Nachtschicht = Scheißschicht

(Warnhinweis: Wer sich leicht ekelt , liest bitte nicht weiter!)


Eigentlich sah sie aus wie eine kleine Madonna – auf den ersten Blick. Das Haar leicht rötlich, brav gescheitelt, das Gesicht schmal und blass.
Auf den zweiten Blick war das Haar strähnig von Schweiß, Tränen und Kotze. ( Ja – Freunde des schlechten Geschmacks: man muss das Kind mal beim Namen nennen)
Nachts um zwei gibt es nicht Schöneres als eine Alkoholleiche.
Die Madonna war 21 Jahre und unerfahren mit Genuß hochprozentiger Getränke. Daher wusste sie wahrscheinlich nicht, dass mehrere Wodkas und eine Flasche Hugo sich nicht positiv auf den Körper auswirken. Ganz anders die Berufstrinkerin ein Zimmer weiter, die bei 3.08% äußerst agil war und zwischen Liege und Klo eifrig auf und ab maschierte und zwischendurch uns ihrer innere Wert vorstellte, die wir vom Boden aufwischten.

Bei der Madonna roch es streng. Sehr streng.Die Hose sah von außen nach verdächtigen Spuren aus. Die Kollegin fing mit dem Entkleidungspaß an. Forrest Gumps Mutter sagte immer: Das Leben ist eine Pralinenschachtel. Du weißt nie, was drin ist.
Die Krankenschwester sagt: Das Leben ist wie eine Hose. Du weißt nie, was dich erwartet, wenn du sie ausziehst.
Es war unschön. Sehr, sehr unschön. Man glaubt gar nicht, was aus einer jungen, sehr schmalen Madonna so alles herauskommen kann. Keiner kann den Würgreiz und Ekel nachempfinden, der uns plagte, wer so was noch nicht mitgemacht hat. (Wobei ich sagen möchte: Es gibt Erfahrungen im Leben, die braucht kein Mensch)
Ich bin mittlerweile mehr als mein halbes Leben lang Krankenschwester. Irgendwann kommt der Punkt, wo man denkt: So. Alles erlebt. Und dann kommt ein Geschichte, die wiederum alles topt, man man glaubte, bisher gesehen, gerochen oder erlebt zu haben.
Den Würgreiz und Ekel kann man folgerndermaßen bekämpfen: Schnell! Ein Witz. Eine Flasche Pflegschaum, einen Stapel Wischtücher von 50 cm Höhe, 33 Waschlappen. Noch ein Witzchen – gepaart mit leicht hysterischen Gelächters, sowie einer kompletten eigene Neueinkleidung, weil man das Gefühl hat, der eigene Körper verliert nie wieder diesen Stinkgeruch.
Ja. Wir haben manchmal einen richtigen Scheißjob und tun uns sehr leid. Ekel geht nicht weg, bloß weil man Krankenschwester ist.  Und ja. Wir sind einiges gewöhnt und ertragen vieles klaglos. Und ja: Würgereize lassen sich erfolgreich unterdrücken, aber er erfordert höchtes Konzentration und im besten Fall eine wundervolle Kollegin. Leider wird man im Lauf der Zeit nicht abgeklärter, sonderen würgt immer mehr.
Das kuriose am Menschen aber ist folgendes: Während man schier abkotz und seinen Job am Ende der Schicht am liebsten kündigen würde, kommen ambivalente Gefühle auf wie Mitleid (das arme kleine Ding), eine ähnliche Befriedigung wie beim Fensterputzen ( endlich alles sauber). Und kurioserweise auch das Gefühl, dennoch am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun. Ach ja. Der Mensch an sich ist schon komisch.

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

6 Kommentare

      1. Wow! Und ich dachte immer schon, das Kompressionsstrümpfe-Anmessen an ungewaschenen Füßen (wo die Dreck-Knübbelchen zwischen den Zehen klebten * schüttel *) sei kaum zu Übertreffen an Ekeligkeit. :-/

    1. Nein, nein. Ich mag Fensterputzen (auch Bügeln, wenn ichs denn täte). Ich wohne an einer sehr befahrenen Straße, da ist es eine Freude zu sehen, wie es wieder sauber wird. Der Erfolg stellt sich also sehr zügig ein.
      Obwohl…… ein Leben ohne wäre durchaus denkbar und möglicherweise ebenso schön 😉

  1. Musste spontan an eine Patientin im Nachtdienst denken, die mir betrunken in meinen V-Ausschnitt des Kittels gespuckt hat 😄
    Auch das war ein Nachtdienst 🙂

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