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notaufnahmeschwester

#makelovegreatagain

Ich lese in schlaflosen Nächten das Internet leer.*
Ich lese von Hass und Rassismus. Von Faschisten und wie Leute abknallt und erschossen werden. Ich lese von „Auswahl“ und „Umvolken“, von alten weißen Männern, die alles besser wissen und von Feministinnen, die nur mal wieder so richtig durchgevögeln werden müsste. Ich lese von Kinderarmut und Homophobie. Ich lese von Mobbing auf Twitter und von einem kleinen Mädchen, mit dem der syrische Vater ein lustigen Spiel erfunden hat: lachen, wenn die Bomben fallen, damit die Angst keinen Raum bekommt. Ich lese von Anfeindungen, weil die Evangelische Kirche ein Schiff gekauft hat und auf Rettungsmission schickt. Ich lese und lese bis mir der Zorn hochkommt oder die Tränen aufsteigen.

Wut und Tränen bringt einen natürlich nicht weiter. Die Welt wird nicht durch Gedanken und Gebete zu einem besseren Ort werden. Auch nicht, wenn ich ein hübsches, gut designtes Meme davon in allen Netzwerken poste.
Die Welt könnte aber möglicherweise zu einem besseren Ort werden, wenn wir mehr andere Geschichten lesen würden. Von Unterstürzung und Hilfe. Von Liebe und Freundschaft. Vom Aufblühen und Verschwenden. Von Hege und Pflege.
Und weil man ja irgendwo mal anfangen muss, beginne ich, genau so eine Geschichte zu erzählen #makelovegreatagain
Ich war im 2. oder 3. Ausbildungsjahr zur Krankenschwester. (Jaja- ich bin so alt: ich bin noch eine Krankenschwester.) Seit ein paar Wochen war ich auf „der Inneren“ und es war die Hölle. Strenge und klare Hierarchie, Funktionspflege, Schülerdasein mit Waschstraße und Anschiss, weil nie schnell genug. Rüffel, weil die Ecken der Kissen, die man frisch bezogen hatte, nicht anständig herausgezogen waren. Damals war es üblich, an einem Tag in der Woche alle 34 Betten frisch zu beziehen. Möglich, dass bei Bett 27. ein wenig die Luft raus war. Man durfte keinesfalls trödeln. Denn die nächste Runde „Patienten betten“ stand an – was bedeutete, dass man die Schwerkranken und bettlägrigen Patienten neu lagerte. In fast jedem Zimmer lag mindeste einer dieser schwer pflegebedürftigen Menschen. Wir SchülerInnen rannten uns die Hacken ab, die Vollschwestern schrieben derweil Kurven und kochten sich einen Kaffee. Na gut – bestimmt half die ein oder andere auch mal mit. Aber das „Pflegen an sich“ wurde meistens uns Auszubildenden überlassen. Nie Zeit, immer Druck, wenig Anerkennung und Freude. Dieser Ausbildungsabschnitt war in meiner Erinnerung die Vorstufe zur Hölle. Jeden Tag schlich ich nach der Schicht in den 1. Stock des Schwesternwohnheims und fiel meistens sofort ins Bett. Aus. Ende Gelände. Fertig und körperlich extrem erschöpft. Meine Mitauszubildenden nickten milde und wissend, wenn ich nicht mehr sprechen wollte, einen Besuch in der Disco ablehnte oder mich an meine Freundin lehnte und seufzte. Menschen helfen – dafür waren wir. Ich hoffte sehr, dass ich das tat. Und vor allem hoffte ich, das diese Zeit schnell vergehen möge. Oder aber alle Schwerkranken endlich gesund oder verlegt werden würden. Gerne rasch, bevor ich noch mehr körperlich und geistig zerrüttete.
Mein damaliger Freund war mäßig begeistert von den Zuständen, in denen er mich in dieser Zeit vorfand. Das war mal anders geplant. Mehr so Vergnügen und Entertainment. Spaß und Unternehmungen, lange Spaziergänge und leise Gespräche, Liebe, Flausch und Sex. All das, was eine Liebe so ausmacht, bekam er in dieser Zeit nicht, weil ich einfach nur erschöpft und fertig war.
Ich erinnere mich, wie ich das Zimmer betrat und er schon da war.
Wie ich mich freute, ihn zu sehen.
Wie ich in Tränen ausbrach, weil alle Erschöpfung, alle Überforderung, alle körperlichen Schmerzen nach einer Knochenschicht hier Raum finden durften.
Wie ich neben ihm saß und leise weinte und er mich im Arm hielt und nicht sprach. Kein “Das wird schon wieder“ und auch kein “Ach komm schon“ und auch kein „Kopf hoch, das geht vorbei“.
Ich erinnere mich, wie wir lange so da saßen und er schließlich aufstand und meine für Schmutzwäsche umfunktionierte alte Waschschüssel mit den alten Pullis und Schlüppies auskippte.
Ich erinnere mich, wie ich zusah und nicht wusste, was er wollte und es aber egal war.
Ich erinnere mich, wie er Wasser in die Schüssel einließ, wie er zum Waschlappen und zur Seife griff und alles zu mir brachte. Wie er mich sanft auszog und wusch.** Wortlos. Wie er mich abtrocknete und mir frische Sachen überstreifte. Wie er mir eine Zigarette anzündete und wir schweigend rauchten. Wie wir dann im Bett lagen. Ich spürte seine Hand, sanft streichelnd auf meinem Haar.
Ich erinnere mich, wie ich einschlief. Zur Ruhe gekommen. Unendlich geliebt.
Das, werte Freunde ist es, was ich euch erzählen wollte. Einen innigen Moment wahrer Liebe. Ein heilender und heiliger Augenblick.
Dazu muss man natürlich keinen waschen. Man muss noch nicht mal eine rauchen. Es ist egal, was man dem anderen angedeihen lässt.
Es ist die Bereitschaft, von allem, was man vielleicht gerade selber wollte, zurücktreten. Zu sehen, was ist und es dann dem anderen geben zu wollen. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Dieses Erlebnis ist unendlich viele Jahre her und tief in meiner Seele verankert.
Wir alle brauchen solche Seelenverankerungen von Liebe und Trost. Von einfachem Dasein und MitdurcheineSituationgehen. Vom Begleitet- und Gehalten werden. Manchmal reichen kleine Gesten aus, die die Welt zu einem besseren Ort machen können.
Es wird – glaubt man den nächtlichen Artikeln aus dem Netz – mehr Menschen geben, die leider keine solche Erinnerungen haben, als diejenigen, die auf solche Herzensschätze zurückgreifen können.
Wir jedoch, die sie haben, müssen sie unbedingt in die Welt weitertragen. Damit Hass nie siegt.

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Bildquelle: Facebook

*weil „das Internet“ dafür bekannt ist, gerne ungefragt Ratschläge erteilen zu wollen: Ich werde auch weiterhin nachts das Internet leer lesen. Auch wenn 87 Studien bewiesen haben, dass man nachts nicht auf sein Handy schauen soll – ja: es wäre besser, es weit weg zu legen. Am besten wäre es, man würde es im Garten vergraben. Somit – weil ich es nicht tue – wäre es ja dann auch kein Wunder, wenn ich nicht in den Schlaf finde. Richtiger Schlaf kommt, wenn man sich richtig verhält. Handy also in den Garten, Raumtemperatur an der Fröstelgrenze, harte Matratze, die Decke bitte nicht von armen Daunenfedernentenliferanten, denen der Flaum bei lebendigen Leibe ausgerupft wurden. Lavendelsäckchen unter dem Memory Foam Kissen.
Ihr müsst mir das nicht sagen. Spart euch den Ratschlag. Geht stattdessen lieber in Welt und küsst jemanden. Sagt euren Liebsten, wie sehr ihr sie schätzt und mögt. Sät eine Blume. Ihr wisst ja: Wer anderen einen Blume sät, blüht selber auf!

**Es zahlt sich durch aus, wenn eure Liebsten – so ihr denn in eine Ausbildung seid – mit euch den Lehrstoff lernt und abfragt. Küsschen gehen raus an all diejenigen, die das tun.

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Alles Spacken – außer Mutti!

„Von der Fetten da lass ich mich behandeln!“, grölt er und lässt sich auf den Stuhl plumpsen. Die Hand ausgestreckt, als wolle er gleich dem Pflegepersonal gepflegt einen Scheitel mit der Axt ziehen.

Was für ein Spack!

Anschließend steht er wieder auf, um mit der Faust gegen einen Schrank zu schlagen. RUMS!

Morgens, halb drei in Deutschland.

Gemeinsam mit seinem ebenfalls verletzten Bruder, zwei Besatzungen Rettungsdienst sowie drei Wagen mit je zwei Polizisten war er „angekarrt“ worden. Direkt vor der Disco eingesammelt, nachdem eine Art Massenschlägerei dort aufgelöst worden war. Nun galt es noch herauszukriegen, wer wen und wann geschubst, geschlagen, getreten hatte. Es riecht nicht nur nach Zigarettenrauch, Drogen und Schnaps, sondern auch nach Ärger.

Z.n. (Zustand nach) Schlägerei als Einweisungsdiagnose. Oder z.n. PAM (paar aufs Maul).

Junge Kerle, besoffen und aggressiv – erst recht um die Uhrzeit sind der feuchte Traum aller derer, die in einer Notaufnahme arbeiten.

Immerhin wohnen sie hübsch – der Adresse nach zu urteilen. Villengegend. Schwimmbad im grünen, eingewachsenen Garten – wie Google uns zeigt.

Jetzt sind die Brüder aber leider zerrüttet, die Polizisten auch und der Rettungsdienst schaut, dass er Land gewinnt. Wie ich sie beneide.

Weil wir schlau sind und die ja leider beileibe nicht die Ersten sind, die voller Aggressionen abgeladen werden, bringen wir sie in verschiedenen Räumen unter. Das hat sich aus vielen Gründen bewährt. Einzeln sind solche Kerle meistens friedlicher als im Rudel.

Das findet der eine Bruder richtig scheiße. Was er auch deutlich sagt. Vor allem mir, der vermeintlich Fetten. Besoffen und Kinder sollen ja immer die Wahrheit sprechen. Sagen wir mal so: An den Augen hat er schon mal nichts gravierendes.

„Ich bin hier Kunde!“, krakelt er. „Ich habe ein Recht, bei meinem Bruder zu sein! Überhaupt: Ich kenne meine Rechte! Hier behandelt mich keiner, bevor ich nicht bei meinem Bruder bin! Habt ihr gehört? Ich kenne meine Rechte!“

Sicherlich. Wie mich das immer langweilt.

Geschwisterliebe ist natürlich zu fördern. Nur würden wir vorher ihm mal über das Gesicht schubbern, um festzustellen, ob auf die blutende Platzwunde ein Pflaster muss, oder ob man Nadel und Faden richten sollte.

Leider lässt er sich nicht behandeln, weil er ja aktuell auf Krawall gebürstet ist und innerlich seine Beschwerdebriefe verfasst. Sein Bruder schnarcht derweil im Nebenraum, ist aber dennoch wichtig und wird dringend gebraucht, sonst lässt er sich nicht behandeln, schreit er! „Hört ihr? Ich lass mich sonst nicht von euch behandeln! Sonst geh ich!“

Man möchte ihm die Tür weit aufhalten. Wenn einer nicht will, muss er ja nicht.

Nur: Er geht nicht. Nicht ohne seinen Bruder und schon mal gar nicht, weil er ja schließlich seine Rechte kennen würde.

Die Ärztin in dieser Nacht ist jung und unerfahren. Sie hat den unbändigen Willen, die Welt zu einem sehr viel besseren Ort zu machen. Alles richtig, gut und besser zu machen. Helfen, wo am nötigste. Edel und hilfreich. Und daher möchte sie ihn mit sanften Worten zu allem möglichen überreden: Sich behandeln zu lassen, das Schreien etwas zu drosseln, Ruhe zu bewahren, anschließend den Bruder in die Arme schließen und möglicherweise sogar nach Hause gefahren zu werden…

Ihr Heiligenschein glimmt leicht. Es ist auch irgendwie sehr rührend, zuzuhören. Kurzfristig erinnert man sich zurück an das eigene, jüngere Ich. Wir alle haben so angefangen. Wir alle wollten die Welt retten. Oder halt den nächsten, der gerade dafür in Frage kam.

Bis einen die Zeit, die miesen Erfahrungen, angedrohte oder tatsächliche Schläge und vieles mehr zu einer anderen Handlungsweise bewogen haben.

Mit solchen Patienten zu diskutieren ist nämlich ungefähr so (ersetze Rassisten durch Alkohol und/ oder Drogen):

Die Kollegin und ich sitzen gemeinsam mit zwei Polizisten, die uns bei diesem Aggressionspotential zu Seite stehend geblieben sind, im Flur und lauschen gefühlt stundenlang, wie sich die Gespräche im Kreis drehen:

„Aber mein Bruder…“

„Nun lassen Sie und doch mal schauen…“

„Ich kenne meine Rechte…“

„Nur mal untersuchen…“

„Einmal anfassen und ich haus euch aufs Maul!“

„Hm,“ grunzt der Polizist. „Keine Ehrfurcht mehr. Kein Respekt. Scheiß Elternhaus!“

Vielleicht hat er recht. Aber was wissen wir schon.

Nach einer weiteren Stunden voller „ ich- hau- euch- und- meine- Rechte- mein- Bruder- und-ich- fass- mich- nicht- an- du- blöde- fette- Kuh“ und dergleichen mehr, sind wir alle immer noch keinen Schritt weiter. Geschweige denn, dass wir irgendwie mit einer Art von Behandlung begonnen hätten. Dafür sind einige von uns maximal angefressen. Selbst die Geduld der Ärztin zeigt langsame, kleinere Fissuren und Risse. Eine Haftfähigkeit, damit der Typ seinen Alkohol- oder Drogenrausch in der Ausnüchterungszelle pflegen kann, will die Ärztin nicht ausstellen. Das Dilemma: Man weiß nicht, warum der Typ so drauf: Ist er mit dem Pony auf den Kantstein geknallt und deshalb so merkwürdig? Oder ist er einfach nur banal doof? Oder ist er ein Konsumopfer reichlich bedenklicher Substanzen?

Eine CT- Untersuchung seinen Kopfes schlägt er aus. Er kennt seine Rechte – ihr ahnt es schon. Erbarmen!

Etliche Beleidigungen später hat einer der Polizisten zwei Ideen:

  1. Wir rufen Mutti an. Meistens „wirkt“ Mutti und bringt die Brut wieder zur Räson.
  2. Ich soll mir mal überlegen, ob ich ihn nicht anzeigen möchte wegen Beleidigung. Man müsse ja auch solchen Spacken mal klarmachen, dass nicht alles erlaubt ist. Er, der Polizist, sähe definitiv den Tatbestand einer Beleiding mehr als erfüllt.

Nun ist er nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte gewesen sein, der mich beleidigt. Aber irgendwann kann man ja auch mal anfangen. Und weil das Gespäch zwischen der barmherzigen Arztin und dem Otto sich hinzieht und der Beamte zufällig sein Blöckchen für die Anzeigen dabei hat, vertreiben wir uns so die Zeit.

Der Kollege hat derweil die Mutter zu frühen Stunde erreicht. Sie würde kommen und sich kümmern.

Wir atmeten auf. Endlich würde das hier zu einem Ende kommen.

Nach 20 Minuten weiteren Rumkrakelens klopfte es an die Tür: Mutti. Ta-ta! Endlich!

Da steht sie: Der Rücken gerade, das Haar adrett frisiert, eine Chanel-Jäckchen in Rosa mit Franzen, das passende Handtäschen unter den Arm geklemmt. Wie man aus dem Bett kommend Zoll um Zoll so aussehen kann, wird ihr Geheimnis bleiben.

Sie richtete sich noch etwas gerader auf, schaute in die Runde, hörte ihre Brut – einerseits schnarchend, andererseits lautstark pöbelnd: „Wer ist hier der Verantwortliche? Ich möchte alle Namen!“

Im Geiste sah ich sie aus ihrem Rollkoffer eine Reiseschreibmaschine holen. Für den nun folgenden Beschwerdebrief.

Sagen wir mal so: Der Plan: „alles wird besser, wenn Mutti kommt“ scheiterte auf voller Linie. War der Sohn schon anstrengend, anmaßend und beleidigend – wussten wir nun, von wem er es hatte. Mutti ließ sich alle Namen geben für den „egal welchen Fall“!

Den Schilderungen der Polizei, warum ihre Kinder hier wäre und eine kurze Übersicht „was bisher geschah“ hörte sie nur kurz zu und brach barsch mit einer Handbewegung ab! Sie hätte sich schon einen Überblick verschafft. Die Namen jetzt! Rasch!

Ihr Herzensbub! In einer solchen Bedrängnis! In seinem Zustand! Er habe offensichtlich Kummer und Schmerzen! Keiner hier scheine ihm offensichtlich helfen zu wollen. Das würde ein Nachspiel haben! Unterlassen Hilfeleistungen! Morgen würde sie mit ihrem Anwalt Kontakt aufnehmen.

Derweil schmiegte sich der Spack in die Arme seiner liebenden Mutter. Voller leiser, fieser Genugtuung sah ich, wie er Blut und Rotz ins Rosa rieb.

Es war sehr spannend zu beobachten. Ein Lehrstück in Gesellschaftskunde. In die Hege und Pflege der Brut der oberen 10.000. Der Reichen und Schönen. Der Verpimpelung. Des nicht sehen wollen, was ist. Ein komplett fehlendes Unrechtsgefühls. Die Frage, warum Polizei hier dabei war, stellte sich der Mutter in keinster Weise. Wahrscheinlich dachte sie das ist üblich und angemessen zum Schutz ihrer Brut.

Sie würde jetzt ihre Kinder, die alle natürlich über 18 Jahren waren, mitnehmen und in ein vernünftiges Krankenhaus bringen. Hier wäre ihr Vertrauen zerrüttet.

Da war sie gerade mal 10 Minuten da. Aber was weiß schon ich von solchen Mutterzauberwahnsinnscheckerkräften. Ein liebend Mutterherz- was brauchts der Worte mehr.

Sie küsste den Schnarchenden wach und zog den Pöbelnden mit: „Wenn du dich nicht von der Fetten behandeln lassen möchtest, brauchst du das auch nicht mein Schatz!“

Dann gingen sie. Türen schlagend.

Und wir alle standen stumm im Raum, schauten und ratlos an und verstanden die Welt ein kleines bisschen weniger gut.

Immerhin waren sie endlich weg.


Nachspiel

Ich hatte ihn tatsächlich angezeigt. Der Polizist hatte mir glaubhaft versichert, dass ich keinesfalls zu einer möglichen Gerichtsverhandlung mitkommen müsse.

Nachdem ich lange Zeit nichts mehr hörte, fiel die Geschichte im Hinterstübchen weit nach hinten. Bei der Fülle an Menschen, die man tagtäglich behandelt, ist das ein Segen. Viele sind reizend. Andere sind es nicht. So ist das eben.

Und dann trudelte doch noch eine Einladung ins Gericht ein. Zur Aussage im Fall.

Zur Hülfe. Ich würde ihn und Mutti, den Bruder und überhaupt alle wiedersehen. Ich fühlte mich so, wie wenn sich heute die Kontrahenten des Dschungelcamps in der Sendung danach wieder treffen. Die Fürstin meets Kasalla!

An einem kalten Tag im Winter saß ich in einem zugigen Gang des Gerichtes auf einem Stühlchen und wartete auf meinen Auftritt.

Kurz vorher – also Monate nach unserer Begegnung im Krankenhaus – hatte mir der Bengel tatsächlich einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Schade nur, dass es erst kurz vor der Gerichtsverhandlung ankam. So erweckte es nun eher den Anschein, dass dieses Schreiben mehr so dem Wunsch des Anwalts entsprochen haben könnte, als seiner Reue.

Das Jüngelchen schaute nicht auf. Dafür durchbohrte mich seine Mutter mit Blicken! Ich hätte sofort zu Boden sinken müssen. Tot! Erdolcht mit eiskalten Mutteraugen.

Der Richter ermahnte den Spack. Man beleidigt nicht die Hand, die einen pflegt. Auch fände er den Brief zwar grundsätzlich gut, aber den Zeitpunkt wäre eher schwierig und daher auch nicht als ernst gemeint einzustufen.

Wegen der Beleidigung bekam er 20 Sozialstunden, die er ableisten müsse und ich 37,50 Euro für die Erstattung sämtlicher Kosten und Auslagen.

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Ich habe nie wieder jemanden angezeigt, obwohl ich es gefühlt manchmal an jedem zweiten Tag hätte tun können. Der Aufwand für eine Alltagserscheinung ist es nicht wert. Und da sagt mehr über manche Formen unserer Gesellschaft aus, als mir eigentlich lieb wäre.

Über die Jahre hinweg scheint es mittlerweile üblich geworden zu sein, dass man die, die helfen wollen, beleidigt, einparkt, an ihrer Arbeit hindert und gewalttätig gegenüber den Helfern, Rettern und Bewahrern wird.

Ich möchte an Karma glauben.

Und euch, die ihr Rettungskräfte, Feuerwehren, Polizisten, Pflegepersonal und das ärztliche Personal disst, wünsche ich, dass ihr es mal sein werdet, die Hilfe brauchen. Aber es kommt gerade keiner, weil der Rettungsdienst erst mal in die Werkstatt muss, weil alle Reifen aufgeschnitten wurden. Mal abgesehen davon, dass irgendwann keiner mehr Bock haben wird, Dullies und Dumpfbacken den Arsch retten zu wollen.

Ich wünsche euch, dass ihr dann genügend Zeit haben werdet und einen Geistesblitz bekommt über eure eigenen, schäbigen Taten: „Hahaha- wie lustige das war und wie die dann sauer wurden und wir schnell wegrannten“.

Seid freundlich. Das Leben ist ein Spiegel.

Wir gehen steil viral!

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Freunde – ich habe es wieder getan: Mit Markus Oppel geplaudert.

Wir regen uns ein wenig über Pflege in den sozialen Medien auf.

Wir glimmen heftig für die Pflege (für uns beide hat es sich ausgebrannt).

Wir erforschen das eher anspruchslose Personal.

Und wir weinen über das Bild, das oft Pflege hinterlässt.

Wir schmieden Pläne.

Und als ich gerade erneut zum Taschentuch greifen wollte ( bei der gefühlt 99. Pflegerin mit wehendem Harr, romantischen Blick und einem Bericht über die Vergänglichkeit des Seins am Beispiel von – okay. Ich erinnere mich nicht, muss aber sehr schön gewesen sein und bestimmt rührend bis aufwühlend) – sah ich den Account von Pia und war verliebt:

Pflege ohne Nacktheit ist möglich. Hurra! Einfach nur Content. Ich finde es spannend und erfrischend zauberhaft.

Wer mehr über Pia wissen möchte: Sie hat 10 Fragen an eine Krankenschwester [(He – Pro 7 – es heißt mittlerweile Gesundheits und Krankenpflege) (Bald auch wieder nicht mehr)] beantwortet.

Wenn ihr ähnlich müde seid von „Sex sells“ oder einem angewachsenen Stethoskop um den Hals der Pflegeperson sowie als männliches Gegenstück gerne mit nackigen Oberkörpern, folgt ihr auf Insta und Twitter unter @nursewecan.

Monja, mit der ich auch schon podcastete entwickelt lustigerweise gerade die Idee eines „Antidots“ der Sexy Pflegerin im Stil von Celeste Barber. Awww♥

Es geht also auch anders.

Es sollte doch möglich sein, einen der besten Berufe der Welt lustig, berührend, authentisch, professionell, witzig und kluk (so schreiben jetzt die jungen Leute) zu präsentieren.

Markus und ich jedenfalls sind dabei. Angezogen

Hördauer 23.30 Minuten

Wie Gesäß auf Steckbecken

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Vor längerer Zeit habe ich mit Markus gepodcastet.

Dauer: 25:07 Minuten

Das Leben hingegen und der Umstand, dass mittlerweile jedes Eichhörnchen einen eigenen Podcast hat, haben mich davon abgehaten, ihn zu bearbeiten und zu veröffentlichen.

Bis heute.

Und was hatte ich jetzt für einen Spaß, dieses Interview zu schneiden. Denn obwohl Markus und ich uns zu diesem Zeitpunkt virtuell schon Jahre, aber leibhaftig erst das zweite Mal gesehen haben, passen wir wie Gesäß auf Steckbecken (der Laie würde sagen: Arsch auf Eimer).

Dieses Gespräch ist zwischen Kaffee Hag kochen und einem Vortrag von ihm entstanden und sagen wir mal so: Der Nachmittag war schon super, noch bevor er offiziell anfing.

Hört also, wie wir über Kinder und Kollegen „lästern“ und uns grämen,  lauscht, wenn wir über die Vorzüge es Nachtschlafs plaudern, wie Pflege am Boden liegt und warum sie nicht aufsteht und „was schaffen geht“ und allerlei mehr.

Der Rest ist Gnade

Ich erkenne sofort den Familien- und Liebesstatus sowie ich ein Patientenzimmer betrete: Einen großen Freundeskreis ebenso wie eine junge Familie und/oder liebevolle Angehörige. Eine lärmende Peergroup oder eben…. nichts. Alles das sieht mein geübtes Auge sofort.

Wenig – werte Freundinnen und Freunde – ist trauriger, als in ein solches Patientenzimmer einer Hochbetagten zu kommen und nichts, aber auch rein gar nicht persönliches oder privates vorzufinden. Immerhin war ich gedanklich vorbereitet: Ich wusste, dass sie ist “weiblich, ledig, uralt“ ist.

Keine Zeitschriften. Keine Flasche Nektars irgendwelcher dubioser Früchte, die hochbetagte Menschen eher seltener auf dem Speisplan zu stehen haben. Kein Kuscheltier von Kindern oder Enkelkindern zum Trost. Kein Blümchen und kein Nagellack. Keine Haarbürste, die auf dem Nachttisch vergessen wurde (und die SELBSTVERSTÄNDLICH ausschließlich ins Bad gehört), kein buntes Handtuch zum Trocknen über der Bett-Reiling.

Wie ihr wisst ( für alle, die es vergessen/verdrängt/ noch nicht gehört haben: hier entlang) verläuft mein Leben mittlerweile jenseits der Krankenhausflure.

Es sei denn, ich kehre als Besucherin zurück.

Wie zu ihr, die „unfassbar viel Wasser“ überall hatte und zur „Entwässerung“ in die Klinik musste. Nichts, dass es mich wunderte, wie lange sie es in diesem Zustand ausgehalten hatte. Bei jedem Besuch – so schien es – wurde sie runder und praller und die Schnallen der Schuhe eine Öse weiter geschlossen.

Das Seniorenheimpflegepersonal schien geflissentlich wegzuschauen und der Hausarzt konnte leider nicht kommen.

Gummistrümpfe zur Kompression?

„Ziehse mir hier nicht an. Das ist so schwierig und sie kriegen sie nicht über die dicken Knöchel drübber!“

„Aha!“

Nun also war sie im Krankenhaus. Im geblümten, rosa Nachthemd, der Katheterbeutel prall gefüllt. Ich sah mich schon auf einer Woge Pipi hinfort geflutet, bei der leisesten Berührung und hielt dementsprechend vorsichtshalber Abstand.

Sie wollte aufstehen. Vor Freunde und Respekt vor seltenem Besuch.

Seit einem Monat kann sie kaum noch stehen. Sie ist aber der felsenfesten Überzeugung, mit ein wenig Übung und einer Spritze vom Hausarzt würde das schon wieder werden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt sagt man.

Auf Twitter würde es heißen: Wer sagt es ihr?

Sie ist 94. Jahre alt. Unfreiwillig im Seniorenheim untergebracht. Nach mehreren häuslichen Stürzen wollte die weite entfernt wohnende Nichte die Tante nicht mehr zuhause wohnen wissen. Zack. Rubbeldiekatz. So schnell konnte sie nicht schauen, blieb sie im Heim, in dem sie zur Kurzzeitpflege schon untergebracht war.

Umzug einer 3 Zimmerwohnung in ein 2-Bett-Zimmer. Im Koffer auf dem Schrank bewahrt sie jetzt ihre Winterklamotten auf. Einen winzigen Teil. 4 Meter Gelsenkirchener Barock passen nicht in einen Seniorenheimzweibettspind.

Alles weg. Einen Abschied gab es nicht. Sie war ja schon im Heim. Für alles musste sie sich mit der Nichte absprechen. „Bitte bring mir meinen Kamel-Hocker für meine Füße! Was ist mit meinem Lieblingsschmuck? Wo sind denn meine Pantoffel? Die hast du WEGGESCHMISSEN? Die waren noch wie neu!“

Die 94-jährige betrachtet ihr 7-jähriges „Ich (links) unter dem Lesegerät für stark Sehbehinderte. „Das war eine der wenigen, glücklichen Momente in meiner Kindheit.“

Es ist ein Elend.

Gut. Man könnte früher darüber nachdenken, wie man sein Leben im Alter gestalten will. Welche Art an „Vorsorgen“ man treffen möchte. Wer einem „die Wahrheit“ sagt, wenn es nicht mehr allein machbar ist. Und wann dieser Zeitpunkt- zumindest von der Außensicht – gekommen scheint.

Blind ist sie zudem. Das macht die Sache nicht einfacher.

Die Ernährung im Heim ist ihr suspekt. Richtiges „Essen“ hatte sie nur, wenn sie in die Wirtschaft ging und dort immer das günstigste Gericht sowie einen Löffel bestellte.

Die Angst des finanziellen Ruins der Kinder – und Jugendjahre liegt schwer auf ihrem Gemüt.

Zuhause kochte sie Tiefkühlgemüse und Reis nach Gefühl und ohne viel Geschmack. Kein Wunder, dass beständige Heimkost für sie „zu salzig, zu üppig und immer verstopfend“ wirkte.

Zurück ins Krankenhaus.

Trotz vieler Jahre Praxis (ich) und starkem Willen (sie) gelang es uns beiden nicht, sie vom Bett in den Rollstuhl umzusetzen. Sie war schlaff wie ein Sack. Die Beine gehorchten ihr nicht. Stehen konnte sie nicht. Ich holte Hilfe und schaute mal auf dem Flur. Es war Abendbrotzeit und ich hatte das Personal schon mit dem Essenswagen in der Ferne gesehen. Es war mir aber nicht möglich, genaueres zu sehen. Die Gänge im ehemaligen Krankenhaus sind länger als meine Kurzsichtigkeit mich schauen ließe.

Siehe da. Zwei altbekannte Gesichter. Schwester Micha und Schwester Renata. Und ja – werte, vernunftbegabte Kolleginnen und Kollegen: Weder sind sie Ordensschwestern noch meine Geschwister. Aber die heißen so. Schon immer und in Ewigkeit Amen. Das bringt man nicht mehr aus ihnen heraus. Als wir vor Jahren mal darüber sprachen, nickten sie ganz aufgeschlossen. Wie recht wir alle hätten. Stimmt. Vollkommende Übereinstimmung. Ach, ihr jungen Dinger (sie sind 10, 15 Jahre älter als ich) mit euren großartigen Ideen!

Kurz darauf stellten sie sich bei ihrem nächsten Patienten vor: „Grüß Gott. Ich bin die Schwester Micha!“

Nein. Diese Generation an Pflegerinnen muss scheinbar erst aussterben, bevor ich an der Ansprache etwas ändert.

Wir freuten uns sehr, uns zu sehen.

Schwester Micha war im Haus „verschrienen“. Mit Ehrlichkeit jenseits der Schmerzgrenze macht man sich keine Freunde.

Strafversetzt wurde sie dafür im hohen Alter auf eine Station, die man sich schon alleine der Selbstliebe willen ab einem gewissen Alter nie ausgesucht hätte: „Die Innere“. Immer unterbesetzt, immer am Limit, jede Menge Pflegefälle verteilt auf 100 Meter Krankenhausflur.

Trotzdem hatte sie ihr glucksendes Lachen und derben Humor nicht verloren.

Vor vielen vielen Jahren gewann ich das Herz der gefürchteten Kollegin. Sie kam mit einer Fingerverletzung in die Notaufnahme. Damals war es noch üblich, dass man lange, lange das verletzte Körperteil in Braunol, einem Desinfektionsmittel, badete. Ein Schwups in einen Plastikbecker, Wasser drauf und Finger rein. Sie schaute interessiert zu, wie ich die braune Plörren für sie zubereitete und anschließend ihr reichte.

Sie bedankte sich höflich, nahm den Becher, führte ihn an den Mund und trank einen Schluck. Um ihn nach einer Erstarrungssekunde auszuspucken und mich wehklagend anzuschauen.

„Micha…?“

„Ich dachte, das wäre Kaffee!“

„Micha. Du hast doch gesehen, wie ichs gemacht habe…“

„Jetzt wo dus sagst…!“

Diese Geschichte verband uns und fortan waren wir beste Kumpels, wenn wir uns sahen. Ihrem gefürchteten Charme bin ich nie begegnet.

Schwester Renata, die natürlich anders heißt, hieß mich herzlich willkommen. Kurz vor meinem Pflexit lief ich im Nachtdienst über ihre Station. Sie hatte einen Rollstuhl vor sich und schob ihn von Zimmer zu Zimmer.

„Ich kann sonst nicht laufen. Ich habe Hüfte. Und die Rollatoren sind alle aus!“

So viel Pflichtbewusstsein vereint in einer Person.

Ebenso wie das nächtliche „Lagerungs-Spiel“. Viele Jahre ging das Personal der Notaufnahme nachts zum Rundgang durchs Haus. Wir waren schließlich zu zweit, die „auf Station“ die ganze Nacht alleine. Dort halfen wir den Kollegen und Kolleginnen, die immobilen Patienten zu lagern.

Schwester Renata wollte ich jede Nacht boxen.

Zack: Volle Zimmerbeleuchtung morgens um vier Uhr.

Rums. Das Bettzeug den Menschen weggezogen.

Schlupp: Den (in diesem Fall eingeschränkt mobilen) Menschen einen halben Meter hochgezogen.

Decke drauf. Licht aus. Tür zu.

„Renata“, sagte ich vor der Tür. „Erinnere mich dran – sollte ich jemals von dir so nachts aus dem Schlaf gerissen werden, weil du meinst, ich bin „runtergerutscht“ und soll „hochgezogen werden“ – erinnere mich daran, dass ich dich dann boxe. Lang und ausdauernd!“

Meine Kritik verhallte bis zum nächsten Patienten.

Die beiden standen um den Essenswagen herum. Im Gegensatz zu manch anderen hatten sie nach eineinhalb Jahren auch schon mitbekommen, dass ich nicht mehr hier arbeiten würde.

„Was machst du denn hier?“

„Seniorenbesuch! Würde eine von euch mitkommen und mir helfen, sie in den Rollstuhl zu setzen?“

„Ich heb mir doch keinen Wolf und in zwei Minuten will sie wieder ins Bett! Nein, nein. Das Spielchen mach ich nicht mit! Die bleibt im Bett!“

Eigenschutz vor Patientenwohl. In jedem von uns stecken zwei Wölfe.

Immerhin schickte sie eine Praktikantin. Zusammen wuchteten wir die Uralte in den Rollstuhl und auch der Vorschlag, den Katheterbeutel unter Umständen zu leeren, wurde gehört.

Das Abendbrot kam.

Ich schmierte der Uralten die Brote. Noch nie hatte sie „Reiterle“ bekommen. In ihrem Elternhaus gab es das nicht und bei ihren Kindern hatte sie keine Zeit. Da wollten neben den Kindern, der kranken, angeheirateten Tante, dem Ehrmann sowie den Schwiegereltern alle Abendbrot. Verwöhnen? „Was für ein unpraktischer Quatsch!“, sagte sie und biss vom in Stücke geschnittenen Teewurstbrot ab. Sie kicherte ein bisschen. Vielleicht ist verwöhnen doch ganz hübsch – so dann und wann?

Schwester Micha schaute vorbei und ermahnte die Zimmernachbarin ein wenig langsam mit dem Bohnensalat zu machen – nach der Darmspiegelungdrei Stunden zuvor. Daraufhin pupste diese laut und vernehmlich und stellte das Schüsselchen traurig zurück.

Manchmal vermisse ich das alles.

Aber höchstens so lange, bis eben einer gänzlich ungeniert furzt.

Jetzt schmiere ich “Reiterle“ friedlich und ohne Hast. Ich höre mir das Elend und die Hoffnung an. Die Geschichten mit dem Elend nehmen viel mehr Raum ein und wollen alle gehört werden.

Geschichten über Fencheltee, den es ausschließlich in den Kriegsjahren zu trinken gab und an den sie sich deshalb gewöhnen „musste“ und ihn immer noch trinkt.

Ich höre mir Schwester Michas Geschichten über die viele Arbeit, die zwei neuen Hüften der Schwester Renata und ihre eigenen schlimmen Knie an, die „beide gemacht werden müssten, aber das geht jetzt nicht, denn dann bricht hier vollends der Laden zusammen.“ Ich sehe die Erschöpfung in den Augen und den unrunden Gang, wenn sie weitergeht.

All das sehe ich. Und höre ich. Und manches rieche ich auch.

Wie wird es uns einmal gehen? Wer wird uns besuchen und pflegen?

All das gilt es, unbedingt rechtzeitig in die Wege zu leiten. Zumindest das, was „machbar und planbar“ ist.

Ich hoffe sehr, dass mein Krankenzimmer einst nicht so derart traurig nüchtern und kühl aussehen wird. Und dass ich ein stabiles Netz aus Freunden, Wegbegleitern und Kindern, Kindeskindern sowie Kindeskindeskindern gesponnen habe, das mich trägt.

Der Rest ist Gnade.

Erkenntnisflash

Kennt ihr, dass ihr manchmal das Gefühl habt, völlig aus dem nichts kommt urplötzlich die Erkenntnis: Wildbratensauce schmeckt wirklich besser mit dem passenden Rotwein. Oder: Bengalinhosen mögen der letzte Schrei sein, aber mir stehen sie nicht – da hilft es auch nicht, wenn ich die 26. Hose bestelle. Oder: Er steht halt nicht auf mich – so einfach ist das.

Meistens sind es Sachverhalte, bei denen andere erstaunt aufschauen und sagen: „Ja und….? Das ist doch völlig sonnenklar!“ So banal können sie sein.

Anstatt aber diese ignoranten Menschen wegen jener Frechheit zu schütteln, drückt man sie stattdessen an sich und sagt selig, weil endlich wissend: „Rotweinsauce“. Oder „Nie wieder Bengalinhosen“. Oder „Er steht einfach nicht auf mich! Mehr ist es nicht!“

So ging es mir, als ich mit Sabine Dinkel über systemische Gesetze plauderte.

Dachlatte aufs Hirn.

Schuppen aus den Haaren.

Erkenntnisflash.

Diese „Gesetzmäßigkeiten“ sind nicht neu und ich würde mal behaupten, dass sie jeder kennt – auf die ein oder andere Weise. Es ist im Straßenverkehr ebenso eine feine Sache, sich an diese Art von Regeln zu halten, wie im täglichen Miteinander.

Im System jedes Teams gibt es ein Wissen darüber, was das tägliche „Überleben“ sichert und was es gefährdet. Dabei sind folgende systemische Prinzipien immer wieder zu beobachten. Als da wären:

  1. Was ist, muss anerkannt werden

  2. Recht auf Zugehörigkeit

  3. Ausgleich von Geben und Nehmen

  4. Vorrang des Früheren vor dem Späteren

  5. Vorrang der höheren Verantwortung

  6. Vorrang der höheren Leistung

  7. Vorrang von Wissenskompetenz

  8. Vorrang des Ganzen vor dem Einzelnen

  9. Ausgleich schaffen

  10. Anerkennung, Wertschätzung und Respekt gegenüber Personen, Kultur oder Ordnung

  11. Neues System hat Vorrang vor einem alten System

Passt alles und ist das System wie bei einem gut austarierten Mobile im Gleichgewicht, herrscht Friede und Freude, bei dem auch ein Eierkuchen durchaus im Rahmen ist. Glück und Spaß, Achtung und Respekt kreuzen dann euren Weg. Rosen wird es für euch jeden eure gemeinsamen Tage regnen. Doch ach!

An keinem meiner Arbeitstage wurde nicht wenigstens eines dieser Gesetzte gebrochen, nicht beachtet, ignoriert oder mit Füßen getreten. Absichtlich oder versehentlich.

AN. JEDEM. TAG.


Ich traf heute einen Buddy von mir. Und natürlich unterhielten wir uns über „die Arbeit“.

„Da haben wir jetzt einen neuen Kollegen, der hat ein halbes Jahr Notaufnahme Erfahrung. Und natürlich weiß er alles und kann alles. Meistens auch noch besser!“

„Alles? Von der Zangengeburt bis zur Feuerbestattung?“

„Ne. Natürlich nicht! Ich hab schon gar keine Lust, ihm etwas zu erklären, weil er immer abwinkt und alles zu wissen glaubt. „

Freunde: Willkommen in der wunderbaren Welt von “ How to get beef at work“.

Der neue Kollege hat gleich mehrere Gesetzte des Systems gebrochen: Nummer 4, 5, 7 sowie 10.

Immer dann – ihr ahnt es schon – wenn diese Gesetzmäßigkeiten nicht eingehalten werden, gerät das System ins Wanken. Es gibt Konflikte, Verdruss, Ärger, Kleinkriege, Mobbing. Immer.

Diese Systeme geraten aber auch jeden Tag ins Trudeln. Nur mal ein paar kleine Beispiele:

Wenn neue, oftmals neunmalkluge Kollegen ob Chef oder Kollege in ein bestehendes Team kommen, wird es immer spannend. Erkennen Sie die Gesetzmäßigkeiten an (oder tun zumindest so)? Oder wissen sie alles besser, haben prinzipiell viiiiiel mehr Ahnung als alle anderen und zeigen es deutlich jeder und jedem? Wollen Sie sofort Neues einführen und die Welt verbessern auf ihre Art und Weise? = Beef

Ein Kollege/in möchte immer mit dir tauschen, aber wenn du Bedarf hättest „passt es leider gar nicht“. Immer. Beef.

Du springt zum 27. Mal ein, aber keiner würdigt es – weder in Gedanken, Geschenken, noch Worten.

In einem gerade zu versorgenden Notfall pflegt eine(r) seine Animositäten und stänkert rum, obwohl gerade ein kranker Mensch vor einem liegt, der alle Aufmerksamkeit bräuchte.

Der ältere Kollege hat keine Ahnung mehr von der neuen Technik und will sich auch nicht mehr einarbeiten – so kurz vor der Rente. Das „müssen“ dann halt alle anderen (mit-) machen. Leider wird kein Wort darüber verloren, dass die Anderen dadurch mehr Arbeit haben.

Der Kollege/in mit dem größten Wissen bezüglich xy geht völlig unter, weil eine Flachpfeife einfach immer dazwischenquakt und alles besser weiß. Sogar atmen!

Beim neuen Chef wundern sich alle, wie er es in diese Position gebracht hat. Weder ist der fachlich der Hit, noch reißt er es menschlich heraus. Ist es am Ende das „Peter Prinzip“?

Aktuell ist das Thema Klinikfusionen an der Tagesodnung. Überall wachsen kleine Kliniken ( wenn sie Glück/ Unglück haben – je nachdem, wie man es sehen will) zu einer Einheit zusammen. Das System sagt: Das Neue hat Vorrang vor dem Alten. Vorausgesetzt, es werden Punkt 1 bis 7 berücksichtigt. Wenn nicht, wirds schwierig. Also nicht für die Krankenhausleiter. Aber für alle anderen schon. Nachdem ich eine Fusion mitgemacht habe und den Kummer und die Unzufriedenheit der Kollegen oft genug gehört hab, kann ich nur feste, feste mit dem Kopf nicken.

Es kracht in einem Team an allen Ecken und Enden. A spricht mit B nicht und höchstens über C, der D auf den Tod nicht ausstehen kann. Aber keiner spricht darüber. Alles wird hübsch unter den Teppich gekehrt. In Dienstbesprechungen wird nicht darüber gesprochen, sondern über die Nachlässigkeit bezüglich der Sauberkeit des gemeinsamen Kühlschranks sowie der nächtlichen, regelmäßigen Kühlschranktemperaturkontrollen.


Ich denke mal, ihr meine schlauen Freundinnen und Freunde habt das Prinzip kapiert. Und wahrscheinlich 300 weitere Beispiele von systemischen Verletzungen mit einem Fingerschnips parat.

Und nun?

Wenn man es weiß, wird vieles leichter. Es war so ein Augenblick, an dem „Wissen mach Ah“ sich in meinem Hirn breitmachte.

Schau an: Aus diesem und jeden Grunde hat es mit XY nie so recht geklappt. Weil Heinz einfach eine Flachpfeiffe war und ich ihn deswegen nie ernst nehmen konnte, „zerrüttete“ unsere Beziehung. Heinz war aber ein Urgestein. Und allein das rechtfertigt es, anzuerkennen, was ist und war. Früher vor später und so.

(„Heinz“ ist hier als Protoyp aus 30 Jahre Teamarbeit zu sehen.)

„Bedauerlicherweise“ zeigt sich Anerkennung immer in der inneren Haltung und im Verhalten und nicht nur darin, was ich sage. Ein gutgemeintes, verlogenes: „Heinz, das hast du aber fein gemacht!“ ist nicht zielführend in der Strategie zum Frieden innerhalb eines Team oder gegen Mobbing am Arbeitsplatz.

„Ach komm!“, sage ich zu Sabine Dinkel. „Manches ist doch keinesfalls durchzuführen. An jeglicher Realität vorbei!“

„Wer sagt denn, das es einfach wäre?“, grinst sie.

*seufz*

„Und zur Not hast du du drei Dinge in der Hand. die ebenfalls jeder kennt und von den wenigsten beherzigt werden:

Love it.

Change it.

Leave it.“

Teamgebilde sind eine sehr fragile Angelegenheit. Im sozialen Sektor ungleich mehr, weil hier noch die „Güte und Barmherzigkeit“ im Übermaß dazukommen. Gepaart mit einem schwammigen „Berufungs- Gedöns“ statt Professionalität.

Aber auch hier gelten die Systemgesetze. Da beißt der Chirurg den Faden nicht ab.


Die Lösung könnten sein: Gespräche führen. Aber keinesfalls schnullimäßig. Bitte bedenkt: Man möchte zu einem neuen Miteinander kommen. Das alte, schlechte soll ja geändert werden. Wer das nicht ernsthaft will und vorhat, sollte daheim bleiben und Serien wegbingen (um auch mal dieses neue Wort unter das Volk gebracht zu haben).

Und auch wenn man es nicht glauben mag: selbst in jeder Pfeife steckt etwas, was richtig, richtig gut. ist. Man muss es nur wahrnehmen wollen und würdigen und wertschätzen. (Es ist übrigens viel lustiger und unanstregender, nach freundlichen Dingen Ausschau zu halten als nach blöden. Die kennen wir ja auch schon zu genüge. Warum also nicht einmal die Kollegen-Ostereier-Wertschätzung-Challange starten?

Überhaupt das ganz erst einmal wahrnehmen, dass hier irgendwas „im Busch “ ist. Und sich trauen, es zu benennen – mit allem, was dazu gehört. Auch Heulen und Zähneklappern. All die kleinen, unguten Gefühle beschreiben. Dazu – werte Freundinnen und Freude – gehört übrigens viel Mut, emotional die Hosen herunterzulassen.

Das ist das, was der verletzte Mitarbeiter/Kollege/Freund/Feind machen kann.

Ihnen müssen die Verursacher Rechnung tragen. Ernstgemeint. Sonst kann man alles wieder in die Tonne kloppen.

Dazu gehört, dass man das verursachte Leid anerkennt. Und sich um Ausgleich bemüht.

Tja. Und wenn alles nicht klappt bleibt immer noch die Option, woanders sein Glück zu finden. Wie sagten schon die Bremer Stadtmusikanten: Etwas besseres als schlechte Arbeitsbedingungen finden wir allemal! (Oder so ähnlich).

Das wichtigste allerdings ist, das Prinzip dieser Gesetzmäßigkeiten erstmals zu kapieren.

Wüssten das neue Mitarbeiter – ich bin überzeugt, dass sie die Attitüde des „Hoppla, jetzt komm ich!“ lassen würden. Um des lieben Friedens willen. Und auch wenn sie es 1000 Mal besser könnten, würden sie sich zurückhalten. Bis sie dran sind.

Oder wenn wir alle beginnen würden, bei der Flachpfeiffe das Gute im Schlechten zu suchen.

Wenn wir ansprechen würden, was uns gerade wirklich auf dem Herzen liegt.

Oder

Oder

Oder.

Manches haben wir nicht in der Hand. Manches können wir nicht änderen, weil wir eben alle unterschiedlich ticken, Neigungen und Animositäten haben. Aber vieles könnten wir verhindern – so bin ich überzeugt – wenn wir diesem Gesetzmäßigkeiten Raum geben würden.

Meine Güte. Vielleicht hätten wir alle ein schönes Leben!

In aller Fülle zum Nachlesen: https://www.hanseatisches-institut.de/systemgesetze/ oder auch hier. https://www.mentalenz.de/systemgesetze/

Bitte beachtet: Ich bin kein Profi in diesem Gebiet. Dafür aber sehr, sehr interssiert.

Mein kurzes Leben als Fitting Model „Molly Mops“

 „Ach Gott. Dieser Blazer tut aber auch gar nichts für dich!“, rief Kevin bekümmert aus.

Er lehnte mit einer Pobacke am Schreibtisch, die Beine dabei graziös übereinandergeschlagen. Seine 7/8 Hose betonte die schlanken, haarlosen Beine. Eine Hand in der Tasche, die andere lässig an die Schreibtischkante gestützt. Das lila Polo- Shirt lässig in die Hose gesteckt. Gestopft wird hier nichts!

„Und wie der überbügelt ist!“ Die Augen dehen sich dabei leicht nach oben! Meine Güte. Stümper überall und allenthalben.

Ich wusste noch nicht mal, dass man Kleidungsstücke überbügeln kann. Überbügeln! Was es nicht alles gibt!

Die Kollegin, die mit luftig aufgestecktem Haar daneben saß, seufzte ebenfalls. „Hatten wir das nicht schon besprochen?“ Sie stöberte in den Unterlagen. Diese unzuverlässigen Lieferanten aber auch! Nichts als Ärger mit dem Pack. Und dann würden „sie auch noch frech kommen!“

Ich stand in der Mitte. Eine atmende Kleiderpuppe. Plus Size. „Lass die Arme mal hängen. Hm. Und jetzt winkle sie mal an. Wird auch nicht besser.“

Rückblick.

„Hömma. Willste Model werden? Meine Freundin sucht dringend Models zur Anprobe“. An einem feuchtfröhlichen Abend unter dem Motto:  Katheter müssen laufen, Krankenschwestern können saufen, sagte ich zu.  Warum auch nicht? Für eine neuerlicher Karriere ist es nie zu spät, dachte ich mit etwas langsameren Hirnsynapsen.

Umso überraschter war ich, als mich drei Tage später eine freundliche Frau anrief, um nachzufragen, ob ich wirklich und wahrhaftig einmal zu Anprobe kommen möge.  

„Warte in der Lobby auf mich, ich hol dich dann ab!“

So saß ich also ein paar Tage später ich in der Lobby auf fresh and fancy Sitzgelegenheiten. Würden diese Sackähnlichen, weichen und riesigen Sofas in meiner Stube stehen, wäre die einzig richtige Möglichkeit sie zu „besitzen“, sich der Länge nach draufzuwerfen und zu lümmeln. Hier aber erschien es mir deplatziert. Erste Eindruck und so. Ich hatte auch für dieses Möbel definitiv nicht die passende Klamotte an: Statt schick eher so „von einem langen Arbeitstag kommend“. Die geliebten Flip-Flops an den Füßen, statt High Heels. Verdammt. Eine Damen werde ich nie. Hildegard Knef wusste es schon immer.

Immerhin hatte ich 15 Minuten Zeit, eine vernünftige Sitzposition hinzubekommen. Ich schaffte es nicht. So stand ich auf und schaute aus den übergroßen, bodenlangen Fenstern auf gepflegte, langweilige Rasenflächen.

„Ich saß schon den ganzen Tag!“, entschuldigte ich mich mit der Attitüde eines gescheiterten Mr. Bean den schicken Empfangsdamen mit dem dezenten Make-Up einer Flugbegleiterin.

Schließlich holte mich Susi ab.

Ich folgte ihr sehr, sehr langen Gänge. Viele hippe, schöne, schlanke Menschen kreuzten unsere Wege. Smart, fresh, erfolgreich, modisch, kreative. All das kroch ihnen schier aus jeder Pore.  Sucht euch – liebe Freundinnen und Freunde – etwas davon aus. Oder auch alles. Sie waren jedenfalls all das, was ich an diesem Tag definitiv nicht war.

Molly Mops und ihre Freundinnen

Aber ich war ja auch für die Puls Size Abteilung gebucht, die auch in diesem Hause hergestellt wird Oder wie meine Schwester immer zu sagen pflegt: Die Molly Mops Abteilung.

Nicht immer ist ein Nachteil, mehrere Pfunde zu viel auf den Rippen (und nicht nur da!) zu haben, werte Leserinnen und Leser.

Ich gedacht meinen am Jahresanfang gefasste Gedanken: „Nicht den Mangel, sondern die Fülle zu verwalten“ hier umzusetzen. Bingo.

Wo, wenn nicht hier, wann, wenn nicht jetzt!

Und wann bitte schön, hat man Gelegenheit, in einer völlig anderen Welt einzutauchen.

Susi vermaß mich. Sie war bekümmert, festzustellen, dass ich etwas zu schlank um die Hüfte wäre. Ganz acht Zentimeter würde zu ihrem Glück, bzw. zum passenden Maß fehlen. Acht Zentimeter. Ich war fast untröstlich. Wenn man überall Normmaße hat, ist es erfrischend irgendwo acht Zentimeter zu wenig (!) zu haben.

Ob man sich mit einer Polsterhose für mich behelfen könne? Schwierig!

 

Gudrun schaute ums Eckt. Endlich ein Mensch. 180 cm groß, und ungefähr auch so breit, zauselige Haar, entsprach sie so gar nicht all den schönen Menschen, die ich bisher in diesem Laden gesehen hatte. Ich mochte sie vom ersten Augenblick.  „Mei!“, sagte sie in breitestem Dialekt. „So san halt unsere Kunden. Da gibt’s kei Norm!“

Harte Liebe. Dennoch: Die Acht Zentimeter. Sie seufzten.

Man wollte es mit mir probieren. Ich jubilierte innerlich. Ich sah mich glücklich eine schöne Klamotten nach der anderen überwerfen. Die schönsten Muster schenkte man mir in grenzenloser Liebe und Großzügigkeit. Endlich würde aus deinem Jeans, Shirt und Flip Flop Weib eine gutangezogenen Lady werden. Schick, fresh und fancy. Wie alle hier. Im Herbst würde ich mir mit modischen Schick selbst ein Tüchlein um den Hals knoten können. Influencerin würde ich für dieses Label werden. Alle wären glücklich. Was für eine Zukunft! Alle Krankenschwestern, GUKS und wie sie alle in Zukunft heißen, würden bei diesem Label kaufen, weil ich es repräsentieren würde…. Swipe up und so. OMG. Schnell mein Fläschchen.

Das Leo- Print Kleid jedenfalls kaufte ich mir zwei Tage später im Online Shop. Ich fand, ich hätte nun das richtige Alter für Leo Print. Gerafft in der Taille mit Chiffon. Ich fand mich wunderschön. Selbst Flip- Flops konnten der Schönheit keinen Abbruch tun.

Eine Woche später fand ich mich zur erste Musterprobe ein. Dachte ich zunächst an ein “ Ich- tun- einer- Freundin-einer -Bekannten-einen-Gefallen-und -kommen-mal“, war das Ganze hier als richtiger Nebenjob gedacht. Einmal in der Woche Musteranprobe. Mit einer „Dünnen“ zum Vergleich. Mops gegen Normal. Damit man sieht, ob das Musterstück auch allen passt. Löblich.

Sandy saß schon da, kaute Kaugummi und sollte mich „einarbeiten“:

„Na, halt anziehen und stillstehen“.

„Ach so! Geht klar“

Die ersten Damen und Herren kamen mit fünf „Plünnen“ auf der fahrbaren Kleiderstange. Inklusive des Balzers, der so „gar nichts für mich tat“. Anziehen. Stehen. Fotos von allen Seiten. Geplauder zuhören.

„Also meinst du zwei Grad mehr? Knopf höher oder nicht?“ Also für mich gabs ja nichts zu essen. Die haben das Fleisch aus meinem Essen herausgefischt und dann wars vegan Das war echt doof. Drei Kilo habe ich abgenommen. Was? Die Ärmel doch kürzer? Wie hatten wir uns das denn gedacht? Also ich weiß nicht. Nein Spanien ist nichts für mich. Ich dachte, Ibiza wäre fortschrittlicher…!“

Ich schwitzte.

Kevin ließ die Klimaanlage anstellen. Die „Kinder“ arbeiteten den ganzen Tag in kühlen Räumen. Ich kam aus 30 Grad im Schatten von außen und schwitze und dampfte nach. Ohne jede Möglichkeit, einen Scherz zu machen (so gut kannten wir uns noch nicht), geschweige denn, fröhlich das Lied von Marius Müller Westerhagen „Dicke schwitzen wie die Schweine“ anzustimmen – ohne dass es komisch gekommen wäre. Auch eine Schaufel, um mir vor Peinlichkeit ein Loch zu graben, gab es nicht.

Ich kam mir vor wie „Herr Müller“ mit seiner oberen Sprunggelenksfraktur. Von Herr Müller existiert nur das Bein. Ausschließlich Bein. Knochen, Sehnen, Muskeln und Fleisch. Der Rest fehlt in der Wahrnehmung. Der Kopf ganz oben, der wissen möchte, was „unten“ gesehen wird, was er nicht sieht: Fehlanzeige. Wie oft hab ich es miterlebt und auch selbst um irgendein Körperteil herumgestanden, ohne den Menschen darum wahrzunehmen. Shame on me.

Nun war ich Körper. Ohne Seele. Mit ganzen acht Zentimetern…. aber das hatten wir schon. Eine sehr interessante Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte.

Meine Güte. Und was warebn das für Plünnen – wie meine Omma gesagt hätte. Im Katalog sahen sie so super aus! Hier Marke: Nun – zu einer Beerdigung eines sehr weit entfernten Bekannten könnte man diesen schwarzen Lappen tragen.

„Ach so. Zur Betreibsweihnachtsfeier? Ja. Klar. Warum nicht!“, log ich höflich.

Was hätte ich in dieser Zeit Sinnvolles anfangen können. So stand ich dekorativ herum und langweilte mich ab der siebenten Klamotte fürchterlich. Ich war aber auch undankbar. Geld gab es immerhin auch für „Herumsetehen“. Über dem Mindestlohn. Hallo! Und ich dachte an verschwendete Zeit.

So super Langweilig hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wie sonst, hätte ich allerdings auch nicht sagen können. Die Leute waren nett, die Arbeit nicht schwer oder gar anspruchsvoll. Alles fein.

Und doch fehlte mir die Sinnhaftigkeit. Mehr Fashion. Mehr Glamour. Mehr irgendwas Unbestimmtes. Mehr Ich selbst sein. Keine Ahnung. Wollte ich das?

Ivh war unzufrieden, ohne genau zu wissen, warum. Schlecht gelaunt.

Bis heute weiß ich nicht, warum eigentlich.

Ich hatte einen Einblick in einer mir fremde Welt, die ich nicht missen wollte. Eine Welt, die für den schönen Schein zuständig ist. Die nicht nach dem tieferen Sinn fragt und sich ärgert, wenn Kleidungsstücke überbügelt sind. Ich dachte, es kann nicht schaden, wenn ich das erleben darf. Nicht immer am Knorpel des Lebens nagend, sondern Schönheit erlebend.

Die Entscheidung, ob ich das weiter machen möchte oder nicht wurde mir abgenommen. Mir wurde abgesagt. Wahrschielich hat sich zwischenzeitlich jemand gefunden, der über acht Zentimeter mehr zum Glück verfügt.  Und soll ich euch was sagen: Ich bin glücklich, Ich muss nicht länger nachdenken, ob ich das will oder nicht. Ich muss nicht mehr grübeln, ob es mich auf Dauer nicht froh macht.

Wenn man älter wird, ist es Gnade, neue Erfahrungen zu machen und mit Aufräumtante Marie Kondo zu sprechen: „Was dich nicht glücklich macht, kann weg!“

Und so endete meine Molly Mops Karriere schneller als gedacht.

Es ist gut so!

Boing!

Jede Frühschicht – natürlich außer am Wochenende — jede Frühschicht also, die der Schöpfer in seiner Güte der Menschheit schenkt, begann mit einem possierlichen Schauspiel: Der Tross versammelte sich. Man hörte ihn – so man die Tür öffnete – wie ein umtriebiges Bienenvolk durch die Stockwerke wabern. Assistenten, Oberärzte, PJ-ler, Gäste, Förderer, Mägde und Knechte – ach nein- die nun nicht. Aber alle anderen schon: Sie machten sich auf zum Rapport, zur Frühbesprechung, zur Schande oder zum Lob des Tages.

Zuletzt oder auch mittendrin: the Godfather of Menschenheilung.

Die Wege einer Klinik gehen einem in Fleisch und Blut über, so man dort eine gewisse Zeit wandelt. Man weiß genau, wann man spätestens den Kopf heben muss, um nicht gegen Türen oder Aufzüge zu laufen. Die Anzahl der Schritte ist einem in Gewebe und Nervenbahn – also in Fleisch und Blut übergegangen. Man weiß, wann es Zeit ist, abzubiegen oder streckt die Hand nach der Türklinke instinktiv aus, ohne sie wirklich und wahrhaftig zu sehen. Geistiges Auge und so.

Bildquelle: Pixabay. Beelitz Heilstätten

Der Tross, der da seinen bandwurmähnlichen Gang jeden Tag gemeinsam durch das Haus antrat – flux dem Besprechungszimmer entgegen – arbeitete im höchster Effektivität. Aus Gründen der Sparsamkeit ihrer aller Ressourcen, kürzen sie den Weg ab, indem sie durch die Notaufnahme liefen. Drei Flure sowie mehrere Abbiegungen wurde dadurch eingespart. Dort, wo die Patienten aus dem Warteraum Einlass in die heiligen Hallen der Heilkunst fanden, wurde es so, morgens kurz vor 8 Uhr, schon mal voll.

„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“

Oder wie meine ehemalige Oberschwester Hilde einst schon sagte: „Wenn du sitzen kannst, dann sitze und wenn du liegen kannst, dann liege.“ Vielleicht hätte sie hier noch wohlwollend hinzugefügt: „Und wenn du abkürzen kannst, kürze ab!“

An einem der Tage hatte sich – aus unerfindlichen Gründen – the Godfather of Menschenheilung verspätet. Alle waren schon durch. Mein Kollege rief daher schon einmal einen Patienten auf. Man möchte ja nicht die Patienten verwirren, indem sie mit dem Tross durch die Tür „schwappen“. Schwungvoll öffnete er die Tür, um den Fußlahmen hereinzulassen, als es „boing“ klapperte, gefolgt von einem aufstöhnenden „aua“ sowie einem gepflegten „Ach du Scheiße“, welches dem Kollegen entfuhr.

The Godfather of Menschenheilung hatte sich an diesem Morgen scheinbar verschätzt. Zu spät schaute er auf, um zur Türklinke zu greifen, die ja auch nicht in diesem Moment an seinem Platz war, sondern sich – weil der Kollege die Tür aufriss – völlig woanders befand. Seine Gewohnheit, der Schutz des Schwarm sowie die Dienstbeflissenheit meines Kollegen waren ihm in die Quere gekommen. Nun zierte the Godtaher of Menschenheilung eine Kopfplatzwunde mitten auf der Denkerstirn. Auweia!

Flugs wurde sein Wunscharzt aus der Besprechung geholt, der ihn wieder zusammenflicken möge. Ein Klammerpflaster obendrauf und ein Coldpack später war er geheilt und nahezu wie neu – doch scheinbar tief in seinem Innersten zerrüttet: Diese gefährliche Türe! Was hätte nicht alles passieren können. Gemeingefährlich das alles! So würde es nicht weitergehen können. Niemand sollte erneut Opfer dieser Tür des Grauens werden. Er würde es zu verhindern wissen!

Und so kam es also, dass an einem schönen Tage, als ich durch diese gemeingefährliche Tür zum Dienst gehen wollte, eine kleine Gruppe hochmotivierter Menschen davor stand: The Godfather of Menschenheilung ebenso wie der Klinikleiter, die Chefs der Notaufnahme, der Sicherheitsbeauftragte der Klinik mit wichtigem Klemmbrett im Anschlag und die Pflegedienstleitung. Sie alle hatten sich eingefunden, um eine Art Sicherheitsbegehung zu machen. Gemeinsam überlegten sie, welche Möglichkeiten, Risiken, Sicherheiten und dergleichen nötig wären, um andere vor einem ähnlichen Schmerz und Schicksal wie die des Gotfathers of Menschenheilung zu schützen. Konspirativ und sehr ernst. Wohlwollend. Abwägend. Unfallverhütend.

Man kam nach einer Stunde intensiven Gesprächs drauf, ein Stück (abwaschbares – natürlich!) Trassierband anzubringen. Sowie eine Gummischutzlitze über die gesamte Türstocklänge. Zur Abfederung und Sicherheit zukünftiger Blindfische, die gerne gegen Türen laufen. Zumauern wurde verworfen ebenso wie eine Art Poller mitten im Flur. Auch andere, lustige Ideen wurden nicht weiter verfolgt. Man wollte ja die Tür im Haus, sprich die Kirche im Dorf lassen. Haha – kleines Scherzchen.

Man war sich einige, dass dieses Gespräch hilfreich und gut war – auch im Hinblick auf zukünftige Generationen. Sie alle würden von des Godfathers of Menschenheilungs Erlebnissen profitieren. Keiner würde mehr leiden müssen! Im tiefen, befriedigten Gefühl der Rettung auf dem kleinen Dienstweg trennten sich ihre Wege wieder. Lob und Preis!

Nur wir – die Knechte und Mägde des Hauses – blieben ein wenig ratlos zurück. Hätten wir ähnliches erwarten könne, wären wir gegen diese Tür gelaufen? Oder hätte man uns ins Genick gehauen – mit einem strengen: „Mach halt deine Augen auf, du ****!“ (Ergänze ein Schmähwort deiner Wahl). Wenn wir eine Klärung des Sachverhalts gewollte hätte, um auf die Gefahr einer sehr , sehr gefährlichen Tür aufmerksam zu machen: Hätte man uns Gehör geschenkt? Oder wären uns am Ende dieses wegen möglicher Peinlichkeiten erst gar nicht in den Sinn gekommen?

Diese Fragen werden wohl nie geklärt werden. Nie.

Wir aber waren sehr froh gewesen, dass sie hiermit nun immerhin einmal richtig abgeklärt wurde. In Gänze. Und Fülle.

Na gut. Vielleicht lachten wir auch ein wenig. Aber nur ganz verstohlen.

Bitte die Wischrichtung beachten!

Es folgte eine kleine Krankengeschichte. Wobei es natürlich mehr ist, als eine Krankengeschichte. Und eigentlich ist es auch völlig unerheblich und ginge keinen was an, wenn ich nicht wieder was dabei gelernt hätte: Wie Abschied geht.

Vor einiger Zeit hatte es mich erwischt: ich hatte eine Blasenentzündung. Kenn ich nicht. Der liebe Gott hat andere Schwachstellen meines Körpers vorgesehen. Die Blase gehört – bis auf eine Ausnahme – bisher nicht dazu. (Und wahrscheinlich gehört sie auch nur deshalb dazu, damit ich heute erzählen kann, wie ich mir das Bläschen im letzten Jahrtausend in „den Hamptons“, am Strand in der schon frösteligen Abendsonne sitzend, verkühlte. Das knallt mehr rein, als jede andere Geschichte der Blasenentzündung, nicht wahr?

Honeymoon-Zystitis (die berühmte Flitterwochen-Blasenentzündung – oder too much men – war mit bisher im Leben ebenso fremd wie jeder andere Art. Kannte ich nicht. Nada. Niente.

Und nun das. Ganz anderes als bekannt. Irgendwann zog es hoch in die Nieren und da dachte ich: Nun. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, doch mal einen Ultraschall machen zu lassen sowie den Beweis in Form eines Pinkelstreifens – dazu eventuell ein Antibiotikum, wenn nötig. Da kann nicht schaden.

Ehrlich gesagt dauerte es etwas, bis ich einen Zusammenhang herstellte. Was ich bei anderen superdupergut kann – eins und eins zusammenzählen – funktioniert bei mir selbst nur bedingt. Betriebsblind sozusagen. Und dann ist eh nie die richtige Tablette im Haus oder kein Pflaster oder dergleichen.

Ich rief also in der Notaufnahme meines Vertrauens an- meinem früheren Leben. Nicht, dass an diesem Tag nur Pfeifen dagewesen wären. Es ist mittlerweile zum Glückspiel geworden. Auch, weil ich kaum noch jemanden kenne. Das Personal hat fast einmal komplett durchgewechselt, dass es ein Glückstag ist, auf Kollegen von „früher“ (vor einem Jahr!) zu treffen.

Ich hatte Glück. Nicht nur mit den Kollegen, die mir wortlos Pinkelstäbchen und Becher reichten, sondern auch mit Schnucki, dem Arzt meines Vertrauens.

Nächtelang hatten wir einst Spaß zusammen. Patienten versorgt, er – der Anfänger – ich die langjährige Notaufnahmeschwester. Ich mochte seine Art des Nachdenkens, den Versuch, wirklich zu lernen und immer besser zu werden. Seine Reflektion, seinen Witz. Wir freuten uns immer sehr, wenn wir zusammen Dienst hatten. Wir profitierten voneinander.

Ich, dass endlich mal einer da war, der wollte und Freude daran hatte (zu der Zeit gab es nicht viele davon) und er – so sagte er – von meiner Erfahrung. Quasi winwin. Wir sprachen übers bloggen und wie gerne er für andere angehende Ärzte schreiben würde, damit sie es aufgrund seiner Erfahrung leichter hätten (Schucki: Ich warte immer noch!)

Ich erzählte ihm von meiner Liebe zu Twitter (und überhaupt diesem ganzen Sozial Media Gedöns) bei einem Besuch, als die Vögel über seinem Balkon aufstiegen und sich rege und lautstark austauschten.

Die Vögel. Ein Sinnbild für Twitter -oder so ähnlich.


An jenem Abend hatte er etwas vorbereite, auf dass wir nicht auf dem Trockenen sitzen sollten und es rührte mein Herz sehr – aber urteilt selbst:

Schnucki war vorbereitet auf meinen Besuch. Und ja -es rührte mein Herz!

Also. Schnucki hatte Dienst. Hurra. Doch Schnucki und ich hatten uns schon länger nicht mehr gesehen, oder er war mehr Arzt geworden oder was auch immer. Schnucki zickte und gierte nach Blut!

„Schnucki“, sagte ich. „Mach mir bitte nur einen Schall. Ich weiß was ich habe, möchte aber ungern, dass es bis in die Niere gezogen ist.“

Schnucki grummelte… „Blutwerte“ … „Entzündungszeichen“ … „Katheter“…

„Schnucki“, so sprach ich. „Sei unbesorgt. Ich bin es. Ich brauch das nicht. Ich möchte einen Schall und ich brauche auch später keinen Arztbrief. Kleiner Dienstweg unter Kumpels quasi. Mehr nicht. Sollte was zu sehen sein, können wir immer noch das volle Ballett starten.“

Schnucki schrieb betont langsam irgendetwas zu Ende und kam mit. Das Ultraschallgerät schob ich – wie in alten Zeiten – gleich einem störrischen Hund, hinterher.

*sprotz* das Ultraschallgel auf nackte Haut.

*schall schall*

„Weißt du woher du die Blasenentzündung hast?“

„Keine Ahnung! Wirklich nicht!“

*schall schall*

„Die Wischrichtung weißt du ja, nicht wahr?“

WHAT?????

Freunde. Stellt euch bitte vor: Da wirst du bald ein halbes Jahrhundert alt, und wirst ernsthaft gefragt, ob du weißt, wie die Wischrichtung ist? Als Frau. Nach 300 gefühlten Jahren Berufserfahrung? Das fragt er mich?

(Falls sie einer nicht weiß: Mädchen und Frauen immer von vorne nach hinten. #ausGründen. „Hinten“ sind die bösen Keime, die man „vorne“ nicht haben will.)

Schnucki fragte mich also allen Ernstes nach der WISCHRICHTUNG? Als wäre ich ein Vollhonk und nicht seine frühere, geschätzte Kollegin. Ich war nicht mehr die Notaufnahmeschwester, ich war die 08/15 Durchschnittspatientin, der man 08/15 Durchschnittsfragen stellt. Da ist jeder gleich. Keine Ausnahme. Das war so gelernt! Das ist richtig und gut und hat sich in den letzten Jahren immer bewährt, wenn man sich am Standard geschmeidig entlang hangelt. Warum also eine Ausnahme?

Weil nichts ungerechter ist als die Gleichbehandlung von Ungleichem. Darum.

Ich war eine potenzielle Anna – wie bei Dr. House – und nicht mehr diejenige, die ihm das ein oder andere beigebracht hatte. Die dabei war, wie er „groß“ wurde.

Freunde. Ich bin relativ selten sprachlos. Hier war ich es. Und erst eine Stunde später fiel mir ein, was ich hätte so schön erwidern können. Mit einer ebensolchen geschäftigen Beiläufigkeit, mit der er mir diese Frage stellte.

*seufzt* Ich hätte nicht so viel rumvögelen sollen (so viel zum Thema Honeymoon Zystitis) (Entschuldige bitte Papa und Tante Liesel).

*seufz* Achja. Vielleicht war mein neuer Whirlpool nicht mehr ganz so klar… *kichernd, sich in wohligen Erinnerungen verlierend.

*abrupt aufsetzend* ES GIBT EINE RICHTUNG? WAS? ECHT JETZT?

So lag ich da und japste:

„Schnucki. Du hast mich jetzt nicht allen Ernstes gefragt, ob ich die Wischrichtung kenne!?“

„Was – wie? Doch natürlich!“

*schall schall schall*

Schnucki hat mir eine Frage gestellt. Ohne Arg. Aber auch ohne groß nachzudenken.

Eine Frage, die er bei dieser Diagnose wahrscheinlich jeder Frau stellen würde – egal woher, wie alt oder gebildet. Eine wichtige Frage. Eine gute Frage. Solide und im Fragenkatalog auf Seite 2 zu finden bei der Rubrik: Fragen bei Blasenentzündung. Jede kann schließlich eine Anna sein.

Ich dachte, ich wäre schlauer von ihm eingeschätzt worden. Aber gut – mit der Diagnose!?

Aus der Stellung “ geliebte (nananan) Kollegin“ war ein „hier liegt irgendeine Patientin“ geworden. Eine Standartfrage, wo ich nie Standard vermutet hätte.

Ich war also an diesem Tag zum Standard geworden und ja – Freunde – es schmerzte.

Das war der Tag, an dem ich wusste: Ich bin wirklich raus aus der Nummer mit der Notaufnahme. Ich bin nicht mehr die Notaufnahmeschwester. Ich bin jetzt eine potenzielle Anna. Dumm wie Brot, Hilfe suchend, Schaukel zu nah an der Wand: Alles möglich.

Pünktlich fünf Tage später fragte er mich über die sozialen Medien, wie es mir denn so gehe. Sehr süß. Besorgt. Rührend.

Er wird ein guter Arzt werden. Da bin ich mir sicher.

Und dennoch Schnucki: Es gibt Unterschiede. Wie gesagt: nichts ist ungerechter als die Gleichbehandlung von Ungleichem.

Es wird dich mehr als ein Bier „kosten“, den Schmerz von mir zu nehmen, dass du in mir eine potenzielle Anna sahst.

*Ach ja. Werbung, weil ein Bier gezeigt wurde. Es wurde selbst gekauft. *

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