Ich reichte ihm Waschläppchen an. Eine Unterhose Modell: „Netzhose – wie bist du so sexy“. Und einen Einmalhose L, die an seiner mageren Gestalt herumbaumeln würde. Aber besser so, als vollgeschissene Buxe.

Innerhalb von wenigen Minuten schaffte er es, ein Klo einzusauen, dass der Reinigungsperle der Angstschweiß ausbrach. Koordination war an diesem Morgen aus. Er erinnerte mich dabei ein bisschen an meine Katze, die auch immer genau auf den Teppich kotzt, anstatt auf den blanken, abwaschbaren Boden direkt daneben.

Er ging dabei nicht wirklich gründlich vor, denn als er die Netzhose anzog, war sie hinten schnell wieder – oder immer noch –  braun. Hilfe wollte er auf keinen Fall. Irgendwie war es ihm möglicherweise auch ein bisschen peinlich. Aber höchstens ein bisschen.

Und dann wollte er gehen. Sofort. Zucker hin – Alkohol und Drogen her. SOFORT. „Ich kenne meine Rechte!“

Eigentlich will er immer sofort gehen. Da kommt er mit dem Rettungsdienst angekutscht, um in der Notaufnahme wachzuwerden, festzustellen, dass  – meinetwegen – das Handy nicht da ist. Dann muss er weg und es holen. Laut weinend über den schrecklichen Verlust und die Unfähigkeit aller, weil keiner in der Notfallrettung daran  gedacht hat, ihm sein Zeugs einzupacken. Ach was sag ich: weinen ist nicht das richtige Wort. Es ist eher ein greinen. Da tropft das ganze Gesicht von Tränen, Rotz, Spucke. Herzzerbrechend – beim ersten Mal. Und obwohl er vorher ganz schrecklich krank war und ist – geht er. Heimlich. Oder auch mit Erlaubnis. Plötzlich genesen in heiliger Mission.

Ich holte Insulin. Die Ärztin war für zehn Einheiten. Er fand neun Einheiten besser. Spritzen wollte er selbst.“Das kann ich besser!“ Er hampelte mit der Spritze herum, dass ich schon fast dachte- gleich sticht er sich das Auge aus. Wie bei meinem Kindern stand  ich daneben- um notfalls eingreifen zu können. Falsch – meinen Kindern hätte ich so ein Verhalten nicht gestattet. Wer säuft, drogt oder sonst schlecht drauf ist, hat sein Mitspracherecht verwirkt. Hier bei: „Ich- kenne-meine- Rechte-Mister“  kannste nicht die Mutti spielen. Eher so die Krankenschwesternbitch.

„Wir“ haben es hingekriegt.

Dann wollte er einen Taxischein nach Hause. Zum Bruder. „Umme fahren“ auf Kosten der Krankenkasse.

Nun. Die Ärztin zog Luft durch die Zähne. Wer selber gehen möchte, kann das gerne machen. Aber nicht wieder auf Kosten anderer.

Heul, grein, zeter.

Scheißescheißescheiße.

Das Bürschlein beschäftigte drei Menschen gleichzeitig. Und später auch den ganzen Tag noch. Denn nach Hause schaffte er es nicht ganz. Dafür fiel er zu oft um und wurde mehrmals wieder vom Rettungsdienst gebracht. Holla! Drehtüreffekt.

Die Betreuerin versprach, jemanden vorauszuschicken, der ihn abholen würde. Mutti gibt es nicht. Scheinbar hat sie schon vor Jahren den Kontakt abgebrochen. Das ist sehr traurig. Einmal habe ich ihm zugehört, wie er mit ihr telefonierte. Er wollte ihr erzählen, dass er sich den Arm verknackst hatte. Er legte auf und die Augen waren tieftraurig. Wie gebrochen – dunkel vor Kummer. Er zählte, dass Mutti das Ganze abgetan hatte mit einem: „Stell dich nicht so an. Selber schuld!“

Wie heißt es bei Narziß und Goldmund von Hermann Hesse?

›Aber wie willst du denn einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben.‹

Das ist das Dilemma im Leben vom Bürschlein. Keine Halt. Zuviel Drogen, Alkohol, dazu eine Krankheit, die das Ganze noch potenziert. Keiner hat ihn lieb-  den Spack.

Und genau das wäre es, was er am dringendsten bräuchte.

Das Dilemma aller, die ihn als Patient bekommen, ist: du weißt nicht, ob du ihm mal eine ordentliche  „Rennschelle“ verpassen solltest, damit er aus seinem Dasein aufwacht – oder ob du ihn dir mal vier Wochen vor den Bauch binden sollst, damit er Geborgenheit kennenlernt. Einen Halt – jenseits von betäubenden und berauschenden Substanzen, die sein Leben hin und wieder bunt machen sollen.

Du siehst den kleinen Schnulli und bis voll des Mitgefühl. Gleichzeitig geht er einem unfassbar  auf den Zeiger.

Dazu kostet er eine Gesellschaft viel, viel  Geld. Rettungsdienst, Notarzt, Krankenhaus, Intensivbett, wenn er mal nicht aufwachen will aus seinem Rausch. Therapie bei seinem Diabetes.

„Das müsste er alles selbst zahlen!“, sagt die Sanitäterin. Yo. Nur wovon? Einen Job hat er nicht. Gelernt auch nichts. Wie und wann auch. Wie also wollte er das zahlen. Die drei Kröten, die er hat, teil er sich gut für sein zweifelhaftes Vergnügen  ein.

„Arbeitslager!“, sagt der Nächste.  Puh. Das hatten wir schon mal. Die Idee war schon damals nicht wirklich brilliant.

„In anderen Ländern wäre er schon tot!“, sagt ein Anderer. Möglich. Aber da ist er nicht.

Er fällt aus allem heraus. Dabei ist er gesegnet mit einer unglaublich netten Betreuerin, die sich wirklich kümmert und müht. Aber es fruchtet nichts. Bisher.

Wir haben etliche solche Patienten. Immer wieder. Arme Schweine eigentlich, die nichts auf die Reihe kriegen.- außer saufen und Drogen nehmen. Manche schaffen es irgendwann tatsächlich. Andere siehst du irgendwann nie wieder. Jede Stadt hat sie. Durchs soziale Netz gefallen. Rums.

Und nun? Wie wollen wir damit umgehen – als Gesellschaft, als Personal? Wegsehen? Integrieren? Genervt die Augen rollen? Ihn doch vielleicht vor den Bauch binden und liebhaben?

Drei Tage später, nachdem ich mit einigen Menschen darüber geredet habe, weil es mich  so beschäftigt, denke ich: Das wichtigste ist das Bemühen, kein Arschloch zu werden. Ihn abzustempeln oder ankeifen. Solche Menschen mit ihren Problemen nicht ernstnehmen. Und Freunde –  ich sage euch: Das ist schwerer, als es sich liest. Aber wenn der Kleine nüchtern ist, ist er ein ganz netter Kerl. Da steckt viel Gutes in ihm drin. Liebenswertes. Hoffnungmachendes.

Da kennen wir auch ganz andere Gesellen, die agressiv und gewalttätig  sind oder einfach nur dämlich- man kann es nicht anders sagen. An deren Liege du stehst und den Telefonhörer am Anschlag hältst, um die Polizei zu holen- wenn es Not tut. Die gibt es auch in Hülle und Fülle.

Aber der Kleine gehört nicht dazu.

Bis er das nächste Mal kommt. Hackedicht mit irgendwas. Sabbernd und greinend.

Und du dir wieder denkst: Alta! Erbarmen. Mit mir/ uns und dem kleinen Spack!

 

 

*PAM ist übrigens das Kürzel für: Paar aufs Maul.

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

10 Kommentare

  1. Liebe Notaufnahmeschwester,

    danke für diese Gedanken in und zu den „Begegnungen“, die deinen Beruf ausmachen.

    Ich schicke dir dazu ein Gedicht von Franz Werfel. Was sag ich, DAS Gedicht von Franz Werfel, für mich, und ich kenne sie alle, die Gedichte des Expressionisten, der als letzter Ehemann von Alma Schindler starb, die zuerst die Frau von Gustav Mahler, dann von Gropius war, und mit Kandinsky und anderen Salonlöwen poussierte. Werfel, der als Jude zum Katholizismus konvertierte, nach USA auswanderte und den „Veruntreuten Himmel“ schrieb. Ein großer Literat.

    Ich habe das Gedicht vor 50 Jahren kennengelernt, während meiner Ausbildung in Sprecherziehung, und wollte es zur Prüfung in mein Programm nehmen. Das hat mir aber die Professorin untersagt: „Dieses Werrrk issst zu schwääär für eine Prüfung, das ärrschüttert alle, so schräckkklich wie das ist, und dann kann die Kommission dich nicht neutral beurrrteilen.“

    Ich fand und finde es ganz und gar nicht schrecklich, und habe es später an meine Wand im Studentenzimmer geschrieben, auswendig, weil es mich seither begleitet. Eine fiktive Situation schildert Werfel da, Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs, und sie erleben Höhen und Tiefen, und am Ende eine Situation, in der sich Himmel und Erde berühren. Nie habe ich eine ergreifenderes Bild des Göttlichen gelesen als da. Und ich glaube, dass die Schlussszene jenes berühmten Jodie-Foster-Films „Contact“ (1997) sich daran bedient hat.

    Ich finde diese Gedicht nicht nur großartig sondern groß. Im Grunde ist es grandiose Theologie, wenn da im Eintauchen in das Grauen die Schöpfung mit vier Sonnen tanzt und Löwen weinen, ans Knie gelehnt, und Wildgänse hernieder brausen, und alles im Riesenwind der göttlichen Strahlen sich wiegt. Kann man das Unnennbare durch gewaltigere Bilder des Nennbaren annähern? Ein göttliches Schauspiel, das sich entzündet im Kuss des Reinen und des Unreinen. So wie in dem, was du geschildert hast, wenn das vollgeschissene Bürschlein dir mal wieder unter die Hände kommt. Und es zwischen euch blitzt und Energie überspringen kann, oder soll, oder eigentlich springen müsste, oder muss, oder einfach springt?

    Lieben Gruß,

    Reinmar Wipper aus Nürtingen

    Franz Werfel

    Jesus und der Äserweg

    Und als wir gingen von dem toten Hund, Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen, Entführte er uns diesem Meeres-Sund Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.

    Und da der Herr zuerst den Gipfel trat, Und wir schon standen auf den letzten Sproßen, Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad Und Wege, die im Sturm zur Fläche schossen.

    Doch einer war, den jeder sanft erfand, Und leiser jeder sah zu Tale fließen. Und als sich Jesus fragend umgewandt, Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!

    Er neigte nur das Haupt und ging voran, Indes wir uns verzückten, daß wir lebten, Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann, Von Öl und Mandel, die vorüberschwebten.

    Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf Zermorschte Mauer und ein Tor inmitten. Der Heiland stieß die dunkle Pforte auf Und wartete, bis wir hindurchgeschritten.

    Und da geschah, was uns die Augen schloß, Was uns wie Stämme auf die Stelle pflanzte, Denn greulich vor uns, wild verschlungen floß Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.

    Verbißene Ratten schwammen im Gezücht Von Schlangen, halb von Schärfe angefressen, Verweste Reh und Esel und ein Licht Von Pest und Fliegen drüber, unermessen.

    Ein schweflig Stinken, und so ohne Maß Aufbrodelte aus den verruchten Lachen, Daß wir uns beugten übers gelbe Gras Und uns vor Ekel und vor Angst erbrachen.

    Der Heiland aber hob sich auf und schrie Und schrie zum Himmel, eifernd ohne Ende: »Mein Gott und Vater, höre mich und wende Dies Grauen von mir und begnade die!«

    »Ich nannt‘ mich Liebe und nun packt mich auch Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze. Ach, ich bin leerer als die letzte Metze Und voller Öde wie ein eitler Gauch.«

    »Mein Vater du, so du mein Vater bist, Laß mich doch lieben dies verweste Wesen, Laß mich im Aase dein Erbarmen lesen! Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!«

    Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht Von jenen Jagden, die wir alle kannten, Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten, Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht.

    Er neigte rasch sich nieder und vergrub Die Hände ins verderbliche Geziefer, Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer, Von seiner Weiße sich erhub.

    Er aber füllte seine Haare aus Mit kleinem Aas und kränzte sich mit Schleichen, Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen, Von seiner Schulter Ratt‘ und Fledermaus.

    Und wie er so im dunklen Tage stand, Brachen die Berge auf und Löwen weinten An seinem Knie, und die zum Flug vereinten Wildgänse brausten nieder unverwandt.

    Vier dunkle Sonnen tanzten lind, Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte. Der Himmel barst. Und Gottes Taube wiegte Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.

    >

  2. Etwas heruntergebrochen in der Dramatik gilt der Text auch für stark verhaltensauffällige Schüler. Ich empfinde als Förderschullehrerin da durchaus ähnlich *seufz* . Und ja, dabei „kein Arschloch zu werden“ ist schwerer als es sich liest, aber es geht!

  3. Bei uns genau so, arbeite auch in einer ZNA und wir haben auch so unsere Stammkunden denen es genau so geht ! Genial geschrieben 👍

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: