Ich rege mich auf. Flüchtlinge in der Notaufnahme

Eine junge syrische Frau kommt aus einer Flüchtlingsunterkunft mit einem Krampfanfall in die Notaufnahme.

Ein Routinefall. Aber nur fast, denn seit jenem Tag gibt es neue Hygienebestimmungen anlässlich der aktuellen Flüchtlingssituation. Klar. Muss sein. Hygiene ist wichtig.

Jeder Flüchtling soll isoliert werden, bekommt Haar- und Mundschutz (Läuse und  Tbc,), wird (bei einem möglichen stationären Aufenthalt) komplett entkleidet, Klamotten in eine Tüte  (und den Angehörigen mitgegeben mit der Bitte, sie bei 60° zu waschen: Flöhe, Krätzmilben). Ein Schwangerschaftstest bei Frauen ist wegen möglicher Röntgenuntersuchungen Standard. 

Das Pflegepersonal hat für sich selbst Schutzmaßnahmen zu ergreifen – Mund – und Haarschutz, Handschuhe sowie einen Schutzkittel. 

Die Räume sollen später – ähnlich wie ein einem anderen infektiösen Patienten – gereinigt werden. 

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Bildquelle: Pixabay

So weit – so gut. In der Realität ist das dann ungefähr so:

Da stand ich dann also bei der jungen Frau, die leicht schnarchend auf der Liege lag, nachdem der Notarzt erfolgreich den Krampfanfall mit allerlei Mittelchen durchbrochen hatte.

Das Behandlungszimmer war ausgeräumt, wie bei einem MRSA Fall. Ich war vermummt bis zur Halskrause.

In der einen Hand hielt ich den Haarschutz und überlegte, wie ich die wallenden Haare bis zum Po wohl unterbringen könnte. In der anderen den Mundschutz, Sauerstoffschnüdel irgendwie darunter fummeln. Komplett entkleiden. Laut der neuen Hygienevorschrift war ich also erstmal gut 20 Minuten damit beschäftigt, alle Standards und Anforderungen zu erfüllen.

Da stehst du also an der Liege einer jungen Frau im Dämmerschlaf nach ihrem Anfall und hörst am besten auf zu denken. Selten Noch nie habe ich mich so bescheuert bei einem Katheterurin gefühlt. Denn der Schwangerschaftstest sollte ja auch noch sein- für die anschließende CT Untersuchung. 

Du denkst nicht an mögliche sexuelle Übergriffe, die diese junge Frau möglicherweise erlebt haben könnte. Du denkst nicht an die Scham, die man dabei empfindet, wenn man urplötzlich im Schritt desinfiziert  wird und ein Röhrchen in die Harnröhre geschoben bekommt.

Denken! Aus! 

Hygiene ist prima. Keine Frage. Aber hier war ich danach erst einmal emotional „durch“.

Am nächsten Tag kam ein Flüchtling mit seinen Kumpels. Einer hatte eine kleine Verletzung, der andere wusste den Weg in die Klinik, der nächste konnte ein bisschen englisch. Mach ich jetzt eine Kohortenisolierung, wenn sich der Arzt die Verletzung anschauen will und die Kumpels – zwecks der Unterstützung in Sprache und emotionaler Stabilität – dabei bleiben wollen?

Mirgranten und Flüchtlinge sind es jetzt also, die unseren Klinikalltag gehörig durcheinander bringen. (Ebola ist glücklicherweise derzeit rum) Wer aus einer Flüchtlingsunterkunft kommt, steht per se unter Generalverdacht.

Läuse, Flöhe, Tbc, Hepatitis, HIV und was es sonst noch da Schönes gibt aus der wunderbaren Welt der Bakterien und Viren, Pilze und Parasiten – das alles wollen wir nicht haben. Zack. Ab in die Isolierung. Bäh.

Kurioserweise gibt es wiederum eine gesetzliche Bestimmung, dass jeder Migrant innerhalb von drei Tagen nach der Registrierung eine Gesundheitsüberpfüfung durch das Gesundheitsamt erhalten haben sollte, die standardmäßig eine Blutuntersuchung auf Hepatitis und HIV sowie ein Tbc-Screening enthält.

Nun. Vielleicht macht das Gesundheitsamt Fehler. Man weiß es ja nicht. Oder ist derart überlastet, dass wir in  der Klinik das ganze Programm noch mal starten.

Es macht mich sauer. Es macht mich hilflos und ich möchte gerne mit dem Fuß aufstampfen. Aber das sieht ja auch immer albern aus.

Ich habe Kinder, die Läuse hatten. Läuse gehen ja ständig um, wenn man Kinder hat, die in Schule oder Kindergarten sind. Ich selbst hatte noch nie welche. Komisch. Oder?

Vielleicht sollten wir in Zukunft auch alle Kinder isolieren? Man weiß ja nie. Eine Lausfreie Gegenwart und Zukunft will schließlich jeder.

Jeder Obdachlose hingegen, der von der Straße oder aus irgendeiner Gemeinschaftsunterkunft oder sonst woher kommt, wird hingegen nicht isoliert. Die sind ja auch schon von „hier“. Da hat man so was alles nicht. Natürlich haben die auch alle einen perfekten Impfstatus. Immer! Das weiß man doch!

Gut. Vielleicht haben sie Maden in den Beine, nachdem man die eingewachsene Socke abgeknibbelt hat. Aber doch nichts, was ansteckend sein könnte.

Bei den Knastbrüdern, die zu uns kommen hingegen weiß man immerhin schon mal, was sie alles haben. Das wird „schwarz auf weiß“ gleich mitgeliefert. Isoliert werden sie auch nicht.

Es ist mit Sicherheit richtig, dass besondere Situationen besondere Maßnahmen erfordern. Aber bei manchen greif ich mir an den Kopf. Oder ich bin einfach zu beschränkt in meinem Denken, als das ich das nachvollziehen könnte, was so offensichtlich ist?

Eine Notaufnahme ist ein besonderer Ort. Hier kommt alles zusammen. Hier kennst du erst einmal keinen. Du weißt (meisten) nicht, was einer an Keimen oder Clamboflyzieen mitbringt. (Vorsicht: Nicht googlen. Eigene Wortschöpfung).

Es ist ein sensibler Bereich. Dementsprechend verhalten wir uns. Zu unserem Schutz und zum Schutz der anderen Patienten. Aber eine Menschengruppe einfach mal so behandeln zu müssen, als hätten sie alle Clambofylzieen dieser Welt – das empört mich zutiefst.

(Achtung, dieser Beitrag kann Spuren von Ironie, Verzweiflung sowie Ahnungslosigkeit und Empörung enthalten)

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

25 Kommentare

  1. Oh mein Gott, Abgründe tun sich auf! Du bist nicht zu beneiden. 🙁
    DAS muss ich alles erst einmal zu verdauen und so danke ich Dir erst einmal für diesen Beitrag.
    Deine Spuren von Ironie finde ich im Übrigen toll!

    Herzliche Nachtgrüße

    Sylvia

  2. Meine volle Achtung hast Du, nicht nur zu dieser Zeit, nein Dein Beruf ist es den ich achte. Mit 300 geschätzten Arbeitsjahren hast Du wohl schon alles erlebt. Als Aussenseiter lese ich Deine ersten Abschnitte eher ruhig, denke sogar im ersten Augenblick – muss so sein – wäre es anders würden die Roten Tageszeitungen schreiben – Schlamperei in Klinik XX, schwanger Frau wurde ohne Anamnese ins Röntgen geschickt. –
    Dann lese ich den Artikel nochmals, ändere die Sicht und sehe was Dich bewegt, dies zu schreiben.
    So wünsche ich Dir viel Kraft für Deine Arbeit, und ich könnte auch mit meiner ganzen Kraft nicht mit Dir tauschen. Danke

    1. Ich danke dir sehr für deine lieben Worte!
      Du hast Recht: würden wir nicht alles machen, kommt bestimmt ein Fall, bei dem es schief geht – aus welchen Gründen auch immer. Schön, dass du die Beweggründe meines „Unwohlseins“ erlesen hast. (Dann hab ich es „richtig“ geschrieben 😉 )
      Es tat mir in der Seele weh und ich bin einmal gespannt, wie es weitergehen wird.

  3. Das hört sich alles schon irgendwie sehr absurd an. Bestätigt aber auch nur das die Behörden mit der derzeitigen Asyl Situation hoffnungslos überfordert sind und daher zu hysterischen Masnahmen greifen um noch irgendwie den Eindruck zu erwecken alles unter Kontrolle zu haben.

    Wenn das so weitergeht wird das alles wohl recht unschön enden.

  4. Also, dass man vorsichtig sein will und Leute mit, sagen wir, unsicherem medizinischen Hintergrund erstmal isoliert, verstehe ich grundsätzlich schon. Aber das müsste ja dann bei den erwähnten Obdachlosen genauso angeraten sein. Dass man angesichts ungewöhnlicher Umstände mal danebengreift oder übers Ziel hinausschießt, kann ich auch verstehen. Aber vielleicht sollte man das, schon wegen der großen Menge an Leuten, etwas tiefer hängen? Ich hoffe, das pendelt sich alles auf einem vernünftigen Maß ein. Das von Dir geschilderte Verfahren dürfte ja bald schon aus Platz- und Personalgründen nicht mehr möglich sein, außer man richtet Not-Notaufnahmen in leerstehenden Baumärkten ein…

  5. Ich bewundere deine feine Ironie, ich hätte wohl nur noch schärfsten Sarkasmus für das Versagen der Administration übrig. Hier in Frankreich sind die Krankenhäuser auch extrem pingelig, was Hygiene betrifft, zum Glück. Sprich, es schützen sich die Ärzte, Schwestern und Pfleger und es wird ordentlich geputzt und desinfiziert. Ohne Ansehen der Person, denn HIV und Kribbelkram befallen brave Franzosen genauso wie Touristen aus Bayern.
    Spontan fiel mir dazu mein letzter Apothekenbesuch ein. An der Kasse ein riesiges Angebot mit Läuseshampoo, Läusevertilger etc. Die gehen nämlich gerade um und kribbeln und krabbeln auf elsässischen Kinderköpfen. Die brauchen gar keine Flüchtlinge.

    Ich fürchte, der Staat versagt gerade in der Tat bei den Routinechecks (müsste man ja mehr Personal einstellen, Arbeitsplätze schaffen). Das was hier geschieht, ist durchaus ein Eingriff in die Menschenwürde, vielleicht manchmal zusätzlich traumatisierend. Und es sorgt im „Volk“ für böse Assoziationen.
    Drum: Ich bewundere euch, die ihr hilflos dem ausgeliefert seid und das auch noch emotional verdauen müsst. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das wegstecken würde – meine Hochachtung! Die Hoffnung stirbt zuletzt …

  6. Puh. Deutschland und deine Vorschriften. Sie werden leider immer von denen gemacht, die die Praxis nicht leben müssen. Anderer Bereich bei mir, ähnliche Auswirkungen auf die wirkliche Arbeit. Ich ziehe den Hut vor dir und deinem Berufsstand und danke dir für deinen Bericht.

    Liebe Grüße,
    Sarah

  7. Da musste ich beim Lesen ganz kräftig schlucken… Mutti’s oftmals wiederholte Botschaft „Wir schaffen das“ klingt angesichts deiner Schilderung ziemlich fad. Und müsste denn nicht da, wo es um Leben und Tod geht, die vorurteilsfreie Integration nebst der medizinischen HIlfe Vorrang haben?

    1. Natürlich schaffen wir das. Es bleibt uns ja nichts anderes übrig. Fad hin, fad her. Und natürlich hat Lebensrettung immer Vorrang. Aber Hygiene eben auch. Wenn man sich selbst bei einer Rettung blöde, vermeidbare Krankheiten holen würde, wäre es sehr doof.
      Mir geht es eher um das Augenmaß. Um das Abwägen. Gerade weil das Gesundheitsamt checkt – wieso muss ich/ eine Klinik/ wer auch immer da noch einmal das Rad neu erfinden? Und warum dann nicht auch bei anderen Menschengruppen. Das leuchtet mir nicht ein.

  8. Eventuell es ist übertrieben mit allen was gemacht wird, ABER, nicht überall! Ich habe Heute meine Tochter in die Klinik gefahren, da war ein Vater und sein kleinen Sohn mit uns dabei (Flüchtlinge). Er wurde entlassen, war aber eine Woche in diesen Zimmer! Meine Tochter lag im Bett und hat sich dann angefangen an den Beinen zu kratzen. Wir entdeckten paar Kleiderläuse! Ich rufte Krankenschwester, sie haben noch diesen Bett nicht abgeräumt und da enteckten wir viel davon und auch im Kleiderschrank!!! Meinen sie ich bin jetzt ruhig? Wer weiß mit was dieses Junge mal erkrankt war? Ich bin auch entsetzt und Sorgen habe ich auch! Und bin jetzt NUR dafür das es weiter so geht bei euch! In dieser Klinik ist NIX gewesen und da liegen auch Neugeborene!!!

    1. Das wäre das erste Krankenhaus, in dem nicht die Betten per thermischer und chemischer Bettenreinigungszentrale gereinigt werden würden. Ich kann es mir nicht recht vorstellen, dass bei einem Kind, das eine Woche in einem Zimmer war und dort gepflegt wurde, so etwas nicht entdeckt wurde. Aber gut- es gibt nichts, was es nicht gibt.
      Noch dazu gilt: Ein Kleiderlausbefall muss in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz beim Gesundheitsamt gemeldet werden.

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