Pillepalle – Was Du sagst und und was Du denkst im Nachtdienst

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Dienstbeginn. „Meine Tochter hat sich den Fuß verknacks. Ja – Laufen geht. Aber es tat ihr vorhin wahnsinnig weh. Da sind wir lieber gleich hergekommen. Man weiß ja nie. Wir wollten auf Nummer sicher gehen! Man will ja nichts übersehen! Müssen wir lange warten? Meine Tochter wollte noch zu einer Übernachtungsparty. “

Und du sagst:  „Wann ist es denn passiert? Ach – gerade eben.  Sie wohnen weiter weg? Da sind sie wohl sofort losgefahren. Ach – eine Party. Da will Ihr Tochter gerne noch hin?  Das schauen wir uns gleich an. Natürlich.“

Und du denkst: Ahhhh. Umgeknickt. Aua gesagt. Rein ins Auto. Notaufnahme. Wohin auch sonst! Kann man nicht  mal ein bisschen zuwarten? Eis drauf packen, Binde rumwickeln und den Fuß hochlegen – so, wie es in der Renterbravo steht, wie es unsere Mütter damals mit uns gemacht haben? Was soll passieren – MUTTI ? Das es knack macht und der Fuß abfällt? Da bleibt einem nur die  Notaufnahme!  Da wird es bestimmt schnell gehen? – Muhahaha. Nur merkwürdig, dass die Party immer noch im Plan steht. Bei dieser schweren Verletzung. Ich krieg gleich einen Vogel bei diesen superüberbesorgtenengagierten Muttis.

Nachts um halb eins. „Ich hab so Kopfschmerzen. Seit zwei Wochen. Auf einer Skala von ,0= alles schön bis 10 = jetzt bin ich fast tot` hab ich bestimmt ne 8. Heute morgen wars noch schlimmer. Da hatte ich ne 12! „Was haben sie  dann gemacht?“ „Mich noch mal ins Bett gelegt. Aber jetzt  ist es wieder schlimmer geworden.“ „Haben sie schon ein Schmerzmittel genommen?“ „Ich nehme nicht so gerne Tabletten. Da bin ich lieber schnell hier her. Ich will ja heute Nacht schlafen! Und ich möchte den Blutdruck gemessen haben! Ich hätte gerne einen Wert von 120/ 80.

Und du sagst: „Ja. Das ist nicht schön – so Kopfschmerzen seit zwei Wochen. Ich rufe den Neurologen an. Klar messen wir den Bludruck!“

Und du denkst: Huhu!  (Gepeinigter innerlicher Schrei.) Das freut das Neurologenherz bestimmt – der jetzt NICHT schlafen kann – in seinem 24 Stundendienst. Morgens, wenn man müde ist und einen Schmerz von 12! hat,  ist es natürlich sinnvoll, sich wieder ins Bett zulegen. Der Hausarzt ist ja bestimmt auch immer so beschäftigt. Und gut und schmerzfrei schlafen ist sooooo wichtig im Leben. Aber hallo! – werde ich mit dem Blutdruck ein ernstes Wort reden, damit er den Wünschen entspricht. Wo kämen wir denn da hin, wenn der Druck macht, was er will – und nicht was der Patient will.

Der Rettungsdienst bringt eine Frau mit einer bekannten COPD ( Chronisch obstruktive Lungenerkrankung – umgangssprachlich auch „Raucherlunge“). Eigentlich hat sie nichts. Außer, dass ihr der Sauerstoff ausgegangen ist. Morgens um vier Uhr ist es aber auch verdammt schwer, an Sauerstoff zu kommne. Alle fünf Sauerstoffflaschen à 45 l, die zuhause standen, sind leer. Der Lieferant kommt erst morgen Mittag.

„Ach – ich komm ja so gerne zu ihnen ins Krankenhaus. Hier sind alle so nett. Ich brauch auch nichts. Nur Sauerstoff. Ich mach gar keine Arbeit! Ich bestell mir dann morgen ein Taxi nach Hause.“

Und du sagst: „Ja – das ist ja blöd – wenn man keinen Sauerstoff mehr hat.“ (Mehr fällt mir dazu nicht mehr ein!)

Und du denkst: Grundgütiger. Kann man seinen Scheiß nicht rechtzeitig bestellen? Das kommt aber auch überraschend, dass so eine Flasche ausgeht. Dafür kommt der Rettungsdienst – und weil ambulante Sauerstoffversorgungen in einem Krankenhaus nicht vorgesehen sind, wird sie stationär aufgenommen. Beschäftigt sieben Leute, verursacht Kosten ohne Ende. Gut – dass sie wenigstens ein Taxi nach Hause bestellen will.

Hilfreich und nett. Immer gerne. Immer wieder. In der Hoffnung, bei den nächsten „schweren und schwersten“ Fällen nicht ironisch zu werden – oder gar zu sagen, was man denkt. ( Patienten in der Notaufnahme kennen Ironie nicht. Schließlich sind sie krank. Sonst würden sie ja NIE NIE NIE in eine Notaufnahme gekommen sein! Nie! Also bitte!!! )

Ach so. Ich schlag mir die Nächte um die Ohren, weil dann doch einer kommt, (und auch noch zwei andere) der krank ist. Der mit einem rasenden Puls von seiner Frau  – von weit draußen auf dem Land – ins Krankenhaus gefahren wurde. Einer, der wirklich Hilfe braucht. Puh. GottseiDank. Endlich „arbeiten“ und wirklich helfen. Die Ironie hat dann Pause und kann mal die Füße hochlegen.

„Pate“ für diese Idee ( ich gebe zu – es ist hier eine dezent geschönte Version) war dieses Lied: https://youtu.be/CLCUIw6Kl88. Ich bin wohl nicht die einzige, die oft anders spricht als denkt.

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Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

6 Kommentare

  1. „Ich nehm nicht gerne Tabletten“ kommt gleich nach „Ich geh ja eigentlich NIE zum Arzt“.
    Und du sagst: „Ahh… Okay. Dann machen sie bitte schon einmal den Oberkröper frei.“
    Und du denkst: „Was soll ich jetzt machen? Dir einen Heinzelmännchenorden für Tapferkeit aus der Kurve basteln?“

  2. Du hast einfach so recht 😄 Der Sonnenbrand nachts um 1 Uhr ist bei uns natürlich auch immer ein Notfall ! Und wehe jemand sagt was anderes 😉

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