Was ich noch sagen wollte

Heute hat mich eine Patientin mächtig beeindruckt. Und ich hätte es ihr noch so gerne gesagt.

Sie stand nach ihrer Speiseröhrenspiegelung  zur Verabschiedung im Türrahmen. Alles prima gelaufen. Geringe Wartezeit, die Spiegelung selbst ein Klacks und das Beste: Keine Krampfadern weit und breit zu finden.  Glückseliges und erleichtertes Grinsen im Gesicht. Puh. Glück gehabt. 

Wo kamen die denn her – die Krampfadern – wollte ich wissen. 

(Kleine medizinische Unterbrechung: Natürlich weiß ich, wie so was zustande kommt/ kommen kann. Hab ich je gelernt. In der Regel meistens vom Saufen. Die Leber ist irgendwann im Arsch  kaputt und das Blut von Milz, Magen, Darm und Gallenblase kann nicht – wie normalerweise – über die Pfortader durch die Leber und von dort in die untere Hohlvene fließen. Ist nämlich der eigentliche  Blutabfluss eingeschränkt: Leberschaden durchs Trinken= Leberzirrhose = Leber hart wie ein Koffergriff oder wie ein zu lang gebratenes Steak –  entsteht ein erhöhter Blutdruck in der Pfortader. Dann wirds blöd. Dann sucht sich halt das Blut einen neuen Weg. Krampfadern – anstatt bekannt und ungeliebt am Bein – in der Speiseröhre. So eine Krampfaderblutung ist kein Spaß. Ich stand mal – gefühlt – Zentimeter hoch im Blut – aber das ist eine andere Geschichte.)

Nun gibt es aber nichts zwischen Himmel und Erde, was es nicht gibt (und erst Recht nicht in der Medizin), also wollte ich es wissen.

Da stand sie dann, räusperte sich, biss sich ein bisschen verlegen auf die Unterlippe, schaute auf und mir direkt ins Gesicht und sagte mit fester Stimme: „Vom Saufen. Ich hab gesoffen wie ein Loch – es war schlimm. Bis ich eines Nachts literweise Blut erbrochen habe. Da sind die Krampfadern aufgegangen. Und ich kam ins Krankenhaus. Auf Leben und Tod.“

„Und jetzt?“

„Jetzt trinke ich nicht mehr. Das Leben ist mir lieber. Jetzt bin ich froh, dass nichts mehr ist. Wissen sie: Ich hatte drei Kinder schnell hintereinander bekommen. Das war unglaublicher Stress und Belastung in den ersten Jahren. Am Abend, wenn sie endlich alle schliefen, hab ich mir *fump* erst einmal ein Bier aufgemacht. Und dann noch eins. Und noch eins. So konnte ich das alles gleich viel besser ertragen.“

„Die Kinder sind bestimmt jetzt stolz auf sie, dass sie es geschafft haben.“

„Die Kinder sagen: Was hast du denn schon für einen Stress gehabt. Du hast ja noch nicht mal gearbeitet. Das ist bitter.“

Ja. Das ist bitter. (Ich verstehe jeden, der sich da ein Bier aufmachen will, um sich die eigene Brut schön zu trinken.)

Dennoch hat sie es geschafft, sich da herauszuziehen.

Ich konnte es ihr direkt nachfühlen. Ich habe selbst drei Kinder. Manche Tage sind dabei, da ist ein hektischer, schlimmer Tag in der Notaufnahme ein Spaziergang gegen das Alltagsleben mit Kindern. (Wer selber Kinder hat weiß, wovon ich rede/ schreibe)

Jeder hat andere Dinge, die einen wieder erden. Glücklich machen. Vergessen lassen .

Für machen ist es ein Spaziergang um den Block und/ oder eine schöne Tasse Kaffee, drei Stunden Sport oder kochen. Für andere ist es der Alkohol. 

Die Grenzen können so fließend sein: Wo beginnt der Genuß und wo der Wahnsinn.

Ich war beeindruckt, von ihrer Offenheit und Klarheit. Auch von ihrem Mut, es zu erzählen, denn so was erzählt man nicht gerne. Und ich war beeindruckt von ihrer Fröhlichkeit und dem daraus resultierenden kleinen Glück, dass sie an diesem Morgen erlebt hatte und aus ihr heraus strahlte: ALLES IST GUT.

Sich am eigenen Schlafittchen aus dem Schlamassel zu ziehen, zeugt von einer ungeheuren innerlichen Stärke. 

Ich hätte ihr es gerne noch gesagt. Aber da klingelte das Telefon und sie wollte ihren Mann nicht warten lassen, der sie abholen kam. 

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

Ein Kommentar

  1. echt super,weiter so !,
    wuensche Dir ,dass Du eines Tages einfach Buecher schreibst und durch- bzw aufatmen kannst !Du bist stark,mach den blog zum buch ..gute ,aufbauende stories sind die ,in denen-wie in dieser!!- Gott Dich und andere bewegt.Finde ich genial.
    Liebe I., Umarmung an Dich !
    h.

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