Runtergefallen

„Der Onkel ist die Treppe runter gefallen.“
Der Onkel: Jahrgang 1928. Geistig retadiert.“ Halt a weng behindert – geistig“, wie die Verw10672299_805085729579025_1272244554576865793_nandtschaft sagte. „Als Kind hatte er Fieberkrämpe. Seitdem ist das so.“
Man merkte ihnen die Aufregung an. Atemlos waren sie und bemühten sich so sehr, es nicht zu zeigen. Bruder und Neffe hatten ihn in den Warteraum gesetzt. Da schaute mich ein alter Mann aus kleinen, mächtig schielenden Augen an. Wie die Reinkarnation von Clarence, dem Löwen aus Daktari und Glatzen Peer aus Ronja Räubertochter.
Der Neffe, ein eifriges Mitglied eines Bodybuilderstudios hob und trug den anderthalb Meter Onkel mühelos überall hin. Ganz vorsichtig, wie wenn er seine Braut über die Schwelle heben würde.
Können sie mich sehen? „Jaaaaaaa“- hauchte es.
Haben sie Schmerzen? „Jaaaaaa. Ein bisschen.“
Ich gaube, ich habe selten ein so sanftes und schlicht gehauchtes, gottergebenes „Ja“ gehört.
Der Arm war mächtig und kompliziert gebrochen. Das OP Team wurde bestellt.
„Hätten wir nur auf den Hund gehört“, sagte der Neffe bekümmert. „Der hat gegauzt ( für Nichtfranken = gebellt), als der Onkel fiel.“
Die Besorgnis, diese so offensichtliche tiefe Liebe zum Onkel und Bruder haben mich mehr als gerührt. Dazu dieser sanfte, alte, behinderte Mann, der klaglos auf seiner Liege lag.
Überhaupt: Jahrgang 1928.
Wie hat ihr Bruder die Nazizeit überlebt- wollte ich wissen. „Wir hatten Glück“, sagte der Bruder. „Der Ort, aus dem wir kommen war mehr als Braun. Irgendwie scheint das untergegangen zu sein, obwohl es einen Beschluß gab: Wenn der Endsieg kommt, ist der Bruder weg.“
Das Euthanasieprogramm der Nazis für Menschen mit Behinderung hat er – vielleicht auch Dank seiner Familie – überlebt.
Während wir warteten, dass das OP Team anrückt, sah ich – wann immer ich an diesem Zimmer vorbei ging – wie der Neffe seinen Onkel streichelte. Bei ihm blieb. Ihn nicht alleine ließ. Dieser Mann, mit Bomberjacke in Übergröße, damit aber auch wirklich alle und mächtig viele Muskeln hineinpassten, stand neben der Liege und gab dem Onkel Halt und leise Worte.

Auf dem Weg in den OP stelle er mir der alte Mann das erste Mal eine Frage: „Haben Sie noch Eltern? Haben sie noch ihre Mutter?“
Seine Augen glänzten. Meine auch.
Hermann Hesse fiel mit ein – „Narziß und Goldmund :
„Aber wie willst du denn einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben“

Es war gut, dasss die OP Schwestern das alles nicht wussten.
Geschäftig und mit sehr lauter Stimme ( alter Mann= MUSS schwerhörig sein) ließen sie uns in den Vorbereitungsraum.

Von Ingeborg Wollschläger

Dreißig Jahre war ich Krankenschwester und davon über zwanzig Jahre in einer Notaufnahme beschäftigt. Im März 2020 erschien mein Buch „Die Notaufnahmeschwester - ein Alltag zwischen Leben, Tod und Wahnsinn“ im Penguin Verlag. 2018 kehrte ich der Pflege den Rücken und bin seitdem als Seniorenreferentin für die Betagten meiner Kirchengemeinde zuständig. Gepflegt wird nun nicht mehr: Jetzt wird "gehegt". In Gruppen und Kreisen, Gottesdiensten und bei jeder Menge Hausbesuchen bin ich mit den Seniorinnen und Senioren in engem Kontakt. Mit großem Interesse lausche ich dort den Geschichten der alten und manchmal auch sehr weisen Menschen. Der wahre Luxus meines derzeitigen Berufes ist, dass ich Zeit habe, mir Lebensgeschichten anzuhören. Ich darf nachfragen und bekomme fast immer Antworten. "Nebenbei" bin ich freiberufliche Journalistin für das Radio (u.a. Klassik Radio) sowie Mitglied der Redaktion des „Evangelischen Sonntagblatts aus Bayern“. Ich habe drei Söhne, einen Halbtagshund und liebe Suppe.

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