Vorne ist nicht hinten

Manchmal möchte ich mir einen großen Kreis auf ein Blatt malen. Das falte ich und steck es ein. Und immer, wenn ich mich aufregen muss, hole ich es raus, streiche es glatt, lege es vor mich auf einen Tisch, fixiere es und dann: volle Lotte den Kopf auf das Blatt, auf die Tischplatte krachen lassen. RUMS! (Gerne auch Köpfe der anderen.  Hinten am Schlafittchen gepackt und mit dem Wuxif  Fingergriff…. Skedusch. RUMS.)

Ich habe da mal was vorbereitet: Das Bullshit Reduktions Set. Ich habe es extra in freundlichen Farben gehalten. Sollte man zu fest auf den Tisch knallen, merkt man vielleicht noch kurz, wie bunt das Leben doch auch sein kann.

Bullshit_n

Nun hatte ich ja neulich über Beschwerden geschrieben.  Ja. Das ist ein weites Feld. Je mehr Menschen zusammen arbeiten, desto mehr  Möglichkeiten sind vorhanden, sich ausgiebig und gerne auch offiziell zu beschweren.

Und ja – auch Kollegen und Kolleginnen hauen einen in die Pfanne. Vorne rum: die Freundlichkeit in Person. Und hinten – quasi der Professor Quirell unter den Kollegen – wird hergezogen und Zettel aufgefüllt, dass es nur so kracht.

Meistens handelt es sich dabei um Pillepalle Sachen. (Die wichtigen Sachen werden anders abgehandelt.)

XY hat diese und jenes nicht erledigt, OBWOHL es so ausgemacht war.

XY hat schon wieder angerufen und um dieses und jenes gebeten, OBWOHL es anders abgesprochen war.

Wahrscheinlich ist das überall so, wo viele Menschen zusammenarbeiten. Da kommen die unterschiedlichsten Charaktere zusammen und man muss mit jemanden zusammenarbeiten, um den man möglicherweise im wahren Leben einen riesen Bogen machen würde. Die ganz Ordentlichen arbeiten da mit den Chaotischen und müssen schauen, wie sie einen Weg zusammen finden. Der Widerborst mit dem Obrigkeitshörigen ebenso wie der Superfleißige mit dem gechillten, faulen Hund.

Und dann saß ich da bei meinem Chef  und musste Rechenschaft ablegen über einen Kackscheiß einen sehr ernsten Sachverhalt. Die Lösung gab es zwar schon bevor es zu Beschwerde kam, aber es ging hier „ums Prinzip!“

Gemäß nach der alten Weisheit: Melden macht frei. Und wer zuerst meldet ist schön aus dem Schneider und hat somit erst einmal Recht.

Na. Das kann ich ja leiden! „Ums Prinzip“ ist etwas, wo ich im Schwall erbrechen könnte. Jaja. Ich weiß schon. Wo kämen wir den hin, wenn jeder macht, was er will. Wo es doch so schöne Sachen wir Prinzipien und Standards gibt. Die hat sich nicht einer aus Spaß ausgedacht! Nein. Aus einem tiefen, inneren Grund ist das geschehen. Sachverhalte und Zustände und was weiß ich beim Namen zu nennen und schon gerne  – auch bevor irgendwelche Fragen auftauchen-  Lösungen zu präsentieren. So geht das. So ist es richtig.

Nicht jeder ist so strunzdoof wie ich und greift zum Telefon, wenn er wissen will, wie und wohin der Hase läuft.

Und ja: Regeln, Standards und Absprachen sind prima. Eine Richtschur. Ohne sie lässt sich ein großer Betrieb schwerlich aufrecht erhalten. Ich weiß das. Stimmt auch alles. Aber darüber schreibe ich auch hier nicht.

Ich schreibe über Sachen, die man in einem Gesprächt hätte sofort klären können. Die einen einen kleinen Anruf kosten und schon wäre alles in Butter. Möglicherweise hätte man den Anderen auch gleich persönlich oder am Telefon zusammenfalten könne, was er da für einen Scheiß gemacht hat. Aber nein: Warum persönlich, wenns auch anders geht. Lieber werden Beschwerden formuliert. Hochoffizielle. Die gehen dann über die Stationsleitung – zur Pflegedienstdirektion – zur eigenen Stationsleitung – zu einem zurück. So hat jeder was davon und alle sind beschäftigt. Dass sie so ganz hin und wieder – also wirklich nur so ganz hin und wieder – kostbare Arbeitszeit rauben, die man hätte besser nutzen können, sei einmal dahin gestellt.

Das Ringen „ums Prinzip“ hat Folgeerscheinungen: Man ärgert sich (also ich), es macht eine miese Stimmung und darüber hinaus fördert es etwas, was ich persönlich gar nicht will: Man ist ruckizucki wieder im Kindergarten. „Wenn du mir dein Schippchen auf den Kopf haust, hau ich dir meines auch auf den Kopf“.

Es ist verdammt schwer, in diesem Beschwerde/Kindergartenspielchen nicht mitzumachen. Ich hab mich im Geiste dabei ertappt, wie ich einen Beschwerdebrief nach dem anderen ausfülle. Pffff. Was die können, kann ich auch. Wenn die meinen – bitte. Dann aber mit mir. Und dann glüht der Kuli  – und der Computer gleich mit. Ich schreib soviele Briefe, dass alle beschäftigt sind und keiner mich mehr mit solchem Kram belästigen kann. (Das hier, werte Leser ist mein erster Versuch. Wie mache ich mich?) Melden schafft Arbeitszeit.

Aber ich will das alles nicht. Ich Naivchen glaube ja immer noch und immer wieder, dass man tatsächlich miteinander reden könnte, wenn man denn wollte. Ich Dummerchen. *faltet ihren Zettel auf und haut den Kopf auf die Tischplatte*.

 

 

 

 

 

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

13 Kommentare

  1. You made my day☆♡☆Bitte entschuldige, aber ich habe gerade so herzhaft lachen müssen, zu bekannt ist mir einfach so ein Kindergarten…..ach hätte ich doch damals bloss dein Set gehabt, ich wäre ja aus dem „Tischklopfen“ gar nicht mehr raus gekommen 😀
    Aber schade zu lesen, das selbst heute nicht mehr mit einander sondern mehr über einander gesprochen wird.
    Belustigte mitfühlende Grüße♡

  2. Dieses Hintenrum-Getue – das regt mich am meisten auf. Das macht mich furchtbar zornig, da könnte ich dein Bullshit Reduktions Set gebrauchen. Wenn man dann wenigstens bei der Wahrheit bleiben würde, aber da wird in der Regel dermaßen übertrieben und gelogen, dass es nicht mehr feierlich ist… Als ich gut drei Monate nach meiner Hüft-OP wieder im Residenzmuseum zu arbeiten begann, nahm ich stets eine Gehhilfe mit – nur zur Sicherheit, bzw. für den Heimweg, weil nach gut acht Stunden Stehen und Gehen das operierte Bein natürlich müde war und wieder zu schmerzen begann. Da hat mich doch so ein Kollegenschw… bei der Firmenleitung angeschwärzt, ich würde permanent auf Krücken durch’s Museum laufen! Als ich davon erfuhr, musste ich zunächst ganz fest schlucken, ich war völlig baff. Und dann wurde ich zornig. Und konnte zum Glück die Angelegenheit richtig stellen.

  3. Wunderbar Luft gemacht, hat bestimmt gut getan.

    Diese Art von Kollegen, sie wurden wahrscheinlich schon zur Schulzeit fürs Petzen belohnt. Ich unterstelle jeder Leitung, die eine interne Gesprächskultur nicht fördert, dass sie die beeinträchtigte Kooperation in Folge willentlich in Kauf nimmt. Mitarbeiter sollen nicht miteinander kommunizieren, sondern vor allem der Obrigkeit Rapport abstatten. Aus Prinzip, der Machterhaltung wegen.

    Jedenfalls stelle ich mir gerade vor, wie das Bullshit Reduktions Set an einer exponierten Stelle geheftzweckt würde. Welch ein kurzweiliger Spaß das doch wäre.

  4. Boah, ich kenne das. Das sind in der Regel Leute, die zu der Sorte „Boah, nerv‘ wen anders!“ gehören und nicht wirklich in der Lage sind, mit einem selbst darüber zu reden. Den Zettel finde ich gut. Kann ich den als Anleitung für einen eigenen Taschenzettel nehmen?

  5. Endlich mal jemand der genau so Naiv ist wie ich 😉 Ich werde mir auch sofort so einen schönen Zettel herstellen und mit mir herumtragen. Am Besten kopieren und in jeden Raum meines Arbeitsplatzes legen falls ich meinen eigenen vergessen habe.

    Wir arbeiten beide mit Menschen, und es sind genau diejenigen die uns das Leben so schwer machen. Komisch oder? Na ja, sind wir beide eben Naiv. Dafür haben wir ja jetzt so schöne bunte Zettel!

    Kopf nicht hängen lassen, da gibts so ne Werbung im TV da läuft immer das Lied: Fuck you!.
    Das nächste mal einfach im Kopf singen: Fuck you, Fuck you very,very muhuuuch. Cause I don´t care what you say…

    Klasse Blog!

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