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notaufnahmeschwester

8 Dinge, die mich die Notaufnahme gelehrt hat.

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr her, dass ich meinen Arbeitsplatz gewechselt habe. Zeit, einmal ein wenig innezuhalten. Was hat mich die Zeit in der Notaufnahme gelehrt? Natürlich sind es mehr, als diese 8 Punkte. Aber ein Anfang ist es allemale.

1. Gelassenheit

Was man definitiv lernt und lernen muss, ist Gelassenheit. Merkwürdige Patienten, besorgte Angehörige, erschreckende Krankheitsbilder, unzählige Kollegen, mit denen man im besten Fall klarkommt, im schlechten ihnen zumindest nicht an die Gurgel geht. Es gibt so vieles, was mit Gelassenheit besser klappt. Oftmals hat man auch keine Wahl: es nützt nichts, wenn man sich voller Emotionen reinsteigert. Dafür gibt’s keine Sonderpunkte in Authentizität, sondern höchstens noch mehr Verdruss. Es ist ein bisschen wie bei der Goldmarie in Frau Holle: Dinge, die anstehen, machen. Es kostet viel weniger Energie und Nerven, als wenn ich weiterhetze. Im besten Falle wartet am Ende der Schicht ein Topf voller Gold – in der Pflege bedeutet das: Ich habe heute so pflegen können, wie ich es wollte und konnte und am besten war. Gelassenheit ist ein unbedingt erstrebenswerter Zustand. Und tatsächlich hilft mir diese Gelassenheit heute im Alltag, mit diesem oder jenen besser klar zukommen. Ich weiß zumindest, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man versucht, daran zieht. Dass Dinge einfach Zeit brauchen. Mitunter viel Zeit. Was mich gleich zum nächsten Punkt bringt und das genaue Gegenteil ist, sich aber keinefalls ausschließen.

2. Ungeduld

Ich war und bin es gewohnt, schnell zu arbeiten. Da ist es umso ätzender, wenn man auf Mitmenschen trifft, die schneckengleich durch den Tag schleichen. Die mit aller Gemütsruhe ihrem Tagesgeschäft nachgehen, während man von einem Fuß auf den anderen trippelt. Die unendlich lange brauchen um fünf Zahlen zusammenzurechnen oder die Pommes nach Schönheit zu sortieren. Ungeschickte Bewegungen, die einen in den Wahnsinn nur vom Zusehen treiben. Man möchte sie schütteln. Und ihnen gerne alle sofort aus der Hand nehmen.

Ich bin auch ungeduldig mit Worthülsen geworden.  Politiker, die sich vermeintlich schöne Sachen ausdenken und sofortige Hilfe versprechen: geht mir weg. Taten statt Worte, du Lauch. Vorher glaube ich keinem mehr ein Wort. Ich bin sogar zu müde, die Augen bei unsinnigen Ideen zu rollen. So vieles – gerade in der Pflege – höre ich seit Jahren. Nichts hat sich geändert bisher. Gut- der Neue- hebt sich dadurch hervor, dass keine Woche vergeht, in dem er nicht die ein oder andere lustige Idee vorstellt. Ich schaue.

Via giphy.com.

 

Der Vorteil ist: innerhalb kürzester Zeit bin ich sensibilisiert dafür, ob jemand rumlabert oder ob ein echtes Interesse an der Lösung möglicher Probleme besteht. Das betrifft nicht nur Herrn Spahns superduper Voschläge, sondern hat michauch die jahrelange Arbeit in der Notaufnahme gelehrt: Laberrababa ist meist wenig zielführend. Es ist größtenteils Zeitverschwendung. Ich vermeide es , so gut es geht.

3. Solidarität

Ich habe sie oft erlebt unter Kollegen. Dann hüllt sie dich ein, wie einen warmen Mantel. Sie verschafft einem mehr Sicherheit, als man sich je selbst zugetraut hat. Zueinanderstehen ist wie ein großartiges Geschenk

Und genauso oft nicht. Das war und ist jedes Mal ein Schlag ins Gesicht. Diese „Schläge“  kommen vor allem immer überraschend und aus einer Ecke, die man nie vermutet. Bestärkt euch daher zunächst – wenn möglich –  selbst. Im Zweifel – auch das hat die Erfahrung gezeigt – wird keiner für dich Stärke zeigen.

Da ich aber lieber die Fülle denn den Mangel verwalten möchte in meinem Leben, ist Solidarität für mich selbst wichtig geworden. Haltung zeigen und verteidigen. Den andern stärken und auch schützen.

Und nicht vergessen: einen weiten Bogen um Spacken machen!

 

4. Keine weiteren Entschuldigungen und Erklärungen

Pflege zu „erklären“ scheint wenig möglich zu sein. Ein bisschen Liebe, Berufung und Empathie und fertig ist die Nächstenliebesuppe. Jeder scheint da Experte zu sein, der schon mal einen Wellensittich gefüttert hat. Alle kennen sich aus. Ganz schön viel Meinung immerzu bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit.

Pflegen kann jeder, der über die Fähigkeiten „Liebe und Empathie“ verfügt und bei ein wenig Erbrochen nicht sofort mitwürgt. *gähnt leise*

Der Pflege, in der ich gearbeitet habe und die ich einst lernte, lag ein komplexes Wissen zugrunde, eine enorme Professionalität und ein gewissen Maß an Selbstreflexion.  Nicht jeder Honk kann das leisten – auch das muss man gesagt sein. Wenn Pflege „gut“ sein soll, muss sie vor allem professionell sein und nicht ausschließlich von Berufung und Liebe getragen sein.  Ich verstehe, dass vielen Kollegen die Haare vom Kopf abstehen, wenn irgendwie das „B-Wort“ fällt. Denn es impliziert auch immer einen Hang zur endlosen Güte, Selbstaufopferung und Verzicht. Und natürlich braucht man dann auch keinen anständigen, angemessenen Lohn. Liebe bezahlt man nicht. Liebe schenkt man. Ach – hört mir doch auf.

5. Den Wandel begrüßen.

Jeden Tag in der Notaufnahme sah ich, wie schnell sich die Welt aufhören kann zu drehen- oder im Falle eines Schwindels – umso schneller. Es ist also ein guter Ort, um zu kapieren, dass alles immer und ständig im Wandel ist. Und dann ändert sich das eigene Leben „plötzlich“ und man erkennt: es betrifft nicht nur die anderen, es gilt auch mir. Überraschung! Dieser eigene Wandel geht immer einher mit zweierlei: Dem sofortigen Wunsch, dass alles- bitteschön – bleibt wie es ist und der Euphorie auf das Neue. Es ist oft die Angst, die uns hindert, neue Wege zu beschreiten. Schaff ich das? Bin ich bereit dazu? Kann ich mich nach Jahren auf Neues einlassen? Werde ich je wieder so nette Kollegen haben?

Im Sommer traf ich eine ehemalige Ärztin. Sie war damals ein echtes Hasenkind. Unsicher, ängstlich, oft überfordert, eine, die man nicht wachsen ließ, weil: „Jetzt ist Dienst und du hast zu funktionieren. Komm klar!“. Wir stellen fest, dass wir beide nun nicht mehr in der Klinik arbeiteten. Sie sagte: „Ich konnte mir ein Leben jenseits dieser Klinik nicht vorstellen. Niemals. Und dann ging ich. Und ich merkte, dass sich die Welt weiterdrehte. Ja- sogar noch schöner wurde ohne die Belastung. Ich bekam Lust, etwas Neues auszuprobieren. Also reiste ich ein halbes Jahr durch Südostasien.“ Ich staunte nicht schlecht. Ich hätte sie eher so eingeschätzt, dass sie bei der ersten Spinne weinend zusammengebrochen wäre.  Und nun diese Geschichte. Ihre ganze Körperhaltung war eine neue. Wir stellten fest, dass es eine gehörige Portion Mut und Überwindung kostet, aus dem Gewohnten auszubrechen. Und was es dann für eine Freiheit ist, dieses Gefühl im Leib zu haben. Und wie man merkt, dass das Leben einen trägt. Das man nicht „zugrunde“ geht.

Alles ist im Wandel. Wir sollten uns auch für uns selbst in Anspruch nehmen.  Bleibt nicht in Strukturen, die euch krank machen oder euch langweilen. Es gibt ein Leben jenseits.

 

6. Lust auf Leben

Wenn man mit viel Krankheit und Leid zu tun hat braucht es immer einen Ausgleich. Meine Lust auf Leben und Neues ist definitiv über die Jahre gewachsen. Angesichts des Wissen, dass eine kleine Unachtsamkeit , ein Blutgerinnsel oder was auch immer einem das Leben für immer in seiner Schönheit vermasseln kann, werde ich immer mutiger. Der Blog war ein Anfang. Der Berufswechsel ein andere. Sie reihen sich langsam aneinander. Das, was mir das Leben bieten kann, will ich mit offenen Armen empfangen. Möglich, dass es dann auch Dinge geben wird, die mich überfordern oder an meine Grenzen bringen lassen. Was mich allerdings die Jahre gelehrt haben dann, dass, dass das Bedauern schlimmer wiegt auf der Lebensbilanzwaagw, als das Ausprobieren. Also –  auf  – Leben! Zeig mir was Schönes! Ich wäre da.

 

7. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten habe

 

Jahrelang verunsicherte mich eine Kollegin: Sie erzählte beständig von ihrer enormen Erfahrung – die sie auch hatte – keine Frage. „Ich hab schon so viel gesehen!“ war einer ihrer häufigsten Sprüche. Als Frischling in der Notaufnahme ist man erst einmal beeindruckt. Bis ich nach Jahren (manchmal brauche auch ich etwas länger) feststellte: Sie kocht auch nur mit Wasser. Ihre Erfahrungen habe ich nicht – aber meine eigenen. Und die sind mittlerweile solide gewachsen, als dass ich mich von ihr verunsichern lassen müsste. So fing ich endlich an meinen eigenen Fähigkeiten zu trauen. Daher kann ich heute guten Gewissens und locker aus der Hüfte sagen. Vertraut euch. Seid dabei nicht großkotzig und reflektiert euch selbst. Aber dann: Lasst euch nicht klein machen von Leuten, die es auch nicht mehr drauf haben als ihr. Lernt euren Wert kennen und behaltet ihn im Herzen, wenn der nächste Verunsicherer um die Ecke biegt. Lasst euch nicht klein machen!

8. Ideen schmieden

Wir sind ja insgesamt wahnsinnig eingeschränkt in unserem Denken. Ich merke das oft an mir selbst.  Einmal sah ich ein Video, wie einer  im Stil von Keith Haring „Männchen und Gedöns“ malte. Er malte und malte eine ganze Seite voll. Und immer, wenn ich dachte: „Och – das ist hübsch so – hör auf“, malte er noch hier einen Kringel hin und dort ein Herz. Hier eine kleine Blume und das Blatt wurde voller und voller. Es war für mich so eine Art „Augenöffner“. Weiter zu malen. Mehr zu machen. Das „Ganze“ voll zu kitzeln und sich nicht zu beschränken. Es wird Zeit, in anderen Bahnen zu denken, wenn wir uns selbst und andere „retten“  wollen. Vieles – nicht nur im Gesundheitswesen wird auseinanderbrechen, andere werden, sich verändern. Es wird sich neu finden. Neue Fragen müssen gestellt werden.  Wir brauchen mehr Idee, die wir alle in die Welt bringen müssen. Die diskutiert werden wollen und bedacht. Das, was viele Jahre funktioniert hat, bricht in vielen Bereichen gerade auseinander. Wir können so viel lernen von Kulturschaffenden:  Bücher lesen, Musik hören – alle- auch im Hinblick darauf, dass wir unser Leben mit anderen, neunen Gedanken füllen.

Ich schreibe diesen Blogbeitrag im Zug sitzend, vom Meer kommend. Es tat gut, sich das Hirn freipusten zu lassen. Es tat und tut gut, Schönheit zu sehen, die Wellen, den Stand, die Sonne und die Wolken.

 

Wie schrieb einst Rosa Luxemburg in einem Brief aus dem Gefängnis: „Sonjuscha, Liebste, seinen Sie trotz allem heiter. So ist das Leben, und so muss man es nehmen: tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.

 

 

Ein Tag im Jahr

Freunde – mit Entzücken habe ich von diesem Projekt erfahren. Insgesamt weiß man ja so wenig.

„Einen Tag im Jahr hat Christa Wolf über Jahrzehnte hinweg in allen Details festgehalten, den 27. September. Ihre gesammelten Protokolle sind längst als Buch erschienen. Wir, Susanne Hösel und Christina Müller, wollen dieses Projekt zusammen mit anderen Autorinnen in die Gegenwart holen und weiterschreiben. Einmal im Jahr, am 27. September, schauen wir uns einen Tag unseres Lebens so genau wie möglich an. Und nächstes Jahr kommen wir zurück und machen weiter.“

Auf Twitter wurde es vorgestellt und schon saß ich da und schnippte mit den Fingern. Hier ist mein Text.

Ich musste mich an diesem Tag ein wenig sputen, denn ein Friseurbesuch stand an. Wer weniger lesen möchte, nimm also den „Originaltext“- wer die epische Breit liebt, kann sich jetzt ein Heißgetränk seiner Wahl holen und auch noch Bilder schauen.

Einige von Euch wissen ja bereits, dass ich mein Schwestergewand vor einem halben Jahr an den Haken hing und nun etwas ganz anderes mache. Davon erzähle ich hier. Was ich mache und warum.

Die epische Breite

Als der Wecker klingelt, beginne ich zu memorieren. So hörte der gestrige Tag auf – so beginnt der heutige:

„Was ist zu tun: Tische und Stühle stellen, Kaffeegedecke (hoffentlich reichen Teller und Tassen, Kuchengabeln und Löffel), Deko auf die Tische werfen, alles aufhübschen – ach: wird schon werden!“

Es ist einer der Tage, von denen man im Vorfeld sagt: Das ist ein wichtiger Tag, ein großer Tag für mich. Heute wird es sich entscheiden, ob alles gut so  ist, wie ich es mache.

Aber vielleicht irrt man auch. Die Erfahrung hat ja schon des Öfteren gezeigt, dass diese Tage möglicherweise wichtig sind, aber keinesfalls lebensentscheidend.

Was heute so „lebensentscheidend“ sein wird, ist eine Geburtstagsfeier für die Senioren meiner Kirchengemeinde. Für alle. Also wer will. Für sie bin ich seit einem halben Jahr „zuständig“: Seniorenkreise vorbereiten, Besuche in Altenheimen, Besuche überhaupt, ein lustiges Programm ausdenken und umsetzten, Geburtstagspost schreiben und vieles mehr. Sehr vieles mehr.

Durch die sozialen Medien geschult, deckte sich meine Erfahrung mit denjenigen, die schon öfters bei solchen Veranstaltungen dabei waren: Es kommen 10% und ein paar mehr als eingeladen.

481 Briefe hatte ich abgeschickt und die Tage zuvor war jeden Tag der Anrufbeantworter voll: „Hallo, vielen Dank ich komme gerne“. Aber auch viele, die absagten: „Ich kann leider nicht kommen, ich bin gerade so erkältet/der Handwerker kommt/ich fahre weg“.

Es ist auch deswegen ein „großer“ Tag für mich, weil ich zwar Leben retten kann und Gipsen beherrsche, jedoch noch nie eine Geburtstagssause für viele Menschen organisiert habe. Und wie sich das für das erste Mal gehört: Es soll großartig werden. Im Gedächtnis haften bleiben. Bezaubern. Wie so viele andere „erste Male“.

Ich laufe also in aller Herrgottsfrühe leise memorierend durch die Wohnung. Hebe nebenbei hier eine Socke der Kinder auf und binde dort den Hipster-Zopf des Ältesten zusammen. Endlich sind sie alle zur Tür hinausgeküsst.

Noch ein Kaffee. Noch ein Plan, wie wann was zu tun ist. Ich liebe Organisation im Vorfeld. Man könnte sagen, ich bin schon fast besessen von der Frage: Wie kann ich meine Zeit und Tätigkeit so zusammenbringen, dass ich mit dem kleinstmöglichsten Aufwand am effektivsten und schnellsten fertig bin.

Diese Denkarbeit sieht keiner, wohl aber, wie ich – sollte mein Plan „aufgehen“ – später dafür Pause machen kann. Füße hoch, Kippchen an. Oder wie meine Omma schon immer sagt: „Vorbereitung ist das halbe Leben.“ Faul sein für Fortgeschrittene. Oder ist es doch Fleißigkeit? Mit diesem Denkprozess bin ich noch lange nicht fertig.

Hedwich ruft an. Zusammen mit ihr wollte ich Tische und Stühle stellen. Aber bei ihr ist der Handwerker ist da. Es wird später. Wo immer alle die Handwerker herkommen, ist mir ein Rätsel.

Himmel!

Hedwich wird 78 Jahre alt und ist auf Zack. Die Löckchen liegen adrett in weißen Wellen um den schmalen Kopf, der Gang ist zielstrebig und führt sie in alle Ecken der Stadt. Gerne auch auf den Friedhof, wo sie alle Lieben begießt und nach dem Rechten und Linken schaut. Sie schließt morgens die Kirche auf und abends wieder zu. Überprüft, ob alle Türen zu sind, keine unnötigen Lichter brennen. Sie führt ein strenges Regiment, weiß alles, ist immer da und die Spülmaschine auf der Arbeit darf keinesfalls ohne sie eingeschaltet werden. Nicht, dass was passiert, falsch eingeräumt wurde oder überhaupt.

„Das kannst du dir nicht vorstellen, was ich da schon alles gesehen habe! Nein, nicht vorstellen kannst du dir das!“

Aufgrund des Alters und weil Hedwich „Rücken“ hat, wollte ich ungern mit ihr zusammen Tische und Stühle aufzustellen. Ich hatte keine Chance mit meinem Protest. Denn

  • 1. kann sie es,
  • 2. geht es ohne sie nicht und
  • 3. „machen wir das zusammen. PUNKT!“

Zwei Stunden später will ich sie ins Auto einsteigen lassen. Aber sie „muss eben noch der Jugend den Weg weisen“ und verschwindet erst einmal mit einer Horde Jugendlicher um die nächste Hausecke, die sich in der Stadt nicht auskennen. Ohne Hedwich geht es eben nie.

Weil wir zwar wissen, wie viele sich angemeldet hatten und der Erfahrung halber noch locker zehn Personen „aufschlugen“, wollen wir den Raum für 60 Menschen „richten“. Die Tische sind zusammengeklappt in Schränken verstaut, die Stühle stehen logischerweise ein Fach darüber, sodass man sie einzeln herunterheben muss. „Aber vorsichtig, sonst knallen sie dir auf den Kopf!“ „Und die Tische bitte nur über die rechte Seite aufstellen, ich habe sonst Probleme mit dem Rücken!“ Zwölf Tische kramen wir raus, 60 Stühle ebenso. Jetzt habe ich Rücken.

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Der „nackige“ Gemeindesaal. Noch ist er langweilig. Aber nicht mehr lange! Und immerhin stehen die Tische schon einigermaßen in „der Flucht“. Da ist Hedwich eigen! Das ist ihr innerer Monk.

Und dann die Ordnung: Diese Tischlogik hatte uns die letzten Tage beschäftigt. Die zwölf Tische sind rechteckig und an einen einzelnen passen sechs Menschen. An zwei zusammengestellte Tische acht. Zeichnungen hatten wir gemacht mit richtigen Kritzelmännchen, damit ich mit meinem Logikknoten im Hirn mitkomme. Wie viele Einer- oder Zweiertische müssen wir stellen, damit alle Platz habe? Tische hintereinander funktionieren nicht, da dann zu wenige Platz finden.

„Schau, ich hab das schon öfters gemacht!“, spricht  Hedwich. „Ich fände es schöner, wenn sie schräg stehen würden!“

Irgendwann ist es mir egal. Hauptsache, der Scheiß die Tische und Stühle stehen. Ich bin verschwitzt, als endlich alles steht. Hedwich nicht.

Das Geschirr klimpert, als wir es in den Gemeindesaal fahren. Tags zuvor waren wir in der Nachbargemeinde, um mehr Geschirr „herbeizuschaffen“. Es macht sich keiner einen Begriff, wie schwer Geschirr in Hülle und Fülle ist.

Ich stelle Teller, Tassen und Untertassen, Hedwich läuft hinterher, legt Löffel auf und richtet die Henkel der Tassen neu aus.

„Es ist viel schöner, wenn man gleich in den Tassenhenkel greifen kann!“

„Natürlich, Hedwich. Ganz wie du meinst!“ Ich bin da großzügig.

Kuchengabeln kommen später. Dafür müssen noch Servietten gefaltet werden. Mach ich. Gar kein Problem. Keinesfalls aber nach der hohen Kunst, die ich mal auf einem Youtube Video sah.

Das wäre dann das nächste Level. Freunde – ich sa s Euch – irgendwann hab ich das auch drauf. Locker aus der Hüfte.

Verschwitzt und in Arbeitsklamotten kann keiner Gäste empfangen. Ich fahre nach Hause, um mich aufzuhübschen. Frau Müller schreibe ich eine WhatsApp-Nachricht, dass die – meinem fortgeschrittenen Alter geschuldete – „Restauration“ des Körpers noch etwas dauert. Wir waren verabredet, weil Frau Müller einen Hang zur Dekoration hat – im Gegensatz zu mir. Außerdem ist ihre Hilfe „doch ganz selbstverständlich“.

Nachdem es morgens nur sechs Grad hat, ist es jetzt spätsommerlich heiß. Meine in Gedanken zusammengestellte Kleidung kann ich den Hasen geben: viel zu warm. Ein Sommergewand muss her. Dafür steh ich unter der Dusche und rasiere mir zusätzlich die Beine. Diese Extras immer. Außerplanmäßiges. Ich hatte mich schon auf „Winterfell“ eingestellt.

Im frischen Gewand geht es zurück. Frau Müller und Hedwich fummeln schon in der Küche herum. Hedwich muss allerdings gleich wieder weg – sie hat noch einen Friseurtermin. „Seid 30 Jahren geh ich zu ‚meinem‘ Türken! Ich bin ihm mittlerweile durch die halbe Stadt gefolgt! Jetzt hat er seinen Laden“… und sie erzählt, in welchen Stadtteil er jetzt ist. Sie muss sich „sputen“.

Frau Müller und ich machen uns an den Tischschmuck. Mit Hedwich war ich am Tag zuvor im „Gebüsch“ und hatte „Gedöns“ geholt. Efeu und bunte Blätter, Tannenzapfen und Kastanien, Blätter des Essigbaums und Undefinierbares, was hübsch aussah. Während Frau Müller vorsichtig eins nach dem anderen aus der Kiste hebt, greife ich mit den Händen hinein und verteile es auf den Tischen. So macht dekorieren Spaß. Grobmotorisch, aber im Ergebnis recht hübsch anzusehen.

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Recht hübsch – nicht wahr? Die Kerzengläser brachte die liebste Ex-Kollegin mit und schmückte sie mit Frau Meier. Richtiger müsste es heißen:  sie schmückte und Frau Meier strickte. Wie sie immer und überall und immerzu strickt. Socken in hübschen Mustern. Für Künstlermärkte und ähnliches. Damit bessert sie ihr klägliche Rente auf.  Hedwich wiederum hasst „diese ewige Strickerei“.

Nebenbei koche ich eine Kanne Kaffee nach der anderen. Hektoliterweise. Aber nicht zu stark – um Himmels willen. Gegen entkoffeinierten Kaffee habe ich protestiert. Das ist ja wie Ringelpietz ohne Anfassen! Entweder – oder. Martha kommt mit den Kuchen. Sie ist meine Freundin, backt für ihr Leben gerne und hatte sich angeboten, den Kuchen für die Sause zu übernehmen. Den kompletten Kuchen!

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Martha macht sich Notizen auf ein kleines Kritzelblöckchen.

Abschweifung zu Matha: Seit über 20 Jahren kennen wir uns. Fast zeitgleich begannen wir in der Notaufnahme. Freitags gingen wir in die Kantine. Da gab es Linsen mit Spätzle. Martha liebte es, ich nicht, aber ich liebte Martha. Daher ging ich mit. Die Kacheln im Damenklo verzierten wir mit Paul und Konrad Comics von Ralf König.  Damit hatten wir viel Spaß und auch Ärger. Vor allem, als wir auch noch Comics von „Das kleine Arschloch“ aufhingen. Eine Kollegin fühlte sich sehr verunglimpft, als sie ihren Namen dort las. Aber was konnten wir dafür, wenn die Mutter des „kleinen Arschlochs“ eben auch so hieß? Ich wiederum fühlte sich sehr bestätigt: Vielleicht erinnert sich der er ein oder andere noch daran, dass sich das „Kleine Arschloch“ in Inge, die alte Nachbarin verliebte? Für sie hing er ein Transparent an eine Brücke auf der stand:“ Inge, deine Titten sind spitze!“

Unsere Freundschaft hat seitdem Bestand. Von ihr habe ich so unglaublich viel gelernt und ich hoffe, ich kann sie jetzt endlich mal überreden, mit mir zu podcasten.

Sieben Kuchen, Torten und „Zwiebelplooz“ werden aufgeschnitten und arrangiert. Bei der Käsesahnetorte läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich werde allerdings kein einziges Stück von diesen Köstlichkeiten essen: als ich möchte, ist die „Platte geputzt“ – wie es meine Omma immer nannte. Der Federweißer duftet durch den Raum, der Kaffee röchelt durch die Maschine – alles ist fertig, alles sieht sehr schön aus, alle Steine plumpsen von meinem besorgten Herz herunter. Geschafft. Wer hätte das gedacht. Unbändige Freude macht sich stattdessen breit.

Und schon kommen die ersten Gäste. Schnaufend, Rollatoren schiebend, beschwingt oder Arm in Arm kommen sie mir entgegen.

„Was macht denn ihre Katze? Ich hab gehört, die ist gestorben? Ach das ist so traurig. Mein Wellensittich ist neulich auch in meiner Hand gestorben. Das sind ja nur Tiere- aber ich hab sie so gerne!“ Hab ich diese Frau schon mal getroffen, überlege ich? Ich glaube nicht. Ist aber auch wurscht. Ich schätze es, wenn man gleich zum Punkt kommt und nicht lang „rumplaudert“ bis man endlich da ist, wohin man im Gespräch wollte. Dann eben verstorbene Tiere und Trauer zum „Aufwärmen“. Wir plaudern ein wenig. Sie konnte immer nicht kommen, entschuldigt sie sich, weil sie so Probleme mit der Hitze hat! Aber jetzt will sie unbedingt kommen. Wo wir doch quasi „Schwestern in gemeinsamer Trauer“ sind. Oha!

Die wenigsten kennen mich bisher – ich bin erst seit einem halben Jahr in dieser Anstellung.

Die wenigsten alten Menschen bezeichnen sich selbst als Senioren. Das sind offensichtlich die noch viel Älteren oder wer auch immer. Sie jedenfalls sind nicht mit diesem Wort gemeint. Wenn sie daher zu einem Seniorenkreis eingeladen werden, kommen sie nicht. Wie ich ebenfalls nicht in einer Krabbelgruppe gehen würde. Das wird Teil meiner Zukunft sein: Begrifflichkeiten neu erfinden, Hemmschwellen lösen, Hammerprogramme erstellen, die „sie dort abholt, wo sie sich gerade“ befinden. Aber am wichtigsten ist natürlich, dass sie erst einmal wissen, zu wem sie denn da gehen würden, wenn sie denn kämen. Keiner kauft gerne die Katze im Sack! Alles läuft immer über die Begegnung, die man miteinander hat.

Die, die mich kennen, drücken mich. Ich drücke zurück: Alte, knochige Körper, feste, runde Männerbäuche, weiche Busen, kühle Haut auf meiner Wange. Die letzten, klitzekleinen Sorgen verpuffen spätestens jetzt. Dieses: „Schaff ich das? Kann ich das?“ Aber hallo! Ich kann. Auch, weil ich so viel wohlwollende Hilfe hatte und habe. Ein Schlückchen Federweißer im Flur und dann ab in den Saal. Wie der Traumschiffkapitän halte ich eine kurze Rede. Feste Stimme, breites Grinsen im Gesicht, Späßchen für die Ohren. Feierliches Anzünden den Geburtstagskerze. Und dann: „Das Buffet ist eröffnet“.

Eine frühere, geliebte Arbeitskollegin mit Liebe für Senioren im Herzen, hilft – gemeinsam mit ihrer Freundin – bei der Bewirtung. Das ist eines meiner Highlights des Tages. Ich frage – sie kommen. Es rührt mich unendlich. Und sie kommen offensichtlich gerne. Sie haben Spaß, die beiden hübsche, jungen Dinger!

Ich mag sie so gerne, wie sie mit leuchtenden Augen und der gezückten Kaffeekanne im Anschlag durch die Stuhlreihen wandern. Hier ein kleines Pläuschchen, dort ein Streicheln über den Rücken, ein heimliches Drücken einer Hand, dazwischen Gelächter in hohen und tiefen Lagen. Die Senioren und Seniorinnen sollen es schön haben.

Sie hauen ordentlich rein. Diabetes? „Nicht an diesem Tag!“

Flüssigkeitsbilanzierung? „Och – ein Federweißer geht noch!“ Dabei hatten sie zu anfangs noch alle gesagt: „Federweißer? Um Himmel Willen. Auf keinen Fall! Da komm ich vom Klo nicht mehr runter! Außerdem bin ich ja dann gleich blau!“

Alles, alles wird zwei Stunden später leergefuttert und ausgetrunken sein. Meine liebste Ex-Kollegin kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus- ebensowenig wie aus dem Nachschenken: „Die leuchten rein! Mein lieber Scholli!“

Es ist eine heitere Stimmung. Auf den Tischen verteilte ich schon frankierte Postkarten. Sie sollen – wenn sie mögen – ihre Adresse aufschreiben. Später, so der Plan, würden sie eine andere Karte mit nach Hause nehmen und ein paar freundliche Worte an diese Adresse schicken. Ein Nachmittag mit Retard-Wirkung sozusagen. Das kennen sie alle von ihren vielen Tabletten.

Der Solist, der an diesem Nachmittag für ein kleines Programm bestellt ist, findet die Idee grandios. „So eine tolle Sache. So ein schöner Nachmittag!  Schon ist meine schlechte Laune weg, die ich heute Morgen hatte!“

Vielleicht ist sie auch weg, weil er von der Welle des Wohlwollens, die durch diesen Raum schwappt, mitgetragen wird.

Zwei Stunden später ist Feierabend. Die Senioren sind offensichtlich darauf getaktet und brechen auf. Was wiederum ein Segen für mich ist, denn bei der Planung des Nachmittags hatte ich vieles bedacht, nicht aber, dass eine Stunde später in diesem Raum eine wichtige Sitzung stattfinden würde. Händeschütteln und „Drückerchen“, Spenden und Postkartenverteilung, während im Hintergrund Hedwich, Frau Müller und die liebste Ex-Kollegin und Freundin „Klarschiff“ machen. Stühle und Tische aufräumen und neu arrangieren, umdekorieren. „Viele Hände machen schnell ein Ende!“, wusste schon meine Omma.

Beseelt fahre ich später nach Hause. Und dort: der nächste Glücksfall: Meine Familie hat mir ein Bad eingelassen – ohne, dass ich sie darum bitten musste (Okay- vielleicht hatten die Knaben auch vergessen, das Wasser abzulassen- egal!).

Der Tag war mein. Und ich seiner. Den Badezusatz „Entspannung“ braucht es nicht. Und während ich im warmen Wasser liege, plane ich heimlich neu. Denn was das Wichtigste ist: Die Menschen zusammen an einen Tisch (oder viele kleinere, der Tischlogik wegen) setzen. Gemeinschaft halten. Ins Gespräch kommen. Gegen die Einsamkeit und für den Frohsinn im Leben, den nicht alle der Senioren haben.

Vielleicht ein gemeinsames Frühlingsfest?

Wie sangen wir zum Abschied? „Wir ruhen all in Gottes Hand. Lebt wohl, Auf Wiedersehn!“

 

Hoffentlich!

Das Werk der Barmherzigkeit

Kalt war es in dieser Nacht. Im Warteraum der Notaufnahme saß der Obdachlose und blätterte in einer Zeitschrift. Wartezeit? Das machte ihm nichts aus. Seinetwegen könnten wir jedermann jederzeit vor ihm drannehmen. Da wäre er großzügig. Und so schlimm wäre es schließlich auch nicht. Nur mal eben drüber schauen über seine alte Wunde. Keine große Sache und eben nicht wirklich eilig. Er wüsste auch, dass es keine eigentlicher Fall für die Notaufnahme wäre – aber einen Hausarzt hätte er nicht. Er würde ja immer unterwegs sein.

Wenn es draußen kalt ist, ist der Platz in irgendeinem Warteraum nicht der schlechteste. Hier ist es warm und trocken. Um die Ecke steht ein Automat mit Heißgetränken. Vielleicht plaudert auch jemand nett mit einem.

Natürlich gibt es Übernachtungsmöglichkeiten in der Stadt- wie in jeder Stadt. Aber die wenigsten Obdachlosen möchten diese Räumlichkeiten – aus den Unterschiedlichsten Gründen nutzen. Man ist nicht gerne unter seinesgleichen. Dafür hat man ja in der Regel das Leben auf der Straße gewählt. Damit man nicht mit anderen so nah und eng zusammen kommt. Von all den Aggressionen und Diebstählen, die – so erzählen sie – dort üblich sind – einmal ganz abgesehen. Die wenigsten möchte so deutlich ihr eigenes Spiegebild vor Augen sehen und riechen. Armut und Leid riechen überall gleich.

Und so saß er also geduldig in dieser kalten Nacht durchaus frohgemut im Warteraum.

Doch irgendwann kam auch er dran. Keine große Sache – hatte er ja selbst gesagt. Ein hübscher Verband, ein Arztbrief, ein paar Schmerztabletten „für wo am Nötigsten“ mit auf den Weg. Und nun?

Ob er noch ein bisschen im Warteraum sitzen dürfe?

„Eigentlich“- hob meine Kollegin an – „eigentlich nicht. Und überhaupt: Wenn da jeder kommen würde.“

„Eigentlich ist ein Drecks-Wort!“, entfuhr es mir.

„Eigentlich“ geht mir voll auf den Keks. Ein Füllwort. Ein Wort, dass theoretisch schon einen Weg aufweisen könnte- wenn man denn „eigentlich“ wollte – was aber durch das „eigentlich“ auch schon aufgehoben ist. Entweder es geht oder nicht. Punkt. Entweder ich will – oder nicht.

„Wer will findet Weg. Wer nicht will, findet Ausreden!“, höre ich dann immer meinen Vater im Ohr.

„Eigentlich ist es kalt draußen. Eigentlich ist der Weg zur nächsten Herberge weit. Eigentlich „stört“ er im Warteraum möglicherweise zukünftige Patienten. Und eigentlich ist mir heute sehr barmherzig ums Herz! Kommen Sie mit!“

(Manchmal rockt es, eine Art von Autorität zu sein.)

Ich führte ihn in eine Wartegruppe hinter der Notaufnahme. Fern von Blicken Vorbeikommender. Ich nahm fünf Decken mit.

„Hier. Einmal nur! Und nur heute Nacht! Um fünf Uhr – bevor der Reinigungsdienst kommt-  sind sie verschwunden! Klar soweit?

„Klar soweit!“

Er küsste meine Hand.

Jede Nacht das gleiche Spielchen: Ordnung schaffen überall und allenthalben. Notaufnahme, Sozialräume. Auffüllen, sortieren, umpacken, mit einem feuchten Läppchen mal überwischeln, klar Schiff machen.

Im Aufenthaltsraum standen die Essenreste der Ärzte herum. Halb- und ganz aufgegessenes Chinafood für den hungrigen Arztmagen. Warum die Reste selten bis nie aufgeräumt werden, weiß kein Mensch. Vielleicht haben sie auch einen Papa im Ohr der sagt: „Man schmeißt keine Lebensmittel weg. Das kann man morgen gut noch mal aufwärmen!“

Wer es dann aufräumt oder wegschmeißt sind wir. Curry morgens um drei Uhr riecht sehr streng in der Nase. Und die Erfahrung zeigte Nacht für Nacht: Ist der Breitschaftsarzt weg- ist er weg. Der kommt nicht mehr, weil ihm sein Essen direkt noch einmal eingefallen ist -um es

a) mit nach Hause zu nehmen

b) aufzuessen

c) aufzuräumen.

Eines stand noch unangetastet da.

Ich zählte durch. Der war und ist da, und die auch und der ebenfalls. Alle satt. Alle schon auf dem Weg ins Bett. „Gehört einem von euch das Essen? „Nö!“

Hey- ein Essen übrig.

„Wer jetzt kein Essen mehr hat , wird auch keines mehr essen. Wer jetzt noch hungrig ist, wird es lange bleiben!“, zitierte ich Hermann Hesse.

Moment mal- da war doch dieser Obdachlose in der hintersten Ecke!

Ich holte Messer und Gabel , stellte es kurz zwecks der Wärme in die Mikrowelle und brachte es ihm.

Wie gesagt – an manchen Tagen trägst du die Barmherzigkeit in dir,  wie Florence Nightingale ihre Lampe durch die Reihen verwundeter Soldaten.

Dieses Stahlen in den Augen! Diese Dankbarkeit, die sich in Form eines weiteren Handkusses zeigte. Dieses „Oh mein Gott. Ich hatte heute noch nichts wirklich gegessen!“

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Bildquelle: Pixabay

Dieses am „richtigen Ort zur rechten Zeit“ zu sein.

Es war ein heiliger Moment.

Bis zu dem Augenblick, als mir siedendheiß einfiel, dass ich einen Arzt in meiner gedanklichen Aufzählung vergessen hatte.

F***!

Ihn hatte ich nicht angerufen. Ihn hatte ich nicht gefragt.

Und weil ich ein ehrlicher (und treudoofer) Mensch bin, rief ich ihn an. *

Es war sein Essen.

Ach du liebe Zeit.

War das zu glauben? Da wollte der Arzt sich nachts um halb zwei endlich was zu Essen gönnen und dann hatte es die blöde Schwester einfach verschenkt!??? Verschenkt? Sein Essen?! Einfach so? Schließlich hatte er den ganzen Tag gearbeitet! Er hatte es sich redlich verdient. Mit seiner Arztkunst und seinem hart erarbeiteten Geld! Und jetzt war es weg? Gott- wie blöd konnte man nur sein!

„Ich komm sofort!“, brüllte er in den schon auf einen Meter Abstand gehaltenen Telefonhörer! „So geht das nicht! Das wird Konsequenzen haben!“ und knallte den Hörer auf.

Es hörte sich an, als würde er eben noch sein Schwert in die Scheide stecken oder nach den Zündhölzern für meinen kommenden Scheiterhaufen zusammensuchen.

Grund Gütiger!

Das konnte ja heiter werden.

Er kam. Es wurde unschön.

300 Entschuldigungen verfehlten sein Gehör knapp. Die Idee, mein Pausenbrot ihm abzugeben um dann ihm noch mal ein Essen zu bestellen, drangen nicht vor. Im Gegenteil: Er hätte ja nun wirklich das Gefühl, ich würde ihn verarschen! Ihn! Das ging zu weit! Konsequenzen! Tod und Verderben! Diebstahl seines Eigentums! Arbeitsrechtliche Schritte! Nieder mit der blöden Pflegekraft!

Oh je!

Ich sah die Augen den Obdachlosen vor mir und entschuldigte mich das 301 Mal, aber da stürmte er – Türenschlagend – von dannen! Und ja- ich konnte auch ihn verstehen.

Den Rest der Nacht war ich etwas unruhig. Drohten mir tatsächlich arbeitsrechtliche Konsequenzen, weil ich sein (nicht beschriftetes) Eigentum verschenkt hatte? Würde mir morgen gekündigt werden – fristlos wie der Putzfrau, die ein vergessenes Brötchen des abgefutterten Buffet gegessen hatte?

Und gab es nicht auch für den Arzt eine gewisse Ethik, die dem Obdachlosen durchaus hätte eine warme Mahlzeit gönnen können?

Um fünf schaute ich nach dem Odachlosen, der gerade dabei war, seine fünf Decken sorgfältig zusammenzulegen.

„Danke! Für alles! Das werde ich nie vergessen!“

Noch bevor ich an jenem Morgen leicht sorgenvoll ins Bett stieg, rief ich meinen Vorgesetzten an. Bevor er die Geschichte des Arztes hörte, sollte er zuvor noch meiner Version lauschen. Melden macht frei.

Er versprach, die möglichen Wogen zu glätten und lachte trotzdem ganz leise und heimlich über diese Geschichte. Obdachlosenbeglückerin versus hungriger Magen.

Das Ende vom Lied war, dass ich mich offiziell entschuldigen musste – vor dem Arzt und dem Vorgesetzten. Fehlt nur noch vor Gott und der Welt. Der Arzt hatte Bedenken wegen meiner Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Entschuldigung geäußert. Da bedurf es eines Zeugen.

Gemeinsam wollten sie sich also die Entschuldigung anhören und überprüfen. Ich buk einen Kuchen dazu.

Denn liebe Freunde: Großzügigkeit kann ich. Und mich auch aufrichtig und ernsthaft entschuldigen. Letztlich sagt es weniger über meine „Schandtat“ aus, denn über ihn.

Die Entschuldigung war „angemessen“ und jetzt Schwamm drüber!

 

Der Arzt und ich gingen uns fortan aus dem Weg. Ich spüre die Blicke und Küsse des Obdachlosen immer noch auf meiner Hand. Das ist es, was zählt.

Alles andere ist bedauerlich und eine Verkettung unglücklicher Zustände. Also für den hungrigen Arzt. Und ja- für ihn tut es mir auch ein Leid.

 

*Es wäre übrigens leichter gewesen, die Unschuld vom Land zu spielen. „Was? Das Essen ist weg? Ach- das ist ja blöd! Wie traurig für dich! Also sowas! Ich hab nix gesehen!“

Ehrlichkeit muss immer mit Konsquenzen rechnen.

 

 

 

 

 

 

Schwester Jürgen kommt!

„Mein Heiligenschein hängt über dem Desinfektionsmittelspender!“, sagt Jürgen und lacht. Scherz. Man bräuchte aber einen, wenn man – wie er – in der Altenpflege arbeitet.

Jürgen hatte vor kurzem seine Abschlussprüfung zur Altenpflegefachkraft abgeschlossen. Trotz mannigfacher Probleme im Allgemeinen und Speziellen dort, ist es sein Traumberuf. Herz und Hand reichen bei weitem nicht – sagt er.

„Ich würde mir wünschen, dass die Fachkräfte der Altenpflege das, was sie an Fachwissen haben, sich wieder zurückholen!“ Jürgen, Altenpflegefachkraft.

 

Diese ist mein erstes Radiointerview. Und weil @2wolvesVlog aka empoere_dich aka Jürgen die bessere Technik hatte, klingt es ein bisschen wie bei den Buggles.

An dieser Stelle herzliche Grüße an Frau Sofa, die in diesem Pdcast auch ein Plätzchen gefunden hat.

 

 

Lauschzeit 50:16

Wenn ich mal darnieder liegen sollte – Jürgen dürfte mich pflegen und hegen! Und mich mit seinem leichten Ruhrpottslang erfreuen.

8 FAQ der Pflege

Es gibt ja immer mal wieder Fragen (FAQ – Frequently Asked Questions), die ständig, stets und immer wieder gestellt werden.

Du bist Krankenschwester? Pflege? Echt?  Schon sprudelt es. Hier eine kleine persönliche Hitliste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat.

1. Also ich könnte das ja nicht!

Och – geht schon! Wisst ihr, was ich nicht könnte? Stundenlang an Metallteilen herumfeilen. Buchführung mit penibler Zahlenkontrolle. Kellnern auf dem Oktoberfest. Die Liste ließe sich fortsetzten.

Es gibt vieles, was in der Pflege „fies“ ist. Denn auf das zielt diese Frage ab. Körperausscheidungen jeglicher Art. Gerüche. Fremdes Leid. Geschrei und Gezeter. Sagen wir mal so: Auf vieles dieser „Dinge“ könnte man getrost verzichten. Sie sind nicht wirklich schön. Aber es ist ja nun auch so, dass man nicht den ganzen Tag damit beschäftigt ist, volle Buxen zu säubern oder Leuten Schnodder aus der Lunge abzusaugen. Dazwischen geht es durchaus manierlich zu. Und weil das ein Teil der Arbeit ist – aber eben nicht nur-  ist es tatsächlich zu „ertragen“. Man gewöhnt sich fast an alles. Glaubt mir. Der Ekel bleibt  – aber das ist auch Teil professionellen Arbeitens, nicht laut schreiend aus dem Raum zu rennen. (Auch wenn man es manchmal wollte). Jeder Beruf hat solche Seiten, die man eben macht, weil sie dazugehören. Die aber niemals in die Liste der liebsten Dinge aufsteigen würde.

Die Geschichte mit dem Leid ist auch schnell erzählt: Wir machen den Job, um Leid zu verringern. Wir sind aktiv dabei, damit es den Patienten wieder besser geht. Das wiederum macht den Zauber aus, den viele Kollegen – trotz mitunter schlimmer Arbeitsbedingungen – immer noch bei der Stange hält. Zu wissen, das wir den Unterschied herstellen können.

2. Sag mal – du bist doch Krankenschwester. Ich hab da sowas…..

Oh dear. Gerne schaue ich mir deine Wunden an. Höre empathisch deiner langen, schwierigen und von Missgeschicken erfüllten Krankengeschichte zu. Ich lausche deinen Ausführungen vom  „Blödmann, der dich genäht hat und es ist eine Narbe zurück geblieben! Ist das zu fassen?“ Ich gebe Ratschläge um mir dann wieder anzuhören, dass die ja alle Käse sind, weil „Homöopathie beim Nachbaren des Tante viel besser gewirkt hat, als dein Pharmascheiß!“ Das mache ich gerne. Immer wieder. Ich bin ja schließlich Krankenschwester. Da ist man immer im Dienst. Im Gegenzug lass ich mir dann Börsenkurse erklären und weise auf das komische Geräusch meines Autos hin. Ob man da nicht mal auch… so im Gegenzug… mal eben drunter schauen. Keine große Sache. Ich hol auch schon mal den Eisbeutel für das gestauchte Sprunggelenk. Eine Hand wäscht die andere. Nicht wahr?

3. Fürs Medizinstudium hat es wohl nicht gereicht?

Gereicht vielleicht schon. Aber nicht gewollt.

Leute, die solche Sätze sagen, sagen bestimmt auch zur Stewardess im Bumsbomber nach Bangkok: Na – zum Piloten hat es wohl nicht gereicht? Oder zum Bankangestellten: Ein Aufsichtsratsposten kommt nicht so in Betracht? Oder zum Blumenmenschen auf dem Markt: Ne Plantage in Holland ist keine Option?

Ich bin ganz bewußt Krankenschwester geworden. Wie viele meiner KollgenInnen. Aus guten und genauso unterschiedlichen Gründe, wie Menschen und Pflegepersonen eben verschieden sind.  Klar: Manche haben den Plan, nach der Ausbildung vielleicht irgendwann doch noch Medizin zu studieren. Aber nicht alle.

Nein. Ärztin wollte ich nie werden.

4. Schichtdienst? Wochenende? Also für mich wäre das nix!

Stimmt. Für uns auch nicht.

In der Regel frieren wir ja die Patienten freitags ein und tauen sie dann am Montag wieder auf – wie @WonderinLisa auf Twitter mal so schön ulkte.

Aber so ist es halt nun mal. Schichtdienst ist Fluch und Segen zugleich. Die Zeiten, in denen man unter der Woche als Ausgleich frei hat. Die Stunden, die man vor dem Spätdienst bei Friseur verbringen kann. Der Kinobesuch danach. Alles prima. Ebenso das Gefühl, nach dem Nachtdienst in die Feder zu fallen, während draußen der Tag beginnt.  Aber es bedeute auch: Sozialkontakte, die verebben, weil man immer dann arbeitet, wenn die meisten frei haben. Die unzähligen Kurse, die man hätte besuchen wollen, aber der Dienstplan einem den Strich durch die Rechnung macht. Fluch und Segen. Und leider nicht so sexy wie in der Welt literarischer Ergüsse.

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Internetfund. Wenn Nachtdienst so wäre, würde ich nur noch… halt. Ne doch nicht!

Es ist anstrengend.  Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es fühlt sich an, wie ein immerwährendes Jetlag.  Womit wir gleich beim nächsten Highlight sind:

5. Aber das hast du doch gewusst!

Liebchen. Ja.

Das haben wir gewußt. Wenn man allerdings gerade seine Ausbildung beginnt, denkt man weder an die Rente in 45 Jahren, noch an die möglichen Auswirkungen des Schichtdienstes nach 30 Berufsjahren. Da stehen andere Gründe im Vordergrund.

Vieles offenbart sich erst mit der Zeit. Und das weiß man nicht im Anfang. Keiner.

 

6. Trinkst ihr wirklich so viel Kaffee?

Ja.

7. Also – so Nadeln/Katheter/whatever in Leute reinstecken – das macht euch doch in Wahrheit Spaß , nicht wahr? *zwinkerzwinker*

Ernsthaft?

Richtig: In Wahrheit macht uns das tierisch an. Wir stehen auf den Schmerz der anderen! Aus genau diesem Grund haben wir den Beruf gewählt. Schwester Rabiata ist in Wahrheit eine Domina im Umschulmodus. Wir sind aber auch ein wildes Völkchen- wir Krankenschwestern. Der feuchte Traum vieler. Bei Amazon kann man für 18,91 Euro sogar willige Sexpuppen kaufen. In diesem Fall aber ohne Schmerz. So schade. Dafür hat sie drei (!) Lustöffnungen und ist leicht zu entkleiden. Ich warte jetzt nur noch auf den Ken, das Pferd der Krankenpflege.

 

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Screenshot Amazon. Für jeden Geschmack was dabei.

Als Pflegepersonal bist du halt alles: Barmherzigkeit und Lustobjekt. Hure und Heilige. KönnerIn und StümperIn. Je nachdem.

8. Muss das nicht der Arzt machen?

Manches schon. Anderes nicht. Aber entscheidet selbst, wer euch eure Zugänge legt oder die Katheter: Der Arzt, der es schon einmal gesehen hat. Oder die Pflege, die es täglich mehrfach praktiziert. Ansonsten: Natürlich. Immer der Arzt. Das schafft Freizeit. Danke. Wir kommen dann gerne später, legen euch einen Eisbeutel auf und streichen den Angstschweiß von der Stirn. (Und bevor ein Arzt jetzt weint: Ihr seid toll! Und ihr könnt alles vieles! (Also die meisten!))

 

Dieser Blogbeitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihr könnt aber gerne eure Highlights kommentieren.

Zudem enthält er Spuren von Ironie bis zum Sarkasmus. Habt ihr gemerkt, nicht wahr?

Schnieptröte und ein Buch für das Leben

Podcastzeit. Der Gast ist Sabine Dinkel, die ein Buch geschrieben hat: „Krebs ist wen man trotzdem lacht“.  Und auch wenn es ein Buch über und mit Krebs ist, empfinde ich es eher als ein „Lebensbuch“.

Warum ich begeistert bin von diesem Buch  – von Sabine Dinkel sowieso *fangirl*- könnt ihr hier hören.

Hördauer: 50:10

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Die zauberhafte Sabien Dinkel -nur Original mit Ringel am Leib – mit ihrem Buch „Krebs ist, wenn man trotzdem lacht“.

 

Die in diesem Podcast besprochenen Blogs ist dieser hier von Michaela Schara und jener hier von Gitte Härter.

Im Hintergrund hört ihr manchmal die Bassetdamen Wilma und Frieda rumpeln, schubbern, grunzen und pfotenklackern durch den Raum schlurfen. Gemäß der alten Bauernregen: „Denn wo ein Basset ist im Haus, da geht man gerne ein und aus!“

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Flauschohren mit melancholischem Blick unter zarten Wimpern – wer könnte hier widerstehen!

The cancer company

Ein wunderbarer Gast in der Rufbereitschaft: Alexej. Auf Youtube berichtet er in kleinen Filmen „Angehörig – Zugehörig“ was es bedeutet, Angehöriger einer Krebserkrankten zu sein.

Länge: 30:19

 

Ich hab festgestellt, dass der Fokus immer auf der erkrankten Person ist. Das ist natürlich richtig. Aber das Umfeld – also der „Kollateralschaden“ wird nicht gesehen. Angehörige werden immer als Teil der Therapie oder des Heilungsprozesses gesehen – aber selten als leidender Mensch, der auch gerade in einer existenziellen Krise ist. Nämlich der Krise, dass ihm ein Teil seines Lebens droht, wegzubrechen. Alexej

Er schreibt dazu: “ Humor bei Krebs? Auf jeden Fall! Wir können mit seiner Hilfe beklemmenden Themen den scharfen Stachel nehmen. Er kann uns Distanz zu Widrigkeiten verschaffen und neue Perspektiven aufzeigen.“

„Sterben? Das ist das letzte, was ich tun werde! “ Goucho Marx

Ich komme dich besuchen…

… ach ne. Lieber doch nicht! Bleibt zuhause und vertagt euren Besuch auf später.

 

Wie – so fragt ihr euch?  Wieso soll man jemanden nicht besuchen?  Ist es nicht der Dienst am Menschen? Am Freund, am Kollegen oder am Kumpel? Jemanden also in Stunden der Not oder Tollpatschigkeit im Krankenhaus zu besuchen? Im Geschenke und Aufmerksamkeiten mitzubringen? Ein Pläuschchen? Ein verstohlenes Zigarettchen in der Raucherecke? Einen kleinen, roten und meistens geschmacklosen  Tee gemeinsam schlürfen? Gute Besserung wünschen und dann wieder heim? Empathie und Liebe verströmen und ein Werk der Barmherzigkeit tun?

 

Das alles hatte ich vergessen, als ich einem Facebookfreund meine Aufwartung im Krankenhaus machen wollte. Dabei hatte ich vor Jahren mir schon fast geschworen: Das mache ich nie wieder. Oder wenn doch, dann nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Ich erzähle es euch:

 

Mein Arztchef wurde operiert. Und aus all den oben genannten Gründen besuchte ich ihn. Als ich ins Zimmer trat, freute er sich sichtlich.

Ich mich schlagartig nicht mehr.

Er saß im ausgeleierten Schlafanzug mit Bildzeitung am Tisch und legte die dicke Brille ab.

Seit wann liest mein Chef Bild?

Wieso hat er einen Schlafanzug an, der schlabbert und unendlich Raum für  Körperstudien lässt? Und wieso – verdammt noch mal – trägt er keine Unterhose?

Wo kommt diese grottenhässliche Brille auf einmal her?

All das wollte ich nie sehen! Nie! Nie! Nie! Das war zuviel. Aber sowie man schon mitten im Raum steht, ist jeder Fluchtgedanke schon vorbei. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Oder in Beinzwischenräumen. Einmal umschauen – wie die Katze – und weg!

 

via giphy.com

Zu nah. Zu eng. Zu viel ungeschminkte Wahrheit. Zu wenig Herzensmensch. Bei denen erträgt und erduldet man viel und hat – liebesbedingt – meistens eine unendliche Toleranzschwelle.

Hier war es aber kein Herzensmensch, sondern der Arztchef. Nett und bestimmt besuchsbedürftig, aber ohne enge Bindung. Und hier gilt: Obacht!

Es gab mit Einblicken, auf die ich im Leben nicht gefasst war. All meine Bilder im Kopf vom klugen, smarten, adretten Arztchef zerronnen wie Butter in der Pfanne fürs Frühstücksei.

Wenn ihr Menschen in ihrem intimsten Momenten seht, müsst ihr auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Man könnte Sachen sehen, die man nicht sehen soll, will, darf oder möchte.

Und wenn eure Kranken – ob Herzenmensch oder nicht – sagen: Au ja. Komm bitte. Ich freue mich und sterbe vor Langeweile. Ich brauche Liebe und Abwechslung: Dann geht hin. Natürlich geht ihr dann hin!  Wegen Liebe und Barmherzigkeit. Aber seid bereit für das, was ihr möglicherweise nicht sehen wolltet.

 

Hier noch eine kleine Krankenhausbesuchscheckliste:

Kündigt euch an.  Lasst dem anderen die Möglichkeit, sich einigermaßen vernünftig anzuziehen sowie komische oder irritierende  Utensilien wegzuräumen damit sich keiner vor möglichen Peinlichkeiten winden muss.  Ihr wollte euch später noch voller Achtung, Freude und Liebe in die Augen sehen, nicht wahr? 

Man braucht keine pompösen Geschenke. Oft ist der Besuch das Geschenk des Tages.Das Highlight im Klinikalltag. Das reicht.

Trotzdem ist es immer ganz hübsch, wenn man etwas mitbringt, das man möglicherweise gemeinsam teilen kann – sollte einem akut der Plauderbedarf fehlen. Und manchmal kann ja der Besuchte auch nicht viel reden – aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich brachte mal der Omma meines Herzens rosa Nagellack mit. Dann saßen wir zusammen, ich lackierte ihr die Nägel und wir kicherten und alberten die Atemnot kurzfristig einfach weg. Das war schön!

Achtet auf die Signale des Kranken. Besuch kann schön sein, aber auch anstrengend (Ich bekam mal lieben Besuch  drei Stunden nach einer OP. Es war schön und nett und hat mich fürchterlich angestrengt. Der Besuch blieb. Aus Höflichkeit oder Liebe? Bis ich sagte, ich muss schlafen und schweigen, weil mir bei jedem fünften Satz die Augen zuklappten. Der Besuch sah es offensichtlich nicht).

Habt Humor.

Besucht die Menschen, wie und wann sie es möchten. Sie sind der Grund, warum ihr euch aufmachen wollt. Sie geben die Richtung vor. Ich jedenfalls war meinem Facebookfreund dankbar, als er mir schreib ( und mich an den Arztchef erinnern ließ): „… das ist lieb, aber ich bin nicht so der Fan von Krankenhaus besuchen.  Lass und lieber wieder treffen, wenn ich wieder fit bin.“

Schreibt Post. Richtige Post mir Briefmarke und allem drum und dran. Organisiert einen #Postkartenflashmob wie bei Sabine Dinkel.

Lasst Topfpflanzen zuhause.

Bringt etwas mit, was ein kahles, ödes Krankenhauszimmer in einen bunten Ort der Freude verwandelt.

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Bildquelle: Pixabay

Seid geduldig.

Und sollten euch noch mehr Supertipps für einen gelungenen Krankenhausbesuch einfallen: Immer her damit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Counter Terroristen lauern hinter der nächsten Ecke

Ein neuer Podcast. Hurra.

 

Podcastspaßdauer: 42:44 min

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Mit Daniel begebe ich mich nach „Damals“. Das Internet. Unendliche Weiten. Noch gänzlich ohne YouTube, Insta oder Facebook. Es war ein Gebiet, dass zunächst nicht jedermann zugänglich war. Dafür war es verheißungsvoll. Schnell. Hart und sehr, sehr spannend. Ungefähr so, wie heute die Notaufnahme, in der Daniel jetzt arbeitet.

Daniel ist ein Beispiel dafür, wie Internet Skeptiker,  Zocker und -Angstmacherpaniker eines Besseren belehrt werden könnten: Anstatt Terrorist zu werden, ist aus dem Zocker ein Pflegemensch geworden.

Wenn ihr diesen Podcast hört – werte Freunde – seid Ihr ebenfalls einen großen Schritt weiter, sollte uns dereinst eine Zombie-Apokalypse heimsuchen.

Ebenfalls könnt ihr staunen, wie die Bestimmung von Vitalparameter einen zu einem ziemlich guten Pokerspieler machen können.

Und was bitte schön hat das alles mit einer Notaufnahem zu tun? Spielen hilft. Nicht bei jedem – aber bei Daniel bestimmt. Denn den Rat von Yoda hat er befolgt. Jetzt dient es ihm.

 

Yoda
So ein ähnliches Meme könnt Ihr übrigens selbst erstellen mit dem Meme Generator. https://imgflip.com/memegenerator

Der Nerd in mir klatscht jedenfalls begeistert in die Hände.

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