Die gestaltete Mitte

Es trug sich aber zu, dass wir mal eben kurz in einer meiner zurückliegenden Nächte dachten: Hurra! Alles aufgeräumt. Der – erstaunlicherweise –  vorerst letzte Patient ins Bett gepackt. Da könnte man doch…… also so ganz schnell mal eben….. nur mal kurz…. alle zusammen eine schöne Tasse heißen Kaffees trinken. Bis der nächste Patient wieder anrückt. Es bleibt ja nicht aus, nicht wahr? Kranke Leut`gibts ja zu allen Zeiten.

Also – günstige Zeit – nur mal eben und wo wir alle so schön zusammen waren.

Die Kollegin, die beiden internistischen Ärzte, die Neurologin und auch noch die Chirurgin. (Daran erkennt das geschulte Auge: Wir hatten ganz ordentlich zu tun vorher)

Schrill!!!!!!!!!!!!- schellte es der an der Türe und rums stand der Rettungsdienst mit Notarzt schon im Schockraum.

18 Jahre, betrunken oder vielleicht auch mehr. Man weiß es nicht. Da bitte.

Das zarte Bürschlein schnarchte aus der Liege, auf die er abgeladen wurde. Ungefähr so:

Ansonsten zuckte und rührte er sich nicht.

Schon zum zweiten Mal war er wegen übermäßigem alkoholischen Genuß bis zur Schnarchgrenze und darüber hinaus innerhalb eines Monats in der Notaufnahme abgeliefert worden.

(Das sollte mein Sohn sein! Da wäre es aber mit einem Heuler von Molly Weasley nicht getan. https://www.youtube.com/watch?v=GNmO1VS6xTI )

Zurück zum Bürschlein auf der Liege.

EKG, Blutabnahme, Überprüfung der Vitalparameter, stabile Seitenlage, Decke.

„Wollen wir einen Katheter legen?“, fragte die Kollegin. Es waren ihre ersten Nächte in der Notaufnahme.

„Nö!“ Die Erfahrung hatte gezeigt: Weckste die, die selig und süß schlummern, werden oft aus zarten Gestalten Hulks von der übelsten Sorte. Ohne Anhalt, dass Drogen im Spiel sind,  leg ich keinen Katheter. Ich hab schon Hulks das geblockte Ding samt venösen Zugang lauf fluchend sich selbst ziehen sehen. Es ist  unschön. Das Mobiliar sah danach auch mächtig verbeult aus. Ach ne. Lieber nicht.

Die Nacht jedenfalls hatte er sicher ein Bett auf der Intensivstation zur Überwachung. Wer nicht aufwacht, obwohl man ihm ins Öhrchen plärrt wie Molly Weasley, Schmerzreize nicht wahrgenommen werden, der ist so hackedicht, dass er überwacht werden muss.

Die Intensivstation ließ ausrichten, es würde noch ein bisschen dauern. Sie müssten erst jemanden verlegen, damit ein Bett frei ist.

Da standen wir also mitten in der Nacht um den Knaben. Zwei Schwestern – und weil wir vorher alle so nett zusammen waren, die Ärztinnen auch.

Die Kollegin holte noch einen Stuhl. Man wird ja nicht jünger vom Stehen.

„Was fehlt, ist jetzt noch eine gestalte Mitte!“, so sprach ich.

Ich war  in soviel Gruppen/ Seminaren/  religiös geprägten Veranstaltungen in meinem Leben, dass bei einem Zusammentreffen von mehreren Menschen mit einem gemeinsamen Beweggrund immer vor meinem geistigen Auge eine gestaltete Mitte auftaucht. Undenkbar, dass ein Treffen ohne diese Mitte abläuft. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

„Was ist das denn?“

Die gestalte Mitte, die: Eine ansprechend gestaltete Mitte kann vermitteln, das man willkommen ist, soll ansprechend , beruhigend, anregend sein. Häufig nutzt man verschiedene Tücher, Blumen oder Zweige, Steine.  Im Grunde kann man alles verwenden, je nachdem welchen Sinn diese Mitte hat/haben soll.  Sie lenkt den Blick auf ein Zentrum. Und gerne mit Kerze! In die kann man schauen, bis die Augen ebenso flackern wie das Licht, welches einem leuchten soll. Ebenso kann man sie im Geiste umdekorieren, wenn einem langweilig ist. Eine liebevoll gestaltete Mitte schaut sich jeder Teilnehmer gern an und fühlt sich damit in der Runde willkommen. Quelle: das liebe Internet. Ich hätte es nicht schöner ausdrücken können. (Außer im kursiv geschriebenen)

Überhaupt: Eine gestaltete Mitte ist sehr, sehr großartig.

In dieser Nacht konnte ich auftrumpfen. Ihr merkt es schon.

Ich bastelte flugs eine.

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Die gestaltet Mitte in einer Notaufnahme

Der Patient schnarchte, wir bewunderten die Mitte, die Intensivstation ließ auf sich warten. Der Sekundenzeiger tickte dem späteren Feierabend entgegen. (Man glaubt gar nicht, wie laut Uhren nachts sein können).

Wir saßen um den Patient und die gestaltete Mitte, plauderten leise ( müde) und hatten es dennoch fein.

Da schrillte es wieder an der Tür und wir wurden aus unserer Patientenmeditation gerissen. Wir räumten die Mitte weg und kümmerten uns um unseren Nächsten.

 

 

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

10 Kommentare

  1. Sooooo schlimm hört sich das Schnarchen eigentlich gar nicht an, eigentlich ziemlich friedlich. :mrgreen:
    Die gestaltete Mitte hat euch bestimmt viel Ruhe und innere Energie gegeben, hat euch der Rhythmus des Schnarchens bei der Patientenmeditation unterstützt? 😉

    1. Oh ja. Wir waren sehr bei uns und dem Bürschlein. Ruhe, energie- alles dabei. Es war sehr erhebend. Bitte bedenke: Nachts sind alle Geräusche um ein vielfaches lauter. Drehe also noch mal auf und höre erneut. Da fallen dir die Ohren ab.;) Friedlich hin oder her.

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