Hurra – ich bin heilig. Ach ne. Doch nicht.

Ich lese viel. Manchmal zuviel. Oder anders gesagt: ich lese alles –  vom Shampooflaschenetikett bis zur Beflaggung auf Facebook: Richtig oder doch blöd – die Reaktionen? Ich lese Romane sowie Beiträge zur Lage der Nation. Ich lese über Xavier Naidoo, der jetzt doch nicht bei ESC mehr mitmachen darf, bis hin zur Umweltkatastrophe in Brasilien.

Manches ist gut. Anderes ist Schwachsinn im Quadrat und irritiert mich sehr. Einiges ist insiprierend und oft wünschte ich mir, ich hätte noch mehr Zeit zum lesen.

Und dann stoplerte ich in diesen Text.

Kennt ihr das, wenn man was sieht / hört / riecht und eigentlich sofort weglaufen möchte, aber man kann nicht? Weil man so gruselig fasziniert ist? Quasi wie ein Gaffer am Straßenrand?

Hurra. Mit diesem Text wurde ich in den Stand der Heiligkeit gehoben.

teufelchen-476463_640Bildquelle: Pixabay

Güte, Barmherzigkeit und eine immerwährende liebevolle, innere Haltung zeichnen mich aus. Nur weil ich Krankenschwester bin. Hammer. Oder? Das ganze im 24 Sunden Modus.

Nicht das, was mich als Mensch ausmacht ist es, sonderen alleine der Beruf, der mich per se preist und ehrt.

Ich persönlich glaube ja, der Autor dieser Heiligsprechung kennt keine einzige Krankenschwester und hat nicht mehr alle Latten am Zaun. Oder es ist der Gleiche, der im nächsten Artikel schreibt, warum Krankenschwester so wahnsinnig gut im Bett sind und im Fasching das sexy Kostüm der Krankenschwester sofort ausverkauft ist. Jaja. Wir haben die Natürlichkeit und den Liebreiz, ebenso wie das Verruchte. Wir kennen uns halt aus mit Körperlichheit. Heilige und Hure: Wer könnte uns widerstehen?

Ich hab sofort meine Florence Nightingale Mütze aufgesetzt sowie meine Laterne angezündet und bin durch meine Wohnung gelaufen auf der Suche nach Angehörigen, die so unendlich froh sein dürfen, jemanden wie mich  – eine Krankenschwester – an ihrer Seite zu haben.

Die liebevolle Umsorgung anderer Menschen ist Mittelpunkt des Pflegeberufs, es ist also eigentlich unnötig zu erwähnen, dass genau dieser Grund eine wichtige Rolle spielt. Denn wer hätte nicht gerne einen Menschen an seiner Seite, der mitfühlend und liebevoll mit einem umgeht.

Der Gatte grinst schwach und zeigte auf sein gebrochenes Bein. Mittlerweile ist der Gips ab. Es dauert übrigens sehr, sehr lange, bis ein Knochen heilt. Wer hätte das gedacht.

Die Kinder machen: pffffffff!

Liebevoll und mitfühlend heißt in einem Haushalt mit Krankenschwester:

Meine Güte. Du stellst dich an.

Was? Dein Bein ist dick? Leg es halt hoch.

Nimm vorher noch ein Eis mit.

Es tut weh? Hast du noch deine Tabletten?

Bauchweh? Dann gibts halt kein Abendessen. Das schont!

Ach? Umgeknickt? Haben wir noch Binden? Nein? Dann legs hoch! Wird schon wieder!

 

Doch es geht noch weiter:

Krankenschwestern sind von Natur aus sensibel und einfühlsam. Dazu kommt, dass sie für die Problematik von unzähligen Patienten ein Ohr haben. Es mag sein, dass auch eine Krankenschwester als Frau nicht immer eine passende Antwort auf alle Fragen parat hat, aber sie wird immer aufrichtig zuhören und dafür sorgen, dass sie sich verstanden fühlen.

Kann man da nicht  vor Glück weinen? Das ist also die Sicht von außen auf uns. Immer hören wir zu. Immer, stets und ständig! Sensibel und einfühlsam. Mir wird übel.

Es ist enorm anstrengend, immer und überall zuzuhören. Ärzten, Angehörigen, Kollegen. Patienten – jeder mit Geschichte. Jeder will gehört werden. Und jeder wird gehört. Bis ins siebte Glied Familiendramen, Chaos und Stuhlgangprobleme. Jederzeit. Kein Problem. Ich höre zu.

Und dann kommen wir nach Hause. Die Ohren quillen über von all dem Gesagten, das wir uns die letzten Stunden angehört haben. Aber das ist ja kein Problem bei unserer Heiligkeit. Wir hören eben weiter zu. Nachts wabern einem die Worte aus den Ohren. Das ist super, denn dann ist am nächsten Tag wieder Platz für neue Geschichten.

Komisch nur, dass meine Kinder so hin und wieder sagen: „Nie hörst du zu! Das hab ich dir doch schon gestern erzählt!“ Ebenso der Mann. Die Einzige, die das nicht sagt, ist die Katze. Sie schnurrt. Ich bin ihr sehr dankbar.

 

“Nachdem meine Frau mit über 2 Stunden Verspätung von ihrer Schicht nach Hause kam, hatte ich einen kleinen Wutanfall, denn ich hatte schon gekocht und den Essenstisch vorbereitet…also schrie ich sie an, was denn los gewesen sei, doch die Reaktion, die sie mir entgegen brachte, verblüffte mich einfach nur. Sie lächelte mich an und erzählte mir seelenruhig, dass sie Überstunden machen musste, weil noch ein Notfall herein gekommen war, gerade als sie mit ihrer Schicht fertig zu sein schien. Weil ihr Handy im Spind gelegen hatte, konnte sie mir auch keine Nachricht schreiben, und als ich dann an ihr herunter sah und bemerkte, dass sie immer noch die Arbeitskleidung anhatte und Blut in ihren Crocs, begriff ich das mein Wutanfall nichts im Vergleich zu ihrem Drama, dass sich auf der Arbeit abspielte gewesen sei.”

Erschöpfung? Drogen?

Also ich lächel solche Situationen auch immer weg. Könnt ihr jeden fragen. Ich bin ja die mit dem Heiligenschein. Da werden die Kinder liebevoll an die Mutterbrust gedrückt und der Gatte sanft gestreichelt. Ja. Das mach ich gerne, wenn ich so nach Hause komme. Es hat sich bewährt, dem anderen keine Angriffsfläche zu bieten. Einfach zu lächen und den anderen auflaufen zu lassen, bis er endlich bemerkt, dass ich bis zum Knöchel eben noch im Blut stand.

„Die Nudeln sind dir übergekocht und pappig? Ach du armer Schatz. Ja. Das muss hart für dich sein, wo du dich extra an den Herd begeben hast um mir, deinem treuen und tapferen Weibe etwas Leckeres nach der Schicht zu kochen. Ich danke dir sehr!“, würde ich dann milde sagen.

Ich würde keinesfalls erwidern: „Sag mal hast du sie noch alle? Ich komm gard heim von zig Überstunden und du machst hier den „Molli“? Wegen deiner verkochten Nudeln? Gehts noch?“ (Geschönte Version)

Jaja. So sind wir.

Ich erspare euch die letzten drei Punkte: Sie ist ein guter Teamplayer. Sie bleibt auch in schweren Zeiten bei dir sowie das grenzenlose Gefühl des Stolzes – zwecks des „edlen Berufes“.

 

Freunde der gepflegten Lesekunst: Wer denkt sich so was aus? Wer überzieht diesen Beruf und die Menschen die da arbeiten mit so einem klebrig, süßen Zuckerguß?

Reicht es nicht, wenn wir auf der Arbeit einen vernünftigen Job machen? Sind wir keine Privatpersonen, die rummaulen und auch giftig sein dürfen, wenn uns einer blöd kommt? Sind wir 24 Stunden Krankenschwestern?

Mir gehen diese Art von Klischees dermaßen auf den Nerv, ich kanns euch gar nicht sagen.

Ich bin zuerst einmal Mensch.

Und dann auch noch irgendwann Krankenschwester. Gerne dann auch barmherzig, geduldig und gütig. Also prima. Aber acht Stunden am Tag reichen völlig.

Nichtsdestotrotz: Ich gehe mal meinen Heiligenschein polieren. Kann ja nicht schaden.

(Übrigens: Von Krankenpflegern steht nichts in dem Text. Vielleicht eigenen sie sich nicht für heimliche Phantasien – oder woran könnte das sonst liegen? Nun. Ich will nicht kleinlich sein. Ist bestimmt ein Zufall. )

(Ob die Fleischereiinnung auch solche Texte hat?)

 

 

 

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

12 Kommentare

  1. Irgendwo habe ich mal eine in etwa so „blumige“ Beschreibung der sogenannten Servicekraft gelesen – ich bin ca. 36 Jahre lang in diesem Metier tätig gewesen – leider finde ich sie jetzt auf die Schnelle grad nicht mehr. 😉
    Und ich schließe mich sehr gerne Katrin an – auch ich liebe deinen Humor. 😀

  2. Aus dem Herzen gesprochen.. Herrlich! Aber eines fehlte: der Spruch, nachdem man sich all das Gejammer von Hinz & Kunz sowie die Todesbefürchtungen von (in einer Notaufnahme aufgeschlagenen) Menschen mit eingewachsenem Zehennagel angehört hat, “ waas, Krankenschwester? Die putzen doch nur Ärsche“, gefolgt von “ Notaufnahme? Wie ekelhaft, das könnte ich nicht“. Liebe Grüsse, auch aus der Notaufnahme, Ulrike

  3. Liebe Notaufnahmeschwester,

    ich bin maßlos enttäuscht von dir?
    Du bist ein Mensch?
    Eine Frau?
    Eine die manchmal klare Worte spricht?
    Die den Mann und die Kinder nicht wegen Spliss und angestoßenem kleinen Zeh gleich mit der größten Fürsorge einnebelt?

    Scheiße…..
    Dachte ich dich, ich könne es bei dir endlich lernen, meiner Familie nicht mehr mit so Sprüchen wie:
    „Kopfweh? Dann leg mal endlich das Handy aus der Hand und dich ins Bett – Stündchen schlafen und es ist wieder weg!“, zu misshandeln.

    Was mache ich denn nun?
    Von wem lerne ich nun dieses letzte Kapitel meines Berufes?!?

    Verzweifelt!
    OSHchen

    1. Liebe Oberschwester, damit du gleich mal meine dunkle Seite erkennt, hab ich erst einmal nicht geantwortet ( o.k. Ich hatte Nachtdienst und hab den Hintern nicht hochbekommen)
      Ich hätte aber ein großes Repertoire von mitfühlenden Geräuschen, Gesten und Worten, die ich dir übermitteln könnte.
      Ach ne. Die kennst du bestimmt auch schon.
      Herrje. Dann musst du wohl damit leben: Ich bin ein Mensch. ver*****
      Ich grüße dich mit tränendem Auge.

  4. „Die liebevolle Umsorgung anderer Menschen ist Mittelpunkt des Pflegeberufs, es ist also eigentlich unnötig zu erwähnen, dass genau dieser Grund eine wichtige Rolle spielt. Denn wer hätte nicht gerne einen Menschen an seiner Seite, der mitfühlend und liebevoll mit einem umgeht.“

    Etwas was mir spontan dazu einfiel:

    Meine Kind und Jugendzeit war aufgrund diverser Umstände nicht unbedingt die Schönste. Als ich mal für mehrere Tage ins Krankenhaus (also eine Kinderklinik) musste, war das obwohl ich auch Schmerzen hatte, noch die beste Zeit für mich. Weg von zuhause, der Schule, den gewalttätigen Mitschülern. Die Krankenschestern die dort tätig waren haben mich so sehr umsorgt, mich um mich gekümmert wie ich es in der Art sonst nicht kannte.
    Das ich wieder aus dem Krankenhaus raus musste war für mich dann eher schlimm.

    1. Ha! So ganz eben auch gehen.
      Der Ort, der für so viele ein Schreckensort sein kann – kann auch zum Ort des Friedens und des Spaßes werden. Danke dir für deine Zeilen.
      Wobei mich jetzt noch interessieren würde: Hast du jemanden vom Personal geheiratet? 😉 Allein aufgrund deiner sehr guten Erfahrungen?

      1. Nö geheiratet nicht 😉
        Obwohl ich das wohl am liebsten gemacht hätte 🙂
        Aber es war tatsächlich so das es in meiner Sitation ein Ort des Friedens war, so eine Art
        neutrale Zone.

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