Gezicke und Gezeter

Ein falscher Schritt, ein komisches Wort und RUMS! Gezicke. Gezeter. Handgemenge.

Manchmal fehlt nur noch, dass alle ihre Schippen raussuchen, sich im Sandkasten treffen und sich eins über die Rübe  hauen. Obwohl – vielleicht wäre das eine wunderbare Möglichkeit….. ?

https://media.giphy.com/media/l2R02jxU6NrDdUMjS/giphy.gif

 

Du würdest gerne dem Patienten den Arztbrief aushändigen. Nur leider ist der Arzt verschwunden. Der Griff zum Telefonhörer soll ihn ausfindig machen. Ringring. Keiner hebt ab. Na gut. Vielleicht ist er auf dem Klo. Zwei Minuten später probierst du es erneut. Ringring. Immer noch keiner. Nanu?

Repeat. Ringring. Und endlich wird abgehoben.

„MEINST DU NICHT, DASS WIR GERAFFT HABEN, DASS DU WAS VON UNS WILLST? HERRGOTTNOCHMAL, WIR HABEN DAS SCHON GECHECKT.WIR HABEN ZU TUN!“

Ach so! Hoppla.

 

„Was machst du denn da für einen Scheiß?“, fragt die Kollegin ganz ungeniert und sehr laut mitten im Patientenzimmer, weil sie es komisch findet, dass du den Gips von rechts nach links, anstatt von links nach rechts anwickelst.

 

„Ich schreib das IMMMER drauf! Mach halt deine Augen auf das nächste Mal und störe mich nicht mit deinen bescheuerten Fragen!“

 

„WER HAT DEN PATIENTEN AUF STATION GESCHICKT, OBWOHL ICH IHN NOCH NICHT FREI GEGEBEN HABEN? DAS IST SCHEIßE. SO LÄUFT DAS NICHT!“

„Der Oberarzt? Und ich habe ihn nicht geschickt – du musst mich nicht so anschreien, ich stehe direkt neben dir!“

„SCHREISCHREISCHREI!“

Der Heuler von Molly Weasly ist ein kleines Spätzchen dagegen.

 

„DAS IST HIER EIN VÖLLIG UNPROFFESIONELLER LADEN! ES KANN DOCH NICHT SEIN, DASS ICH MIT MEINEN SCHMERZEN NE HALBE STUNDE WARTEN MUSS!“

 

„Jo!“, sagt der tiefenentspannte Kollege. „Der Ton ist rau, aber herzlich. Und vieles verpufft wieder schnell!“

Möglich, dass er Recht hat. Aber wieviel schöner wäre es, wenn man nett miteinander umginge? Zumal die meisten von uns jahrelang noch miteinander arbeiten werden – quasi bis die Rente uns scheidet.

Überall da, wo viele Menschen zusammenkommen, kann das sehr nett sein und sehr bescheuert. Jeder hat seine persönlichen Animositäten. Einen Gleichklang der Gefühle und Stimmungen und Höflichkeiten wird es möglicherweise nie geben. Umso mehr könnte man selbst daran arbeiten.

Ich hab kürzlich einen Sani vergrätzt. Wenn mich eines echt auf die Palme bringt, dann das: Der Patient wird angeliefert: Egal ob Herzinfarkt oder abgebrochener Fingernagel: Alle haben ein EKG Monitoring dran. Gut – die alten Hasen machen es nicht mehr bei jedem Patienten dran. …

Nun ist es laut in so einem Krankenwagen. Da musste schon mal die Lautstärke auf volle Otze drehen, damit du weißt, dass dein Patient noch lebt. Versteh ich. Und so laut kommen sie dann an. Es macht mich wahnsinnig.

FIEPFIEPFIEPDÜDDELDÜDELDÜDDELFIEPFIEPFIEPFIEPDÜDDELDÜDELDÜDDELFIEP

In der Notaufnahme ist es ebenfalls meistens sehr laut. Drei Schwestern und Pfleger, Schüler,  Praktikanten, fünf Ärzte und 8 Monitore, Telefone, die schellen und Glocken die bimmeln. Manchmal kann man sich vor lauter Geräuschkulisse nicht mehr selber denken hören. Und der Rettungsdienst, der sich die Klinke in die Hand gibt.

FIEPFIEPFIEPDÜDDELDÜDELDÜDDELFIEPFIEPFIEPFIEPDÜDDELDÜDELDÜDDELFIEP

 

„MACH AUS!“

„Okay“

Seitdem ist er – glaube ich – ein bisschen verschüchtert und spricht eher weniger mit mir, wenn er mich sieht. Ups. Sorry. So war es gar nicht gemeint.

Rau, aber herzlich und vieles verpufft schnell. 

 

Und dann kommt dieses noch hinzu:

Zwischen dem, was ich denke,

dem, was ich sagen will,

dem, was ich zu sagen glaube,

dem, was ich sage,

dem, was du hören willst,

dem, was du hörst,

dem, was du zu verstehen glaubst,

dem, was du verstehen willst und dem, was du verstehst,

gibt es mindestens neun Möglichkeiten,

sich nicht zu verstehen

 

Es ist kompliziert. Das menschliche Miteinander.

Wenn es allerdings funktioniert, ist es wunderbar! Und weil wir das alles wissen, sollten wir uns zwischendurch mal am Riemen reißen. Alle.

Es wird großartig!

Humor übrigens hilft. Immer.

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

2 Kommentare

  1. Jawoll!
    Und der Ton macht die Musik. Und wenn du nicht reden kannst, dann sing es, wird gleich alles viel leichter! Nachtigall ick hör dir……😘…singen.
    Bei so vielen Leuten wird das ein großartiger Klang werden.
    Ab und zu, immer öfter, hoffentlich bald. Ich hör schon die Zwischentöne.

  2. Gibt einen uralten, und sehr weisen Rat: Bevor man in Rage antwortet, innerlich langsam bis Zehn zählen. 😉 Sollte ich selber eigentlich auch mehr beherzigen, denn ich verfüge manchmal über ein sehr leicht entflammbares Temperament. 😉

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: